Ein Papablog von Raphael Diethelm.

Sein Grinsen, aber nicht seine Glatze: Bruce Willis' Töchter Rumer Glenn, Tallulah Belle und Scout LaRue begleiten ihren Vater an die Premiere von «Ocean's Twelve» 2004. (Bild: Reuters)
«Jöh, sooo herzig, ist ihr Vater Asiate?» – «Nein, sein Vater ist Schweizer, und die Hautfarbe um die Schlitzaugen geht auf Neugeborenen-Gelbsucht zurück. Das wird sich noch ändern.» Solche oder ähnliche Gespräche durfte meine Frau nach der Geburt unseres Sohnes mehr als einmal führen. Zum Glück hat sie der zum Mädchen gemachte Junge damals nicht mitbekommen. Oder wenigstens nicht verstanden.
Er, der die Welt mit «meinen» Augen erst sehen lernte, wäre vor den Kopf gestossen worden. Den eigenen Kopf, wohlgemerkt. Denn anders als die auffällige Augenform oder die stolzen Füsse, die mir ebenfalls sehr bekannt vorkommen, kann dieser trotzige Grind nicht von mir sein. Nein, nein, nein.
Die Kopfsache betrifft eher meine Frau. Nicht bei den momentan dominierenden inneren Werten, welche die Fachliteratur als Trotzphase schönschreibt, sondern bei der Form des Schädels. Da ist der Sohnemann ganz die Mutter, beziehungsweise deren Vater. Während das strahlende Blau seiner Augen den Grossmüttern zu verdanken ist: Wir Eltern haben braune Augen – und den Witz mit dem Milchmann längst gehört.
Auch die Tochter strahlt mich, seit wir uns kennen, aus Schlitzaugen an und lebt auf grossem Fuss. Yes! Im Unterschied zum Bruder hat sie auch noch meinen Mund geerbt und ist – soweit man das nach drei Monaten erkennen kann – sowieso eher nach Papas Vorbild geraten. Yeah! (Ich weiss: Neugeborene machen von Natur aus auf Papa, damit der sie akzeptiert. Erst nach und nach wecken sie die Mama in sich …) Wenn das so weitergeht, wird ein drittes Kind mein Klon.
Die beiden Bisherigen geben auf jeden Fall regelmässig Anlass zur Frage: Hat er/sie das von dir oder von mir? Die äusseren Werte sind zwar nicht in Stein gemeisselt, sondern auf veränderliche Babyhaut gezeichnet – und trotzdem relativ endgültig einem Elternteil zuzuordnen. Oder, siehe oben, einem anderen Ahnen.
Doch gehen Sohnemanns innere Werte wie Freundlichkeit und Musikalität auf meine Kappe? Ist die Mutter der Quell seines ausgeprägten Humors und Bewegungsdrangs? Solche Gedankengänge können dazu führen, dass man dem Partner indirekte Komplimente macht, durch das Kind statt durch die Blume: Er hat deine kreative Ader, der Glückliche. Doch hinter jeder Ecke lauert Eigenlob, dessen Gestank jeden Windelberg versetzt. Doch Vaterliebe macht angenehm blind für Narzissmus.
Schwierig wirds bei entgleisten Charakterzügen oder anderen befremdenden (Un-)Fähigkeiten, die sich das Kind scheinbar im Schlaf aneignet. Dann sind gerne die Grosseltern gefragt: War ich so klein schon so gemein? Habe ich als Baby nicht besser geschlafen? Ekelte ich mich auch vor Sand?
Aus den ehrlichen Antworten malen wir uns ein verzerrtes Bild unserer Kinder. Die guten Eigenschaften leuchten in starken Farben – auf die Gefahr hin, dass das ganze Werk samt Bilderrahmen strotzt vor knalligen Tönen. Es sind ja unsere Kinder. Und sie haben ja nur Gutes von uns. Sie sind unsere Best-ofs.
Zum Glück bleiben sie das nicht. Zum Glück wachsen sie mit und an ihrer Welt. Zum Glück «beerben» sie nicht nur die Eltern, die Familie. Nur so werden sie ein Teil der Gesellschaft, der nicht nur auf unserem Mist gewachsen ist. Und eines Tages werden sie sich fragen, wem sie was weitergeben – von offensichtlichen Schlitzaugen bis zu verborgenen Sehnsüchten.

Raphael Diethelm (*1978) ist seit Mai 2011 Produzent bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet. In seiner Freizeit beschäftigt er sich liebend gern mit Tochter (*2011), Sohn (*2010) und Gemahlin und ausnahmsweise mit Vererbungslehre.




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Maurice Thiriet (32) ist seit 2008 Inlandredaktor beim «Tages-Anzeiger». 2011 wurde er mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

Rinaldo Dieziger (36) ist Gründer und Geschäftsführer von Supertext, der ersten 
Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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