Ja zu Leistungsmessungen, aber kein Wettbewerbszirkus: Ein Schüler an der Tafel. (Keystone)
Zwei Entwicklungen im Schweizer Bildungswesen sind für das kommende Schuljahr und die weitere Zukunft der Volksschule bedeutsam: Zum ersten Mal haben sich die kantonalen Bildungsdirektionen auf Grundkompetenzen geeinigt, die an allen Volksschulen zu vermitteln sind. Auf dieser Basis wird momentan der Lehrplan 21 ausgearbeitet, der im kommenden Schuljahr 2012/13 in eine breite Vernehmlassung geschickt wird. Zudem liegt nun erstmals auch ein Konzept zur schulischen Leistungsmessung vor, mit dem die Erreichung dieser Bildungsziele überprüft werden soll. Die Kantone setzen damit einen Auftrag um, der in der Bundesverfassung im Artikel 62 Absatz 4 verankert ist (Harmonisierung der Ziele der Bildungsstufen).
PISA und andere Langzeituntersuchungen über Schulleistungen arbeiten mit Stichproben. Und das ist gut so, denn die Resultate dieser Leistungsmessungen können wichtige Impulse für die Entwicklung des Bildungswesens ergeben. Testet man hingegen alle Schüler zum gleichen Zeitpunktmit mit dem gleichen Test, kann man auch Ranglisten von Schulen herstellen, die dann aber zu einem sinnlosen Wettbewerb führen: Was können Schulen dafür, wenn sie in benachteiligten Stadtteilen oder ökonomisch schwachen Landesgegenden liegen? Wie sollen Lehrpersonen zur Integration von lernschwachen oder behinderten Schülerinnen und Schülern motiviert werden, wenn sie nachher mit durchschnittlich schlechteren Klassenleistungen öffentlich abgestraft werden?
«Die Hauptaufgabe von Lehrerinnen und Lehrern ist das Unterrichten.» So beginnt das neue Berufsleitbild des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH). Hinter dem banal tönenden Satz steht eine Abkehr von der Verzettelung des Berufsauftrags durch die ständige Delegation von Nacherziehungsaufgaben an die Schule. Lehrerinnen und Lehrer wollen vor allem einen wirksamen Unterricht machen, der Schwächeren und Leistungsstarken zu bestmöglichen Bildungserfolgen verhilft. Leistungsmessungen, Schulreformen und Schulverwaltungen sind zwar nötig, müssen sich aber ganz in den Dienst des Kernauftrags Unterrichten stellen. Bei ungenügenden zeitlichen, räumlichen oder personellen Unterrichtsbedingungen muss die Lehrerschaft die drohenden Nachteile für die Schülerinnen und Schüler kommunizieren. Das hat mit Jammern nichts zu tun, sondern zeugt von einer professionellen pädagogischen Verantwortung für die Schülerinnen und Schüler!
*Beat W. Zemp ist Zentralpräsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. (LHC)
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Können Swarovski-Kristalle helfen, den Fussgängerstreifen besser sichtbar zu machen? – Kinder überqueren in Bern gemeinsam die Strasse. (Bild: Keystone)
Schuld ist immer der Bote, der Überbringer. Oder in diesem Fall der Drüberbringer. Also der Fussgängerstreifen. Darum dreht sich die hitzige Debatte im Moment interessanterweise nicht zentral um die Aufmerksamkeit von Autofahrern und darum, wie diese einzufordern wäre. Sie konzentriert sich auch nicht auf die Vorsicht der Fussgänger, sondern eben auf die Fussgängerstreifen. Gibt wahrscheinlich weniger böses Blut. So wird fleissig von Experten gewerweisst, ob die gelben Streifen entweder mit Swarovski-Kristallen gepimpt werden sollen oder ob sie einen Richtungswechsel von Quer zu Längs brauchen oder gar einfach weg müssen.
Im Alltag liegt der Fokus etwas anders. Nämlich auf den Kindern. Es gibt kaum mehr eine Mutter in meinem Umfeld, von mir ganz zu schweigen, die ihre Kinder noch in aller Gemütsruhe zur Schule schickt. Vor allem, wenn es noch dämmerig ist und nass und die Leute entnervt sind, sei es, weil es grad vor oder nach Weihnachten oder Silvester war oder weil das Jahr grad fertig ist oder neu angefangen hat oder weil was immer grad für ein Grund da ist, der leider die Sache mit dem Aufpassen im Strassenverkehr erschwert.
So schicken wir unsere Kinder denn jeden Morgen mit einem Rucksack endloser Ermahnungen los, behängt mit reflektierenden Bändern und Anhängerchen, gespeist mit Infos zu Bremswegstatistiken und Beispielen dazu, was mit Leuten passiert, die nicht alles richtig machen. Struwwelpeter kann dagegen als Mahnwerk glatt abdanken. Kurz: Die Fussgängerstreifen-Debatte, so sinnvoll sie auch sei, hat uns und ihnen die Unbeschwertheit des Schulwegs gründlich verhagelt.
Um diesen übersteigerten Sorgen, die uns auszureden viele versuchen aber kaum einer schafft, (wer den kennt, bitte melden), Herr oder eben Mutter zu werden, gibt es viele Versuche.
Das Modell «Statistik-Gläubigkeit»: Sich vor Augen führen, dass drei von einer Million Schweizer zwar auf einem Fussgängerstreifen überfahren werden, neunhundertneunundneunzigtausendneunhundertsiebenundneunzig jedoch nicht. Dumm bloss, haben Mütter die Angewohnheit, ihre Kinder für auserwählt zu halten. Das ist ja okay, wenn es um Intelligenz, Persönlichkeit und Jöh-Faktor geht. Aber bei der Angst um das eigene Kind ist die Erwählten-Mentalität höchst belastend.
Das Modell «Think positive»: Sich darüber freuen, dass die Zahl der Verkehrsunfälle stagniert, obwohl es viel mehr Autos und auch Fussgänger gibt. Gelingt leider nur bei entsprechender persönlicher Veranlagung.
Das Modell «Das Elend ist immer anderswo»: Die Studien zu den gefährlichsten Fussgängerstreifen lesen und erleichtert sein, dass der Schulweg der eigenen Kinder immerhin keinen dieser mit einschliesst. Na ja.
Das Modell «Flucht in die Fantasie»: Von Brücken träumen, über welche die Kinder dieser Welt sicher und unbeschwert durch die Welt streifen. Scheitert meist daran, dass sich die Fantasie nicht einfach wieder abschalten lässt. Brücken könnten einstürzen. Oder vom Blitz getroffen werden. Oder ein irrer Kinderhasser schubst die Kids da runter. Fazit: Das Problem ist höchstens verschoben, nicht behoben.
Das Modell «Mantra»: Stetes wiederholen des Satzes: «Mein ängstliches Getue schadet den Kindern mehr als die effektive Bedrohung. Also bewahre Ruhe. Om.» Super Ansatz. Dauert leider nur gefühlte hundert Jahre, bis er auch wirklich greift. (Siehe Modell 2)
Wie auch immer, ich bin durchaus dafür, dass die Fussgängerstreifen sicherer werden, entweder indem sie sich vermehren, ihre Richtung ändern und kristallisiert werden oder sich abschaffen lassen. Hauptsache es nützt. Von mir aus darf auch jeder Autofahrer und Fussgänger, der keinen Unfall baut, einen Danke-Fürs-Aufpassen-Anhänger kriegen. Von Swarovski natürlich.
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Mamablog-Redaktion am Freitag den
30. Dezember 2011
Über die Festtage pausieren unsere Bloggerinnen und Blogger. Deshalb publizieren wir bis Ende Jahr fünf Lieblingsbeiträge unserer Autorinnen – wir hoffen, das Wiederlesen macht auch Ihnen Spass! Der fünfte Beitrag unserer Best-of-Serie ist eine Carte Blanche von Mathias Binswanger.
Der Nachwuchs muss auf die Wissensgesellschaft vorbereitet werden, heisst es: Gymnasium in Payerne. (Bild: Keystone)
Bildung wird heute generell als etwas Grossartiges betrachtet. Kein Wunder deshalb, dass Tonnenideologien im Bildungswesen besonders populär sind. Je früher Kinder eingeschult werden, umso besser, je mehr Jugendliche Matura machen umso besser, je mehr junge Menschen studieren, umso besser. Und weil man das glaubt, ist der Staat auch ständig damit beschäftigt, dass möglichst viele Kinder möglichst früh und möglichst lange durch die Bildungsmaschinerie hindurchgeschleust werden.
Bereits in frühem Alter werden die Kinder heute mit Bildung konfrontiert. Der ideale Kindergarten ist mehrsprachig und sorgt dafür, dass kein Spiel und keine Aktivität stattfindet, mit der nicht auch eine Kompetenz (z. B. Wissenskompetenz, Gestaltungskompetenz oder soziale Kompetenz) gefördert wird. Denn der Nachwuchs muss auf die Wissensgesellschaft vorbereitet werden und da darf man keine Zeit verlieren. Damit man auch weiss, wie erfolgreich die schulische Bildung in den einzelnen Ländern abläuft, hat man seit etwa zehn Jahren die sogenannten PISA-Tests eingeführt, welche es erlauben, das «Bildungsniveau» von Schülern in verschiedenen Ländern, Regionen und Schulen miteinander zu vergleichen. Folgerichtig hat sich sofort auch ein Wettbewerb um ein möglichst gutes Abschneiden bei diesen Vergleichen etabliert. Die «intelligentesten» Kinder finden sich dabei regelmässig in Finnland, wo 95 Prozent der Jugendlichen Matura machen. Da möchte man doch gerne wissen, wie die Finnen das anstellen.
Ein Report der UNICEF aus dem Jahre 2007 liefert, von den Autoren des Reports selbst unbemerkt, überraschende Erklärungen. Der Report zeigt, wodurch finnische Jugendliche nebst ihrem ausgezeichneten PISA-Abschneiden sonst noch auffallen. Finnische Kinder kommen am wenigsten häufig aus intakten Familienverhältnissen und gemeinsames Essen mit den Eltern ist eine Seltenheit. Doch auch die Essens- und Trinkgewohnheiten lassen aufhorchen. Finnische Jugendliche essen weniger Früchte als in allen andern europäischen Ländern aber dafür trinken sie mehr Alkohol und rauchen auch noch häufig. Und schliesslich die grösste Überraschung: Nirgendwo sonst ist die Schule mehr verhasst als in Finnland, denn dort gehen die Kinder weniger gern als in allen andern Ländern zur Schule. Sind das die Erfolgsfaktoren für eine schulisch intelligente Jugend?
Würden wir die eben erwähnten Resultate ernst nehmen, dann müssten wir zu folgenden Schlussfolgerungen kommen: Intakte Familien schaden dem Bildungsniveau unserer Kinder. Ausserdem sollten wir schleunigst damit aufhören, auf gesunde Ernährung zu achten und uns am Alkoholkonsum und dem Rauchen unserer Jugendlichen freuen. Und schliesslich ginge es darum, Kindern und Jugendlichen die Schule mit entsprechenden Massnahmen zu verleiden, denn nur wer die Schule hasst, so lehren uns die Finnen, schneidet bei den PISA-Tests gut ab.
Natürlich würde es niemand wagen, solche Schlussfolgerungen zu ziehen, da sie die Grenze des politisch Korrekten bei weitem überschreiten. Doch die Resultate sollten uns trotzdem zu denken geben. Sie zeigen die Absurdität unserer heutigen Bildungstonnenideologie, die nur darauf ausgerichtet ist, bei irgendwelchen messbaren Kriterien, wie etwa den PISA-Tests, oder dem Prozentsatz der Maturanden, möglichst gut abzuschneiden. Mit dem Wohlergehen von Kindern hat das genau so wenig zu tun wie mit echter Bildung.
Lassen wir uns also nichts vormachen. Statt unsere Kinder schon im Kindergarten auf angeblich wichtige Kompetenzen abzurichten, sollten wir sie vor allem Kinder sein lassen. Denn nur wer sein Kindsein ausleben konnte, wird später als Erwachsener die Kompetenzen aufweisen, auf die es tatsächlich ankommt.
Die Mamablog-Redaktion dankt Mathias Binswanger für diese Carte Blanche.
Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Autor des Buches «Sinnlose Wettbewerbe – Warum wir immer mehr Unsinn produzieren» erschienen 2010 beim Herder Verlag.
Erstpublikation: 18. März 2011.
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Wie viele freie Nachmittage braucht es? Ein Junge an seinem ersten Schultag in St. Gallen.
«Stressprogramm – wegen der Lehrer», titelte der «Tages-Anzeiger». In der Seegemeinde Horgen seien viele Eltern unzufrieden, weil die Unterstufenkinder (1. bis 3. Klasse) nur einen Nachmittag pro Woche frei hätten – und schuld daran seien die Lehrer.
Schulpräsidentin Elisabeth Oberholzer erklärt im besagten Artikel etwas unbeholfen, dass die Schulpflege die Pflicht habe, den Lehrern optimale Arbeitsbedingungen zu bieten. Und ich dachte immer, die Schule hätte in erster Linie die Pflicht, den Kindern optimale Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten zu bieten…
Aber betrachten wir das Ganze einmal nüchtern: Der Kanton schreibt die Anzahl Schulstunden vor, die Gestaltung der Unterrichtspläne ist Sache der Gemeinden. In Horgen werden zum Beispiel die 22 Lektionen der Erstklässler so auf die Woche verteilt, dass nur der Mittwoch als freier Nachmittag bleibt. Die Horgner Eltern fordern mehr Freizeit für ihre Kinder und machen Druck. Zumal Kinder in Nachbarsgemeinden auch zwei Nachmittage frei haben. So weit, so gut.
Schul-Bashing gehört heute zum guten Ton
Dann reagiert die Schulpflege. Sie bildet Arbeitsgruppen und bestellt in der Pädagogischen Hochschule Zürich eine schriftliche Umfrage bei Eltern, Lehrern, Schulleitern und Betreuungspersonen – um die Ergebnisse dann nicht zu beachten. Obwohl sich eine Mehrheit der befragten Eltern für einen zusätzlichen freien Nachmittag ausgesprochen hat, wurde anders entschieden. Weil die Lehrerschaft und die Behörden einer Änderung «eher skeptisch bis negativ» gegenüberstanden. Diese Erkenntnis soll übrigens rund 15’000 (Steuer-)Franken gekostet haben.
Dumme Frage: Wurde nie in Betracht gezogen, die Kinder zu befragen? Ich habe es getan – und wurde überrascht. Die Kleinsten scheinen gerne in die Schule zu gehen. Meine – zugegebenerweise – nicht ganz repräsentative Umfrage bei fünf Kindern ergab nämlich keineMehrheit für einen zweiten freien Nachmittag. Das wäre zu meiner Zeit garantiert anders gewesen…
Klar ist, dass die Behörde in diesem Fall keine gute Figur gemacht hat. Das Vorgehen der Verantwortlichen war entweder unglaublich dumm – oder beispiellos arrogant. Die Reaktionen waren dementsprechend heftig. Von Entmündigung war die Rede, von skandalösen Zuständen. Der Puls einiger betroffener Eltern stieg in gefährliche Höhen.
Liebe Eltern, lassen Sie uns den Ball flach halten. Ich gehe davon aus, dass es der Mehrheit wirklich um das Wohl der Kinder geht, weil sie zum Beispiel der Meinung sind, dass die Kleinen trotz Einschulung noch viel Zeit zum Spielen haben sollten. Ob dies pädagogisch wirklich wertvoll ist, müssen Experten entscheiden. Bei einigen Eltern habe ich aber mittlerweile das Gefühl, dass das Bashing von Schule und Lehrern schon fast zum guten Ton gehört.
Ein schulfreier Nachmittag ist der richtige Weg
Noch schlimmer sind eigentlich nur noch die Erziehungsberechtigten, die einfach sicherstellen wollen, dass ihr «Projekt Kind» möglichst erfolgreich vorankommt. Die Grundschule ist dabei eigentlich eher hinderlich. Für sie ist ein zweiter freier Nachmittag zwingend nötig, damit der Nachwuchs neben dem lebenswichtigen Früh-Früh-Englisch und der prestigeträchtigen Reitstunde doch noch Zeit für die Musikschule, den privaten Kunstturn- oder Golfunterricht sowie die Ballett-Stunde hat. Nur so besteht später die Chance auf ein ROI (Return on Invest).
Und am liebsten hätte der CHO (Chief Home Officer, früher Hausfrau) sowieso einen zusätzlichen dritten Nachmittag frei, damit er (sie) und die gestressten Kinder bei Fitness-Balance, Meditation und (Fussreflexzonen-)Massage doch noch ein wenig entspannen und entschleunigen können. Sie lachen? Glauben Sie mir, diese Gattung ist in Seegemeinden nicht selten anzutreffen.
Aber was denn jetzt? Ein Nachmittag? Zwei Nachmittage? Ich habe mit Stefan Hunger, unserem Bildungs-Experten in der BDP-Fraktion, darüber gesprochen. Er ist der Meinung, dass der Halbklassen-Unterricht, der an den vier Schul-Nachmittagen umgesetzt wird, für die Entwicklung der Kinder eine wertvolle und gute Sache ist und den Nachteil eines zusätzlichen Schulnachmittags aufhebt. Zudem sei es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich das Modell «Ganztages-Schule» durchsetzen werde. Spätestens dann erübrigen sich solche Diskussionen. Und das «Projekt Kind» dürfte einen empfindlichen Dämpfer bekommen.
Lange Rede, kurzer Sinn: Die Gemeinde Horgen ist mit nur einem schulfreien Nachmittag für die Unterstufenkinder tendenziell auf dem richtigen Weg. Die Schulpflege und ihre Schulpräsidentin müssten bezüglich Vorgehen und Kommunikation aber mehr als einen Nachmittag nachsitzen.
* Rico Brazerol ist Zürcher BDP-Kantonsrat und Vize-Präsident der Fraktion. Der zweifache Familienvater lebt in Horgen.
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Michèle Binswanger am Dienstag den
15. November 2011
Darf Sexualität in der Schule nicht thematisiert werden? Szene aus dem Broadway-Musical «Spring Awakening», eine Adaptation von Wedekinds «Frühlings Erwachen». Im Bild: Lea Michele («Glee») als Wendla und Jonathan Groff als Melchior, 2006. (Foto: AP)
Die Debatte um die «Sexualisierung der Volksschule» geht mit dem Fall des Gymilehrers, der im Oktober vor dem Richter antraben musste, weil er im Literaturunterricht anhand klassischer Werke die Themen Pubertät und jugendliche Sexualität behandelte, in eine neue Runde. Die Geschichte ins Rollen gebracht hatte eine besorgte Mutter im Jahr 2009. Sie zeigte den Lehrer des Literaturgymnasiums Rämibüel an, weil er seine 14- bis 15-jährigen Schüler im Literaturunterricht mit «pornographischen Werken» konfrontierte. Stein des Anstosses waren Romane wie Frank Wedekinds «Frühlings Erwachen» oder «Warum das Kind in der Polenta kocht» von Aglaja Veteranyi, in denen es um das sexuelle Erwachen in der Pubertät geht – mit allen Abgründen und wo entsprechend auch sexuelle Handlungen beschrieben werden.
Der Lehrer wurde Anfang Oktober vom Vorwurf der Pornographie freigesprochen, doch das Thema bleibt brisant. Die Diskussion und die Fronten dürften Ihnen bekannt sein. Über die Frage, wie und ab welchem Alter das Thema Aufklärung in der Schule stattfinden soll und darf, wird inzwischen auch auf politischer Ebene gestritten. Die SVP erkannte das soziale Erregungspotenzial dieses Themas und benutzte es im Wahlkampf als Speerspitze für ihren Kampf gegen den Lehrplan 21. Mit einem Komitee gegen die «Sexualisierung der Volksschule» agitierte die Partei im Verbund mit fundamentalen Christen und Freikirchen gegen Pädagogen und Sexualtherapeuten und gegen die Pläne des Bundes, Sexualunterricht in den Lehrplänen der Volksschule zu verankern. Und so gab man sich auch nach dem Freispruch des Lehrers nicht mit einer Niederlage zufrieden. Vergangene Woche haben Kantonsparlamentarier aus der SVP einen Vorstoss eingereicht mit der Frage, wie künftig bei der Schul-Literatur die «Grenzen zum Zumutbaren» zu definieren seien.
Nun ist es zu begrüssen, wenn Eltern sich darum kümmern, was ihre Kinder in der Schule lernen. Naheliegend ist auch, dass beim Thema Sexualität Ängste ausgelöst werden und Eltern sich eine breitere Diskussion über den Umgang mit den entsprechenden Inhalten in unserem Bildungssystem wünschen. Der Fall des Zürcher Lehrers zeigt aber auch, wie viel Hysterie dahintersteckt und dass bei den Grabenkämpfen zwischen dem liberalen und dem konservativen Lager das Kind leicht mit dem Bad ausgeschüttet werden kann. Bei den zur Diskussion stehenden literarischen Szenen handelte es sich laut der «NZZ am Sonntag» etwa um folgende Passage aus «Frühlings Erwachen»:
(. . .) Wendla: Nun geh’ ich erst recht nicht. Warum kommst du nicht mit auf die Matte hinaus, Melchior? – Hier ist es schwül und düster. Werden wir auch naß bis auf die Haut, was macht uns das!
Melchior: Das Heu duftet so herrlich. – Der Himmel draußen muß schwarz wie ein Bahrtuch sein. – Ich sehe nur noch den leuchtenden Mohn an deiner Brust – und dein Herz hör’ ich schlagen.
Wendla: Nicht küssen, Melchior! – Nicht küssen!
Melchior: – Dein Herz – hör’ ich schlagen –
Wendla: – Man liebt sich – wenn man küßt – – – – – – – Nicht, nicht! – – –
Melchior: O glaub mir, es gibt keine Liebe! Alles Eigennutz, alles Egoismus! – Ich liebe dich so wenig, wie du mich liebst.
Wendla: – Nicht! – – – Nicht, Melchior! – –
Melchior: – – – Wendla!
Wendla: O Melchior! – – – – – – – – – nicht – – nicht – –
Aufschlussreich sind diesbezüglich zwei Leserbriefe im «Tages-Anzeiger» vom Samstag. Im einen Brief mäandert Corina Elmer von der Fachstelle zur Prävention sexueller Ausbeutung um die Frage, von wem die Inititatve ausgegangen sein mochte, gerade diese Werke zu lesen und sie stellt die Frage, «ob der Deutschunterricht der geeignete Rahmen für ein Gespräch über jugendliche Sexualität» sei. Aber ging es dem Lehrer tatsächlich um die beanstandeten Themen oder rückten diese nicht viel mehr von einer anderen Frage her in den Fokus, nämlich wie Schriftsteller mit literarischen Verfahren das Leben und die Welt erfassen? Und gehört zum Menschen und zur Welt, gerade auch aus der Perspektive des Heranwachsenden, nicht auch das Thema Sexualität? Heute sogar mehr denn je? Und bietet nicht gerade die Literatur eine Chance, Jugendlichen zu zeigen, wie tief diese Themen mit unserem Menschsein verbunden sind, zumal sie ja heute ohnehin und in äusserst abstrakter Weise damit konfrontiert sind? Könnte nicht die Literatur einen Weg bieten, über die tiefere Bedeutung unserer Pornographisierungsdiskussion nachzudenken?
In diese Richtung geht der andere Leserbrief im «Tages-Anzeiger» vom Samstag. Darin melden sich vier Schülerinnen des angeklagten Lehrers zur Sache selber zu Wort. Sie seien, sagen sie, während des ganzen Verfahrens um diesen Lehrer als Direktbetroffene nie zur Sache befragt worden. «Wir hätten der Staatsanwältin gerne Auskunft gegeben und auch jetzt den Herren und Damen im Kantonsrat den Wind aus den Segeln genommen, welche zum Angriff auf die freie Lektürewahl, auf die Literatur und damit auf die Freiheit selbst blasen», heisst es darin. Vielleicht ist es an der Zeit, die in politischen Gremien und in den Zeitungsspalten geführte Meta-Diskussion über die Sexualisierung der Gesellschaft und der Schule in die Lebenswelt zurückzuholen – zumal es im vorliegenden Fall ja gar nicht um Aufklärung im engeren Sinne ging, sondern um die Frage, mit welchen literarischen Verfahren sich diese Grundthemen darstellen lassen. Und sollten im Zweifelsfall nicht die direkt Betroffenen dazu befragt werden, die Schülerinnen und Schüler – zumindest, wenn der Unterricht auf einer Altersstufe stattfindet, auf der das Thema ohnehin an die Schülerinnen und Schüler herangetragen wird?
Was meinen Sie?
Korrigendum: Es war nicht wie ursprünglich behauotet die «Sonntagszeitung», die die beanstandete Szene aus Wedekinds «Frühlingserwachen abdruckte, sondern die «NZZ am Sonntag». Für diesen Fehler möchten wir uns entschuldigen.
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Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
Andrea Fischer
Andrea Fischer ist freischaffende Journalistin und Autorin des Buches «Das ganz normale Familienchaos», einem «Ratgeber für Eltern mit Herz und Humor». Sie lebt mit Tochter, Sohn und Mann in Zürich.