Leben


Archiv für die Kategorie „Politik/Gesellschaft“

Danke, dass Du mich als Frau geschaffen hast

Mamablog-Redaktion am Freitag den 6. Januar 2012

Eine Carte Blanche von Yael Wyler*.

Ein verunstaltetes Plakat einer Facebook-Kampagne in Israel, die sich gegen die Verbannung von Frauen aus dem öffentlichen Raum richtet. (Bild: Reuters)

Natürlich verfolge ich die Berichte über das Schulmädchen, das in Beit Schmesch, in der Nähe von Jerusalem, von religiösen ultraorthodoxen jüdischen Extremisten auf ihrem Schulweg angespuckt wurde, weil sie in deren Augen nicht anständig genug gekleidet war. Und im Fernsehen sehe ich die aufbrausende Menge von säkularen Israelis, die zur Demonstration gegen solch menschenverachtenden Diskriminierungen aufruft. Zudem gefiel mir die liebliche Karikatur in der Tageszeitung «Haaretz», welche Tiere einträchtig aufgeteilt in Paare, ein Weibchen mit einem Männchen, auf ihrem Weg zur Arche Noah aufzeigt, mit dem Kommentar, «so war es doch auch mal gut.»

Ich lebe jedoch glücklicherweise in Tel Aviv und kann im Bus sitzen, wo ich will. Ganz im Gegensatz zu den Frauen dieser religiösen Eiferer, die nicht nur auf der Strasse, sondern auch im öffentlichen Bus ihren biblischen Kampf ausfechten: Männer vorne – und wenn es noch Platz hat, sollen Frauen strikt separiert in den hinteren Regionen Platz nehmen. Ich dränge mich auch an der Supermarktkasse unisex nach vorne, so wie es fast alle Israelis tun. Ist doch völlig normal. Die jungen Frauen dieser Stadt sind so attraktiv und leicht bekleidet wie sonst nirgends, parat für den Aufriss von anständigen und auch weniger anständigen Männern, die sich über die weiblichen Besucher der hiesigen Clubs und Bars eher sehr freuen als aufregen.

Die israelische Frau ist meist Mutter von durchschnittlich drei Kindern und balanciert souverän ihre Arbeit mit dem Muttersein. Das Mütterchen am Herd ist keine Option: dies, weil ein Einkommen alleine hier im heiligen Land niemals eine Familie ernähren kann. Fakt ist, was momentan in Beit Shemesh und in den ultrareligiösen Quartieren Jerusalems abläuft, hat überhaupt keinen Einfluss auf das restliche Land. Die meisten israelischen Frauen können also ihre von der Natur geschenkte Weiblichkeit grenzenlos ausleben und sind von morgens bis abends dermassen beschäftigt, dass sie von irgendwelchen weiblichen Diskriminierungen, ausgenommen derjenigen, welche die leider immer noch vorherrschende globale Situation der Frauen im allgemeinen darstellt, nicht viel mitbekommen.

Ich habe mich schon in Hosen gekleidet, (ultraorthodoxe Frauen dürfen nur lange Röcke tragen), mit Rabbinern unterhalten und fühlte mich als Frau in meinen Begegnungen mit frommen Juden niemals benachteiligt, nicht willkommen oder nicht akzeptiert. Wenn ich im Voraus weiss, dass ich eine Synagoge besuche oder bei einer frommen Familie zum Shabbat eingeladen bin, dann kleide ich mich jeweils passend zum Event, das macht man einfach so, schliesslich geht man ja auch nicht im Mini oder oben fast ohne in die Kirche. Angepasste Kleidung zeugt von Respekt und Achtung.

Auch die Kinder und deren Eltern werden schon früh mit den verschiedenen religiösen oder säkularen Prägungen und Auffassungen dieses Landes konfrontiert. Montags ist beispielsweise Spieltag in unserer Quartierssynagoge, welche ich am Shabbat und an den Feiertagen jedoch recht selten besuche, schliesslich bin ich ja säkular. Ich wähle diesen Ort also nicht etwa, weil ich Religion auch im Alltagsleben aktiv praktizieren will, nein, es ist viel einfacher. Meine Kinder möchten nach dem Kindergarten einfach noch etwas spielen und basteln, zudem regnet es hier oft im Winter und man kann nicht auf den Spielplatz, deshalb ist dies eine gute Lösung. Viele nicht-fromme Eltern sitzen dort zusammen mit den frommen Eltern an einem Ort, und bewundern ihren Nachwuchs und freuen sich gemeinsam über die spielenden Kinder, ob mit Kopfbedeckung oder auch ohne.

Wenn die Kinder drei Jahre alt sind, müssen die Eltern jedoch beginnen, sich zu entscheiden. Beim Einschreiben für den staatlichen Kindergarten wählt man zwischen einer rein staatlichen oder staatlich-religiösen Institution. Wir mussten überhaupt nicht wählen, weil es für uns völlig klar war, dass wir unsere Tochter bestimmt nicht in einen religiösen Kindergarten schicken. Vielleicht hätten wir es doch tun sollen. Die staatlichen Kindergärten sind nämlich relativ lieblos, und die Kindergärtnerinnen sind innerlich bereits pensioniert. Sie betreuen 31 Kinder in einer Klasse und sind oft sogar zu faul, die kleinen Knirpse zumindest ab und zu auf die Toilette zu begleiten.

Nach dieser Enttäuschung wollte ich meine Tochter sofort in den staatlich-religiösen Kindergarten transferieren, der ist erstens näher von unserem Zuhause und zweitens waschen sich die Kinder dort vorschriftsmässig die Hände vor dem Essen, schliesslich ist dies ein religiöses Ritual. Was mir letzlich egal ist. Hauptsache die Kinderhände sind sauber. Der staatlich-religiöse Kindergarten zeigt sich auch optisch viel einladender, und die frommen Kindergärtnerinnen sind auch noch nicht uralt. Logisch, der Staat pulvert viel mehr Geld in die religiösen Einrichtungen als in die staatlich-säkularen, denn ohne den politischen Segen der Frommen im Land, kann Premier Netanjahu ja auch nicht regieren. Sie verfügen über Macht. Sie sind das Zünglein an der Waage der derzeitigen Regierungskoalition. Und die Regierung muss sich diesen Segen aus der Staatskasse teuer erkaufen.

Nach langen Diskussionen bleibt unsere Tochter jetzt doch in ihrem bisherigen rein staatlichen Kindergarten. Wer weiss, was die Kindergärtnerin im religiösen Kindergarten gesagt hätte, wenn die Tochter ständig davon redet, dass sie doch viel lieber ein Junge wäre und ihre Eltern sogar arabische, muslimische Freunde haben. Das hätte vermutlich nicht wirklich in eine religiöse jüdische Institution gepasst und im säkularen Kindergarten sind die älteren Damen leider viel zu sehr mit den 31 Kinder überfordert, als dass sie Zeit hätten, meiner Tochter Mut zu machen, dass man doch auch als Mädchen unheimlich viel Spass haben kann, zumindest in Tel Aviv und ausserhalb der Hochburgen einiger Gruppen sektiererischer religiöser Fanatiker.

wyler*Yael Wyler ist Regisseurin. Sie wurde in der Schweiz geboren und studierte in Zürich Germanistik und Philosophie. Sie lebt heute mit ihrer Familie in Tel Aviv (Israel).

«Mutti» ist in Führung gegangen…

Mamablog-Redaktion am Freitag den 16. Dezember 2011

Eine Carte Blanche von Mamablog-Leser Auguste.

Germany Europe Financial Crisis

Eine mächtigere Frau hat die Welt der Moderne noch nicht gesehen: Angela Merkel am 13. Dezember 2011.

Vor zwei Wochen ereignete sich Historisches. In Brüssel scharten sich 25 EU-Staaten hinter die Führung einer Frau, die ihnen Gewichtiges abverlangte und wahrscheinlich noch abverlangen wird. Nur ein grosses Inselreich widersetzt sich weiterhin tapfer…

Was bringt alle diese Regierungschefs dazu, ihr Schicksal und auch weitgehend das ihrer Länder zu einem beträchtlichen Teil in die Hände der deutschen Kanzlerin zu legen, im Vertrauen darauf, dass diese Frau brauchbare Lösungsansätze finden wird in chaotischen Zeiten?

Zweifellos ist ein wichtiger Grund die relative Stärke Deutschlands. Das wissen wir alle. Aber braucht es nicht sehr viel mehr, dass man grosse Stücke der eigenen Souveränität aufgibt und den Vorgaben eines andern folgt, der sich vor noch nicht allzu langer Zeit als barbarischer Todfeind gebärdet hatte? Wäre man auch einem deutschen Kanzler so geschlossen gefolgt?

Schwer zu sagen. Tatsache bleibt aber, dass man in fast ganz Europa bereit war, einer Frau zu folgen und dies, deutet man den ausbleibenden Aufschrei richtig, weit herum als akzeptabel, ja sogar notwendig angesehen hat. Machen wir uns nichts vor, solch eine Gefolgschaft gibt es nicht gratis. Die Frau hat mutmasslich den grössten Geldbeutel von allen und kommt aus einer der reichsten Gegenden. Aber es ist viel mehr die Art und Weise, wie sie sich auf europäischem Parkett bewegt hat in diesen krisenhaften Zeiten, die ihr zu dieser Position verholfen hat. Rational, beharrlich und mit einem ausgeprägten Sinn für das Machbare hat sie und neben ihr der quirlige, leicht hyperaktive französische Präsident nach Lösungen gerungen, die in einem aufgescheuchten EU-Hühnerstall endlich ein klein wenig für Beruhigung sorgten.

Die Klarheit im Denken, die Stärke im Verteidigen von unpopulären Positionen und ein unprätentiöser Auftritt in langweiligen, mehr schlecht als recht sitzenden Hosenanzügen haben in den letzten Monaten ein neues Bild der modernen Frau geschaffen, welches ganz ohne Ideologie auskommt und von einem unverstellten Blick auf herrschende Realitäten geprägt ist. Im Vordergrund steht immer die Lösungssuche – ohne politische und ideologische Scheuklappen. Genderdispute würde die «beharrliche Kanzlerin» wohl als weitestgehend unnütz und gestrig mit einem Streich von der Tischplatte fegen. Es gibt viel Wichtigeres in unserem Leben.

Erstaunlicherweise hört man aus feministischen Kreisen nur wenig über Angela Merkel. Eine mächtigere Frau hat die Welt in der Moderne noch nicht gesehen – obwohl Frau Thatcher nicht weit dahinter liegt. Aber die Pragmatik dieser höchst demokratischen und mit allen politischen Wassern gewaschenen Regierungschefin verhindert es, sie ideologisch vereinnahmen zu können. Sie ist vielleicht die modernste Frau der Welt im Moment: Eigenständig, intelligent, verantwortungsvoll, mit klarem Kopf Probleme anpackend und doch so einfühlsam, dass sie die Bodenhaftung nie verliert. Darüber hinaus eine Landesmutter, die zwar nicht fehlerlos ist, aber eben öfter das Richtige tut als das Falsche.

Genderfragen werden uns wohl nie ganz loslassen, aber Persönlichkeiten wie die deutsche Kanzlerin oder unsere eigenen Magistratinnen sorgen dafür, dass wir von der Gleichberechtigung der Geschlechter viel weniger weit weg sind, als viele in Rock und Hose glauben. Oder bin ich vielleicht etwas geblendet?

Wie danken Auguste für diesen Beitrag.

Sorgerecht verpflichtet

Mamablog-Redaktion am Freitag den 9. Dezember 2011

Eine Carte Blanche von Leila Straumann.

Die einseitige Fokussierung auf das Sorgerecht blendet die Pflicht beider Eltern aus, auch die finanziellen Bedürfnisse des Kindes zu erfüllen: Vater mit Tochter.

In letzter Zeit werden Männer immer öfter als grosse Verlierer der Frauenemanzipation dargestellt. Aus einer Bewegung, die eigentlich beiden Geschlechtern zugute kommt, wird ein Geschlechterkampf konstruiert. Ein Paradebeispiel sind Scheidungen: Gewisse Medien und einige Väterorganisationen zitieren Männer, denen die Ex-Frau nach einer Kampfscheidung die Kinder vorenthält. Als Lösung wird das gemeinsame Sorgerecht propagiert, das nun vom Bundesrat tatsächlich als Regelfall vorgesehen wird.

Ich behaupte nicht, dass es diese besonders drastischen Einzelschicksale nicht gibt. Sie sind aber nicht repräsentativ: Scheidungen verlaufen in den allermeisten Fällen einvernehmlich und fast die Hälfte der geschiedenen Eltern beantragt schon heute das gemeinsame Sorgerecht. Vergessen geht auch, dass Väter, die ihr Besuchsrecht nicht oder nur unzuverlässig wahrnehmen, mindestens ebenso häufig sind wie Mütter, die den Kontakt der Väter zu ihren Kindern erschweren.

Es geht bei diesem Thema nicht in erster Linie um die Rechte der Eltern, sondern um ihre Verpflichtungen gegenüber den Kindern: Diese brauchen Obhut, Liebe und Zuwendung. Aber sie brauchen auch finanzielle Sicherheit. Die einseitige Fokussierung auf das Sorgerecht blendet die Pflicht beider Eltern aus, auch die finanziellen Bedürfnisse des Kindes zu erfüllen. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung wird diese Verantwortung grösstenteils von den Müttern übernommen: In Bern erhalten 60 Prozent der alleinerziehenden Frauen Alimente, diese machen jedoch bei einem Kind nur gerade ein Fünftel des Haushaltseinkommen aus. Einelternfamilien sind deshalb einem überdurchschnittlichen Armutsrisiko ausgesetzt, ein Viertel von ihnen bezieht Sozialhilfe. Der Revision des Sorgerechts muss deshalb zwingend eine Neuregelung von Unterhaltsfragen folgen.

Manchmal frage ich mich, was sich die Väter vom gemeinsamen Sorgerecht erhoffen, das sie im Februar lautstark mit einer Pflastersteinaktion von Bundesrätin Sommaruga gefordert hatten: Wollen sie tatsächlich Familien- und Erwerbsarbeit partnerschaftlich teilen und im Alltag der Kinder präsent sein? Wollen sie vielleicht sogar Hauptbetreuungsperson ihrer Kinder sein? Oder möchten sie ihre Kinder weiterhin jederzeit sehen können, ohne auf die Kinderbetreuung durch ihre Ex-Partnerin zu verzichten?

Auch in den zahlreichen Scheidungsfamilien mit gemeinsamem Sorgerecht wohnen die Kinder nämlich grösstenteils bei der Mutter (71 Prozent), eine effektive gemeinsame Sorge (im Sinne einer geteilten Betreuung) wird nur von 16 Prozent gelebt. In der Realität haben wir es also nach wie vor mit einer traditionellen Rollenverteilung zu tun: Die Mutter verzichtet zugunsten der Kinderbetreuung auf einen Teil ihres Lohns und Karrierechancen, der Vater widmet sich den Kindern in seiner Freizeit. Ich bezweifle, dass sich dies ändert, wenn das gemeinsame Sorgerecht zum Regelfall wird.

Trotzdem begrüsse ich die Revision des Sorgerechts, denn sie nimmt auch diejenigen Männer in die Pflicht, die die Familienarbeit bisher in die Hände der Frauen legten. Väter sollen nicht nur mitbestimmen, sondern sich auch mitkümmern. So müssen sie künftig, ebenso wie die Mütter, einen Wohnortswechsel mit dem anderen Elternteil absprechen, wenn er die Ausübung von Sorgerecht und -pflicht beeinträchtigt. Wer die Kinder betreut, darf alltägliche Entscheidungen selbständig treffen und bleibt so autonom in der Organisation des Familienalltags. Und nicht zuletzt steht das Wohl des Kindes und der hauptbetreuenden Person über dem gemeinsamen Sorgerecht, das in Fällen von häuslicher Gewalt, Suchtkrankheiten oder Abwesenheit eines Elternteils verwehrt wird.

In erster Line erhoffe ich mir durch die Gesetzesrevision einen Impuls für die Gesellschaft, der durch eine Neuregelung der Unterhaltsfragen verstärkt wird. Meine Vision sieht so aus: Väter nehmen schon während dem Zusammenleben ihre Sorgepflicht wahr und teilen bezahlte und unbezahlte Arbeit mit ihrer Partnerin oder Ex-Partnerin. Wirtschaft und Politik schaffen Rahmenbedingungen, damit Männer für ihre Kinder da sein und Frauen ihre ökonomische Unabhängigkeit bewahren können: flexible Arbeitsbedingungen und Teilzeitarbeit, Elternurlaub, Lohngleichheit und genügend zahlbare Krippenplätzen sind selbstverständlich.

Wenn wir das erreichen, sind wir einen grossen Schritt weitergekommen auf dem Weg zur Gleichstellung.

Leila Straumann ist Leiterin der Abteilung Gleichstellung von Frauen und Männern des Kantons Basel-Stadt.

Kindermachen ohne Grenzen

Mamablog-Redaktion am Freitag den 2. Dezember 2011

Eine Carte Blanche von Rahel Leupin.

mamablog

Samenbanken preisen Homedelivery an und bewerben die «Befruchtung Zuhause»: Mütter mit ihrem Baby.

Ich muss etwas ausholen. Seit Februar 2011 lebe ich in San Francisco. Genau, das ist die freizügige Insel der USA. Very liberal, wie die Amerikaner zu sagen pflegen. Noch nie wurde meine Aufgeschlossenheit so oft auf den Prüfstand gestellt wie in den letzten Monaten. Zum Beispiel am Hunky-Jesus-Wettbewerb zu Ostern im Dolores Park. Da verkleiden sich Männer als Jesus und wetteifern um den best aussehendsten und most sexy Heiland. Natürlich ist das lustig, wenn das Preiskommitee jedem noch das Schürzchen von den Lenden rupft. Und natürlich ist es cool, dass der ganze Anlass von den Sisters of Perpetual Indulgence organisiert wird, ein Orden schwuler Nonnen. Aber ist es nicht einfach auch total daneben? Ein Andermal stehe ich an einer Bar und nippe an einem alkoholfreien Drink als ein splitternackter Mann neben mir einen Whisky Sour bestellt und sich lässig auf einen Barhocker hievt. Es überrascht mich dann nicht zu erfahren, dass San Francisco Nacktsein in der Öffentlichkeit offiziell erlaubt.

Nun, als unsere Tochter im Mai zur Welt kam und ich mich den obligaten Müttergruppen stellte, war ich darauf vorbereitet, über Stillprobleme und Schlafentzug zu plaudern. Zugegeben das war die Regel. Aber schnell fiel mir auf, wieviele Mütter hier von ihrer «wife», also ihrer Gattin sprachen. Und schnell musste ich lernen, dass wenn eine Mutter ihren «Partner» erwähnte, sie dabei selten ihren Mann meinte, sondern viel öfter ihre weibliche Lebenspartnerin oder ihren schwulen Freund, der auch der Vater des Kindes ist. Diese Familienkonstellationen verlangten für mich ganz nach neuen Diskussionsthemen. So zum Beispiel warum bei einem lesbischen Paar die Familie der nicht-biologischen Partnerin Schwierigkeiten hat, das Baby zu akzeptieren. Oft muss ich dabei über mich selbst schmunzeln und über die konservativen Familienwertvorstellungen, die tief drin in mir schlummern. Erstaunlich finde ich aber vor allem mit welcher Selbstverständlichkeit über künstliche Befruchtung gesprochen wird, respektive mit welcher Natürlichkeit Frauen, ob heterosexuell, alleinstehend oder lesbisch, ihren Kinderwunsch verfolgen und dabei keine Methoden scheuen.

Da spüre ich sie wieder, die Grenze meiner persönlichen Toleranz. Samenbanken preisen Homedelivery an und bewerben die «Befruchtung Zuhause». Unsere lesbische Vermieterin erzählte wie sie einen Samenspender-Katalog durchblätterte und überfordert war, Ethnie und Beruf ihres potenziellen Spenders zu bestimmen. Die zu jedem Spender dazugehörige Hörprobe fand sie dann doch auch etwas too much. Auf einer Halloween-Babyparty unterhielt ich mich mit einer Mom, die erwähnte, dass sie alleinerziehend war. Automatisch gab ich ein paar mitfühlende Wortfetzen von mir. «Oh no», erwiderte die Mutter, «das habe ich selbst so gewählt. It’s good!» Das zweite Mal, als mir eine single Mom begegnete, gab ich mir keine Blösse und fühlte nicht mehr mit. Sie fuhr fort, dass sie co-parenting mache. Was war das denn schon wieder? «Nun», erklärte sie, «ich bin eine single Frau und wollte unbedingt ein Kind. Ein schwuler Freund von mir, der in einer langjährigen Beziehung lebt, hatte denselben Wunsch. Wir sind alle drei zusammengezogen und haben nach der Truthahn-Pipetten-Methode (hier bekannt als ‹turkey baster method›) ein Kind gezeugt.» «That is so San Francisco!», war alles was mir dazu einfiel.

Rahel Leupin war zehn Jahre in Zürich im Kulturbereich tätig und lebt heute mit ihrem Mann in San Francisco. Sie ist seit sechs Monaten Mutter einer Tochter.

Eins ist eins zu wenig

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 30. November 2011

Ein Papablog von Daniel Kaufmann.

SCHWEIZ FAMILIE ALLTAG

Die Zauberformel für die Schweizer Idealfamilie lautet 1+1+2: Vater, Mutter und zwei Kinder. (Bild: Keystone)

Ich muss hier etwas beichten: Unsere Familie, also wir, wie soll ich das sagen, wir sind insgesamt weniger als vier, aber doch mehr als zwei, also eigentlich sind wir drei, genau genommen, ich will sagen, wir haben nur ein Kind. Wir wussten nicht, dass das verboten ist. Ganz ehrlich. Wir dachten, dass in Sachen Kinder jede Anzahl erlaubt sei. Als zum Beispiel bei uns die Zahl noch Null war, schien alles in Ordnung. Keiner kam und sagte, jetzt muss aber ein Kind her. Trotzdem kam dann eines. Und damit fingen die Probleme an. Wenn auch nicht sofort. Wenn so ein Kind zur Welt kommt, hat man erst mal Ruhe. Also nicht von Seiten des Kindes her natürlich – das kann ziemlich Radau machen –, aber die Umgebung, Freunde, Verwandte, Bekannte geben sich damit erst mal zufrieden. So nach zwei Jahren dann gibt es die ersten versteckten Hinweise. Sie kommen nonverbal, per Augenzwinkern, Schulterklopfen, Rippenstösse, und wenn das nichts hilft, wirds ausgesprochen: «Das Kind braucht ein Geschwisterchen. Hopp!»

Seither verlaufen die Gespräche mit Menschen, die wir vorher gemocht haben, etwas eintönig. Sie landen immer bei Kind Nr. 2. Dabei gäbe es so schöne Themen: Philosophie, die Bundesratswahlen, Lys Assias Eurovisions-Comeback. Ich meine, bei anderen Entscheidungen wie der Wahl unserer Möbel haben uns unsere Freunde freie Hand gelassen. Aber bei der Familienplanung fordern nun alle ein Mitspracherecht. Wir haben nun begonnen, uns gesellschaftlich etwas zurückzuziehen.

Wir sind ja immerhin drei zu Hause, da haben wir schon mehr an sozialen Kontakten als damals Adam und Eva. Das muss reichen. Eine gewisse Zeit haben unsere Ex-Freunde noch versucht, uns telefonisch zu erreichen. Doch Telefone kann man abstellen. Manchmal läutet es an der Türe. Aber wir öffnen nicht. Wir halten auch die Fensterläden geschlossen, wenn wir daheim sind. Unser Haus hat sich zu einer Ein-Kind-Trutzburg entwickelt. Wir verfügen über Lebensmittelvorräte für zwei Monate und eine autonome Stromversorgung. Das macht uns unverwundbar.

CLACK-GESCHWISTER

In der Tat, das sieht hübsch aus: Geschwister.

Niemand mag uns. Und deshalb muss man als Drei-Personen-Haushalt die eine oder andere Einschränkung in Kauf nehmen. Auf der Strasse treffen uns missbilligende Blicke. Vierkopf-Familien gehen kopfschüttelnd an uns vorüber. Sie schütteln sämtliche vier Köpfe, über die sie verfügen. Als wir nach Italien in die Ferien fuhren, wurden wir an der Grenze von misstrauischen Zöllnern kontrolliert. Was? Nur ein Kind? Dann schauten sie im Kofferraum und in den Radkästen nach, ob nicht noch ein zweites versteckt sei. Nicht mal Betty Bossi mag uns. Alle ihre Rezepte sind für vier Personen berechnet. Sogar die chinesischen Rezepte. Dabei frage ich mich, ob man überhaupt von chinesischem Essen sprechen kann, wenn es für vier Personen vorgesehen ist.

Gerade fühle ich mich den Chinesen mit ihrer Ein-Kind-Kultur sehr verbunden. Ich möchte mich jetzt auch nach einem chinesischen Fahrzeug umsehen. Von der mächtigen europäischen Autolobby werden wir diskriminiert. Die bieten nur Sportwagen mit zwei Sitzen oder Familienautos mit vier- oder fünf Sitzen an. Für uns ist da immer ein Platz zu wenig oder einer zu viel. Und das, wo alle Effizienz im Strassenverkehr fordern.

Aber so schnell lassen wir uns nicht unterkriegen. Im Gegenteil. Ich rufe hiermit alle 1-Kind-Familien zum Widerstand auf. Lasst uns Rezeptbücher für drei Personen veröffentlichen. Lasst uns Autos bauen. Und Dreizimmer-Wohnungen. Lasst uns ein Spiel entwickeln, dass «Drei gewinnt» heisst. In drei Teufels Namen.

Daniel Kaufmann ist Produzent bei «Giacobbo/Müller» und gehört zum Autorenteam der Radiosatire «Zweierleier» mit Birgit Steinegger und Walter Andreas Müller auf DRS 1.