Eine Carte Blanche von Yael Wyler*.

Ein verunstaltetes Plakat einer Facebook-Kampagne in Israel, die sich gegen die Verbannung von Frauen aus dem öffentlichen Raum richtet. (Bild: Reuters)
Natürlich verfolge ich die Berichte über das Schulmädchen, das in Beit Schmesch, in der Nähe von Jerusalem, von religiösen ultraorthodoxen jüdischen Extremisten auf ihrem Schulweg angespuckt wurde, weil sie in deren Augen nicht anständig genug gekleidet war. Und im Fernsehen sehe ich die aufbrausende Menge von säkularen Israelis, die zur Demonstration gegen solch menschenverachtenden Diskriminierungen aufruft. Zudem gefiel mir die liebliche Karikatur in der Tageszeitung «Haaretz», welche Tiere einträchtig aufgeteilt in Paare, ein Weibchen mit einem Männchen, auf ihrem Weg zur Arche Noah aufzeigt, mit dem Kommentar, «so war es doch auch mal gut.»
Ich lebe jedoch glücklicherweise in Tel Aviv und kann im Bus sitzen, wo ich will. Ganz im Gegensatz zu den Frauen dieser religiösen Eiferer, die nicht nur auf der Strasse, sondern auch im öffentlichen Bus ihren biblischen Kampf ausfechten: Männer vorne – und wenn es noch Platz hat, sollen Frauen strikt separiert in den hinteren Regionen Platz nehmen. Ich dränge mich auch an der Supermarktkasse unisex nach vorne, so wie es fast alle Israelis tun. Ist doch völlig normal. Die jungen Frauen dieser Stadt sind so attraktiv und leicht bekleidet wie sonst nirgends, parat für den Aufriss von anständigen und auch weniger anständigen Männern, die sich über die weiblichen Besucher der hiesigen Clubs und Bars eher sehr freuen als aufregen.
Die israelische Frau ist meist Mutter von durchschnittlich drei Kindern und balanciert souverän ihre Arbeit mit dem Muttersein. Das Mütterchen am Herd ist keine Option: dies, weil ein Einkommen alleine hier im heiligen Land niemals eine Familie ernähren kann. Fakt ist, was momentan in Beit Shemesh und in den ultrareligiösen Quartieren Jerusalems abläuft, hat überhaupt keinen Einfluss auf das restliche Land. Die meisten israelischen Frauen können also ihre von der Natur geschenkte Weiblichkeit grenzenlos ausleben und sind von morgens bis abends dermassen beschäftigt, dass sie von irgendwelchen weiblichen Diskriminierungen, ausgenommen derjenigen, welche die leider immer noch vorherrschende globale Situation der Frauen im allgemeinen darstellt, nicht viel mitbekommen.
Ich habe mich schon in Hosen gekleidet, (ultraorthodoxe Frauen dürfen nur lange Röcke tragen), mit Rabbinern unterhalten und fühlte mich als Frau in meinen Begegnungen mit frommen Juden niemals benachteiligt, nicht willkommen oder nicht akzeptiert. Wenn ich im Voraus weiss, dass ich eine Synagoge besuche oder bei einer frommen Familie zum Shabbat eingeladen bin, dann kleide ich mich jeweils passend zum Event, das macht man einfach so, schliesslich geht man ja auch nicht im Mini oder oben fast ohne in die Kirche. Angepasste Kleidung zeugt von Respekt und Achtung.
Auch die Kinder und deren Eltern werden schon früh mit den verschiedenen religiösen oder säkularen Prägungen und Auffassungen dieses Landes konfrontiert. Montags ist beispielsweise Spieltag in unserer Quartierssynagoge, welche ich am Shabbat und an den Feiertagen jedoch recht selten besuche, schliesslich bin ich ja säkular. Ich wähle diesen Ort also nicht etwa, weil ich Religion auch im Alltagsleben aktiv praktizieren will, nein, es ist viel einfacher. Meine Kinder möchten nach dem Kindergarten einfach noch etwas spielen und basteln, zudem regnet es hier oft im Winter und man kann nicht auf den Spielplatz, deshalb ist dies eine gute Lösung. Viele nicht-fromme Eltern sitzen dort zusammen mit den frommen Eltern an einem Ort, und bewundern ihren Nachwuchs und freuen sich gemeinsam über die spielenden Kinder, ob mit Kopfbedeckung oder auch ohne.
Wenn die Kinder drei Jahre alt sind, müssen die Eltern jedoch beginnen, sich zu entscheiden. Beim Einschreiben für den staatlichen Kindergarten wählt man zwischen einer rein staatlichen oder staatlich-religiösen Institution. Wir mussten überhaupt nicht wählen, weil es für uns völlig klar war, dass wir unsere Tochter bestimmt nicht in einen religiösen Kindergarten schicken. Vielleicht hätten wir es doch tun sollen. Die staatlichen Kindergärten sind nämlich relativ lieblos, und die Kindergärtnerinnen sind innerlich bereits pensioniert. Sie betreuen 31 Kinder in einer Klasse und sind oft sogar zu faul, die kleinen Knirpse zumindest ab und zu auf die Toilette zu begleiten.
Nach dieser Enttäuschung wollte ich meine Tochter sofort in den staatlich-religiösen Kindergarten transferieren, der ist erstens näher von unserem Zuhause und zweitens waschen sich die Kinder dort vorschriftsmässig die Hände vor dem Essen, schliesslich ist dies ein religiöses Ritual. Was mir letzlich egal ist. Hauptsache die Kinderhände sind sauber. Der staatlich-religiöse Kindergarten zeigt sich auch optisch viel einladender, und die frommen Kindergärtnerinnen sind auch noch nicht uralt. Logisch, der Staat pulvert viel mehr Geld in die religiösen Einrichtungen als in die staatlich-säkularen, denn ohne den politischen Segen der Frommen im Land, kann Premier Netanjahu ja auch nicht regieren. Sie verfügen über Macht. Sie sind das Zünglein an der Waage der derzeitigen Regierungskoalition. Und die Regierung muss sich diesen Segen aus der Staatskasse teuer erkaufen.
Nach langen Diskussionen bleibt unsere Tochter jetzt doch in ihrem bisherigen rein staatlichen Kindergarten. Wer weiss, was die Kindergärtnerin im religiösen Kindergarten gesagt hätte, wenn die Tochter ständig davon redet, dass sie doch viel lieber ein Junge wäre und ihre Eltern sogar arabische, muslimische Freunde haben. Das hätte vermutlich nicht wirklich in eine religiöse jüdische Institution gepasst und im säkularen Kindergarten sind die älteren Damen leider viel zu sehr mit den 31 Kinder überfordert, als dass sie Zeit hätten, meiner Tochter Mut zu machen, dass man doch auch als Mädchen unheimlich viel Spass haben kann, zumindest in Tel Aviv und ausserhalb der Hochburgen einiger Gruppen sektiererischer religiöser Fanatiker.
*Yael Wyler ist Regisseurin. Sie wurde in der Schweiz geboren und studierte in Zürich Germanistik und Philosophie. Sie lebt heute mit ihrer Familie in Tel Aviv (Israel).








Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
auf Facebook





















