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Muttermilch zu verkaufen

Jeanette Kuster am Sonntag den 12. Februar 2012
Für Kind oder Kunden: Muttermilch wird – durch die rosa Werbebrille gesehen – abgepumpt.

Für Kind oder Kunden: Muttermilch wird – durch die rosa Werbebrille gesehen – abgepumpt.

Muttermilch hat viele Vorzüge, die seit Jahren in Stillkampagnen intensiv beworben werden. Dass sie aber auch wertvolle Handelsware sein kann, ist relativ neu. In den USA haben findige Mütter das grosse Geschäft mit der eigenen Milch entdeckt: Auf Seiten wie Onlythebreast.com verkaufen sie abgepumpte Muttermilch-Portionen an verzweifelte Mamas, die ihrem Kind nur das Beste zu trinken geben wollen, selber aber keine oder zu wenig Milch produzieren.

Das Geschäft läuft gut. So konnte eine Mutter ihre gesamte Hochzeit inklusive Brautkleid aus den Milchverkäufen finanzieren, wie der Sender ABC berichtete. Und eine andere, von ihren Liebsten mittlerweile scherzhaft «Milchkuh» genannt, bezahlt mit ihrer Muttermilch etliche Dinge, die sich die Familie mit einem Einkommen sonst nicht leisten könnte.

Das System hat bereits weltweit Nachahmer gefunden. Auch in der Schweiz existiert eine «Human Milk for Human Babys»-Facebook-Seite, auf der sich Muttermilch-Anbieter und –Suchende finden sollen. Allerdings darf die Milch dort laut Reglement nur gespendet, nicht verkauft werden. Ein Blick auf die Facebook-Wall zeigt, dass der helvetische Milchhandel bisher nur schleppend läuft. Vielleicht weil der finanzielle Anreiz fehlt?

Das Gesetz würde den Handel mit Muttermilch in der Schweiz durchaus erlauben. Wie BAG-Sprecherin Eva van Beek sagt, ist «Muttermilch in der Schweiz lebensmittelrechtlich nicht geregelt. Es gibt keine gesetzlichen Vorgaben – also auch nicht für den Vertrieb via Internet».

In den USA sieht die rechtliche Situation gleich aus. Doch was legal ist, muss noch lange nicht gut sein. Wer seinem Baby die Milch einer völlig Fremden füttert, setzt es einem enormen gesundheitlichen Risiko aus. Muttermilch ist wie Blut eine Körperflüssigkeit und enthält Spuren diverser Stoffe, mit denen die Mutter in Kontakt gekommen ist. So kann man darin Nikotin, Alkohol oder Medikamente nachweisen, zudem können via Muttermilch Krankheiten wie Hepatitis, Herpes oder HIV übertragen werden.

Aus diesen Gründen gelten bei den offiziellen Schweizer Milchbanken, die in sechs Spitälern existieren, strenge Regeln im Bezug auf sogenannte Frauenmilch. Die Spenderinnen müssen ähnliche Richtlinien erfüllen wie bei einer Blutspende. Zudem werden alle Milchportionen pasteurisiert und nur im Spital und auf ärztliche Verschreibung an kranke oder besonders schwache Babys abgegeben.

Wer also an Milchmangel leidet, sein gesundes Baby aber trotzdem mit Muttermilch versorgen möchte, kann in der Schweiz nicht von den Milchbanken profitieren. Früher hätte man sich in einem solchen Fall an eine Amme wenden können, aber die gibt es heute ja nicht mehr. Oder?

Doch, es gibt sie wieder. Allerdings, wen überraschts, nicht in der Schweiz, sondern in den USA. Agenturen, die sonst Haushaltshilfen und Nannys vermitteln, bieten seit einigen Jahren auch die Dienste von Ammen an – für rund 1000 Dollar pro Woche. Und im Gegensatz zu den Selfmade-Milchhändlerinnen im Internet müssen sich diese vor ihrer Anstellung natürlich einem Gesundheitscheck unterziehen.

Die ideale Lösung also für alle, die es sich leisten können. Zumindest solange es die Eltern nicht stört, wenn das Kind an einer fremden Brust saugt. Denn auch wenn das Stillen in erster Linie der Ernährung des Babys dient, so ist es doch viel mehr als das. Beim Stillen entsteht eine innige Nähe zwischen Mutter und Kind, welche die Bindung zwischen den beiden zusätzlich stärkt. Zuschauen zu müssen, wie eine fremde Frau diesen intimen Glücksmoment mit dem eigenen Baby geniesst, ist sicher nicht jedermanns Sache. Oder würde Ihnen das nichts ausmachen?

Und wie stehen Sie dem Muttermilch-Handel generell gegenüber? Können Sie Eltern, die ihrem Kind in bester Absicht fremde Muttermilch füttern und die Risiken dabei komplett ausblenden, verstehen? Oder finden Sie die ganze Idee einfach nur gaga, da es doch heute gute Ersatzmilchpulver gibt? Wird die Muttermilch vielleicht zu sehr gehypt, dass der Handel damit bereits solche Ausmasse annimmt? Und glauben Sie, dass das einträgliche Geschäft in naher Zukunft auch in der Schweiz Fuss fassen wird?

Wo Windelberge sich erheben

Jeanette Kuster am Sonntag den 5. Februar 2012
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Herkömmliche Wegwerfwindeln belasten nicht nur das Riechorgan, sondern auch die Umwelt. Höchste Zeit, auf ökologisch sinnvollere Produkte umzusteigen. (Bild: Screenshot aus der Arte-Dokumentation «Leben ohne Schadstoffe?»)

Meine Tochter hat vor Kurzem entschieden, dass sie nun gross genug sei fürs Klo. Was mich als werdende Zweifachmutter innerlich frohlocken liess, werde ich doch auch künftig nicht im Akkord wickeln müssen. Dass wir durch den jüngsten Entwicklungsschritt die Umwelt ein ganzes Stück weniger belasten, wurde mir hingehen erst bewusst, als ich kürzlich den Dokumentarfilm «Wickeln, Windeln, wegwerfen» auf Arte gesehen habe.

4000 bis 6000 Windeln verbraucht ein Kind, bis es trocken wird. Die Wegwerfwindeln machen damit «einen erheblichen Teil des Siedlungsmülls» aus, wie das Amt für Umwelt und Energie Basel-Stadt auf seiner Homepage mitteilt. Aber Pampers und Co füllen nicht nur Abfallsäcke und Müllwagen, sondern stellen wegen der verwendeten Materialien auch ein echtes Umweltproblem dar. Die immer dünner werdenden, immer saugfähigeren Windeln bestehen nämlich heute nicht mehr grösstenteils aus Zellstoff, sondern aus Kunststoffen. Das verwendete Polyethylen etwa wird aus Erdölderivaten hergestellt. Landet dieser Stoff auf der Mülldeponie – und in vielen Ländern ist dies heute noch der Fall – bleibt er dort etwa 300 Jahre liegen, ehe er sich zersetzt. Wird er hingegen verbrannt, entstehen klimaschädliche Stickoxide.

Wir Eltern verschmutzen also täglich die Welt, in die wir unsere Kinder hineingeboren haben. Ohne uns dessen bewusst zu sein. Denn während wir mit Werbung für die saugfähigsten Windeln überhäuft werden, klärt uns niemand darüber auf, was für einen Schaden die praktischen Wegwerfartikel anrichten. Dabei gäbe es durchaus Alternativen. Biowindeln zum Beispiel: Ihre Folie besteht aus biologisch abbaubarer Pflanzenstärke, der verwendete Zellstoff wird aus FSC-Holz hergestellt und ist chlorfrei gebleicht. Sie sind allerdings so teuer, dass sich nur die wenigsten Familien diese Art des Umweltschutzes leisten können.

Doch auch Migros und Coop bieten seit einer Weile ökologisch verträglichere Produkte zu günstigen Preisen an. Die Coop Oecoplan Windel zum Beispiel soll die Umwelt um 30 Prozent weniger belasten als eine herkömmliche Wegwerfwindel. Grund: Der verwendete Zellstoff besteht auch hier aus nordeuropäischem FSC-Holz und wird mit Sauerstoff gebleicht. Zudem verwendet Coop bei der Herstellung Ökostrom und produziert die Windeln in der Schweiz, wodurch die Transportwege verkürzt werden. Auch das Verpackungsmaterial wurde laut Coop «aufgrund von Ökobilanz-Resultaten ausgewählt» und auf ein Minimum reduziert.

Obwohl Eltern sonst schnell für Umweltanliegen zu begeistern sind, scheinen sie bei den Windeln die Notwendigkeit nicht zu sehen: «Die Oecoplan-Windeln machen rund 2 Prozent der Windelkäufe aus, es handelt sich also immer noch um ein Nischenprodukt», teilt die Coop-Pressestelle auf Anfrage mit. Trotzdem: Wenn es doch möglich ist, umweltfreundlichere Windeln herzustellen, und die Anbieter sonst so gerne ihre ökologischen Bemühungen unterstreichen, weshalb stellen sie dann nicht das gesamte Eigensortiment um und nutzen das als Verkaufsargument? «Wir sind an der Sache dran», sagt Coop, «in kurzer Zeit die nötigen Rohstoffe für diese erhöhten Mengen zu erhalten, ist aber gar nicht so einfach.»

vallemonte_stoffwindel

Öko muss nicht beige sein: Stoffwindel von Totsbots bei Vallemonte.ch.

Vielleicht liegt die Lösung jedoch gar nicht in der Zukunft, sondern vielmehr in der Vergangenheit: bei den Stoffwindeln. Die modernen Stoffwindeln sind genauso einfach zu wechseln wie Wegwerfwindeln und halten genauso dicht. Einziger Nachteil: Man muss sie waschen. Stinkt einem das im wahrsten Sinne des Wortes, kann man diese leidige Aufgabe einem Windelservice übertragen, der die dreckigen Stoffwindeln wöchentlich abholt und einem gleichzeitig eine Ladung sauberer Windeln liefert. «Mit einem solchen Lieferservice belaste ich die Umwelt doch zusätzlich», mögen Sie nun sagen. Ja und nein, denn dafür werden die Windeln garantiert möglichst umweltschonend (sprich: in vollen Waschladungen) gereinigt und zudem über längere Zeit benutzt, was ihre Ökobilanz nochmals verbessert.

Das immer wieder gehörte Argument, dass die klassische Stoffwindel keineswegs umweltfreundlicher sei als die Wegwerfwindel, da sie eben gewaschen werden muss, stimmt natürlich bis zu einem gewissen Grad. Beim Energieverbrauch schneidet die Stoffvariante tatsächlich nicht besser ab als die Plastikwindel. Wenn es ums Entsorgen geht, haben die Stoffwindeln jedoch klar die Nase vorn: ein paar Kilo Stoff gegenüber bis zu einer Tonne Plastik pro Kind – der Fall ist klar.

Das Entsorgungsargument ist es denn auch, das die britische Regierung zu konkreten Massnahmen veranlasst hat: In Grossbritannien werden junge Eltern neuerdings in Kursen und mit Gutscheinen dazu aufgefordert, Stoffwindeln zu benutzen. Nicht nur aus Umweltschutz-, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen: Die Aufklärung der Eltern kostet den Staat deutlich weniger als der Abbau der Windelberge.

Und auch die Eltern profitieren finanziell, denn auf die gesamte Windelzeit hochgerechnet sparen Stoffwindelbenutzer trotz hoher Anfangsinvestition circa 720 Franken. Werden die Windeln des Erstgeborenen später noch fürs Geschwisterchen benutzt, erhöht sich diese Zahl nochmals deutlich. Und nicht zuletzt spart man hierzulande auch einiges an Abfallgebühren, wenn man auf Wegwerfwindeln verzichtet.

Es gibt also mehr als genug Gründe, den Babypo künftig in Stoff statt in Plastik zu wickeln. Man müsste die Eltern bloss darüber informieren. Sollte der Staat also eine Aufklärungskampagne nach britischem Vorbild starten und Eltern vielleicht sogar mit finanziellen Anreizen dazu bewegen, umweltfreundlicher zu wickeln? Die Grünen zumindest würden eine solche Kampagne begrüssen und könnten sich vorstellen, «den Import und die Herstellung von Windeln zusätzlich zu besteuern, für die umweltfreundliche Produktion hingegen steuerliche Anreize einzuführen», wie Martina Fleischli von der Grünen Partei Schweiz sagt. Oder müsste man sogar konkrete Richtlinien für Wegwerfwindeln erlassen, die umweltschonendere Materialien vorschreiben? Was denken Sie?

Ich krieg die Krippen-Krise

Nina Merli am Donnerstag den 2. Februar 2012
Otto's Kinderposten: FDP-Nationalrat Ineichen will 100 Billig-Krippen eröffnen. (Archivbild: Keystone)

Otto's Kinderposten: FDP-Nationalrat Ineichen will 100 Billig-Krippen eröffnen. (Archivbild: Keystone)

Es scheint, als habe sich Otto Ineichen in ein Wespennest gesetzt: Der Luzerner FDP-Nationalrat möchte (mit der von ihm initiierten Stiftung Speranza) in den nächsten zwei Jahren 100 bezahlbare Krippen realisieren. Nach ersten Anpassungen – die Kinder sollen laut aktuellem Stand ausschliesslich von einheimischen Fachkräften betreut werden, was vom Verband Kindertagesstätten der Schweiz (KiTaS) sehr begrüsst wurde – soll im April dieses Jahres die erste Ineichen-Krippe in Beromünster LU ihren Betrieb aufnehmen.

Doch statt Wohlwollen löste die Meldung diese Woche heftige Kritik aus. Auch die Kommentar-Schreiber von Newsnet liessen sich nicht zweimal bitten und machten ihrem Unmut und ihren Sorgen Luft: Von «Discount-Krippen» war da die Rede, die nur mit Billigpersonal und somit erheblichen Qualitätseinbussen auf Kosten der armen Kinder geführt werden können. Ineichen habe keine Ahnung; eine seriöse Krippe zu realisieren, die weniger koste als bisher, sei gar nicht möglich. Und schon werden sie heraufbeschworen, die Horrorszenarien von vernachlässigten, achtlos in einer Ecke stehen gelassenen Kindern mit vollen Windeln und laufenden Nasen, neben denen die völlig überforderten und ungenügend ausgebildeten Betreuerinnen verzweifeln.

Zugegeben, gewisse Einwände sind berechtigt. Und es ist mit Sicherheit sinnvoll, ein sehr wachsames Auge auf dieses Projekt zu werfen, schliesslich geht es um das Wohl der Kinder – und dieses gilt es auf jeden Fall zu gewährleisten. Die Vorstellung, sein Kind in falsche Hände zu geben, bereitet ein sehr ungutes Gefühl. Aber muss man deshalb eine neue und angesichts der grossen Nachfrage sinnvolle Idee von Anfang an zunichte machen? Nein.

Denn Krippenplätze sind absolute Mangelware und dringend nötig. Wer im Augenblick, wie die Schreibende etwa, in der Stadt Zürich einen Krippenplatz sucht, muss sich mit einem Platz auf der Warteliste zufrieden geben. Vor allem Babyplätze sind rar und die Chance, sein Kind termingerecht per Ende Mutterschaftsurlaub unterzubringen, sind äusserst gering. Man hätte sich halt schon vor zwei Jahren anmelden müssen, heisst es nicht selten von Seiten der Kitas. Tja, aber vor zwei Jahren sah das eigene Leben vielleicht noch ganz anders aus und das Projekt «Kinder haben» war noch nicht komplett durchdacht, berechnet und voll durchorganisiert. Wie kopflos!

Ginge es nach einem Grossteil des Motz-Chores, dann gäbe es gar keinen Grund zum Jammern, denn die Lösung liegt auf der Hand: Die Mutter bleibt zuhause und kümmert sich um die Kinder. Was bei den aktuellen Betreuungspreisen, rein rechnerisch, durchaus Sinn machen würde. Denn oft geht ein Grossteil des Lohnes für die Krippenrechnung drauf. Aus welchem Grund sollte die Mutter überhaupt weiterhin arbeiten gehen? Vielleicht weil sie ihre Arbeit mag? Weil sie sich teilweise auch über ihre Arbeit definiert und es ihr Bestätigung und Befriedigung gibt? Weil es vielleicht auch für eine gute Balance in der Partnerschaft sorgt? Oder weil sie vielleicht einfach keine Lust hat, «nur noch» Vollzeit-Mutter zu sein.

Achtung, wer mit diesen egoistischen Argumenten kommt, stösst auf kein Verständnis und wird mindestens genauso heftig gebasht wie Otto Ineichen. Der hat es ja sogar noch gewagt, zu erwähnen, dass er mit seinem Krippenprojekt Müttern den Wiedereinstieg ins Berufsleben erleichtern möchte – eine doppelte Provokation für alle Traditionalisten, Schwarzmaler und Dauernörgler.

Ich meinerseits hoffe, dass Ineichens Krippen-Projekt erfolgreich starten kann und entgegen aller Unkenrufe den Ansprüchen von Kindern, Eltern und Betreuern gerecht werden wird. Nur so schöpfen vielleicht andere innovative Köpfe den nötigen Mut, um bestehende Modelle mit neuen Ideen zu bereichern. Dies natürlich in der Hoffnung, dass in der Stadt Zürich möglichst schnell ein paar neue Krippen eröffnet werden und ich nicht zwei Jahre auf der Warteliste versauern muss.

Und wenn alle von der Brücke springen?

Andrea Fischer am Dienstag den 31. Januar 2012
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Wer nicht hat, was die anderen haben, fühlt sich schnell ausgeschlossen: Mädchen ohne und mit iPad. (Bild: Brad Flickinger)

Im Schulhaus unserer Kinder haben neunundneunzig Prozent der Kids ein iPhone. Ein 4s, versteht sich. Das behaupten zumindest meine Kinder. Und beim anderen einen Prozent, das keines hat, handelt es sich – logisch! – um meine Tochter und meinen Sohn. Das ist natürlich masslos übertrieben. Ich habe mich mal etwas umgehört und festgestellt, dass zufällig alle Kinder, die ich persönlich kenne, auch kein Smartphone haben. Trotzdem: Für meine Kinder zählt die gefühlte Zahl. Oder besser die Sorge, andere könnten etwas haben, was sie nicht haben und die Angst, deswegen nicht dazuzugehören. Das Problem vom Wollen, was andere haben, scheint eine menschliche Urknacknuss zu sein. Immerhin verlangen schon die zehn Gebote, dass man nichts begehren soll, was dem Nächsten gehört. Weder Frau, noch Haus, noch Esel, noch sonst nichts.

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Und ein iPhone braucht heute auch jedes Kind: Gebet am Smartphone-Altar.

Bei uns drehen sich die Fragen natürlich nicht um Esel oder Frauen und auch nicht nur ums reine Besitzen. Vielmehr geht es unter anderem darum, warum ALLE anderen Kinder bis spät abends im Dunkeln unterwegs sein dürfen, ausser meine, warum ALLE ohne Helm mit dem Tretroller rumbrettern dürfen, ausser meine oder warum ALLE anderen Familien einen Flachbildschirm haben, statt ein Röhren-Monster vom Flohmarkt, wie wir. (Ja, warum eigentlich?). All diese Fragen kann ich nachvollziehen. Aber ich denke trotzdem nicht daran, die Familie auf Budgetspaghetti-Diät zu setzen, um iPhones und Fernseher zu kaufen. Auch halte ich an der Forderung nach Helm auf dem Velo, Schal im Winter und anderen langweiligen mütterlichen Vernünftigkeiten fest.

Was ich jedoch sehr ernst nehme, sind die Sorgen der Kids, was den Kampf ums Dazugehören angeht. Denn letztlich geht es ja nicht um das Telefon oder die falsche Winterjacke, sondern vor allem darum, was andere von einem denken. Sich damit auseinanderzusetzen, dass andere anders sind, tun und denken, ist eine grosse Herausforderung. Und weil das Thema wohl ebenso alt ist, wie der aufrechte Gang, haben wir die gängigen elterlichen Sprüche dazu schon als Kinder selbst verpasst gekriegt und geben sie weiter:

  • Wir sind eben nicht die anderen.
  • Jede Familie ist anders.
  • Es gibt nun mal verschiedene richtige Arten, Dinge zu tun. Und wir tun sie so, wie wir sie tun.
  • Und wenn alle von der Brücke springen, würdest du das dann auch machen, nur weil es alle tun?
  • Wer schon als Kind alles hat, kann sich ja auf gar nichts mehr freuen.

Ich finde eigentlich alle ziemlich o. k. Und so drängt sich eine andere Frage auf: Wenn wir glauben, was wir unseren Kindern da sagen, warum ist es uns als Eltern dann nicht auch Wurst, was andere haben, tun und denken? Gerade in Erziehungsfragen ertappe ich mich durchaus bei Zweifeln, ob ich nicht doch zu bemutternd bin, zu streng, zu lasch, zu chaotisch zu wasweissichwas. Und das, obwohl ich im Grossen und Ganzen durchaus dahinter stehe, wie wir es machen. Die Antwort ist eigentlich simpel: weil wir soziale Wesen sind. Solange wir eingebunden sind in ein Netz aus Familie, Freunden und Nachbarn, wird es immer Momente geben, in denen uns eben nicht egal ist, was andere denken. Ich finde es daher durchaus sinnvoll, den Kindern gegenüber einzugestehen, dass die Meinung der andern auch für uns Erwachsene nicht immer leicht wegzustecken ist. Darum haben wir der obigen Liste noch ein Lied angefügt, das mir in dieser Frage oft mehr hilft, als alle Erziehungsweisheiten zusammen. Es ist von Mani Matter. Hier die gekürzte Fassung: «Dr eint het Angscht, dr ander chönnt lache. Dr ander het Angscht, dass dr eint chönnt lache. Und alli mache si alls wo si mache us Angscht dervor, dass öpper chönnt lache. Es isch im Grund ja grad das zum lache, dass si geng Angscht hei, das öpper chönnt lache. Und was si o mache, dass niemer söll lache: Es nützt ne drum alles nüt.»

Gebt uns ein Zeichen!

Nina Merli am Donnerstag den 26. Januar 2012
BRAZIL HAVAIANAS

Süss - aber auch fair und nachhaltig produziert? Babykleider. (Bild: Reuters)

Es kommt der Moment in der Schwangerschaft, in dem die werdende Mutter dem Nesttrieb verfällt und unter anderem das Babyzimmer hergerichtet haben möchte. Dazu gehört nebst Wäsche fürs Bettchen auch die erste Kleidergarnitur. Die Auswahl an schönem und weniger schönem «Babykram» ist immens, doch wer nach fair produzierter Ware Ausschau hält, stösst bald an seine Grenzen. Denn fair bedeutet nicht nur aus Bio-Baumwolle sowie einer nachhaltigen und umweltgerechten Textilproduktion, es bedeutet auch unter sozialen Bedingungen hergestellt. Keine Zwangsarbeit, dafür existenzsichernde Löhne, faire Arbeitszeiten und vor allem auch: keine Kinderarbeit. Und genau dieser Punkt ist in vielen Ländern immer noch nicht gewährleistet.

Nehmen wir das Beispiel Usbekistan. Der zentralasiatische Binnenstaat ist der drittgrösste Baumwollexporteur der Welt. Die Baumwolle bringt dem Land jährlich über eine Milliarde US-Dollar ein, wobei der Grossteil davon in die Staatskasse fliesst. Geerntet wird diese Baumwolle zu einem grossen Teil von Kindern – wobei die Ernte staatlich kontrolliert ist. Das heiss im Klartext: Jeden Herbst werden hunderttausende Kinder (die jüngsten sind knapp fünfjährig) von den Behörden statt in die Schule auf die Baumwollfelder geschickt, wo sie während drei Monaten bis zu elf Stunden am Stück schuften müssen – sieben Tage die Woche, und das oftmals ohne Entgelt.

Und woher weiss ich Endverbraucherin, dass keine usbekische Baumwolle für den süssen Babystrampler verwendet worden ist, den ich gerade aus dem Gestell gezückt habe? Denn obwohl sich letztes Jahr rund 60 Mode- und Textilkonzerne (darunter auch Puma, Adidas und Levi’s) entschieden haben, usbekische Baumwolle zu boykottieren, gelangt sie über verschiedene Zwischenhändler trotzdem auf den Markt.

Anfang Woche diskutierten in der ARD-Politsendung «Hart aber fair» (Thema: «Mein Kleid, dein Leid – wer zahlt den Preis für billige Mode?») verschiedene Experten über das Thema «Fair Fahsion». Schon bald kristallisierte sich aus dem Gespräch und vor allem aus den Zuschauerreaktionen heraus, dass viele Konsumenten durchaus bereit wären, mehr Geld für ihre Ware zu bezahlen – aber im Label-Dickicht keine klare Auskunft über das Produkt bekämen. So informiert mich zum Beispiel das Label «Organic Cotton» (etwa bei H&M), dass das Kleidungsstück aus Bio-Baumwolle hergestellt wurde. Doch erfahre ich auch, ob die in Bangladesh produzierte Ware auch umweltgerecht bearbeitet und eingefärbt wurde? Und ob die Näherin einen angemessenen Lohn für ihre Arbeit erhalten hat? Nein.

Informationen kann man sich zum Beispiel auf der Homepage der «Erklärung von Bern» holen, wo eine Firmenliste aufzeigt, wer in welchem Mass fair herstellt. Und auch über andere Internet-Quellen kann man sich informieren, denn es gibt durchaus Marken, die sich bezüglich Fairness sehr stark engagieren. Doch wäre es nicht viel einfacher, wenn ein einheitliches Label Auskunft über die Textilien geben würde? Damit mit einem Blick auf die Etikette klar wäre, was man da in der Hand hält und ob man diese Art von Herstellung mit all ihren Konsequenzen unterstützen möchte oder nicht? Gebt uns doch bitte ein Zeichen!

Vorerst liegt es aber an uns Konsumenten, ein Zeichen zu geben, eine klare Durchsage zu machen. Wer will, kann dies auch tun. Rund fünfzig Schweizer Organisationen haben sich zusammengetan und letzten November die Kampagne «Recht ohne Grenzen» ins Leben gerufen. Diese Woche wurde eine an den Bundesrat gerichtete Petition lanciert, die klare geseztliche Grundlagen (Menschenrechte und Umwelt sollen weltweit respektiert werden) für Unternehmen mit Sitz in der Schweiz fordet, denn im Augenblick tragen die Firmen noch keine Verantwortung für ihre Filialen oder Zulieferer im Ausland – womit wir wieder bei der Kinderarbeit-Baumwolle aus Usbekistan wären. Wenn sich Unternehmen darum kümmern, dann nur aus Goodwill. Doch wie sagt man doch so schön: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

PS: Liebe Blog-Leser, wenn Sie gute Adressen für nachhaltig und fair produzierte Babykleider kennen, bitte melden! Zumindest eine Schwangere mit akutem Nesttrieb freut sich über jeden brauchbaren Tipp.