Der zweite Beitrag der Experten-Blog-Woche stammt von Künstler und Lehrer Markus Weiss. Der ausgebildete Primarlehrer kritisiert die Schule als Herstellerin von «Containerwissen» – und fragt sich, wann und wo die Kreativität verloren gegangen ist.

Ist auch die heutige Volksschule eine neokonservative Verwaltungs-, Disziplinierungs- und Gleichmachermaschine? Karikatur aus einer alten Studentenzeitschrift (1917).
Seit einigen Jahren führe ich die Aufnahmeprüfungen für den Vorkurs an einer Zürcher Kunstschule durch. Dabei beurteile ich Volksschulabgänger verschiedenster Herkunft, die sich für einen gestalterischen Beruf interessieren oder aber ein Berufswahljahr einschalten. Nebst anderen Aufgaben schreiben die Prüflinge einen kleinen Aufsatz und zeigen ihre Mappen, die gewöhnlich gefüllt sind mit gestalterischen Arbeiten des Volksschulunterrichts. Der Einblick in die Errungenschaften der neunjährigen Schulzeit sind oft schockierend. Für viele der Bewerbenden ist nicht geklärt, ob man das Wort viel mit «f» oder «v» schreibt. Ebenso ernüchternd ist der Einblick in die Mappen: Kopierte Kalenderblätter, abgemalte Postkarten, die vier Jahreszeiten in Wasserfarbe auf A6-Formaten, sauglatte Hundertwasserbildchen, brave, artige Resultate des Kunst- und Gestaltungsmoduls aus dem Schulunterricht. Egal aus welchen Klassen die Jugendlichen kommen (anthroposophische Schulen ausgenommen), die eingereichten Mappen gleichen sich wie ein Ei dem anderen, keine Experimente, vorgespurte Übungen ohne individuelle Ausstrahlung.
«Hat es denn Freude gemacht, diese … oder jene Landschaft zu zeichnen?», frage ich dann manchmal in letzter Rettung vor dem Exploit. «Freude? Wie meinen Sie das?», kommt es meist zurück. Freude scheint im Zusammenhang mit Schule ein Fremdwort geworden zu sein.
Ist die heutige Volksschule eine neokonservative Verwaltungs-, Disziplinierungs- und Gleichmachermaschine?
Ein scheuer Blick in den Schulranzen unseres Schützlings genügt, um festzustellen, dass A4-grosses, in der Regel grauenhaft gestaltetes Papier den Grundstoff liefert für heutiges Vermitteln und Aneignen von Lerninhalten. «Containerwissen», so hat man dies noch in den Achtzigern genannt. Uns Studierenden der Pädagogischen Hochschule wurde damals ans Herz gelegt, diese stereotype Abfüllmethode wenn immer möglich zu vermeiden. Das illustrative Bild für den Containerunterricht ist ein Hirn als zu füllendes Gefäss, darüber ein Trichter, der sich in die Hirnwindungen bohrt, wiederum darüber leert eine Hand beliebige Zahlen und Buchstaben in den Trichter und füllt die noch leere Hirnschale damit auf. Wer schon Zeuge dieser Lernmethode war, weiss, dass sich spätestens nach zwei Toilettengängen das Hirn wieder in zauberhaft jungfräulichem Zustand befindet – und weg sind die Errungenschaften von stupidem Auswendiglernen. Werkstattunterricht nennt sich dies noch heute. Von der pädagogischen Werkstatt-Idee, welche die Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichsten analogen Materialien möglichst ganzheitlich erreichen wollte, ist nur noch das selbstoptimierte Hantieren mit der Termin- und Pendenzenliste übrig geblieben.
Die zu Hause wöchentlich eintreffenden Verhaltenstabellen müssen unterschrieben werden, hat ein Kind sich nichts zu Schulden kommen lassen, wird es mit einem jener saudoofen Smileys belohnt, die wir aus der Bildsprache der Werbung kennen. Diese Dressurakte werden von engagierten Eltern tatkräftig unterstützt. An den wenigen freien Nachmittagen werden die Schützlinge von einem Förderprogramm zum anderen gekarrt, Judo bereitet auf den harten Konkurrenzkampf in der Managerwelt vor, der Ballettunterricht vermittelt Form und Haltung und zwingt zu den unmöglichsten Verrenkungen, was dem Nachwuchs später sicher einmal zugutekommen wird. Alice Millers Standardwerk «Das Drama des begabten Kindes» wie auch Foucaults enthüllende Studien in «Überwachen und Strafen» gehören heute offenbar nicht mehr zur Pflichtlektüre von angehenden Lehrpersonen.
Und wenn Sie ein illustratives Beispiel zu Jürg Jegges These «Dummheit ist lernbar» hören wollen, hier ist eines aus dem Jahr 2010:
Wenn in der Klasse eines Bekannten heute von «den Gepunkteten» die Rede ist, dann sind damit die leistungsschwachen Schülerinnen und Schüler gemeint, jene nämlich, die seit Schuleintritt mit einem weissen Punkt auf ihrer Schreibunterlage gekennzeichnet sind. Diese bereits in der Unterstufe installierte Zweiklassengesellschaft führt zu zwei unterschiedlichen Lernprogrammen, einem für die «gepunkteten», mehrheitlich fremdsprachigen und dunkelhäutigen Kinder, dem anderen für die sogenannt leistungsstarken. Diese dürfen dann als Extranummer mit dem Leuchtstift lexikalische Wikipediatexte zu Vorträgen verarbeiten. Mögliches Thema: Das Balzverhalten von Ameisen im Amazonasgebiet in den Monaten April und Mai bei geringen Niederschlagsmengen und gemässigter Sonneneinstrahlung.
Markus Weiss, 47, ist Primarlehrer, freischaffender Künstler und Dozent an der F+F, Schule für Kunst und Mediendesign Zürich. Er hat für seine Arbeiten diverse Preise und Auslandstipendien gewonnen. Und stellt regelmässig im In- und Ausland aus.
Die Sommerferien sind vorbei, auf den Trottoirs tragen ABC-Schützen stolz ihre neuen Theks in die Schule, die Grossen wechseln in die Oberstufe, einige fahren zum ersten Mal mit dem Zug ans Gymi. Jeder hat eigene Erinnerungen an die Schulzeit, gute und schlechte. Die Volksschule geht uns alle an. Nicht zuletzt, weil sie derzeit reformiert und umgebaut wird. Der Mamablog begleitet deshalb den Schulstart mit einer Expertenwoche zur Volksschule. Das Schule-Spezial lässt Lehrer, Künstler, Politikerinnen, Psychologen und Wissenschaftler zu Wort kommen.
Zum Abschluss der Expertenserie wird die Zürcher Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Regine Aeppli Fragen und Diskussionspunkte von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, in einem Blogbeitrag beantworten. Fragen und Anliegen können Sie während der ganzen Woche direkt in einem Kommentar zum jeweiligen Tagesthema mit dem Vermerk @Aeppli formulieren. Die Redaktion wird die Fragen sichten, auswählen und der Regierungsrätin vorlegen.


Urs Moser studierte Sonderpädagogik, Pädagogik und Pädagogische Psychologie an der Uni Freiburg. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Amt für Bildungsforschung der Erziehungsdirektion des Kantons Bern (1990 bis 1998), wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Pädagogik der Uni Bern (1996 bis 1999). Seit 1999 ist Moser Mitglied der Geschäftsleitung des Instituts für Bildungsevaluation.
Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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