Leben


Archiv für die Kategorie „Kinder“

Fördern oder überfordern?

Jeanette Kuster am Sonntag den 25. März 2012

Der nachfolgende Blog ist der letzte von Jeanette Kuster vor ihrem Mutterschaftsurlaub. Wir wünschen ihr alles Gute und freuen uns auf ihre Rückkehr als zweifache Mutter. Die Redaktion.

Im Mai wird der nationale Orientierungsplan zur frühkindlichen Förderung in den Kitas vorgestellt: Kinder und Betreuerin in einer Kindertagesstätte in Bern. (Keystone)

Soll die Kita nur Betreuungsplatz oder auch Bildungsstätte sein? Diese Diskussion wird hierzulande spätestens Anfang Sommer neu angeheizt werden, wenn das Schweizer Netzwerk Kinderbetreuung seinen sogenannten Orientierungsplan vorstellen wird, einen Bildungsplan, nach dem sich die Kitas in der ganzen Schweiz künftig ausrichten sollen.

Dass eine einheitliche Lösung nötig ist, ist nicht von der Hand zu weisen. Denn heute herrscht Wildwuchs im Schweizer Kitadschungel: Die Bestimmungen für eine Kitabewilligung unterscheiden sich von Kanton zu Kanton, zudem definieren die vorhandenen Richtlinien alleine strukturelle Aspekte wie Mindestraumgrössen. Über die erzieherische Ausrichtung der Betreuungsstätten hingegen sagen sie gar nichts aus.

Das soll der Orientierungsplan nun also ändern. Doch schon bevor er der Öffentlichkeit präsentiert wurde, regt sich Widerstand dagegen. Man solle doch «die Kinder auch einmal Kind sein lassen», sagt etwa FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Viele Eltern teilen seine Angst, man könnte die Kleinsten mit zu früher Förderung überfordern. Vor allem deshalb, weil keiner so genau weiss, was sich hinter dem Wort Bildungsplan versteckt. Sollen die Kinder künftig schon in der Kita Frühchinesich pauken? Müssen sie anstatt zu spielen Schuhe binden lernen? Und was, wenn ein Kind die gesetzten Ziele nicht erreicht?

Laut Miriam Wetter, Geschäftsführerin des Netzwerks Kinderbetreuung, sind solche Bedenken absolut unbegründet: «Der Orientierungsplan wird vielmehr festhalten, was es braucht, damit Kinder Kinder sein können – und das ist mehr als die heutigen Quadratmeter- und Hygienevorschriften.» Details möchte Wetter zum jetzigen Zeitpunkt noch keine bekanntgeben, da der Orientierungsplan erst im Mai lanciert wird. Sie empfahl mir deshalb den Besuch einer Kita, die bereits heute bildungsorientiert arbeitet, um mir ein Bild zu machen, «worum es in der frühkindlichen Bildung geht und worum nicht».

Also habe ich mir die Kita Artergut in Zürich angeschaut, die seit vier Jahren nach dem Infans-Konzept arbeitet. Beim Eintreten bleibt mein Blick gleich an der Treppe hängen: Die Stufen sind von unten bis oben durchnummeriert. Die erste Etappe des Lern-Marathons? Regula Keller, Leiterin Kita-Verbund Artergut, winkt ab: «Interessiert sich ein Kind für Zahlen, kann es sie auf diese Weise lernen. Die anderen laufen einfach darüber hinweg.»

Das System Infans beinhalte keine fixen Lernziele. «Wir trainieren keine Fertigkeiten, sondern fördern und unterstützen die bereits vorhandenen Interessen jedes einzelnen Kindes», sagt Keller. So hat die Kita auch schon einen Ausflug in eine Garage organisiert, weil gerade mehrere Kinder gleichzeitig von Autos fasziniert waren. «Wir wählen also nicht zufällig das Schwerpunktthema Häschen aus, bloss weil eine Betreuerin ein Flair für die Tiere hat, sondern gehen gezielt vor.» Um herauszufinden, welche Themen ein Kind gerade beschäftigen, werden die Kleinen beobachtet und die Erzieherinnen erstellen für jedes Einzelne ein detailliertes Portfolio.

Die Kita-Leitung hat zudem zehn Leitgedanken formuliert, die sie mit unterschiedlichen Mitteln umsetzt. «Wir möchten zum Beispiel, dass aus unseren Kindern Erwachsene werden, die offen sind für fremde Kulturen und überlegt mit unseren Ressourcen umgehen», sagt Keller. Um das erste Ziel zu erreichen, bringen die Erzieherinnen den Kindern unter anderem bei, wie man sich auf verschiedene Sprachen grüsst. «Die Kinder müssen aber einen Bezug zu den benutzten Sprachen haben. Das heisst, wir verwenden eine Sprache nur dann, wenn wir ein Kind aus dem jeweiligen Sprachraum in unserer Kita haben.» Das Umweltbewusstsein der Kinder wird durch eine kleine Sammelstelle direkt neben dem Esstisch gefördert, in der die Kleinen selbständig Papier oder Alu getrennt entsorgen.

Der offensichtlichste Unterschied zu herkömmlichen Kitas ist jedoch, dass sich die Kinder im ganzen Haus frei bewegen können. Zwar gibt es fixe Gruppen, diese finden jedoch nur zum Essen zueinander. Den Rest des Tages verbringen die Kleinen dort, wo es sie gerade hinzieht: Am Morgen wird in der grossen Runde mitgeteilt, welche Räume an diesem Tag geöffnet sind, danach entscheidet jedes Kind selber, an welchem Spiel es teilnehmen und wann es gegebenenfalls zum nächsten weiterziehen möchte. Das klingt nach vorprogrammiertem Chaos, doch Keller sagt, dass es heute in der Kita deutlich ruhiger zu und her gehe als früher, weil eben jedes Kind sein Ding machen könne.

Natürlich werden die einzelnen Aktivitäten stets mit pädagogischen Hintergedanken erstellt. So sollen die Angebote im Sortierzimmer die kognitiven und mathematischen Fähigkeiten fördern, im Bau-Bereich können die Kinder die Hand-Auge-Koordination und die räumliche Anordnung üben. «Ob die Kinder dann aber auch so spielen, wie wir uns das vorgestellt haben, bleibt ihnen überlassen», sagt Keller, «wir zwingen kein Kind zum Sortieren, wenn es die einzelnen Elemente lieber aufeinander stapelt.»

Wieviel die Fördermassnahmen den Kleinen am Ende tatsächlich bringen, ob sie ihretwegen (wie etwa die BASS-Studie besagt) eine erfolgreichere Schulkarriere hinlegen, kann ich nicht beurteilen. Um die angeblich vom Förderwahn bedrohte unbeschwerte Kindheit meiner Tochter sorge ich mich nach meinem Besuch jedoch nicht mehr. Nein, ich bin vielmehr gespannt auf den Orientierungsplan und begrüsse vor allem die längst fällige Diskussion über die pädagogische Ausrichtung unserer Kitas. Schliesslich sollen unsere Kinder dort nicht nur sicher, sondern auch sinnvoll aufgehoben sein.

Und wie sehen Sie das?

Stressfaktor Frühförderung

Mamablog-Redaktion am Freitag den 23. März 2012

Eine Carte Blanche von Nathalie Diserens Dubach*

DEU Familie Kinder Betreuung

Wer definiert, ob das Verhalten von Kleinkindern der Norm entspricht? – Kinder bauen einen Turm. (Keystone)

Ich versuchte meinem Sohn zuliebe ruhig zu bleiben – aber es fiel mir schwer. Mein 15-monatiger Bub sass auf dem Schragen, nur mit der Windel bekleidet und weinte jämmerlich, er merkte wahrscheinlich, dass bald etwas Schmerzvolles auf ihn zukommen würde. Ich war innerlich auf Hundertachtzig beim Anblick der riesigen Spritze für den Bluttest. Daher war ich perplex als der Kinderarzt mich aufforderte, ihm meine Hand zugeben, so fest wie möglich zuzudrücken und loszulassen, um bei mir eine allfällige Muskelkrankheit festzustellen, die sich notabene nach 38 Jahren noch nie bemerkbar gemacht hatte. Vielleicht würde ja diese vererbbare Krankheit den enormen Rückstand im geistigen und motorischen Bereich bei meinem nicht mal 2-jährigen Sohn erklären.

Mein Gefühl sagt mir, dass mein Sohn einfach ein Spätzünder ist. Einer, der sich sehr lange nur mit einem Gegenstand beschäftigen kann und dabei in seine Welt versinkt, während andere Kinder sich mehr bewegen und demnach andere Erfahrungen im Raum machen. Dass jene Kinder, die etwas schneller machen als andere, auch längerfristig die erfolgreicheren oder glücklicheren sind, bleibt noch zu beweisen. Seit ich unsere Leidensgeschichte mit der «Krankheit der Langsamkeit» verbreite, könnte ich ein Buch schreiben über die untypische Entwicklung des Menschen, denn jeder, der die Geschichte meines Sohnes hört, hat selber eine Geschichte zu diesem Thema auf Lager: «Meine Schwester lief erst mit 30 Monaten, mein Neffe redete erst mit 3, meine Kleine liess das Krabbeln aus, mein Freund sass als Baby nur rum.»

mbFr1

Kinder entwickeln sich nicht gleich schnell: Ein Baby betrachtet einen Rubik-Würfel.

Für mich heisst das: Es gibt das Normale einfach nicht und das ist o. k. so. Kinder werden schon von Geburt an in Schemata gepresst und ihre Leistungen werden schon als Babys bewertet. Beim Kinderarzt kam es mir vor, als wolle er sich gegen alle Eventualitäten absichern, aus Angst, man könnte ihn beschuldigen, nicht alles untersucht zu haben. Man kann aber nicht alles untersuchen – wer will schon die Kindheit im Spital bei Untersuchungen verbringen?

Ich vermisse eine gewisse Gelassenheit bei jenen, die mit Kindern beruflich zu tun haben, Ärzte, Physiotherapeuten, Heilpädagogen und Krippenpersonal. Stattdessen begegne ich nur Hilflosigkeit und Panik gegenüber Phänomenen, die nicht ins Muster passen.

Schon ein Jahr gehe ich mit unserem Sohn einmal pro Woche in die Physiotherapie und in die Frühförderung. Dort spielt unser Sohn unter professioneller Anleitung das Gleiche wie zu Hause. Ich war von Anfang an skeptisch, doch ausprobieren wollte ich es doch. Nachdem ich Zuhause schon tausende Türme gebaut hatte und es meinen Sohn «nur» Spass machte, sie zu zerstören, kam Zweifel in mir auf, ob er anfangen würde, Türme zu bauen, nur weil die Pädagogin es ihm nochmals hundert Mal zeigte.

Die grössten Fortschritte machte unser Sohn im letzten Monat, als die Therapien wegen Krankheit und Ferien ausfielen. Ein Zufall? Diesen Sommer wird man uns auf jeden Fall mit anderen Kindern draussen finden und nicht in stickigen Therapiezimmern.

nathaliediserens150x150*Die 38-jährige Ethnologin und Künstlerin Nathalie Diserens Dubach arbeitet in Zürich. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn.

Lesen Sie im nächsten Mamablog den Beitrag von Jeanette Kuster zum Thema «Fördern oder überfordern?». Sie besuchte die Zürcher Kita Artergut, die seit vier Jahren auf frühkindliche Förderung setzt – und ging der Frage nach, was das in der Kita-Praxis überhaupt bedeutet.

Quoten auf Kosten der Kinder

Nina Merli am Donnerstag den 15. März 2012
Nimmt Kindercastingshows hoch: Abigail Breslin wird in «Little Miss Sunshine» vom hässlichen Entlein zur Stripperin. (Screenshot: Youtube)

Nimmt Kindercastingshows hoch: Abigail Breslin wird in «Little Miss Sunshine» vom hässlichen Entlein zur Stripperin. (Screenshot: Youtube)

Bitte nicht! Vorgestern gab der deutsche Privatsender RTL bekannt, dass eine Kinderversion von «Deutschland sucht den Superstar» geplant ist. Ab sofort können sich 4- bis 14-jährige «begabte Kids» – beziehungsweise ihre publicitygeilen Eltern – auf der Website von «DSDS» bewerben.

«RTL macht Träume wahr! Und jetzt gehen auch die Träume der ganz jungen «DSDS»-Fans in Erfüllung. Einmal auf der grossen Superstarbühne stehen, vor einem Millionenpublikum singen und ein Star werden.»

Heisst es da. Und Dieter Bohlen, der Chef-Juror der Castingshow, freut sich: «Dass wir jetzt «DSDS Kids» machen, ist der Hammer.» Logisch, denn die Quoten von «DSDS» befinden sich gerade im Sinkflug. Also musste man sich jetzt schnell was einfallen lassen. Und mit Kindern lässt sich leicht Kasse machen. Aber die Kinder sollen ja vom ganzen Rummel auch etwas haben, darum singen die «jungen Talente um ein attraktives Preisgeld und ein Ausbildungs-Stipendium für die Zukunft». Ja so, dann ist ja alles in Ordnung. Die Kids investieren in ihre Zukunft, die Eltern dürfen ihre 15 Minuten Ruhm erleben und die Zuschauer sich den Schrott ohne schlechtes Gewissen reinziehen, denn es ist ja für einen guten Zweck.

Jetzt lässt ihn RTL auch noch auf Kinder los: Superstar-Sucher Dieter Bohlen. (rtl.de)

Jetzt lässt ihn RTL auch noch auf Kinder los: Superstar-Sucher Dieter Bohlen. (Rtl.de)

Das Ganze erinnert mich an die schrecklichen Schönheitswettbewerbe für Kinder in den USA, wo Eltern, mehrheitlich Mütter, ihre Töchter auftakeln und von einem Beauty-Contest zum nächsten jagen, wo sie dann vorgeführt und blossgestellt werden. Was sollte an einem «DSDS» für Kinder anders sein? Und wie werden die Kinder oder auch Teenager damit umgehen, wenn Dieter Bohlen sie mit der ihm so eigenen Sensibilität («Wenn das Wetter so wäre wie deine Stimme, dann würde es Scheisse regnen») von der Bühne fegt? Oder glauben Sie etwa, dass Bohlen in der Kinderversion voll auf Weichspülerkurs geht und die Kinder mit Samthandschuhen anfasst? Häme ist doch fester Bestandteil dieser Freak-Show – ein Grund, weshalb ich schon «DSDS» für Erwachsene nie schauen konnte.

rachel_crowe_xfactor_cry

Ein Kind kann nur enttäuscht werden: Die 13-jährige Rachel Crowe bricht auf der Bühne weinend zusammen als sie bei der britischen Castingshow «X Factor» ausscheidet. (Bild: Screenshot Fox)

Aber sogar wenn man Bohlen einen Maulkorb verpasst und voll auf den Jöh-Effekt setzt, die Kinder lobt und ihnen ein gutes Gefühl gibt, werden sie einen Schaden davon tragen. Wer schon mal mit Kindern Karten, ein Brettspiel oder sonst etwas gespielt hat, weiss, wie schlecht die Knirpse verlieren können. Und wer einem Kind verspricht, dass es «ein Star» werden kann, wird es nur enttäuschen. Oder fällt hier jemandem spontan auch nur ein Name eines «DSDS»-Siegers ein? Hat auch nur einer der acht Gewinner den Durchbruch geschafft? Nein. Kein einziger. Selbst wenn ein Kind zum Star avancieren sollte: Beispiele wie Macaulay Culkin, Britney Spears oder Michael Jackson zeigen, dass man Kinder, wenn man ihnen Gutes tun will, möglichst weit weg vom Scheinwerferlicht halten sollte.

Die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren hat einmal gesagt: «Es gibt kein Alter, in dem alles so irrsinnig intensiv erlebt wird wie in der Kindheit. Wir Grossen sollten uns daran erinnern, wie das war.» Genau, vor allem, wenn wir im Begriff sind, unsere Kinder Dieter Bohlen vor die Füsse zu werfen.

Darf man Kinderzeichnungen hässlich finden?

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 14. März 2012

Ein Papablog von Rinaldo Dieziger.

mamablog

Egal, wie die Zeichnungen aussehen, wir hängen sie auf: Ein junger, hoch konzentrierter Künstler. (Foto: Meesh)

Die eigene Wohnung bebildern ist eine Kunst. Anker, Mirò, Rembrandt, ein New-York-Poster von Ikea oder in ein Pferd von Rolf Knie? Hauptsache, es passt zur Einrichtung. Zum Modell Torino von Micasa, dem meistverkauften Sofa der Schweiz. Gefertigt aus unkomplizierten Mikrofasern in heiterem Hellblau.

Das Problem haben wir nicht mehr. Denn bei uns hängen neuerdings Kunstwerke, die zu allem und nichts passen. Frühe Skizzen aus einer expressionistischen Phase. Ohne Titel. Neocolor auf Recyclingpapier. Oder Werbegeschenk-Kugelschreiber auf Schuhkarton. Zum Glück nicht Öl auf Leinwand, das wäre wirklich eine Schweinerei.

Abstrakte Werke mit surrealistischen Motiven. Kurze und lange Striche in dadaistischer Linienführung. Oft Kreise. Und an mancher Stelle ist gut erkennbar, wo der Stift dem brutalen Handwerk des Meisters erlag. Postmoderne Performance-Kunstwerke. Wirr und hässlich. Schliesse man auf den Seelenzustand der Künstler; er würde zwischen postnatalem Trauma und manischer Schizophrenie schwanken.

Würde man einem Kapuzineräffchen zwei Gin Tonic und einen Bleistift in die Hand geben oder einen Eimer Farbe ausleeren und mit dem Helikopter drüberfliegen, das Resultat wäre das Gleiche. Das wusste schon Karl Valentin: «Wenn’s oana ko, isses koa Kunst. Wenn’s oana net ko, isses oa koa Kunst.»

Trotzdem haben wir die Dinger aufgehängt. Weil sie von unseren Gottikindern, Enkelkindern oder unseren eigenen kleinen Da Vincis stammen. Aber müssen wir sie deswegen auch «so herzig» oder «so süss» finden? Hängt unser Urteil davon ab, von wem etwas ist? Ist ja nicht nur bei den Zeichnungen so. Sondern auch bei den Kindern selbst. Es gibt hübsche Babys und weniger hübsche Babys. Kennen Sie Eltern, die ihre Kinder hässlich finden? Ist es eine Erfindung von Komikern wie Michael Mittermeyer, dass es AKs (Arschloch-Kinder) gibt?

Und wie gehen wir mit unserem Urteil um? Was sagen wir den Kleinen? Loben wir ihre schrecklichen Zeichnungen? Ihre kreuzfalsch geflöteten Weihnachtslieder? Wie pädagogisch wertvoll ist der Unterschied zwischen «Das hast du aber schön gesungen» und «Da hast du dir aber richtig viel Mühe gegeben»?

Meine Mama bunkert immer noch Kinderzeichnungen von mir und meinem Bruder. Und manchmal wünschte ich mir, es hätte damals schon iPhones gegeben, um unser Krippenspiel für immer in der iCloud zu verewigen. Es sind Perlen. Und so grauenvoll sie auch sein mögen, sie sind von uns.

rinaldoRinaldo Dieziger (36) ist Gründer und Geschäftsführer von Supertext, der ersten Textagentur im Internet. Er ist letztes Jahr Papa einer Tochter geworden und lebt mit seiner Familie in der Stadt Zürich.

Kinder verboten

Jeanette Kuster am Sonntag den 11. März 2012
Mamablog2

Kinder müssen leider draussen bleiben: In den USA breitet sich die «No Kids Allowed»-Bewegung auf immer mehr Restaurants und Läden aus.

Erst waren es die Raucher, nun sind die Kinder an der Reihe: In den USA werden die jüngsten Mitmenschen von immer mehr Orten verbannt. Die «No Kids Allowed»-Bewegung, etwas weniger vornehm auch als «Brat Ban» bezeichnet, breitet sich je länger desto weiter aus und sorgt dafür, dass Kinder mittlerweile in etlichen Restaurants, Kinos und Läden quer durch alle Bundesstaaten nicht mehr zugelassen sind.

Angefangen hat das Ganze eigentlich ausserhalb Amerikas: Die Malaysia Airlines erliess 2011 ein Baby-Verbot für die First Class ihrer meisten Flüge. Die Geschäftsreisenden jubelten vor Freude und so dauerte es nicht lange, bis ein Restaurant in Pennsylvania die Idee für sich entdeckte und fortan jedes Kind unter sechs Jahren als Persona non grata abstempelte. Die Reaktionen der Gäste und der Bewohner in der Umgebung waren laut einer Umfrage mehrheitlich positiv, weshalb bald weitere Anbieter nachzogen.

Kinderfreie Zonen als schlagendes Verkaufsargument? Es scheint so. Die Zielgruppe, die sich solche Orte wünscht, besteht hauptsächlich aus sogenannten DINKS, Doppelverdienern ohne Kinder. Keine schlechte Kundschaft aus wirtschaftlicher Sicht: Sie haben Geld, mit dem sie sich gerne etwas Luxus leisten. Anders als Familien, bei denen das Portemonnaie meist nicht so locker sitzt.

mamablog4

Einfach aus dem Bild schneiden: Werbung für kinderfreie Ferien. (Bild: Tjäreborg.fi)

Wenn es um edle Restaurants geht, in denen man sich zu einem romantischen Tête-à-Tête trifft, kann auch ich als Mutter den Wunsch nach einer gesitteten, kindergeschreilosen Atmosphäre nachvollziehen. Ja manchmal wünsche ich sie mir sogar selber, wenn unsere Tochter bei den Grosseltern übernachtet und mein Mann und ich wieder einmal einen Abend nur für uns haben. Und auch dass sich Kinderlose auf Leavethembehind.com bewusst ein Ferienressort aussuchen, in dem sie am Pool ganz sicher keinem Kleinkind über den Weg laufen werden, stört mich nicht weiter. Ich finde es im Gegenteil sogar positiv, sorgt es doch nicht nur bei den Kinderhassern selber, sondern auch bei den Familien für entspanntere Ferien, wenn sich die beiden Gruppen aus dem Weg gehen.

Kinder hingegen aus ganz normalen Cafés, Lebensmittelgeschäften oder gar von öffentlichen Plätzen (wie in Florida gefordert) zu verbannen, geht eindeutig zu weit. Würde man Menschen aufgrund ihrer Ethnie auf die gleiche Weise ausgrenzen, wäre das unbestritten rassistisch und somit gesetzeswidrig. Wieso also soll man eine Menschengruppe alleine aufgrund ihres Alters derart diskriminieren dürfen? Ja, Kinder sind gelegentlich laut, rennen manchmal durch die Gegend und schämen sich nicht, vor wildfremden Menschen in der Nase zu bohren. Bloss: Gibt es nicht auch Erwachsene, die sich in der Öffentlichkeit unangemessen verhalten? Pöbelt ein betrunkener 43-Jähriger in einer Bar die anderen Gäste an, wird man ihn vor die Tür setzen. Es käme keiner auf die Idee, deswegen ein Verbotsschild aufzuhängen, das künftig jedem Mann in den Vierzigern den Zutritt verbietet. Warum also wirft man alle Kinder und ihre Eltern in einen Topf, bloss weil es  ein paar unter ihnen gibt, die sich tatsächlich regelmässig daneben benehmen?

In der Schweiz bekommt man als Eltern die Abneigung Kindern gegenüber auch immer wieder einmal zu spüren, da werden Familien schon mal «versehentlich» aus Museen hinausbugsiert oder im ÖV mit giftigen Blicken traktiert, weil sie zuviel Platz in Anspruch nehmen oder es wagen, etwas lauter zu lachen. Lokale, die Kindern den Zutritt verbieten, sind aber nach wie vor selten. So sorgte das Restaurant L’O in Horgen 2008 mit seiner «Kinder unter 8 müssen leider draussen bleiben»-Policy für Schlagzeilen. Und die Café-Bar Infinito in der Zürcher Innenstadt war dank ihrem «Kinderwagen verboten»-Aufkleber auch schon Thema im Mamablog.

Ganz so konsequent halten sich die Betriebe allerdings nicht immer an ihre eigenen Richtlinien. Als ich 2010 für einen TV-Beitrag unter anderem das Infinito mit versteckter Kamera testen sollte, zeigte mir die hilfsbereite Kellnerin sofort einen idealen Abstellplatz für den Kinderwagen – nota bene im Lokal drinnen. Es war halt Mittwoch Vormittag und die Café-Bar fast leer. Wenn sonst keine Kunden auftauchen, nimmt man anscheinend dann doch auch gerne das Geld von Müttern mit ihren Kindern.

Was halten Sie von der «No Kids Allowed»-Bewegung? Ist die Idee im Grundsatz in Ordnung, solange sie nur auf gewisse Orte und zu bestimmten Zeiten angewendet wird? Oder sind Sie absolut gegen Verbote, da die Eltern schliesslich am besten wissen, welche Lokale kindertauglich sind? Ist die «Brat Ban» eine einfache Möglichkeit, zusätzliche Kunden anzulocken? Oder werden dadurch auf bedenkliche Weise Kinder und Eltern diskriminiert und zu Bürgern zweiter Klasse degradiert?