Der nachfolgende Blog ist der letzte von Jeanette Kuster vor ihrem Mutterschaftsurlaub. Wir wünschen ihr alles Gute und freuen uns auf ihre Rückkehr als zweifache Mutter. Die Redaktion.

Im Mai wird der nationale Orientierungsplan zur frühkindlichen Förderung in den Kitas vorgestellt: Kinder und Betreuerin in einer Kindertagesstätte in Bern. (Keystone)
Soll die Kita nur Betreuungsplatz oder auch Bildungsstätte sein? Diese Diskussion wird hierzulande spätestens Anfang Sommer neu angeheizt werden, wenn das Schweizer Netzwerk Kinderbetreuung seinen sogenannten Orientierungsplan vorstellen wird, einen Bildungsplan, nach dem sich die Kitas in der ganzen Schweiz künftig ausrichten sollen.
Dass eine einheitliche Lösung nötig ist, ist nicht von der Hand zu weisen. Denn heute herrscht Wildwuchs im Schweizer Kitadschungel: Die Bestimmungen für eine Kitabewilligung unterscheiden sich von Kanton zu Kanton, zudem definieren die vorhandenen Richtlinien alleine strukturelle Aspekte wie Mindestraumgrössen. Über die erzieherische Ausrichtung der Betreuungsstätten hingegen sagen sie gar nichts aus.
Das soll der Orientierungsplan nun also ändern. Doch schon bevor er der Öffentlichkeit präsentiert wurde, regt sich Widerstand dagegen. Man solle doch «die Kinder auch einmal Kind sein lassen», sagt etwa FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Viele Eltern teilen seine Angst, man könnte die Kleinsten mit zu früher Förderung überfordern. Vor allem deshalb, weil keiner so genau weiss, was sich hinter dem Wort Bildungsplan versteckt. Sollen die Kinder künftig schon in der Kita Frühchinesich pauken? Müssen sie anstatt zu spielen Schuhe binden lernen? Und was, wenn ein Kind die gesetzten Ziele nicht erreicht?
Laut Miriam Wetter, Geschäftsführerin des Netzwerks Kinderbetreuung, sind solche Bedenken absolut unbegründet: «Der Orientierungsplan wird vielmehr festhalten, was es braucht, damit Kinder Kinder sein können – und das ist mehr als die heutigen Quadratmeter- und Hygienevorschriften.» Details möchte Wetter zum jetzigen Zeitpunkt noch keine bekanntgeben, da der Orientierungsplan erst im Mai lanciert wird. Sie empfahl mir deshalb den Besuch einer Kita, die bereits heute bildungsorientiert arbeitet, um mir ein Bild zu machen, «worum es in der frühkindlichen Bildung geht und worum nicht».
Also habe ich mir die Kita Artergut in Zürich angeschaut, die seit vier Jahren nach dem Infans-Konzept arbeitet. Beim Eintreten bleibt mein Blick gleich an der Treppe hängen: Die Stufen sind von unten bis oben durchnummeriert. Die erste Etappe des Lern-Marathons? Regula Keller, Leiterin Kita-Verbund Artergut, winkt ab: «Interessiert sich ein Kind für Zahlen, kann es sie auf diese Weise lernen. Die anderen laufen einfach darüber hinweg.»
Das System Infans beinhalte keine fixen Lernziele. «Wir trainieren keine Fertigkeiten, sondern fördern und unterstützen die bereits vorhandenen Interessen jedes einzelnen Kindes», sagt Keller. So hat die Kita auch schon einen Ausflug in eine Garage organisiert, weil gerade mehrere Kinder gleichzeitig von Autos fasziniert waren. «Wir wählen also nicht zufällig das Schwerpunktthema Häschen aus, bloss weil eine Betreuerin ein Flair für die Tiere hat, sondern gehen gezielt vor.» Um herauszufinden, welche Themen ein Kind gerade beschäftigen, werden die Kleinen beobachtet und die Erzieherinnen erstellen für jedes Einzelne ein detailliertes Portfolio.
Die Kita-Leitung hat zudem zehn Leitgedanken formuliert, die sie mit unterschiedlichen Mitteln umsetzt. «Wir möchten zum Beispiel, dass aus unseren Kindern Erwachsene werden, die offen sind für fremde Kulturen und überlegt mit unseren Ressourcen umgehen», sagt Keller. Um das erste Ziel zu erreichen, bringen die Erzieherinnen den Kindern unter anderem bei, wie man sich auf verschiedene Sprachen grüsst. «Die Kinder müssen aber einen Bezug zu den benutzten Sprachen haben. Das heisst, wir verwenden eine Sprache nur dann, wenn wir ein Kind aus dem jeweiligen Sprachraum in unserer Kita haben.» Das Umweltbewusstsein der Kinder wird durch eine kleine Sammelstelle direkt neben dem Esstisch gefördert, in der die Kleinen selbständig Papier oder Alu getrennt entsorgen.
Der offensichtlichste Unterschied zu herkömmlichen Kitas ist jedoch, dass sich die Kinder im ganzen Haus frei bewegen können. Zwar gibt es fixe Gruppen, diese finden jedoch nur zum Essen zueinander. Den Rest des Tages verbringen die Kleinen dort, wo es sie gerade hinzieht: Am Morgen wird in der grossen Runde mitgeteilt, welche Räume an diesem Tag geöffnet sind, danach entscheidet jedes Kind selber, an welchem Spiel es teilnehmen und wann es gegebenenfalls zum nächsten weiterziehen möchte. Das klingt nach vorprogrammiertem Chaos, doch Keller sagt, dass es heute in der Kita deutlich ruhiger zu und her gehe als früher, weil eben jedes Kind sein Ding machen könne.
Natürlich werden die einzelnen Aktivitäten stets mit pädagogischen Hintergedanken erstellt. So sollen die Angebote im Sortierzimmer die kognitiven und mathematischen Fähigkeiten fördern, im Bau-Bereich können die Kinder die Hand-Auge-Koordination und die räumliche Anordnung üben. «Ob die Kinder dann aber auch so spielen, wie wir uns das vorgestellt haben, bleibt ihnen überlassen», sagt Keller, «wir zwingen kein Kind zum Sortieren, wenn es die einzelnen Elemente lieber aufeinander stapelt.»
Wieviel die Fördermassnahmen den Kleinen am Ende tatsächlich bringen, ob sie ihretwegen (wie etwa die BASS-Studie besagt) eine erfolgreichere Schulkarriere hinlegen, kann ich nicht beurteilen. Um die angeblich vom Förderwahn bedrohte unbeschwerte Kindheit meiner Tochter sorge ich mich nach meinem Besuch jedoch nicht mehr. Nein, ich bin vielmehr gespannt auf den Orientierungsplan und begrüsse vor allem die längst fällige Diskussion über die pädagogische Ausrichtung unserer Kitas. Schliesslich sollen unsere Kinder dort nicht nur sicher, sondern auch sinnvoll aufgehoben sein.
Und wie sehen Sie das?




*Die 38-jährige Ethnologin und Künstlerin 



Rinaldo Dieziger (36) ist Gründer und Geschäftsführer von Supertext, der ersten 

Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
auf Facebook



























































































