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Schule-Spezial: Die grauen Mäuse und der Ameisen-Sex

Mamablog-Redaktion am Montag den 23. August 2010

Der zweite Beitrag der Experten-Blog-Woche stammt von Künstler und Lehrer Markus Weiss. Der ausgebildete Primarlehrer kritisiert die Schule als Herstellerin von «Containerwissen» – und fragt sich, wann und wo die Kreativität verloren gegangen ist.

MAMABLOG-EINTRICHTERN

Ist auch die heutige Volksschule eine neokonservative Verwaltungs-, Disziplinierungs- und Gleichmachermaschine? Karikatur aus einer alten Studentenzeitschrift (1917).

Seit einigen Jahren führe ich die Aufnahmeprüfungen für den Vorkurs an einer Zürcher Kunstschule durch. Dabei beurteile ich Volksschulabgänger verschiedenster Herkunft, die sich für einen gestalterischen Beruf interessieren oder aber ein Berufswahljahr einschalten. Nebst anderen Aufgaben schreiben die Prüflinge einen kleinen Aufsatz und zeigen ihre Mappen, die gewöhnlich gefüllt sind mit gestalterischen Arbeiten des Volksschulunterrichts. Der Einblick in die Errungenschaften der neunjährigen Schulzeit sind oft schockierend. Für viele der Bewerbenden ist nicht geklärt, ob man das Wort viel mit «f» oder  «v» schreibt. Ebenso ernüchternd ist der Einblick in die Mappen: Kopierte Kalenderblätter, abgemalte Postkarten, die vier Jahreszeiten in Wasserfarbe auf A6-Formaten, sauglatte Hundertwasserbildchen, brave, artige Resultate des Kunst- und Gestaltungsmoduls aus dem Schulunterricht. Egal aus welchen Klassen die Jugendlichen kommen (anthroposophische Schulen ausgenommen), die eingereichten Mappen gleichen sich wie ein Ei dem anderen, keine Experimente, vorgespurte Übungen ohne individuelle Ausstrahlung.

«Hat es denn Freude gemacht, diese … oder jene Landschaft zu zeichnen?», frage ich dann manchmal in letzter Rettung vor dem Exploit. «Freude? Wie meinen Sie das?», kommt es meist zurück.  Freude scheint im Zusammenhang mit Schule ein Fremdwort geworden zu sein.

Ist die heutige Volksschule eine neokonservative Verwaltungs-, Disziplinierungs- und Gleichmachermaschine?

Ein scheuer Blick in den Schulranzen unseres Schützlings genügt, um festzustellen, dass A4-grosses, in der Regel grauenhaft gestaltetes Papier den Grundstoff liefert für heutiges Vermitteln und Aneignen von Lerninhalten. «Containerwissen», so hat man dies noch in den Achtzigern genannt. Uns Studierenden der Pädagogischen Hochschule wurde damals ans Herz gelegt, diese stereotype Abfüllmethode wenn immer möglich zu vermeiden. Das illustrative Bild für den Containerunterricht ist ein Hirn als zu füllendes Gefäss, darüber ein Trichter, der sich in die Hirnwindungen bohrt, wiederum darüber leert eine Hand beliebige Zahlen und Buchstaben in den Trichter und füllt die noch leere Hirnschale damit auf. Wer schon Zeuge dieser Lernmethode war, weiss, dass sich spätestens nach zwei Toilettengängen das Hirn wieder in zauberhaft jungfräulichem Zustand befindet – und weg sind die Errungenschaften von stupidem Auswendiglernen. Werkstattunterricht nennt sich dies noch heute. Von der pädagogischen Werkstatt-Idee, welche die Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichsten analogen Materialien möglichst ganzheitlich erreichen wollte, ist nur noch das selbstoptimierte Hantieren mit der Termin- und Pendenzenliste übrig geblieben.

Die zu Hause wöchentlich eintreffenden Verhaltenstabellen müssen unterschrieben werden, hat ein Kind sich nichts zu Schulden kommen lassen, wird es mit einem jener saudoofen Smileys belohnt, die wir aus der Bildsprache der Werbung kennen. Diese Dressurakte werden von engagierten Eltern tatkräftig unterstützt. An den wenigen freien Nachmittagen werden die Schützlinge von einem Förderprogramm zum anderen gekarrt, Judo bereitet auf den harten Konkurrenzkampf in der Managerwelt vor, der Ballettunterricht vermittelt Form und Haltung und zwingt zu den unmöglichsten Verrenkungen, was dem Nachwuchs später sicher einmal zugutekommen wird. Alice Millers Standardwerk «Das Drama des begabten Kindes» wie auch Foucaults enthüllende Studien in «Überwachen und Strafen» gehören heute offenbar nicht mehr zur Pflichtlektüre von angehenden Lehrpersonen.

Und wenn Sie ein illustratives Beispiel zu Jürg Jegges These «Dummheit ist lernbar» hören wollen, hier ist eines aus dem Jahr 2010:

Wenn in der Klasse eines Bekannten heute von «den Gepunkteten» die Rede ist, dann sind damit die leistungsschwachen Schülerinnen und Schüler gemeint, jene nämlich, die seit Schuleintritt mit einem weissen Punkt auf ihrer Schreibunterlage gekennzeichnet sind. Diese bereits in der Unterstufe installierte Zweiklassengesellschaft führt zu zwei unterschiedlichen Lernprogrammen, einem für die «gepunkteten», mehrheitlich fremdsprachigen und dunkelhäutigen Kinder, dem anderen für die sogenannt leistungsstarken. Diese dürfen dann als Extranummer mit dem Leuchtstift lexikalische Wikipediatexte zu Vorträgen verarbeiten. Mögliches Thema: Das Balzverhalten von Ameisen im Amazonasgebiet in den Monaten April und Mai bei geringen Niederschlagsmengen und gemässigter Sonneneinstrahlung.

MAMABLOG-MARKUS-WEISSMarkus Weiss, 47, ist Primarlehrer, freischaffender Künstler und Dozent an der F+F, Schule für Kunst und Mediendesign Zürich. Er hat für seine Arbeiten diverse Preise und Auslandstipendien gewonnen. Und stellt regelmässig im In- und Ausland aus.

Die Sommerferien sind vorbei, auf den Trottoirs tragen ABC-Schützen stolz ihre neuen Theks in die Schule, die Grossen wechseln in die Oberstufe, einige fahren zum ersten Mal mit dem Zug ans Gymi. Jeder hat eigene Erinnerungen an die Schulzeit, gute und schlechte. Die Volksschule geht uns alle an. Nicht zuletzt, weil sie derzeit reformiert und umgebaut wird. Der Mamablog begleitet deshalb den Schulstart mit einer Expertenwoche zur Volksschule. Das Schule-Spezial lässt Lehrer, Künstler, Politikerinnen, Psychologen und Wissenschaftler zu Wort kommen.

Zum Abschluss der Expertenserie wird die Zürcher Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Regine Aeppli Fragen und Diskussionspunkte von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, in einem Blogbeitrag beantworten. Fragen und Anliegen können Sie während der ganzen Woche direkt in einem Kommentar zum jeweiligen Tagesthema mit dem Vermerk @Aeppli formulieren. Die Redaktion wird die Fragen sichten, auswählen und der Regierungsrätin vorlegen.

Schule-Spezial: Mehr Freiheiten, weniger Reformitis!

Mamablog-Redaktion am Montag den 23. August 2010

Die Sommerferien sind vorbei, auf den Trottoirs tragen ABC-Schützen stolz ihre neuen Theks in die Schule, die Grossen wechseln in die Oberstufe, einige fahren zum ersten Mal mit dem Zug ans Gymi. Jeder hat eigene Erinnerungen an die Schulzeit, gute und schlechte. Die Volksschule geht uns alle an. Nicht zuletzt, weil sie derzeit reformiert und umgebaut wird. Der Mamablog begleitet deshalb den Schulstart mit einer Expertenwoche zur Volksschule. Das Schule-Spezial lässt Lehrer, Künstler, Politikerinnen, Psychologen und Wissenschaftler zu Wort kommen. Der Auftakt der Expertenwoche stammt aus der Feder von Urs Moser, Spezialist für Evaluationsforschung im Bildungsbereich und Mitglied der nationalen Projektleitung PISA 2009.

SCHWEIZ LYCEUM ALPINUM ZUOZ UNTERRICHT

Die Bildungsforschung hat längst nachgewiesen, dass der Lernerfolg weder auf Schulmodelle noch auf Unterrichtsmethoden zurückgeführt werden kann: Unterstufen-Schulzimmer. (Bild: Keystone)

Wer auf dem Internet sucht, findet zur Genüge die Zuversicht, dass jedes Kind lesen, rechnen und schreiben lernen kann. Die optimistischen Aussagen beruhen nicht etwa auf der Tatsache, dass sich der Mensch infolge der Evolution zu einem besonders lernfähigen Wesen entwickelt hat. Vielmehr handelt es sich um Titel von Ratgebern, die gerade deshalb befolgt werden sollen, weil die Schule noch nicht das erreicht, was möglich wäre. Höchste Zeit also, in der Schule endlich die richtigen Methoden anzuwenden.

Dass bei Weitem nicht alle Kinder in der Schule genügend lesen, rechnen und schreiben lernen, wird auch vom Wirtschaftsverband Economiesuisse bemängelt. Die Volksschule soll deshalb den Fokus wieder auf das Wesentliche richten, heisst es in einer kürzlich erschienenen Empfehlung, weil sonst der Wettbewerbsvorteil der Schweizer Wirtschaft gefährdet sei. Wie die Schule dabei vorzugehen hat, bleibt allerdings offen; kein Wort über die richtige Methode. Und dies ist auch richtig so, denn verschiedene Wege führen zum Ziel.

Die Bildungsforschung hat längst nachgewiesen, dass der Lernerfolg weder auf Schulmodelle noch auf Unterrichtsmethoden zurückgeführt werden kann. Kinder sind neugierig und motiviert zu lernen. Damit sie rechnen, lesen und schreiben lernen, brauchen sie kognitiv anregende Lernumgebungen und Lehrkräfte, deren Erwartungshaltung gleich optimistisch ist wie die Titel der Ratgeber. Wie die Schule organisiert ist, kümmert die Kinder hingegen herzlich wenig. Lehrkräfte können zudem auf sehr verschiedene Weise gut oder schlecht unterrichten und gleiches Vorgehen im Unterricht kann unter verschiedenen Bedingungen völlig unterschiedliche Wirkungen haben. Daher ist die von Lehrkräften hoch geschätzte Methodenfreiheit pädagogisch äusserst sinnvoll.

Trotz dieser klaren Aussagen der Bildungsforschung werden endlose politische Debatten über das pädagogisch beste Schulmodell und die erfolgreichsten Unterrichtsmethoden geführt. In der Praxis sind es dann längst nicht immer pädagogische Überlegungen, die zu Neuerungen führen, sondern pragmatische Gründe. Wenn beispielsweise in einer Schule zu wenige Kinder für das Führen von Jahrgangsklassen vorhanden sind, überzeugen die angeblichen Vorteile des altersdurchmischten Lernens, und Reformen werden plötzlich mehrheitsfähig. Betroffene Eltern fühlen sich aufgrund solcher Entwicklungen bisweilen verunsichert, was angesichts der angespannten Diskussionen verständlich ist. Das Erziehungsverhalten der Eltern ist für das Wohl des Kindes und den Lernerfolg allerdings weit bedeutsamer als Reformen in der Schule.

Etwas mehr Gelassenheit würde der Diskussion pädagogischer Themen nicht schaden. Schulen entwickeln sich. Sie müssen sich demografischen und gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen. Dazu brauchen sie weder populäre Ratgeber noch allzu rigide Vorgaben darüber, wie sie die Ziele zu erreichen haben. Viel wichtiger sind eine kritische Reflexion des Unterrichtserfolgs und die Zuversicht, dass jedes Kind rechnen, lesen und schreiben lernen kann. Wenn Schulen dafür die Verantwortung übernehmen, sollten sie mit einer liberalen Haltung bei der Wahl von Schulmodellen und Unterrichtsmethoden belohnt werden.

MAMABLOG-MOSERUrs Moser studierte Sonderpädagogik, Pädagogik und Pädagogische Psychologie an der Uni Freiburg. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Amt für Bildungsforschung der Erziehungsdirektion des Kantons Bern (1990 bis 1998), wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Pädagogik der Uni Bern (1996 bis 1999). Seit 1999 ist Moser Mitglied der Geschäftsleitung des Instituts für Bildungsevaluation.

Zum Abschluss der Expertenserie wird die Zürcher Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Regine Aeppli Fragen und Diskussionspunkte von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, in einem Blogbeitrag beantworten. Fragen und Anliegen können Sie während der ganzen Woche direkt in einem Kommentar zum jeweiligen Tagesthema mit dem Vermerk @Aeppli formulieren. Die Redaktion wird die Fragen sichten, auswählen und der Regierungsrätin vorlegen.