Archiv für die Kategorie „Politik/Gesellschaft“

Tränen der Rührung sind erwünscht

Michael Marti am Donnerstag den 25. Februar 2010
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«Familiäre Notwehr gegen die permanente Zerstreuung»: «Zeit-Magazin» zu drängenden Erziehungsfragen.

Wie schlimm steht es um die heutigen Eltern? Haben wir Mamas und Papas womöglich alle den Verstand verloren? Sicher aber den Anstand? So, wie es zahlreiche Voten von Nichteltern in den hitzigen Blog-Diskussionen von letzter Woche behaupten?

Wie auch immer. Das Magazin der deutschen «Zeit» zumindest hält es in seiner neuesten Nummer für angebracht, mit einem 24-seitigen «Elternknigge» heutige Mamas und Papas zu lehren, was ihren Kindern guttut und was zu viel des Guten ist. Redaktionsleiter Christoph Amend meint zu diesem Dienst an den Erziehungsberechtigten: «Der Anspruch, den Kindern die bestmögliche Erziehung und Bildung zukommen zu lassen, ist heute riesig. Der Elternknigge ist kein verbindlicher Leitfaden, sondern soll den Eltern gleichzeitig Hilfestellung und Anregung sein.» Nicht immer ganz ernst gemeint, aber zumeist witzig, bietet der Elternknigge Antworten auf die 55 drängendsten Erziehungsfragen, die besten davon möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. Hier sind sie, zitiert aus dem aktuellen «Zeit-Magazin», meist leicht gekürzt:

Dürfen Eltern beim Essen aufstehen und telefonieren? Nein. Nein. Nein. Telefonieren können wir auch noch später. Also Stecker rausziehen, Anrufbeantworter an, Handy aus stumm schalten. Und alle zu Tisch. Das ist kein moralischer Despotismus, sondern familiäre Notwehr gegen die permanente Zerstreuung.

Soll ich meinem Kind erzählen, wie viel ich verdiene? Unbedingt. Sobald das Kind ein Geheimnis für sich behalten kann.

Darf ich vor meinem Kind weinen? Tränen der Rührung sind erwünscht. Tränen der Wut erlaubt. Tränen der Trauer notwendig. Tränen des Kindes wegen sollte man möglichst nur weinen, wenn das Kind nicht dabei ist.

Darf ich meinem Kind Prinzessin Lillifee verbieten? Unbedingt. Kinder bekommen vieles in die Wiege gelegt, guten Geschmack nicht. Eltern können gar nicht früh damit anfangen, ihn ihren Kindern beizubringen.

Wann soll ich mit meinem Kind das erste Bier trinken? Wenn Sie selber kein Bier trinken: nie. Wenn Sie aber ab und an mal ein Bier trinken, müssen Sie ihrem Kind sogar irgendwann etwas davon abgeben. Das ist Teil der Erziehung. Im besten Fall lernen Kinder so einen kultivierten Umgang mit Alkohol – klingt fürchterlich, es gibt ihn aber.

Darf ich meinem Kind eine falsche Entschuldigung schreiben? Nein. Lügen ist falsch. Schriftliches Lügen erst recht. Und die Kinder auch noch zu Komplizen der eigenen Unfähigkeit zu machen, Verantwortung zu übernehmen, geht gar nicht. Klares Nein.

Soll ich meinen Kindern sagen, was ich wähle? Ja, aber seien Sie vorbereitet, mit Widersprüchen in Ihren eigenen politischen Vorstellungen konfrontiert zu werden.

Darf ich der Facebook-Freund meines Kindes sein? Gegen eine Facebook-Freundschaft von Eltern und Kindern ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Doch statt das Kind durch eine Anfrage in Verlegenheit zu bringen, wartet man lieber, ob es von sich aus den Kontakt sucht. Tut es das, haben sich die Eltern bewährt: Sie sind ihrem Kind offenbar nicht peinlich.

Muss ich meinem Kind vom Osterhasen vorschwindeln? Unbedingt. Kindern in sich schlüssigen Unsinn zu erzählen, zum Beispiel vom Osterhasen, ist eine wunderbare Vorbereitung fürs Leben. Wer eines Tages in seinem Bettchen aufwacht und feststellt, dass er von seinen wichtigsten Vertrauten jahrelang systematisch angelogen wurde, wird sich nie wieder so leicht etwas vormachen lassen.

Darf das Baby mit zur Party? Es gibt gute Orte für Babys und es gibt schlechte Orte für Babys. Eine Party ist kein guter Ort.

So viel zum Elternknigge unserer Kollegen vom deutschen «Zeit-Magazin» (Gehen Sie an den nächsten Kiosk und kaufen Sie sich die aktuelle Nummer, Sie unterstützen damit die Bezahlpresse).

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Gefragte Mamabloggerinnen: Michèle Binswanger und Nicole Althaus in «Le Temps».

Und zum Schluss erlauben Sie mir bitte eine Bemerkung in eigener Sache: Mit dem grossen Erfolg des Mamablogs sind unsere beiden Autorinnen Nicole Althaus und Michèle Binswanger seit einiger Zeit schon gefragte Fachfrauen für Interviews und Porträts in den verschiedensten Medien. Nun sogar über die Sprachgrenze hinaus – lesen Sie dazu den Beitrag der welschen Zeitung «Le Temps».

MICHAEL-MARTI_100Michael Marti, 43, ist Stellvertretender Chefredaktor von Newsnetz und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

Super-Daad

Michael Marti am Mittwoch den 24. Februar 2010
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«Im Jahr 2015 werde ich 68 Jahre alt sein und 100 Kinder haben»: Daad Mohammed Murad Abdul Rahman, Bürger der Vereinigten Arabischen Emirate, mit einem Teil seiner Familie.

Moderne Männer wie unsereins fragen sich bereits bei ihrem ersten Kind ganz bange, werde ich denn ein guter Papa sein? Werde ich genug Zeit finden, mir genug Zeit nehmen für meinen Nachwuchs? Werde ich mein Kind in einem Mass lieben, wie man Kinder lieben muss?

Oft genug – wir wissen es – geraten moderne Männer angesichts dieser Fragen dermassen ins Grübeln, dass ihnen das  Kindermachen ganz verleidet und sie ihren Samen ein Leben lang nur der schnöden Lust willen strömen lassen.

Anders, so ganz anders Daad Mohammed Murad Abdul Rahman, Bürger der Vereinigten Arabischen Emirate. Der 63 Jahre zählende Mann, über den mittlerweile Weltmedien wie CNN oder die New York Times berichten, ist Vater von unglaublichen 84 Nachkommen. Womöglich sind es schon 85, die Zahl wächst ja ständig. Man kann nur hoffen, dass wenigstens Daad Mohammed selbst sie exakt kennt. Der arabische Rekordvater, der dem Wort Familienplanung eine ganz neue Dimension verleiht, hegt übrigens noch grosse Ambitionen. Gegenüber der Zeitung «Emirates Today» sagte er: «Im Jahr 2015 werde ich 68 Jahre alt sein und 100 Kinder haben.» Man muss wissen, Abdul Ramen, der mit 24 erstmals Vater wurde, strebt einen Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde an.

Und die Mütter? Abdul Rahman war bereits 17 Mal verheiratet, immer wieder lässt er sich von seinen  Gattinnen scheiden, da ihm seine Religion, der Islam, lediglich vier Ehefrauen aufs Mal erlaubt. Man darf aber auch als Nichtmuslim zweifeln, ob Allah das Treiben seines zeugungssüchtigen Sohnes nur mit Wohlgefallen verfolgt.

Die wahrscheinlich weltgrösste Familie lebt auf fünfzehn Häuser verteilt, auch das berichtete CNN. Stammhalter Abdul Rahman lebt von einer Militärpension und erhält grosszügige Unterstützung des Emirats Ajman. Dies reicht, um seine Ex-Gattinen – die Gebärerinnen stammen aus Indien, Pakistan, Bangladesch, dem Iran und dem Oman – und die Früchte seiner Baby-Farm durchzubringen. Auch was die Potenz staatlicher Familienförderung anbelangt, kann man hier nur sagen: andere Länder, andere Sitten.

Es gibt selbstverständlich Fragen, die offen bleiben. Fragen, welche die Weltmedien leider nicht stellten. Mich beispielsweise würde interessieren, ob  Super-Daad Mohammed Murad Abdul Rahman jedes seiner 84, womöglich bereits 85, Kinder beim Namen kennt. Und was er seinen Söhnen und Töchtern jeweils zum Geburtstag schenkt. Was denken Sie?

Lesen Sie auch: Les Miserables II


MICHAEL-MARTI_100Michael Marti, 43, ist Stellvertretender Chefredaktor von Newsnetz und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

Kinder willkommen! Der Mamablog empfiehlt Restaurants

Nicole Althaus am Mittwoch den 10. Februar 2010
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Es isst zusammen, was zusammengehört: Szene aus Ang Lee's «Eat Drink Man Woman» (1994).

«Wenn Kinder das Normalste auf der Welt wären, könnten wir uns diese Diskussion ersparen», schrieb ein Kommentator gestern.  Er trifft den Nagel auf den Kopf. Kinder gehören zum Leben. Aber selbstverständlich nicht überall hin. Abends nicht in eine Bar. Im Wellnesshotel nicht in die Sauna, zum Wickeln nicht auf den Tisch. Und weil die meisten Menschen einen durchaus normalen Umgang mit Kindern pflegen, gibt es auch im kinderarmen Zürich Orte, an denen Familien willkommen sind. Dazu gehören bei Weitem nicht nur die Migros- und Cooprestaurants oder McDonalds-Filialen.

Damit die guten Tipps, die gestern und heute verstreut im Thread erschienen sind, nicht verloren gehen, beherzige ich den Versöhnungsvorschlag einiger Leserinnen und Leser und rufe Sie alle dazu auf, Ihre Lieblingsbeizen, die netten kinderfreundlichen Quartiercafés und sonstigen Orte zu posten, in denen Sie sich mit Ihrem Nachwuchs willkommen fühlen.

Meine Lieblingspizzeria in Zürich heisst «Da Michelangelo» und befindet sich an der Gertrudstrasse 37 im Zürcher Kreis 3. Im grosszügigen Lokal, das einst Ämtlerhalle hiess und  eine Quartierbeiz war, wird  Italianità nicht herbeigeredet, sondern gelebt und serviert. Geburtstage werden gefeiert, Familien kommen zusammen, Pärchen treffen sich und zwei grosse Tische sind reserviert für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein Nebeneinander und Miteinander, das laut dem Capo problemlos ist. Denn: Die meisten Familien kommen am frühen Abend, essen mit dem Nachwuchs eine Pizza, und wenn gegen 20 Uhr die Kinderlosen und Pärchen eintreffen, bezahlen sie und bringen die Kids ins Bett.

Und wie lauten Ihre Lieblingsadressen?

Brauchen werdende Eltern einen Fähigkeitsausweis?

Michèle Binswanger am Mittwoch den 3. Februar 2010
Schlechte Eltern: Sollte man sie am Kinderkriegen hindern?

Sollte es unfähigen Eltern nicht besser verboten werden, Kinder zu kriegen?

Zimperlich war der britische Komiker Ricky Gervais noch nie. Der Erfinder von «The Office» stellt zielsicher bloss, was sich zu ernst nimmt, und kennt dabei keine Bisshemmungen: grosse Egos von kleinen Chefs, AIDS, Dicke, Schwule oder die Hollywood-Prominenz – er macht sich über alles lustig. Ricky Gervais schiesst auf alles, was sich bewegt. Besonders das, was die Leute da draussen bewegt. Zuweilen wagt er sich damit auch an die Schmerzgrenze, als er etwa vor versammelter Hollywood-Prominenz die Golden Globe Awards moderierte. «Ich schaue mir all diese Gesichter hier an und muss an die grossartige Arbeit denken, die heuer bewerkstelligt wurde – von plastischen Chirurgen. Sie sehen grossartig aus!» So begrüsste er die säuerlich lächelnden Stars.

Vergangene Woche zielte er auf Mütter und Väter, als er in einem Interview mit der Sunday Times sagte, unverantwortliche Eltern zu sterilisieren erschiene ihm als probates Mittel gegen die Überbevölkerung. Der Journalist fragte nach, wie er sich denn das vorstelle. Darauf Gervais:«Auf der Basis eines dummen, fetten Gesichts. Wenn du eine Frau in Leggins siehst, die Chips frisst und dazu ne Kippe raucht, sterilisier sie. Unverantwortliche Eltern sollte man abschaffen.» Er selber habe übrigens nie Kinder gewollt, weil er nicht 16 Lebensjahre in etwas investieren wollte, was bloss Ärger bedeute.

Ricky Gervais in seiner Paraderolle in der Serie The Office.

Ricky Gervais in seiner Paraderolle als David Brent in der Serie «The Office» (2001).

Im Netz wurden die markigen Worte sofort verbreitet und zum Teil erschrocken kommentiert. Das war zu erwarten, aber Gervais nun gleich des Faschismus zu verdächtigen, hiesse die Blödelei zu ernst zu nehmen. Aber man kann sich natürlich fragen, welchen Nerv er damit trifft. Vielleicht zielte er mit seinen Worten auf die Welle der bloggenden und schreibenden Leute, die sich im angelsächsischen Raum neuerdings zum Bad Parenting bekennen und sich rühmen, wegen eines bisschen Babysittens nicht auf den alten Lifestyle oder einen Gin Tonic verzichten zu wollen.

Eher noch denke ich aber, dass Gervais einfach ausgesprochen hat, was viele denken, aber nicht zu sagen wagen. Weil es vielleicht wirklich schon zu viele Kinder gibt, weil in der Elternschaft im Grunde jeder versagt, weil wir alle zu egoistisch sind. Weil das Problem der Überbevölkerung vielleicht tatsächlich gelöst wäre, wenn nur die wirklich zur Elternschaft Prädestinierten sich fortpflanzen würden.

Vielleicht nehmen wir auch einfach alles zu ernst. Oder was meinen Sie? Brauchen werdende Eltern einen Fähigkeitsausweis? Und wenn ja, wer sollte Kinder haben dürfen und wer nicht?

Die Schwangerhaft

Nicole Althaus am Montag den 1. Februar 2010
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Absatzfrei, alkoholfrei, stressfrei: Das freie Leben einer Schwangeren gleicht einem Gefängnis.

Schwangerschaft ist der unfreiwillige Wiedereintritt in die Unmündigkeit. Diesen Satz habe ich letztes Frühjahr in einem Blogeintrag zum Thema «Minenfeld Mutterschaft» geschrieben. Ich habe ihn damals auf ungefragte und harmlose aber nichtsdestotrotz ärgerliche Angriffe auf die Selbstbestimmung einer Schwangeren bezogen. Auf die Tatsache, dass eine Frau, kaum zeigt der Schwangerschaftstest zwei Streifen, am besten sofort und in aller Freiwilligkeit auf koffeinfreien Kaffee, absatzfreie Schuhe und alkoholfreie Getränke umstellt. Denn sonst sind gewisse Mitmenschen ihrerseits so frei, sie darauf hinzuweisen, was sich in anderen Umständen gehört.

Niemals hätte ich damals gedacht, dass sich der Satz in Florida gerade zur selben Zeit auch rechtlich bewahrheiten könnte: Samantha Burton war 25 Wochen schwanger, als sie im März 2009 Wehen spürte. Ihr Arzt verschrieb ihr Bettruhe bis zum Geburtstermin. Als die zweifache Mutter ihn bat, eine Zweitmeinung einholen zu dürfen, weil 15 Wochen Bettruhe mit zwei kleinen Kindern und einem Job nicht so einfach zu bewerkstelligen seien, alarmierte er die Behörden. Umgehend wurde die Schwangere per Gerichtsbeschluss ins  Tallahassee Memorial Spital eingewiesen und dort gegen ihren Willen festgehalten. Weiter wurde verfügt, dass Burton sämtliche angeordneten medizinischen Eingriffe über sich ergehen lassen müsse, die  für «Leben und Gesundheit des ungeborenen Kindes» als nötig erachtet würden. Nach drei Tagen wurde die Schwangere per Notfallkaiserschnitt entbunden. Der Fötus war tot.

Das klingt wie ein Ausschnitt aus einem Horrorfilm. Wie es sich angefühlt hat, möchte Burton «jeder anderen Frau ersparen». Deshalb verklagte sie, kaum wurde sie aus dem Spital entlassen, mit Unterstützung der American Civil Liberties Union die Behörden und das Spital wegen Verletzung konstitutioneller Rechte. Das Urteil wird in den nächsten Tagen erwartet. Wird das Gericht für oder gegen die zweifache Mutter entscheiden? Samantha Burton hat immerhin zwei Kinder geboren und bisher erfolgreich aufgezogen. Sie wollte offensichtlich auch das dritte Kind, sonst hätte sie nicht fürsorglich einen Arzt aufgesucht, sondern abgetrieben. Schwangerschaftsabbrüche sind in Florida legal. Dass sie offenbar Mühe bekundete, mit dem Rauchen aufzuhören, ist ebenfalls kein Entmündigungsgrund. Genau das aber ist passiert. Die Frau wurde ihres verbrieften Rechts auf körperliche Autonomie und Unversehrtheit, auf Freiheit und damit auf die Möglichkeit, als mündige Person über medizinische Eingriffe zu entscheiden, beschnitten. Sie wurde behandelt wie ein Inkubator.

Nein, nur weil das in Amerika passiert ist und nicht bei uns, geht es uns noch lange nicht nichts an. Zwar ist es meines Wissens in der Schweiz noch nie vorgekommen, dass eine Frau auf ihre Funktion als Gebärmutter reduziert worden wäre, wohl aber gibt es auch hier die Tendenz, Schwangere, Gebärende, Stillende auf ihre Funktion als Mutter zu reduzieren und ihr Verhalten nach einem einzigen Aspekt zu bewerten: Gilt das, was sie tut, in unserer Gesellschaft gerade als gut, gesund, intelligenzfördernd für das Baby?

In Amerika konnte ich, die damals mit dem zweiten Kind schwanger war, nicht einmal einen Kaffee trinken, ohne permanent über die Wirkung des Koffeins auf den armen Fötus belehrt zu werden. Ganz so schlimm ist es hier nicht. Aber nach einem Glas Wein ist auch in der Schweiz die Mündigkeitsgrenze der Schwangeren erreicht. Ganz zu schweigen vom herrschenden Diktat in Sachen Stillen und Gebären. Ausserdem vergeht kaum ein Monat, an dem nicht irgendwo, irgendein Forscher irgendetwas findet, das das Ungeborene schon im Mutterleib traumatisiert. Mütterlicher Stress zum Beispiel, oder ein Zuwenig an gedanklicher, taktiler oder sprachlicher Zuwendung zum Babybauch.

Der moralische Handlungsspielraum einer Schwangeren und Neo-Mutter wird in der westlichen Welt je länger je mehr beschnitten. Ist daran tatsächlich bloss der Wissensfortschritt schuld?  Oder hat der Überwachungs- und Optimierungswahn andere Gründe? Wo fängt die Pflicht einer (werdenden) Mutter an und wo hört ihre Freiheit als Frau auf?

Du klingst wie deine Mutter!

Nicole Althaus am Freitag den 22. Januar 2010
MAMABLOG-STREIT

Ich habe dir schon tausendmal gesagt, dass...

Man braucht eigentlich keine Studie, um zu beweisen, was die Erfahrung fast alle Eltern lehrt: Irgendwann öffnet man den Mund und hört die eigene Mutter sprechen. Acht von zehn Eltern geben gemäss einer britischen Untersuchung zu, sich dabei zu erwischen, die eigenen Kinder mit denselben Weisheiten abzufertigen, mit denen sie selber schon ruhig gestellt worden sind. Die Top Ten der mütterlichen Erziehungssprüche, die offenbar unfreiwillig aber erfolgreich von Generation zu Generation rezykliert werden, sind trotzdem interessant. Und zwar deshalb, weil viele der Bonmots sprach- und kulturunabhängig existieren und nicht wenige quer zu den Werten stehen, welche die heutige Elterngeneration gerne propagiert. Deshalb hier die deutsche Adaption der Hitparade englischer Mama-Weisheiten:

  1. Weil ich es gesagt habe.
  2. Das wirst du schon noch merken.
  3. Es interessiert mich nicht, was alle anderen dürfen.
  4. Wir sind am Tisch und nicht im Stall.
  5. Das habe ich dir schon tausendmal gesagt.
  6. Ich kann das nicht, gibt es nicht.
  7. Wie heisst das Zauberwort?
  8. Wer A sagt, muss auch B sagen.
  9. Wer nicht genug Hunger hat, um zu Essen, hat auch keinen Platz für Dessert.
  10. Als ich noch ein Kind war…

Die Nummer eins der englischen Hitparade, der autoritäre Befehl «weil ich es gesagt habe», passt so gar nicht zum immer wieder gezeichneten medialen Porträt einer Mütter- und Vätergeneration, welche die Kinder verzieht, statt sie zu erziehen. Die es vorzieht, die lieben Kleinen mit den Worten «du bist doch schon ganz müde» ins Bett zu räsonieren, statt klare Befehle zu erteilen. Wenn Mütter ihrem Nachwuchs heute tatsächlich immer mal wieder mit den Worten «es interessiert mich nicht, was die anderen alles dürfen» in die Schranken weisen, dann ist der Erziehungsnotstand, den Supernannys und Co. allenthalben herbeireden, nichts als ein falscher Alarm. Und wenn die Nummer 17 der in der Studie erhobenen Erziehungsgrundsätze, die da heisst «wer nicht hören will, muss fühlen», keine leeren Worte bleiben, dann ist die Ohrfeige  im neuen Jahrtausend viel salonfähiger, als die Empörung darüber in englischen Familienforen aber auch in diesem Blog den Anschein macht.

Sicher ist: Auch wenn viele der rezyklierten Sprüche (Nummer 2, 8 und 10 etwa) ihren Ruhestand langsam verdient hätten, sind einige davon im Umlauf, weil sie tatsächlich ein Stück Lebenserfahrung auf Kinderniveau herunterbrechen. Und Mütter wiederholen sie nicht von Generation zu Generation, weil sie nach der Geburt zu hirnamputiertem Nachahmungstrieb tendieren, sondern weil sie den mitunter schwierigen Job gefasst haben, kleinen Lebewesen mit grossem Tatendrang aber wenig Vernunft und Einsicht, zu gesellschaftstauglichen Wesen heranzuziehen, die gut von schlecht, anständig von unanständig und gefährlich von ungefährlich unterscheiden können. Egal wie sehr sich die Kultur- und Erziehungslandschaft verändert hat, diese Aufgabe bleibt von Generation zu Generation dieselbe.

Weisheit Nummer 3, 4 und 6 haben meine Töchter jedenfalls auch schon zu hören bekommen. Und ja: dann kling ich genau wie meine Mutter. Und Sie?

Der neue Vater ist der alte geblieben

Nicole Althaus am Montag den 18. Januar 2010
Mit der Elternzeit lässt sich Politik machen aber keine neuen Väter: Cem Özdemir, der Parteivorsitzende der Deutschen Grünen, nimmt einen Strampler öffentlich entgegen. Das ist gut fürs Image.

Mit der Elternzeit lässt sich Politik machen – aber keine neuen Väter: Cem Özdemir, der Parteivorsitzende der deutschen Grünen, nimmt einen Strampler öffentlich entgegen. Das ist gut fürs Image.

Der Artikel «Vater Morgana», in dem das «Zeit-Magazin» Fazit zieht über die ersten Erfahrungen mit der Elternzeit, erschien am 30. 12., am zweitletzten Tag des Jahres 2009 also, und das ist durchaus programmatisch zu verstehen: Denn die neuen Väter waren die Stars der letzten Saison. In der Schweiz, in Amerika, vorab aber  in Deutschland, wo Ministerin von der Leyen die modernen Papas seit zwei Jahren in den Wickeldienst befördert. Überall konnte man sie antreffen, die neuen Papas, die trösten, Brei kochen und sich kümmern. Auf den Strassen, auf den Spielplätzen, vor allem aber in den Medien. Auch zwischen Buchdeckeln verkauften sich die Wickelfront-Papas bestens. Ja sogar in der Politik hat man entdeckt, dass mit dem Papa-Image gepunktet werden kann, wie der Parteichef der deutschen Grünen Cem Özdemir beweist, der über seine Elternzeit («ich will das ernsthaft machen») öffentlich Fazit zieht: «Es war eine spannende Zeit, die ich nicht missen möchte». Schön,  das glauben wir ihm gerne. Schade nur, dass die «spannende Zeit» bereits nach 6 Wochen wieder vorüber war. Und Vater Özdemir längst wieder in seinen «Politik ist ein Fulltime-Job» verschwunden ist.  Wie 90 Prozent der neuen Väter in Deutschland. Da wird man irgendwie den Verdacht nicht los, dass Spannung  für Väter ein Verfallsdatum von ein paar Wochen hat, und es danach  mit Kindern vorab eines ist: anstrengend.

MAMABLOG-FAMILIE-FEDERER

Ein Hoffnungsträger auch im Geschlechter-Match? Neo-Papa Roger Federer mit Familie.

Doch Polemik beiseite. Das Fazit, welches Jana Hensel im «Zeit-Magazin» über die ersten  zwei Jahre Elternzeit zieht, ist zappenduster. Und muss uns trotzdem interessieren, denn ein Vaterschaftsurlaub hat man doch hierzulande auch schon diskutiert, um im trauten Heim die Ordnung der Geschlechter etwas zu verändern: «Die Elternzeit-Utopie ist abgestürzt wie eine Aktie, die an der Börse zu hoch gehandelt wurde. Die ehemalige Familienministerin und jetzige Arbeitsministerin Urula von der Leyen hat sich verspekuliert.» Denn: Rund 60 Prozent der Väter blieben bloss zwei Monate zu Hause, die Mindestzeit also, um das volle Elterngeld zu kassieren, und gern parallel zu ihren Partnerinnen. 90 Prozent kehrten danach zu 100 Prozent in ihren Job zurück. Vor der Elternzeit ist nach der Elternzeit: Papa bringt das Geld nach Hause und Mama verdient zu und kümmert sich um den Nachwuchs.

Zwar hätten die Väter durchaus einen grossen Schritt gemacht, analysiert Hensel, sie seien nämlich von abwesenden Vätern zu symbolisch anwesenden Vätern geworden, die wissen wo das Waschpulver steht und der Putzlappen. Die sogar mit anpacken, wenn es der Job zulässt. Zweimal pro Woche vielleicht, abends nach Büroschluss. Immerhin. Doch genügt das?

Natürlich ist die Realität des «Superernährers» nicht ein 8-to-5-Honiglecken. Natürlich gibt es gesellschaftliche Zwänge (ungleiche Löhne, Frauen in schlecht bezahlten weiblichen Branchen etc. etc. ) Natürlich tragen Frauen auch zur Traditionalisierung der Geschlechterverhältnisse bei, in dem sie lieber 40 Prozent arbeiten, und die ernsthafte Verantwortung für das Familieneinkommen an den Liebsten delegieren. Indem sie sich noch immer in den Haupternährer verlieben und nur einen Mann mit Status heiraten wollen. Das haben wir alles in diesem Blog schon diskutiert.

Trotzdem: Der Entwurf vom neuen Vater sah anders aus.

Und ja, mit ihrer Schlussbemerkung hat die Autorin recht: Auch in meinem Bekanntenkreis zerbrechen viele Beziehungen, weil die Kluft zwischen erträumter und wirklicher Realität sich allzu stark öffnete. Auch in meinem Bekanntenkreis werden viele Väter erst nach der Trennung oder Scheidung zu wirklich neuen Vätern. Zu Papas, die in der Krippe oder Schule auftauchen, um die Kinder abzuholen, ihnen zu Hause das Abendessen zu kochen, ihre Wäsche zu waschen und sie ins Bett zu bringen. Regelmässig. Jahrein, jahraus. Auch in meinem Bekanntenkreis bringen viele Mütter erst nach der Trennung ein Einkommen nach Hause und nicht bloss ein Zuverdienst. Nach der Trennung gibt es manchmal so etwas wie Gleichberechtigung der Geschlechter und  Mann und Frau bringen die gleichen Opfer für die Kinder: In Sachen Lohn,  Beförderungen, Freizeit.

Entsteht Gleichberechtigung in der Familie nur durch finanzielle Not  und richterlichen Zwang? Sind wir gesellschaftspolitisch gesehen mit dem Latein am Ende, jetzt wo sich der Vaterschaftsurlaub bloss als kurzer Urlaub vom traditionellen Modell herausstellt? Oder wollen am Ende beide Geschlechter sich gar nicht aus den  angestammten Mutter- und Vaterrollen verabschieden?

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