Archiv für die Kategorie „Kinder“

Brauchen werdende Eltern einen Fähigkeitsausweis?

Michèle Binswanger am Mittwoch den 3. Februar 2010
Schlechte Eltern: Sollte man sie am Kinderkriegen hindern?

Sollte es unfähigen Eltern nicht besser verboten werden, Kinder zu kriegen?

Zimperlich war der britische Komiker Ricky Gervais noch nie. Der Erfinder von «The Office» stellt zielsicher bloss, was sich zu ernst nimmt, und kennt dabei keine Bisshemmungen: grosse Egos von kleinen Chefs, AIDS, Dicke, Schwule oder die Hollywood-Prominenz – er macht sich über alles lustig. Ricky Gervais schiesst auf alles, was sich bewegt. Besonders das, was die Leute da draussen bewegt. Zuweilen wagt er sich damit auch an die Schmerzgrenze, als er etwa vor versammelter Hollywood-Prominenz die Golden Globe Awards moderierte. «Ich schaue mir all diese Gesichter hier an und muss an die grossartige Arbeit denken, die heuer bewerkstelligt wurde – von plastischen Chirurgen. Sie sehen grossartig aus!» So begrüsste er die säuerlich lächelnden Stars.

Vergangene Woche zielte er auf Mütter und Väter, als er in einem Interview mit der Sunday Times sagte, unverantwortliche Eltern zu sterilisieren erschiene ihm als probates Mittel gegen die Überbevölkerung. Der Journalist fragte nach, wie er sich denn das vorstelle. Darauf Gervais:«Auf der Basis eines dummen, fetten Gesichts. Wenn du eine Frau in Leggins siehst, die Chips frisst und dazu ne Kippe raucht, sterilisier sie. Unverantwortliche Eltern sollte man abschaffen.» Er selber habe übrigens nie Kinder gewollt, weil er nicht 16 Lebensjahre in etwas investieren wollte, was bloss Ärger bedeute.

Ricky Gervais in seiner Paraderolle in der Serie The Office.

Ricky Gervais in seiner Paraderolle als David Brent in der Serie «The Office» (2001).

Im Netz wurden die markigen Worte sofort verbreitet und zum Teil erschrocken kommentiert. Das war zu erwarten, aber Gervais nun gleich des Faschismus zu verdächtigen, hiesse die Blödelei zu ernst zu nehmen. Aber man kann sich natürlich fragen, welchen Nerv er damit trifft. Vielleicht zielte er mit seinen Worten auf die Welle der bloggenden und schreibenden Leute, die sich im angelsächsischen Raum neuerdings zum Bad Parenting bekennen und sich rühmen, wegen eines bisschen Babysittens nicht auf den alten Lifestyle oder einen Gin Tonic verzichten zu wollen.

Eher noch denke ich aber, dass Gervais einfach ausgesprochen hat, was viele denken, aber nicht zu sagen wagen. Weil es vielleicht wirklich schon zu viele Kinder gibt, weil in der Elternschaft im Grunde jeder versagt, weil wir alle zu egoistisch sind. Weil das Problem der Überbevölkerung vielleicht tatsächlich gelöst wäre, wenn nur die wirklich zur Elternschaft Prädestinierten sich fortpflanzen würden.

Vielleicht nehmen wir auch einfach alles zu ernst. Oder was meinen Sie? Brauchen werdende Eltern einen Fähigkeitsausweis? Und wenn ja, wer sollte Kinder haben dürfen und wer nicht?

Babys Superkräfte

Michèle Binswanger am Montag den 25. Januar 2010
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Was geht wohl im Babykopf vor? Skulptur von Ron Mueck in der National Gallery.

Als junge Mutter war ich fasziniert von der Vorstellung, wie sich vom Moment an, da Same und Eizelle zu einem Zellhaufen verschmelzen, mit unabänderlicher Konsequenz ein menschliches Bewusstsein entwickelt. Plötzlich ist es da, taucht irgendwo auf an der Schnellstrasse, die vom Embryo, der in utero mit seiner Mutter koexistiert, zum saugenden und schreienden Baby führt, zum brabbelnden und herumwankenden Dreikäsehoch, bis zum ernst in die Welt blickenden Kind, das alle Grundlagen des Verstandes hat und bereits die grossen Fragen der Menschheit stellt.

Die grossen Frager der Menschheit hingegen, die Philosophen, interessierten sich umgekehrt bislang kaum dafür, was in so einem kleinen Babykopf passiert. Babys, so nahm man einfach an, hätten noch kein Bewusstsein, oder es liesse sich philosphisch nicht analysieren, weil es, wie Pragmatist William James formulierte, nichts weiter als eine grosse, blühende, geschäftige Verwirrung sei.

Verwirrung spielt auch im neuen Buch «The Philosophical Baby» der amerikanischen Entwicklungspsychologin und dreifachen Mutter Alison Gopnik eine grosse Rolle. Allerdings sieht sie darin keinen Mangel, sondern die Grundlage für höhere kognitive Leistungen, ein Potenzial, das Erwachsene oft versiegen lassen.

Ungefiltert stürzt die Welt auf Babys ein, chaotisch und ungeordnet. Im Hier und Jetzt gefangen, ohne Begriff für Zeit, Raum, Ursache und Wirkung, ohne Instrumente, das Erlebte zu filtern, fehlt Babys gewissermassen die Verstandesmatrix. Um sich in den Kopf eines Babys zu versetzen, müsse man sich vorstellen, man werde in einer fremden, geschäftigen Stadt abgeworfen, ohne Plan und Ziel, bombardiert von neuartigen Eindrücken, weder der Sprache noch der Gebräuche mächtig. Was würde der Erwachsene an so einem Ort anfangen? Er müsste sich etwas einfallen lassen. Die Leute beobachten, sie imitieren, versuchen zu verstehen. Er würde komische Laute ausstossen, um mit ihnen zu sprechen. Er würde sich etwas seltsam benehmen, aber mit kreativen Strategien irgendwann seinen Platz finden. Genau das tun auch Babys. Nur in extremis, denn wo ein Erwachsener immer schon einen Plan hat, eine Sprache, Begriffe, auf die er aufbauen kann, fängt das Baby buchstäblich bei Null an.

Dafür umso eifriger! Sobald Umwelt da ist, experimentiert es damit, analysiert und passt seine Ergebnisse konstant an. Derweil es heranwächst, ist es gezwungen, sein Verständnis der Welt immer wieder vollkommen umzukrempeln, alles, was es bislang zu wissen glaubte, muss es hinter sich lassen, um eine immer wieder neue Existenz und neue Identität mit ihren Möglichkeiten zu umarmen. Als innovativer und flexibler Erwachsener gelingt einem eine solche Neuerfindung vielleicht zwei, drei Mal im Leben. Das Kind wälzt sein Leben all paar Monate vollkommen um. Und deshalb sind Babys und Kinder, so Gopniks These, so etwas wie ein Superwissenschaftler. Wie die grossen Künstler und Ingenieure beobachten sie die Welt nicht nur um herauszufinden, wie sie ist, sondern sie sehen auch, wie sie sein könnte. Sie gehören, was unsere Spezies betrifft, in die Abteilung «Forschung und Entwicklung», wo wilde Visionen und Innovationen entworfen werden. Als Erwachsener wechselt man dann in die Abteilung Produktion und Marketing, wo auf Ziele und Abläufe fokussiert wird.

Immerhin gibt es laut Gopnik Möglichkeiten, das verschüttete Babypotenzial wieder zu erreichen. Reisen zum Beispiel, weil man da mit fremden Eindrücken überschwemmt wird und sich so die Welt neu erfahren lässt. Oder Meditation, die einen die Gleichzeitigkeit alles Möglichen erfahren lässt. Oder Elternschaft, so sehr diese uns an die Produktionsabteilung zu fesseln scheint. Sie gibt die Struktur vor, in der ein neuer Superwissenschaftler heranreifen kann. Ein faszinierendes Forschungsexperiment.

Fitness for Mom

Michèle Binswanger am Dienstag den 19. Januar 2010
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Meine Güte, dieses Östrogen! Meine Güte, dieses Testosteron! Auch Schlitteln ist eine Art Extremsport (Bild: Keystone)

Zum Glück gab es die Neunzigerjahre. Hätte es diese nicht gegeben, wäre ich vielleicht nie mit dem Dogma der Flexibilität in Berührung gekommen. Die Berührung entwickelte sich mit meiner Mutterschaft schnell zu einer Liebesbeziehung, die mir ermöglicht, auf vieles zu verzichten. Zum Beispiel auf den Verzicht selbst. Schliesslich kann man auch als Mutter fast alles machen, solange man flexibel genug ist. Letztlich ist alles nur eine Frage der Interpretation.

Zum Beispiel Wintersport. Die konventionelle Auffassung davon beinhaltet, sich vor majestätischer Bergkulisse unter Heerscharen von in bunte Schichten von Polyester gehüllten und mit Gleitutensilien aller Art bewehrten Wintersportophilen die Hänge runterzustürzen. Aber man kann auch anders. In unseren ersten Familien-Skiferien musste ich diesen Terminus ganz neu interpretieren. Denn der dreijährige Sohn war für die Skischule noch nicht reif, weshalb ich, die ich den Rummel auf den Pisten nicht sonderlich schätze, mit ihm das Kleinkindprogramm durchzog.

Es war ein wunderschöner Tag, die Sonne strahlte, vor dem gleissenden Schnee warfen sich verschneite Tannen, schmucke Hüttchen und bizarre Bergzinken in Pose. Ich stellte mir einen ruhigen Wandertag in der majestätischen Bergwelt abseits der Pisten mit einer langen Schlussabfahrt auf dem Schlitten vor und fuhr mit dem Sohn ins Skigebiet.

Zunächst suchten wir uns inmitten malerisch eingeschneiter Holzhütten ein stilles Plätzchen und machten es uns gemütlich. Allerdings verlor das Plätzchen viel von seiner Stille, als der Sohn zu spielen begann: Piraten! Speere! Kanonen! Messer! Flugzeuge! Peng Peng Peng!

Meine Güte, dieses Testosteron, dachte ich und versuchte, wenigstens die Landschaft zu würdigen, derweil ich das Spiel des Sohnes mit periodischen Rufen interpunktieren musste: «Achtung! Da geht es runter! Halt dich fest!» Meine Güte, dieses Östrogen, sagte ich mir und sah schliesslich ein, dass ich mehr Action bieten musste.

Also nahmen wir den Winterwanderweg zur Munggä-Hütte. Der Sohn auf dem Schlitten, ich an der Reissleine. Der Schlitten war schwer, der Weg steil, die Sonne brannte. Schweissgebadet stapfte ich gleichmässig durch die stille Berglandschaft. Als sich plötzlich ein Rentner an meine Fersen heftete, bewaffnet mit Wanderstöcken, einer bescheuerten Sonnenbrille und einem entschlossenen Grinsen. Seine Ehefrau lag bereits weit abgeschlagen im Feld, und Opa sah in der Mutter mit dem Dreijährigen im Schlepptau eine leichte Beute am Berg. Ich aber habe nicht nur eine Bergsteigerkondition, sondern auch einen bissigen Ehrgeiz. Ich nahm den Fehdehandschuh auf. Opa würde sich noch wundern.

Die anderen Winterwanderer warfen uns nachdenkliche Blicke zu, wie wir hochrot und mit fliegenden Lungen den Berg raufrannten. Leider war das nicht die Art von Action, die dem Sohn vorschwebte und von Teamsport hatte er auch noch nie gehört. Er rutschte ungeduldig auf dem Schlitten herum und schwächte so meine Position empfindlich. Dann begann er zu quengeln: «Ich will Pauseeeee! Runterfahren!»

Ich keuchte: «Später, wir sind noch nicht bei der Munggä-Hütte.» Aber man kann sich nicht ein Rennen liefern und gleichzeitig Abtrünnige überzeugen. Wohl oder übel musste ich Opa an uns vorbei schnaufen lassen und stürzte mit dem Sohn zähneknirschend zu Tal. Als wir unten ankamen, war der Kleine begeistert. Und weil er wahrhaft mein Sohn ist, musste es auch gleich Extrem-Schlitteln sein. Wir fuhren mit der Gondel wieder hinauf, mit dem Schlitten runter. Und dann gleich nochmals. Rauf, runter, rauf, runter, rauf, runter. «Mehr!» jauchzte der Sohn jedes Mal, wenn wir oben ankamen. «Ächz!», antwortete ich und das war in etwa alles, zu was ich noch fähig war, als die Bahnen endlich schlossen.

Abends in der Hütte wunderte sich mein Mann. «So kaputt, von dem bisschen Schlitteln?», fragte er. «Ich glaube, du musst mehr Sport treiben.»

Der neue Vater ist der alte geblieben

Nicole Althaus am Montag den 18. Januar 2010
Mit der Elternzeit lässt sich Politik machen aber keine neuen Väter: Cem Özdemir, der Parteivorsitzende der Deutschen Grünen, nimmt einen Strampler öffentlich entgegen. Das ist gut fürs Image.

Mit der Elternzeit lässt sich Politik machen – aber keine neuen Väter: Cem Özdemir, der Parteivorsitzende der deutschen Grünen, nimmt einen Strampler öffentlich entgegen. Das ist gut fürs Image.

Der Artikel «Vater Morgana», in dem das «Zeit-Magazin» Fazit zieht über die ersten Erfahrungen mit der Elternzeit, erschien am 30. 12., am zweitletzten Tag des Jahres 2009 also, und das ist durchaus programmatisch zu verstehen: Denn die neuen Väter waren die Stars der letzten Saison. In der Schweiz, in Amerika, vorab aber  in Deutschland, wo Ministerin von der Leyen die modernen Papas seit zwei Jahren in den Wickeldienst befördert. Überall konnte man sie antreffen, die neuen Papas, die trösten, Brei kochen und sich kümmern. Auf den Strassen, auf den Spielplätzen, vor allem aber in den Medien. Auch zwischen Buchdeckeln verkauften sich die Wickelfront-Papas bestens. Ja sogar in der Politik hat man entdeckt, dass mit dem Papa-Image gepunktet werden kann, wie der Parteichef der deutschen Grünen Cem Özdemir beweist, der über seine Elternzeit («ich will das ernsthaft machen») öffentlich Fazit zieht: «Es war eine spannende Zeit, die ich nicht missen möchte». Schön,  das glauben wir ihm gerne. Schade nur, dass die «spannende Zeit» bereits nach 6 Wochen wieder vorüber war. Und Vater Özdemir längst wieder in seinen «Politik ist ein Fulltime-Job» verschwunden ist.  Wie 90 Prozent der neuen Väter in Deutschland. Da wird man irgendwie den Verdacht nicht los, dass Spannung  für Väter ein Verfallsdatum von ein paar Wochen hat, und es danach  mit Kindern vorab eines ist: anstrengend.

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Ein Hoffnungsträger auch im Geschlechter-Match? Neo-Papa Roger Federer mit Familie.

Doch Polemik beiseite. Das Fazit, welches Jana Hensel im «Zeit-Magazin» über die ersten  zwei Jahre Elternzeit zieht, ist zappenduster. Und muss uns trotzdem interessieren, denn ein Vaterschaftsurlaub hat man doch hierzulande auch schon diskutiert, um im trauten Heim die Ordnung der Geschlechter etwas zu verändern: «Die Elternzeit-Utopie ist abgestürzt wie eine Aktie, die an der Börse zu hoch gehandelt wurde. Die ehemalige Familienministerin und jetzige Arbeitsministerin Urula von der Leyen hat sich verspekuliert.» Denn: Rund 60 Prozent der Väter blieben bloss zwei Monate zu Hause, die Mindestzeit also, um das volle Elterngeld zu kassieren, und gern parallel zu ihren Partnerinnen. 90 Prozent kehrten danach zu 100 Prozent in ihren Job zurück. Vor der Elternzeit ist nach der Elternzeit: Papa bringt das Geld nach Hause und Mama verdient zu und kümmert sich um den Nachwuchs.

Zwar hätten die Väter durchaus einen grossen Schritt gemacht, analysiert Hensel, sie seien nämlich von abwesenden Vätern zu symbolisch anwesenden Vätern geworden, die wissen wo das Waschpulver steht und der Putzlappen. Die sogar mit anpacken, wenn es der Job zulässt. Zweimal pro Woche vielleicht, abends nach Büroschluss. Immerhin. Doch genügt das?

Natürlich ist die Realität des «Superernährers» nicht ein 8-to-5-Honiglecken. Natürlich gibt es gesellschaftliche Zwänge (ungleiche Löhne, Frauen in schlecht bezahlten weiblichen Branchen etc. etc. ) Natürlich tragen Frauen auch zur Traditionalisierung der Geschlechterverhältnisse bei, in dem sie lieber 40 Prozent arbeiten, und die ernsthafte Verantwortung für das Familieneinkommen an den Liebsten delegieren. Indem sie sich noch immer in den Haupternährer verlieben und nur einen Mann mit Status heiraten wollen. Das haben wir alles in diesem Blog schon diskutiert.

Trotzdem: Der Entwurf vom neuen Vater sah anders aus.

Und ja, mit ihrer Schlussbemerkung hat die Autorin recht: Auch in meinem Bekanntenkreis zerbrechen viele Beziehungen, weil die Kluft zwischen erträumter und wirklicher Realität sich allzu stark öffnete. Auch in meinem Bekanntenkreis werden viele Väter erst nach der Trennung oder Scheidung zu wirklich neuen Vätern. Zu Papas, die in der Krippe oder Schule auftauchen, um die Kinder abzuholen, ihnen zu Hause das Abendessen zu kochen, ihre Wäsche zu waschen und sie ins Bett zu bringen. Regelmässig. Jahrein, jahraus. Auch in meinem Bekanntenkreis bringen viele Mütter erst nach der Trennung ein Einkommen nach Hause und nicht bloss ein Zuverdienst. Nach der Trennung gibt es manchmal so etwas wie Gleichberechtigung der Geschlechter und  Mann und Frau bringen die gleichen Opfer für die Kinder: In Sachen Lohn,  Beförderungen, Freizeit.

Entsteht Gleichberechtigung in der Familie nur durch finanzielle Not  und richterlichen Zwang? Sind wir gesellschaftspolitisch gesehen mit dem Latein am Ende, jetzt wo sich der Vaterschaftsurlaub bloss als kurzer Urlaub vom traditionellen Modell herausstellt? Oder wollen am Ende beide Geschlechter sich gar nicht aus den  angestammten Mutter- und Vaterrollen verabschieden?

Lesen Sie zu diesem Thema auch:

Das Federer-Experiment
Die abgetakelten Superernährer
Feminisierte Väter

Eltern mit Handycap

Nicole Althaus am Freitag den 15. Januar 2010
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Wann behindert eine Behinderung der Eltern die Entwicklung eines Kindes? Die Tetraplegikerin Kaney O'Neill mit ihrem Baby.

Vor ein paar Jahren habe ich für eine Reportage eine blinde Mutter durch ihren Alltag begleitet, bin mit ihr einkaufen gegangen und habe ihr beim Kochen geholfen. Ich habe zugesehen, wie sie das Kind, einen viermonatigen Jungen, wickelte und anzog, wie sie problemlos mit dem Ohr ortete, wohin der Nuggi gefallen war, wie sie dem Baby mit den  Händen über die Wangen strich und feststellte, dass die eine Seite etwas röter war als die andere, ihr Söhnchen wahrscheinlich am Zahnen.  Wenn man sie fragte, wie ihr Sohn aussah, sagte sie: «Seine Haare sind braun, wie ihr sagt, für mich aber fühlen sie sich an wie Moos nach dem Regen und  die Haut ist zart wie der Frühlingswind. Nur seine Augen, die blau sind, wie ihr sagt, die würde ich wirklich gerne sehen.»

Die Mutter war Anfangs Dreissig, damals, arbeitete Teilzeit als Anwaltsassistentin und teilte sich Haushalt und Betreuung des Sohnes mit dem Mann. Sie liess sich durch scheinbar gar nichts behindern, aber sie kannte durchaus ihre Grenzen: «Jetzt ist es noch einfach. Jetzt braucht der Kleine nur Milch und Kleider und Liebe. Bald aber wird er sich alles in den Mund stopfen und später auf Bäume klettern wollen. Ich will nicht, dass meine Behinderung ihn behindert. Wohl kann ich mit ihm den ersten Schneemann bauen, aber das Klettern und vieles andere werde ich dem Papa überlassen müssen.»

Ihr Sohn müsste jetzt ungefähr vier sein, ein kleines Energiebündel also, das gerade seine körperlichen Grenzen am Ausloten ist. Was, wenn dieser Papa nicht mehr da ist? Wenn sich die Eltern, wie jedes zweite Paar, getrennt haben oder trennen wollen? Ich musste an die blinde Mutter denken, als ich auf einem Elternforum die Diskussion verfolgte, die ein Gerichtsfall, der zur Zeit in Chicago verhandelt wird, auslöste: Dort streiten sich Kaney O’Neill und David Trais um das Sorgerecht für ihren fünfmonatigen Sohn Aiden. Die Mutter ist Tetraplegikerin, seit ein Hurrikan sie vor zehn Jahren vom Balkon riss. Der Richter wird entscheiden müssen, ob der Vater Recht bekommt, der argumentiert, das Handycap seiner Ex schränke sie als Mutter so sehr ein, dass sie Aiden keine sichere und glückliche Kindheit garantieren könne. Oder ob er das Sorgerecht der Mutter überlässt, die auf gleiche Rechte für Behinderte pocht und glaubt, eine gute Mutter zu sein, auch wenn sie mit dem Bub nicht Fussball spielen könne.

Ich bin froh, diese Entscheidung nicht fällen zu müssen. Denn das Kindswohl, das bei solchen Fällen zur Anwendung kommt, ist ein weites Feld mit unscharfen Grenzen. Und eine Entscheidung zugunsten des Vaters wird wohl schnell als Diskriminierung ausgelegt. Ich finde aber, dass der Fall diskussionswürdig ist, weil er zum Kern der Frage führt, wie wir heute das Kindeswohl definieren. Dass mütterliche Taxidienste und Skikurse nicht entscheidend sein dürfen, ob O’Neil das Sorgerecht für ihr Baby bekommt, darin gehen wohl die meisten einig. Was aber muss eine Mutter können, ausser Lieben und Dasein, um das Kindswohl nicht zu gefährden? Reicht es, wenn sie ihre Grenzen kennt und genügend Hilfe beansprucht? Wann  behindert eine Behinderung die Entwicklung eines Kindes? Und  – die etwas ketzerische, aber entlarvende Frage  – wie sähen die Chancen eines behinderten Vaters aus im Kampf um das Sorgerecht?

Warum ich keine Kinder möchte

Nicole Althaus am Montag den 11. Januar 2010
«Ich habe durchaus eine Vision von mir als Mutter. Darin kommt das erwachsene Kind zu Besuch. Was ich mir nicht vorstellen kann, sind die Jahre davor.»

«Ich habe durchaus eine Vision von mir als Mutter. Darin kommt das erwachsene Kind zu Besuch. Was ich mir nicht vorstellen kann, sind die Jahre davor.»

Unter den Leserinnen und Lesern des Mamablogs gibt es neben sehr vielen Vätern, vielen Müttern, einigen Omas und Opas auch ein paar Kinderlose. Ich finde das gut. Offenbar riecht es hier nicht nach Windeln und nur selten wird verbal das elterliche Revier mit Duftnoten markiert, die Menschen ohne Nachwuchs vertreiben. Vielleicht kann man sich im Mamablog sogar virtuell an eine mögliche Elternrolle herantasten, wie das Kommentatorin Noch-nicht-Mami tut oder nach Entscheidungshilfen suchen, wie Nia, am Montag im Blog «Ausdauer statt Aufbruch». Deshalb widmet sich der Mamablog heute und morgen der grossen Frage nach dem Kinderwunsch.

Meine Büropartnerin Barbara Klingbacher, Journalistin und überzeugte Kinderlose, liest den Mamablog regelmässig (auch aus Freunschaft und beruflichen Gründen natürlich) und das regelmässige Lesen hat sie zur Geschichte «Brauch ich für mein Glück ein Kind?» in der NZZ am Sonntag angeregt. Ich finde den Text interessant und diskussionswürdig (zugegeben auch aus Freundschaft und weil Barabara einige der wenigen Frauen ist, die ich kenne, die seit 10 Jahren standhaft keine Kinder will), hauptsächlich aber weil es einer der seltenen Texte über die Entscheidung gegen die Mutterrolle ist, welche diese nicht ex negativo fällt.  Das Kinderglück wird nicht kleingeredet, sondern die Autorin tastet sich der Frage entlang, warum sie trotz einer Ahnung um dieses Glück keinen Kinderwunsch verspürt:

Wir sind seit fast zehn Jahren ein Paar, ausreichend Zeit also, sich vorzustellen, wie es mit einem Kind wäre, ob es seine schwarzen Locken und meine grünen Augen hätte, wie wir unser leben darumherum organisieren könnten. Aber das Kind im Konjunktiv war immer eine Möglichkeit von vielen und sobald es konkret wurde, fielen uns stets deutlich mehr Argumente dagegen als dafür ein. Nicht, dass wir zweimal im Jahr auf die Malediven fliegen, jeden Samstag auf eine Party gehen oder Kinder das Wohnzimmerstyling stören würden. Sondern: Dass wir unsere Energie lieber auf andere Ziele richten wollen. Und dass wir mehr Zeit als Paar verbringen möchten als nur jene, die ein Kind uns übriglässt.

Sie redet mit Wissenschaftlern und Anthropologen, lässt sich darüber aufklären, dass mangelnder Kinderwunsch und Evolution nicht in einem antagonistischen Verhälnis stehen, dass es unter den Frauen auch «cooperative breeders» gäbe, die ihre Fürsorge nicht via Fortpflanzung auslebten. Und sie sinniert bei einer Psychoanalytikerin über ihren nicht vorhandenen Kinderwunsch nach:

Welche Bilder habe ich eigentlich vom Mutter-Sein? Ich bin in einem Dorf aufgewachesn, in dem dies automatisch bedeutete, Hausfrau zu sein. Es waren die Siebzigerjahre, die Mütter in meiner Kindheit waren liebevoll, aber sie wussten schon um die Möglichkeit, die sie ihren Kindern zuliebe aufgegeben hatten. Und obwohl sie noch in der klassischen Rollenteilung lebten, wünschten sie sich für uns Töchter etwas anderes, zumindest eine Wahl: «Mach dich nie abhängig», sagte meine Mutter, sagten viele Mütter damals, «werde nicht zu früh schwanger, lerne einen guten Beruf, folge deinen Träumen.» Es war ein guter Rat, aber vielleicht lässt sich damit erklären, warum mich der Gedanke an ein Baby eher beklemmt, denn beglückt. Es schien mir, als hätten die Frauen damals ihr eigenes Leben den Kindern, nun ja: geopfert. Möglicherweise scheinen mir deshalb alle anderen Lebensentwürfe verlockender als jener, über Jahre hinweg Kinder zu betreuen. Dabei habe ich durchaus eine Vision von mir als Mutter: Darin kommt das erwachsene Kind zu Besuch, vielleicht ist es eine Tochter, wir sitzen am Küchentisch, sie berichtet aus ihrem Leben. Keine süssliche Harmonie, es ist eher eine Szene wie aus einer Kurzgeschichte von Alice Munro: eine Art liebevoller Waffenstillstand. Das ist ein Bild, in dem ich mir wünschen würde, Mutter zu sein. Was ich mir nicht vorstellen kann, sind die Jahre davor.

Sie schliesst den Text mit einem Mail ab, von einer Freundin, die ihr beschreibt, wie ein Kinderwunsch sich anfühlt und schreibt:

Ich blicke in keinen Kinderwagen, die Vorstellung, mit meinem Partner in den nächsten 30 Jahren viel Zeit zu verbringen und abends von der Arbeit zu erzählen, fühlt sich kein bisschen nach Leere an. Und trotzdem. Nach diesem Mail dachte ich: Es muss etwas Schönes sein, einen Kinderwunsch zu haben. Aber man kann es sich nicht aussuchen.

Was glauben Sie? Kann man es sich aussuchen? Welchen Einfluss haben die Mutter- und Vaterbilder für die Entscheidung, selber Mutter oder Vater zu werden?

Lesen Sie morgen von Michèle Binswanger: Warum ich Kinder habe

Der Tanz um das Kind

Nicole Althaus am Donnerstag den 7. Januar 2010
Lob verleiht Flügel: Aber wie lobt man richtig?

Lob verleiht Flügel: Aber wie lobt man richtig?

An den meisten Tagen steht man morgens nicht auf mit einer genauen Vorstellung von der Mutter im Kopf,die man gerne sein möchte. Meist ist man einfach die Mutter, die man halt ist und gibt sein Bestes in der Rolle, in der Hoffnung, dass das gut genug sein möge. Ausgereifte Erziehungskonzepte sind was für Bücher und Fachinterviews nicht für den Alltag. In dem steckt meist mehr Reflex als Reflexion. Doch es gibt Situationen, in denen man plötzlich den eigenen Masterplan erkennt und mitunter anzweifelt, was hinter den alltäglichen Erziehungsreflexen steht. Zum Beispiel, wenn man Zeit hat, den Masterplan anderer Eltern mit Kindern zu studieren. Dann bringen die Reflexe der anderen Eltern einen zur Reflexion.

So habe ich mich die letzte Woche fragen müssen, ob ich vielleicht meinen beiden Mädchen zu wenig Anerkennung und Bewunderung zolle. Ich habe mich das deshalb gefragt, weil der Nachwuchs der Bekannten, die wir in den Bergen besuchten, permanent in einen warmen Mantel elterlicher Bewunderung gehüllt wurde. Was die Kinder auch taten, sie wurden dafür gelobt. Die Tochter etwa, zweifellos ein äusserst smartes und belesenes Mädchen, gab gerne sein angesammeltes Wissen zum besten. Fragte man sie nach der Zeit, bekam man eine Einführung in die Mechanik des Uhrwerks mitgeliefert. Und ihre Eltern hörten ihr andächtig zu. Immer. Zugegebenermassen wusste die Zwölfjährige sehr viel mehr über die Gesetze, welche die Welt um sie herum zum drehen brachten, als meine eigene Tochter. Zuerst bewunderte ich die Vorträge, die ein weichgekochtes Ei schon zum Frühstück auslösen konnte. Nach ein paar Tagen begannen sie mich zu irritieren. Beziehungsweise mich irritierte, wie wenig Redezeit die Eltern beanspruchten und zuletzt langweilten die kindlichen Exkurse mich.

Gleichzeitig befiel mich der mulmige Gedanke, dass ich meine Mädchen vielleicht in ihrer natürlichen Neugier beschnitten habe, weil ich mich nicht immer begeistert auf jede ihrer Entdeckungen oder Fragen stürzte und sie durch den Alltag applaudierte wie eine Horde Cheerleader. Lob verleiht Flügel, heisst es. Habe ich meine Kinder nicht fliegen gelernt?

Während also die Eltern des Mädchens an seinen Lippen hingen und meine Töchter sich vom Vortrag über die Beschaffenheit der Eierschale ungerührt über ihre eigenen Frühstückseier hermachten, sinnierte ich über das Zuviel oder Zuwenig elterlicher Bewunderung nach. Würde meine Ältere sich ebenfalls für die unglaubliche Stabilität der dünnen Schale Gedanken machen, statt profan das Ei zu köpfen, wenn ich sie in den letzten zehn Jahren ihres Heranwachsens für ihre Entdeckungen und Interessen mehr bewundert hätte?

Ich gehöre nicht zu den Müttern, die ihrem Nachwuchs den ganze Tag mit einem «Bravo» oder «Super» auf den Lippen nachrennen. Ich höre meine Töchter gern erzählen, aber ich will am Tisch auch hören, was mein Mann zu sagen hat und beanspruche selber Redezeit. Ich gehe grundsätzlich mit der Psychologie einig, dass sich  Lob abnutzt wie jede  Form der Begeisterung, die überdosiert wird. Wenn meine Kleine, wie sie das in letzter Zeit oft tut, in ihrer Nonstopwortkaskade eine Kurznotiz zu schreiben versucht, dann find ich das toll und zeige das auch. Wenn sie aber, was auch nicht selten vorkommt, mal schnell eine Zeichnung hinpfuscht und mir erwartungsvoll unter die Nase reibt, dann sag ich schon mal, dass ich die jetzt nicht aufhängen mag, weil sie mir andere, schönere geschenkt hat. Und manchmal passiert es auch, dass ich ein kindliches Kunststück, das mit «Mami, lueg emal» eingeleitet wird, nur halbherzig wahrnehme und würdige, weil ich grad, was anderes tue. Loben war in meinem Alltag bisher mehr Reflex als Reflexion. Doch jetzt frag ich mich, ob ich den Masterplan, der dahintersteckt, überdenken muss: Wieviel elterliche Aufmerksamkeit brauchen Kinder? Und wann wird elterliche Begeisterung zum Tanz um das Kind? Wieviel Lob ist gesund und wann wird es kontraproduktiv?



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