Archiv für die Kategorie „Schule“

Mama, was ist ein Junkie?

Michèle Binswanger am Freitag den 5. März 2010
MAMABLOG-PETE-DOHERTY-01

Hey Baby, take a walk on the wild side! Der vermeintlich coole Junkie in der Form von Pete Doherty.

Kinder wollen es immer ganz genau wissen. Selbst wenn man es nicht so genau wissen kann. Zum Beispiel Sucht. Was es ist und wie wir sie davor bewahren sollen. Und ob man das überhaupt kann. Und so kam ich jüngst, als meine Kinder beim Anblick hohläugiger Junkies und rotgesichtiger Alkis am Bahnhof von mir wissen wollten, was Sucht ist, in Verlegenheit.

Das Thema übte auch auf mich immer schon eine gruselige Faszination aus und so warf ich mich beherzt in den Ring, um meinen Kindern die Sache zu erklären: «Sucht heisst, von etwas abhängig zu sein.» sagte ich.
«Was ist abhängig?» fragte die Tochter.
«Das ist, wenn man etwas unbedingt braucht und immer daran denkt, wenn man es nicht hat. Wie die Leute, die Heroin nehmen.»
«Warum nehmen sie es dann?»
«Zunächst sind sie vielleicht neugierig und finden es schön. Dann nehmen sie es wieder und wieder. Und bald schon brauchen sie es. Und wenn sie es nicht kriegen, sind sie ganz verzweifelt und kriegen Entzugserscheinungen.»
«Dann bin ich süchtig nach essen und trinken.» stellte der Sohn fest.
«Aber nein!» korrigierte ihn die Tochter. «Essen, trinken und atmen muss man. Das sind die einzigen Dinge, nach denen man nicht süchtig sein kann.»
«Man kann fast von allem süchtig werden, auch nach essen. Süchtig wird man, wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät.»
«Ah, ich weiss!» triumphierte der Sohn. «Du bist süchtig nach klettern.»
«Nein!» sagte die Tochter. «Das ist doch nicht Sucht!»

Schwieriger Fall.
«Ja, vielleicht ist das eine Art Sucht.», sagte ich. «Aber meistens geht es bei Abhängigkeit um Stoffe, die man zu sich nimmt. Alkohol ist ein gutes Beispiel. Ich trinke gerne Wein zum Essen und bin trotzdem nicht süchtig nach Alkohol. Aber wenn man viel trinkt und immer wieder, kann man abhängig werden.»
«Aber warum?» fragte die Tochter.
«Sucht ist eben nicht einfach Sucht. Es kommt ganz auf den Menschen an. Manche haben keine Probleme mit Konsum, andere konsumieren, weil sie Probleme haben. Manchmal ist es schwierig aufzuhören, manchmal weniger. Kommt ganz darauf an.»

Die beiden musterten mich, als hätte ich ihnen gerade die Heisenbergsche Unschärferelation zu erläutern versucht. Und so ungefähr fühlte ich mich auch. Oder um es mit Heisenberg zu sagen: «Die Wirklichkeit, von der wir sprechen können, ist nie die Wirklichkeit an sich, sondern eine von uns gestaltete Wirklichkeit.»

Meine Kinder werden also erst wissen, was Sucht ist, wenn sie es in der einen oder andern Form erfahren. Und gleichzeitig möchte man sie natürlich davor bewahren. Am besten traf es wohl Freund McQueen: «Wenn du mit ihnen über Sucht sprichst, musst du auch über Genuss sprechen», riet er mir. Recht hat er, denn in unserer Multioptionsgesellschaft geht es wohl weniger um Junkies als um den Umgang mit Verführung und den verantwortungsvollen Umgang damit.

Als Service hier noch die sieben Regeln, um Kinder gegen Suchterkrankungen zu wappnen:
1. Kinder brauchen seelische Sicherheit, aktive Liebe und Zuneigung von Erwachsenen. Weisen Sie Ihr Kind nicht zurück, wenn es in Ihre Arme will, versöhnen Sie sich, wenn es einlenken will.
2. Kinder brauchen Lob und Bestätigung. Sie brauchen das Gefühl, dass die Eltern ihre Persönlichkeit vorbehaltlos akzeptieren und ihnen etwas zutrauen.
3. Kinder brauchen Freiraum, um eigene Erfahrungen machen zu können.
4. Kinder brauchen realistische Vorbilder und Ehrlichkeit: Man muss auch zu den eigenen Süchten stehen können.
5. Kinder brauchen Bewegung und gute Ernährung.
6. Kinder brauchen Freunde und eine verständnisvolle Umgebung.
7. Kinder brauchen Träume und Lebensziele.

Lesen Sie auch: Mama, das Cüpli und der Feierabend-Joint
http://blog.tagesanzeiger.ch/mamablog/index.php/3684/sind-beschwipste-mutter-bessere-mutter/

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Wann sind Kinder schulreif?

Nicole Althaus am Donnerstag den 4. Februar 2010
Wann ist die Zeit reif, für eine neue Definition von Schulreife?

Wann ist die Zeit reif, für eine neue Definition von Schulreife?

Erinnern Sie sich noch an die Plakate mit dem «weinenden Kind» am Strassenrand? 2008 protestierte damit die SVP in verschiedenen Kantonen gegen das Schulkonkordat HarmoS, welches den Eltern ihre Kinder bereits mit vier Jahren «wegnehmen» will. Die Partei erreichte mit den Tränen in einigen Kantonen ein Nein zur Schulharmonisierung an der Urne. Die Frage nach dem richtigen Einschulungsalter ist offenbar eines dieser  diffusen und emotionsgeladenen Themen, mit denen ganze  Abstimmungen instrumentalisiert und gewonnen werden können. Jedenfalls zeigte eine repräsentative Befragung von 1000 Schweizerinnen und Schweizer, dass eine Mehrheit zwar für eine Harmonisierung waren, aber gegen ein früheres Kindergarteneintrittsalter.

Wann sind Kinder schulreif?  Darüber streiten sich nicht nur die Schweizer. Vor kurzem  diskutierte ganz Grossbritannien  über das ideale Einschulungsalter. Und das nicht minder heftig:  Im Spätherbst ist der Schlussbericht des «Cambridge Primary Review» erschienen, der umfassendste Bildungsbericht für die britische Grundschule seit vierzig Jahren. Er wurde von 14 Autoren verfasst und wartet mit der Auswertung von mehr als 4000 Quellen auf. Interessant für die Diskussion hierzulande ist er deshalb, weil er entgegen der internationalen Tendenz zur früheren Einschulung eben diese in Frage stellt: «Dass England auf  den frühestmöglichen Beginn der formalen Beschulung besteht, ist erzieherisch kontraproduktiv», heisst es im Résumé der Pädagogen von der Universität Cambridge. Eine Verschulung der Kindheit führe eben gerade nicht zu positiven Lernerfolgen. Sie empfehlen, die Preschool bis Ende des  sechsten Lebensjahres  auszudehnen und die Einschulung nach hinten zu verschieben.

In der Schweiz passiert zurzeit gerade das Gegenteil. Im Kanton Luzern etwa ist der Stichtag vorverlegt worden, so dass die jüngsten Kinder nun knapp vor ihrem sechsten Geburtstag  die erste Klasse besuchen. In Zürich will man sich schrittweise der früheren Einschulung anderer Kantone annähern. Zwar sind Schweizer Erstklässler dann nicht jünger als die meisten anderen europäischen ABC-Schützen. Ausserdem sind nationale Grundschulsysteme nicht einfach eins zu eins zu vergleichen. Trotzdem scheint an der britischen Kritik etwas dran zu sein: Eine Untersuchung von zwei Darmstädter Wirtschaftswissenschaftlern bestätigt nämlich deren Befund. Patrick Puhani und Andrea Weber schauten sich unlängst die Leistungen hessischer Schülerinnen und Schüler bei einer Lesestudie sowie die Übertrittsquoten aufs Gymnasium an und stellten fest, dass Kinder, die erst kurz vor oder mit sieben eingeschult wurden, bei beidem besser abschnitten.

Warum, muss man sich da fragen, kann der Schuleintritt für viele Schweizer Eltern nicht genug früh kommen? In vielen Gemeinden finden zurzeit die Einschulungsgespräche statt. Und auch dieses Jahr werden wohl die Gesuche um frühere Einschulung von Sommer-Kindern wieder zunehmen. Ich kenne sogar ein Elternpaar, das sich wegen der Stichtage zur Einschulung  für eine Wohnung im Nachbarskanton entschieden hat. Ist das fehlgeleiteter elterlicher Ehrgeiz? Oder wird in Schweizer Kindergärten  zu viel gebastelt und zu wenig gefordert?

Klar ist, dass es kein wissenschaftlich begründbares ideales Einschulungsalter gibt. Körperliche Schulreife-Kriterien wie das Wackeln der Milchzähne oder der früher praktizierte «Philippi-Ohrläppchen-Test» (Fähigkeit des Kindes mit der rechten Hand, das linke Ohrläppchen zu erreichen, wenn es den Arm über den Kopf legt) sind zwar anschaulich, aber letztlich so wenig aussagekräftig wie das Alter. Schulreife ist nämlich wie so viele andere kindliche Entwicklungsschritte etwas Individuelles. Und nur eine Bildungsinstitution, die sich darauf einstellt und Durchlässigkeit praktiziert,  statt mit Stichdaten zu jonglieren, kann die in periodischen Abständen aufkommenden Streitereien um das richtige Schuleintrittsalter ein für allemal lösen (etwa Dänemark).

Im Kanton Zürich wurde der letzte Versuch, genau diese Durchlässigkeit mit  der Grundstufe einzurichten, 2002 vom Volk bachab geschickt. Aus Kostengründen, wie eine Nachbefragung der Stimmberechtigten ergab. Vorab Frauen haben sich übrigens gegen die Vorlage ausgesprochen. Und so bleibt die Frage ungelöst: Wie soll Schule die Schulreife definieren? Was ist wichtiger, die soziale oder die intellektuelle Schulreife? Und wenn schon Stichtage nötig sind, werden unsere Kinder zu früh oder zu spät eingeschult?

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Mütter ans Lehrerpult?

Nicole Althaus am Montag den 14. Dezember 2009
Willig und Billig: Mutter als Hilfslehrerin in der Volksschule

Willig und Billig: Mutter als Hilfslehrerin in der Volksschule.

Fast hätte ich mich gestern Morgen über einer Schlagzeile in der «NZZ am Sonntag» verschluckt: «Hausfrauen als Hilfskräfte für überlastete Lehrer» stand da auf der Front. Und weiter hinten konnte man nachlesen, dass die Schulbehörden darüber nachdenken, die überlasteten Lehrkräfte «unkompliziert und kostengünstig» mit Hausfrauen und Müttern als Assistentinnen zu entlasten. Die Klassen sind überfüllt und heterogen, die Schüler überfordert oder gelangweilt, die Lehrer überlastet und die Schulbehörden mit ihrem Latein am Ende: Jetzt soll Mama helfen die Sparsuppe auszulöffeln.

Nächstes Jahr gehen schweizweit 7400 Lehrerinnen und Lehrer in Pension, der pädagogische Nachwuchs fehlt. So massiv sind die  Rekrutierungsprobleme, dass diverse Schulpflegen Pensionierte ins Schulzimmer locken oder  Lehrerinnen und Lehrer aus Deutschland anheuern. Sozusagen als letzte Option streckt man nun die Fühler nach den Hausfrauen und Müttern aus. Nach einer Schnellbleiche an einer Pädagogischen Hochschule, sollen diese dem Lehrer zur Hand gehen: Hausaufgaben korrigieren zum Beispiel oder Kinder separat unterstützen. Und das bitte willig und billig!

Die Idee ist bestechend einfach und passt punktgenau zum Sparkurs, mit dem in unserem Land Schulpolitik betrieben wird. Und sie ist nicht neu: In Grossbritannien, aber auch in einigen deutschen Bundesländern stehen sogenannte «Ein-Euro-Jobber» seit Längerem am Lehrerpult. Allein in Berlin schätzt man, dass rund 3000 Billig-Hilfskräfte pädagogische Arbeiten am Rand übernehmen: Für ein paar Euros beaufsichtigen sie die Schülerschaft in den  Pausen, helfen bei der Hausaufgabenstunde aus und springen notfalls auch ein, um kranke Lehrer zu vertreten.

Aber ist die Idee auch gut? Erwartungsgemäss rief das Modell in Deutschland subito Kritiker aus Gewerkschafts- und Lehrerkreisen auf den Plan. Sie monierten, dass man damit Tür und Tor für ein Billig-Lehrer-Konzept öffne. Erwartungsgemäss wurden ihre Bedenken als linker Reflex abgetan. Als Angst vor dem Verlust von Privilegien. Nur: Jeder, der ab und zu einen Blick in ein Klassenzimmer wirft, weiss: Der Lehreralltag ist längst kein mit Privilegien gesäumter und fürstlich entlöhnter Sonntagsspaziergang mehr. Sonst stünde man – marktwirtschaftlich gedacht -  in der Branche Schlange und man wäre jetzt nicht mit dem Latein am Ende. Das Problem nämlich, das nun mit Dumping-Hilfslehrern zugedeckt werden soll, ist selbstverschuldet: Sparübung um Sparübung haben eine sinnvolle und vorab nachhaltige Reaktion auf das absehbare Rekrutierungsproblem in der Schweizer Volksschule verunmöglicht. Konkret: Kleinere Klassen,  wettbewerbsfähige Lehrerlöhne, flankierende Massnahmen zur Integration.

Nun greift man auf die altbekannte wirtschaftliche Manövriermasse Mutter und Hausfrau zurück. Vielleicht lassen sich ja tatsächlich gut ausgebildete Mamas für einen schlecht bezahlten Hilfsjob im Schulzimmer rekrutieren.  Aber: Lösen lässt sich damit langfristig kein einziges Problem unserer Volksschule. Die Klassenmama kann die Lehrkräfte weder bei Elterngesprächen, noch bei schulinternen Sitzungen entlasten. Sie kann nichts ausrichten gegen die Heterogenität der Klassen und noch viel weniger gegen Integrationsprobleme. Genau diese aber bringen laut einer Studie Lehrer an den Anschlag.

Ausserdem werten  Mütter und Hausfrauen im Klassenzimmer den Lehrerberuf nicht auf, wie das so oft und zu Recht gefordert wird, sondern ab. Nicht etwa, weil ihre Arbeit wertlos ist, sondern weil sie fördern, was nicht zuletzt die Befürworter der Schulsparpolitik  regelmässig beklagen: die Feminisierung des Lehrerberufes.

Vor allem aber sind Mütter und Arbeitslose als billige Hilfs-Pfästerli für den arg malträtierten Schulkörper nichts als ein Placebo. Eine kurzfristige Symptombekämpfung. Wer das Problem, an dem unser Schulsystem krankt, lösen will, kommt nicht darum herum eine unangenehme Frage zu beantworten:  Wie viel ist uns die Volksschule noch wert?

Elterliche Gymnasialdressur

Nicole Althaus am Montag den 26. Oktober 2009
MAMABLOG-SCHULE-01

«Heute war ich die schnellste, aber das zählt nicht, die Hochbegabten waren ja weg» - Die neue Begabtenförderung betont die Unterschiede.

Kurz vor den Ferien kam meine Viertklässlerin am Mittag nach Hause und sagte mir: «Mama, ich bin nicht begabt!» Als ich sie fragte, wie sie denn um Himmels willen darauf komme, erzählte sie mir, dass die Befö-Lehrerin (Begabtenförderung) ab sofort mit vier Schülerinnen und Schülern an zwei Stunden pro Woche ein Spezialprogramm durchführe: «Die dürfen selber ein Thema auswählen», erzählt sie begeistert und traurig zugleich, «und es ganz alleine erarbeiten. Ich wäre ja so gerne auch dabei!» Meine Tochter ist wie fast alle Kinder dieser Klasse nicht hochbegabt aber auch nicht blöd und deshalb nicht die einzige, die aus der Tatsache, dass ein Elitegrüppli separiert wird und – notabene ausserhalb des Klassenzimmers  – Spezialförderung erhält, Schlussfolgerungen zieht. In ihrem Fall die folgenden:  Ich mache etwas falsch, ich bin nicht gut genug, die andern sind einfach klüger, schneller, besser. Und deshalb darf ich nichts über Vulkane  lernen, obwohl mich das doch auch interessieren würde, und ich mich in der Schule auch oft langweile.

Die Separation einer kleinen ausgewählten Elite ist, neben der Langeweile, über die meine Tochter  in der dritten Klasse nie klagte,  bisher die Massnahme, die sie von der neu eingeführten integrativen Förderung am meisten spürt. Etwas zynisch meinte sie letzthin: «Heute war ich die schnellste, aber das zählt  nicht, die Hochbegabten waren ja weg.» In Zeiten, in denen landauf landab das Hohelied der Integration gepredigt wird, ist eine solche Eliteförderung so paradox wie ärgerlich! Vorab da ich am Elterngespräch letzte Woche erfahren habe, dass weder klare Kriterien bestehen, welche Kinder in den Genuss dieser Förderung kommen sollen, noch die Lehrpersonen selber die Massnahme in jedem Fall nachvollziehen können. Die Selektion ins Befö-Grüppli ist offenbar in einigen Fällen auf Druck von Eltern passiert.

Und genau das hat in unserer Volkschule System: Ehrgeizige Eltern steuern  den Schulalltag ihrer Kinder, wo immer sie können, prüfen Lehrerinnen, wie sie sonst Lebensversicherungen vergleichen, optimieren den Nachwuchs so gezielt wie die Steuern. Das Nachsehen haben vor allem Kinder aus bildungsfernen Familien. Aber nicht nur: Den Wettbewerb gewinnt, wer Eltern hat, die sich kümmern   u n d  einmischen. Das ist mitnichten eine subjektive Einschätzung, sondern wurde in einer brandneuen Studie zu Schulkarrieren, finanziert  von der Zürcher Bildungsdirektion, der Hochschule Bern und dem Nationalfonds, zum ersten Mal wissenschaftlich belegt:

  • Die Leistungen der Kinder in Deutsch und Mathematik wird zu 30 bis 50 Prozent von den Erwartungen und Verhaltensweisen der Eltern beeinflusst
  • Lehrpersonen haben auf die Schülerleistungen bloss einen Einfluss von 5-15 Prozent und sie
  • benoten die Schüler nicht vorurteilsfrei, sondern geben einem Kind von Eltern mit hohen Bildungserwartungen die besseren Noten
  • Die Eltern beeinflussen auch den Übertritt in Gymnasium, Sek A oder B massiv

Dass Bildung ein Privileg ist, das wussten wir schon immer. Dass Kinder aus bildungsaffinen Elternhäusern von diesem Privileg mehr profitieren, ist bedauerlich aber wohl nicht vollständig aus der Welt zu schaffen.  Dass aber die  Erwartungen der Eltern für den Selektionsprozess entscheidender sind, als das Potenzial eines Kindes, das ist ein Armutszeugnis für eine Schule, die sich noch immer Volksschule nennt. Auch diese Tatsache ist übrigens nicht frei erfunden, sondern einem Interview mit Markus Neuenschwander, dem Leiter der Studie, entnommen.

Nun fordern Politiker Massnahmen: Kathy Riklin, CVP-Nationalrätin, glaubt, mit einer Einschulung der Kinder im dritten Lebensjahr könne das Defizit bildungsferner Elternhäusern am besten ausgeglichen werden. SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer ist der Meinung, die Integration der Benachteiligten sei bloss eine Frage des Willens und der Einstellung der Eltern und Strittmatter vom Dachverband der Schweizer Lehrkräfte setzt auf individualisieren Unterricht. Reicht das, um in der Schweiz Chancengleichheit ins Klassenzimmer zu bringen, die mehr ist als bloss ein Schlagwort? Was meinen Sie?

Die Zweiklassen-Schule

Nicole Althaus am Donnerstag den 1. Oktober 2009
mamablog.Schule

Integration wird in der Schule gross geschrieben: Doch die Zahl der Schulen, die nur noch Migrantenkinder mit Sprachnöten unterrichtet, wächst. Jetzt erreicht die soziale Segregation auch Krippen und Kindergärten.

Ich gestehe, ich bin ein Teil des Problems: Es ist mir nicht egal, ob sich meine Töchter in der Schule wohlfühlen, wie im Klassenzimmer der Schulstoff vermittelt wird oder wie gut sie auf die Oberstufe vorbereitet werden. Ich habe auch schon ein Gesuch geschrieben, um die Einteilung meiner Jüngeren zu der Kindergärtnerin zu bewirken, die ihr Klassenzimmer nicht von den «bösen Buchstaben» säubert. Es war das einzige Gesuch bisher – aber ich würde zweifellos wieder in die Tasten greifen, wenn ich wüsste, dass meine Kinder in der Schulklasse oder mit den Lehrkräften ein Problem hätten, das sie ernsthaft belastete.

Bin ich deshalb eine Alphamutter? Ich glaube nicht: Ich will zwar wissen, ob meine Tochter Hausaufgaben hat, und ich sorge dafür, dass sie sie macht. Aber ich  überwache diese nur, wenn es verlangt wird und korrigieren tue ich sie nie. Ich glaube fest daran, dass man Kindern nicht jeden Stein aus dem Weg räumen darf, dass sie mit den verschiedensten Kindern lernen und  auch mit Lehrkräften klarkommen müssen, die sie nicht in ihr Poesiealbum schreiben lassen. Aber mein Glaube an die kindliche Selbstregulation macht vor der Empirie halt: Wenn Bildungsforscher wie Urs Moser schon seit Jahren dokumentieren, dass die Lernqualität in einer Klasse spätestens bei einem Anteil von 50% Fremdsprachigen kippt, dann ist es mir eben nicht mehr egal, wie sich die Schüler eines Schulhauses zusammensetzen.

Mit dieser Haltung befinde ich mich in guter Gesellschaft, und das wird zunehmend zum Problem. Bildungsaffine Eltern überwachen heute die Schulen, wie einen volatilen Börsenkurs. Selbst hartnäckige Verfechter von Multikulti ziehen aus dem Zürcher Kreis 4, sobald der Nachwuchs fünf Kerzen auf dem Geburtstagskuchen ausblasen darf und eingeschult wird. Es sei denn, sie haben sich einen der  begehrten Plätze in einer Tagesschule geangelt. Oder sie können sich eine Privatschule für den Nachwuchs leisten. Offiziell haben die Eltern zwar keine freie Schulwahl, aber sie tun schon heute alles, um die Einteilung des Kindes zu steuern. Das ist nicht nur in Zürich, Basel, Bern so. Auch wer in die Agglomeration zieht, informiert sich im Umfeld über den Ruf von Schulhäusern und Lehrpersonen, schreibt Um- und Einteilungsgesuche.

Es hat sich etwas Grundlegendes geändert im Schweizer Bildungssystem und das gibt Anlass zur Sorge: Die Volksschule verkommt immer mehr zur Zweiklassen-Schule. Das bestreiten  nicht einmal mehr ihre grössten Verfechter. Das Resultat sind Schulghettos, in denen Informationsblätter  zu Veranstaltungen in so vielen verschiedenen Sprachen gedruckt werden – dass darob, und das ist nicht frei erfunden, schon mal der Text in Deutsch vergessen geht. Und Quartiere, in denen Dreiviertel der Schüler ins Langzeitgymnasium eintreten.

Seit kurzem hat die soziale Segregation auch die vorschulischen Einrichtungen, Kindergärten und Kinderkrippen, erreicht: Mitte August hat am Zürcher Paradeplatz «globegarden», eine zweisprachige Kindertagesstätte eröffnet, in der die Gruppennamen «Little Mozart» und «Little Picasso» Programm sind: 7 perfekt englisch- und deutschsprachige Erzieherinnen kümmern sich darum, das die Kinder «gemäss eines altersspezifischen Curriculums in kleinen Schritten die Welt entdecken». Zusätzlich werden Lehrkräfte beigezogen, welche die Kinder in Kunst, Tanz und Musik fördern.

Die Initiantinnen dieses Projektes – zwei ehemalige Bankerinnen – haben offenbar eine Marktlücke entdeckt: Wegen der Länge der Warteliste suchen sie bereits weitere Standorte in der Innenstadt und planen eine Expansion in andere Schweizer Städte. Dabei ist der Tagesansatz von 125 Franken pro Kind nur wenig höher als ein nicht subventionierter Platz in einer städtischen Krippe. Und deshalb wird passieren, was in Deutschland oder in Amerika längst im Gange ist: Wer keine Subventionen braucht, sucht sich eine Krippe,  in der die Kinder in homogenen Gruppen gefördert werden. Die Integration von Fremdsprachigen und sozial Benachteiligten, die laut Fachkräften am besten schon im Vorschulalter passieren sollte, wird immer schwieriger. Ein Viertel der Kinder  bleibt, wie Bildungsdirektorin Regine Aeppli anlässlich einer Konferenz letzten Samstag feststellte, schon im Kindergarten weit hinter der Startlinie zurück.

Sind wir auf dem besten Weg, die Idee der Volksschule, auf die die Schweiz jahrzehntelang so stolz war, zu begraben? Wenn ja, wer ist schuld daran? Eine bildungsbürgerliche Mittelschicht, die den Migrationsquartieren den Rücken kehrt? Politiker und Politikerinnen, die vor den Problemen die Augen verschliessen? Oder eine Gesellschaft, die sich weigert,  offen und ohne rassistische Untertöne  über die Folgen sozialer und kultureller Veränderungen zu streiten?

Religionsstunde, powered by the Church

Michèle Binswanger am Dienstag den 22. September 2009
Musikstunden - werden sie mangels Sponsoring bald ganz abgeschafft?

Musikstunden - werden sie mangels Sponsoring bald ganz abgeschafft?

Seit das neue Schuljahr angebrochen ist, hat meine Tochter einen Grund weniger, den Schulunterricht anzubeten. Ein sozusagen gottgewollter Grund. Denn seit August steht auf ihrem Stundenplan eine zusätzliche Stunde Religion. Zu Lasten einer ihrer geliebten Musikstunden.

Dass meine Tochter das Vaterunser wohl bald besser herunterbeten kann, als «Alle Vögel sind schon da» singen, hat einen säkularen Grund, über den die Lehrerin beim Elternabend auf Nachfrage eines Vaters zerknirscht aufklärte. Musikstunden seien teuer, sagte sie, wegen der Musiklehrerinnen, die sogar mehr verdienten, als sie selbst. Für die Kosten der Religionsstunden hingegen würde die Kirche aufkommen. Und weil man heutzutage überall sparen müsse, sei der Stundenplan angepasst worden.

Religionsstunde, powered by the Church. Diese Art von Sponsoring im Bildungswesen ist kurios genug. Und als mein Sohn dann ein paar Tage später mit einem Stapel Broschüren aus dem Kindergarten heimkehrte, stutzte ich erst recht. Die Broschüren, powered by Erziehungsdepartement, waren hochglänzend, vierfarbig, verfasst offenbar von einer gediegenen Kommunikationsagentur – sicher nicht ganz billig. Dennoch landeten sie, nachdem ich sie überflogen hatte, im Altpapier. Warum, fragte ich mich, investieren die das Geld in solche nutzlosen Broschüren, nicht in Musikstunden? Und was kommt als Nächstes? Von Nike gesponserte Turnstunden?

Ich bin keine Politikerin und ich bin auch nicht vom Fach. Aber jede Lehrperson, die ich darauf anspreche, bestätigt, dass mein Beispiel nur die Spitze des Eisbergs sei. Im Bildungswesen scheint bürokratischer Furor ohnegleichen am Werk und es sei anzunehmen, dass die Knappheit der Mittel unter anderem darauf zurückzuführen sei. Stolz verkündet beispielsweise das Basler Erziehungsdepartement auf seine Homepage: «Das «Leitbild für die Schulen des Kantons Basel-Stadt» wurde in einem breit angelegten Prozess erarbeitet, in welchen Fachpersonen aus den Erziehungswissenschaften sowie Vertreterinnen und Vertreter aus der Politik, der Schülerschaft, der Arbeitswelt, der Kultur, der Religionsgemeinschaften sowie der Quartiervereine einbezogen waren.» Ich frage mich hier: cui bono? Zieht dieser Aktionismus nicht letztlich das Geld von den Kindern weg und hin zu Fachkommissionen, Gremien und Experten? Und betreibt Reformitis auf dem Rücken des Lehrkörpers? Mit dem Resultat, dass man Religionsstunden aufstockt, weil diese einfach gerade günstig zu haben sind, während man andere abbaut, weil zu teuer?

Oder täusche ich mich?

Der Elternabend

Nicole Althaus am Donnerstag den 17. September 2009
Mamablog-Elternabend-01

Der Horror, das sind die anderen Eltern - Szenenbild aus dem deutschen Musical «Elternabend».

Der Elternabend war bisher ein Ritual wie der Muttertag: Jährlich wiederkehrend, gut gemeint, liebevoll ausgerichtet, nicht zu umgehen und schnell wieder vergessen. Doch diesmal war alles anders: Auf  den Kinderstühlen in einem grossen Kreis sassen rund 30 Mütter und Väter, angespannt schweigend statt unbeschwert schwatzend, die viel zu langen Beine irgendwo mühsam verstaut. Am Hellraumprojektor standen die beiden Klassenlehrerinnen, die Handarbeitslehrerin und die Schulleiterin,  angespannt auch sie und etwas nervös, die Powerpoint-Präsentation bereit, die Folien in Griffnähe. An den Wänden im Zimmer hingen die Kinder in Form von Kurzporträts, die sie geschrieben hatten, teils in perfektem, teils in schwer identifizierbarem Deutsch, 23 an der Zahl, aus 3 verschiedenen Jahrgängen und zusammengewürfelt aus verschiedensten Nationen, Klassenzügen und erstmals auch Kleinklassen.

Angekündigt waren deshalb zwei weitere Lehrerinnen, die mit den Kindern arbeiten werden. Die IF-Lehrperson, welche 11 Lektionen pro Woche zur Verfügung hat, um Kinder mit «Lern-, Leistungs- und Verhaltensschwierigkeiten» und  einen behinderten Schüler in die Regelklasse zu integrieren. Sowie die Befö-Lehrerin, die dafür zu sorgen hat, dass die Hochbegabten sich im Schulzimmer nicht langweilen. Beide liessen sich entschuldigen. Die Lehrkräfte müssen mit ihren Lehrkräften haushalten, das musste man als Eltern bitte verstehen, haben sie seit dem neuen Schuljahr vom Kindergarten bis zur Mittelstufe doch sämtliche Klassen im Schulhaus integrativ- und begabungsspezifisch zu unterstützen – da gilt es einen wahren  Elternabend-Marathon zu absolvieren und überall kann nun wirklich niemand präsent sein.

Man konnte das als Mutter verstehen und hörte den Klassenlehrerinnen zu, die sorgfältig vorbereitet und mit viel Elan sich selbst und den Lehrplan der vierten Klasse vorstellten, die  informierten über  Hausaufgaben- und Benotungskonzepte, über neue Fächer und altbekannten Lernstoff. Man hörte sie von  ungewohnten Lehrumständen sprechen, von Unruhe im Klassenzimmer, von auseinanderklaffenden Leistungsniveaus. Sie klangen motiviert und sicher geben sie ihr bestes, die Lehrerinnen, die ganze Schule gibt ihr bestes, zweifellos. Doch  wenn an einem Abend wiederholt die Floskel  «grosse Herausforderung» fällt, dann musste man als Mutter oder Vater taub sein, um nicht herauszuhören, dass das der politisch korrekte Begriff ist für «grosse Überforderung». Selbst das kann man als Mutter nachvollziehen, setzt die Schule doch nur atemlos um, was der Kanton durchpeitscht: eine Reform nach der anderen.  Schliesslich haben die Lehrkräfte und Schulleitungen mit dem umgewälzten neuen Zürcher Schulsystem etwa so viel Erfahrung wie die Kinder und Eltern – gar keine. Kalt lässt das eine Mutter aber nicht.

Und so bündelte sich an diesem Elternabend der vierten Klasse  die Ohnmacht einer Generation, die ihre Kinder auf einer Grossbaustelle bilden oder bilden lassen muss: Man konnte sie sehen in den fragenden und konsternierten Gesichtern der Eltern, man konnte sie heraushören aus den Voten der Lehrpersonen, man konnte sie mit Händen fassen in der angespannten Atmosphäre des Klassenzimmers, in der die spielerische Leichtigkeit der Unterstufe, der Sorge gewichen war, dass man nur ja nichts verkehrt mache mit den Kindern, die schon bald aussortiert werden in Gymnasiasten und A-und B- Sekundarschüler. Auch das obligate gesellige Zusammensein bei Kuchen und Wein vermochten das bittere Gefühl nicht zu vertreiben: Die 23 Kinder, die 23 Elternpaare, die 5 Lehrkräfte, die in diesem kleinen Raum für die nächsten drei Jahre auf Gedeih und Verderben zusammengeschweisst sein werden, tragen, so verschieden sie sind,  ein gemeinsames Schicksal: Sie alle sind unschuldige Versuchskaninchen in einem gigantischen Labor namens Schule.

Ich war und bin nicht grundsätzlich eine Gegnerin der integrierten Förderung. Ich empfand und empfinde Multikulturalität als Bereicherung. Aber nach diesem Elternabend lag ich wach im Bett. Die Fragen, die niemand zu stellen wagte, weil sie wohl niemand hätte beantworten können, raubten mir den Schlaf: Wie um Himmels Willen, soll die Integration von Verhaltensauffälligen, von Kindern mit Lernschwächen von solchen mit körperlichen und oder geistigen Behinderungen  mit so wenig Ressourcen und in so grossen Klassen geschehen? Wie soll eine Lehrerin den Schulstoff durchprügeln, wenn sie gegen Niveauunterschiede ankämpfen muss, welche  die Alpen aussehen lassen wie das Mittelland? Wer fördert in der neuen Schule eigentlich das in der Schweiz sonst so geschätzte Mittelmass? Oder die sehr guten, aber nicht hochbegabten Schülerinnen und Schüler? Findet auf Kosten meiner Kinder nicht einfach eine gigantische Sparübung statt? Und wer, wenn nicht die Eltern, hat  in den nächsten Jahren dafür zu sorgen, dass die voraussehbaren Kollateralschäden an Geist und Seele im Labor namens Schule keine langfristigen Folgen zeitigen?



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