Leben


Archiv für die Kategorie „Grosseltern“

Von dir oder von mir?

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 11. April 2012

Ein Papablog von Raphael Diethelm.

Sein Grinsen, aber nicht seine Glatze: Bruce Willis' Töchter Rumer Glenn, Tallulah Belle und Scout LaRue begleiten ihren Vater an die Premiere von «Ocean's Twelve» 2004. (Bild: Reuters)

Sein Grinsen, aber nicht seine Glatze: Bruce Willis' Töchter Rumer Glenn, Tallulah Belle und Scout LaRue begleiten ihren Vater an die Premiere von «Ocean's Twelve» 2004. (Bild: Reuters)

«Jöh, sooo herzig, ist ihr Vater Asiate?» – «Nein, sein Vater ist Schweizer, und die Hautfarbe um die Schlitzaugen geht auf Neugeborenen-Gelbsucht zurück. Das wird sich noch ändern.» Solche oder ähnliche Gespräche durfte meine Frau nach der Geburt unseres Sohnes mehr als einmal führen. Zum Glück hat sie der zum Mädchen gemachte Junge damals nicht mitbekommen. Oder wenigstens nicht verstanden.

Er, der die Welt mit «meinen» Augen erst sehen lernte, wäre vor den Kopf gestossen worden. Den eigenen Kopf, wohlgemerkt. Denn anders als die auffällige Augenform oder die stolzen Füsse, die mir ebenfalls sehr bekannt vorkommen, kann dieser trotzige Grind nicht von mir sein. Nein, nein, nein.

Die Kopfsache betrifft eher meine Frau. Nicht bei den momentan dominierenden inneren Werten, welche die Fachliteratur als Trotzphase schönschreibt, sondern bei der Form des Schädels. Da ist der Sohnemann ganz die Mutter, beziehungsweise deren Vater. Während das strahlende Blau seiner Augen den Grossmüttern zu verdanken ist: Wir Eltern haben braune Augen – und den Witz mit dem Milchmann längst gehört.

Auch die Tochter strahlt mich, seit wir uns kennen, aus Schlitzaugen an und lebt auf grossem Fuss. Yes! Im Unterschied zum Bruder hat sie auch noch meinen Mund geerbt und ist – soweit man das nach drei Monaten erkennen kann – sowieso eher nach Papas Vorbild geraten. Yeah! (Ich weiss: Neugeborene machen von Natur aus auf Papa, damit der sie akzeptiert. Erst nach und nach wecken sie die Mama in sich …) Wenn das so weitergeht, wird ein drittes Kind mein Klon.

Die beiden Bisherigen geben auf jeden Fall regelmässig Anlass zur Frage: Hat er/sie das von dir oder von mir? Die äusseren Werte sind zwar nicht in Stein gemeisselt, sondern auf veränderliche Babyhaut gezeichnet – und trotzdem relativ endgültig einem Elternteil zuzuordnen. Oder, siehe oben, einem anderen Ahnen.

Doch gehen Sohnemanns innere Werte wie Freundlichkeit und Musikalität auf meine Kappe? Ist die Mutter der Quell seines ausgeprägten Humors und Bewegungsdrangs? Solche Gedankengänge können dazu führen, dass man dem Partner indirekte Komplimente macht, durch das Kind statt durch die Blume: Er hat deine kreative Ader, der Glückliche. Doch hinter jeder Ecke lauert Eigenlob, dessen Gestank jeden Windelberg versetzt. Doch Vaterliebe macht angenehm blind für Narzissmus.

Schwierig wirds bei entgleisten Charakterzügen oder anderen befremdenden (Un-)Fähigkeiten, die sich das Kind scheinbar im Schlaf aneignet. Dann sind gerne die Grosseltern gefragt: War ich so klein schon so gemein? Habe ich als Baby nicht besser geschlafen? Ekelte ich mich auch vor Sand?

Aus den ehrlichen Antworten malen wir uns ein verzerrtes Bild unserer Kinder. Die guten Eigenschaften leuchten in starken Farben – auf die Gefahr hin, dass das ganze Werk samt Bilderrahmen strotzt vor knalligen Tönen. Es sind ja unsere Kinder. Und sie haben ja nur Gutes von uns. Sie sind unsere Best-ofs.

Zum Glück bleiben sie das nicht. Zum Glück wachsen sie mit und an ihrer Welt. Zum Glück «beerben» sie nicht nur die Eltern, die Familie. Nur so werden sie ein Teil der Gesellschaft, der nicht nur auf unserem Mist gewachsen ist. Und eines Tages werden sie sich fragen, wem sie was weitergeben – von offensichtlichen Schlitzaugen bis zu verborgenen Sehnsüchten.

Raphael Diethelm

Raphael Diethelm (*1978) ist seit Mai 2011 Produzent bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet. In seiner Freizeit beschäftigt er sich liebend gern mit Tochter (*2011), Sohn (*2010) und Gemahlin und ausnahmsweise mit Vererbungslehre.

Unverzichtbare Grosseltern

Mamablog-Redaktion am Freitag den 16. März 2012

Eine Carte Blanche von Pasqualina Perrig-Chiello*

SCHWEIZ FAMILIE ALLTAG

Ein Grossteil der Schweizer Familien lässt seine Kinder durch die Grosseltern betreuen: Grosi mit Enkeln. (Keystone)

Das Alter ist in unserer Gesellschaft mit vielen negativen Stereotypen behaftet – mit Ausnahme des Bilds der Grosseltern, insbesondere jenem der Grossmutter. Im Alltagsverständnis wird die Grossmutter seit jeher mit dem lieben, selbstlosen Omi assoziiert. «Es» hütet seine Enkelkinder, verwöhnt sie mit Gutzi, strickt ihnen hübsche Pullis etc. Dieses Image hält sich hartnäckig, obwohl sich die gesellschaftliche Realität, die familialen Generationenbeziehungen und letztlich vor allem auch das Alter per se bedeutsam verändert haben.

War es noch vor 100 Jahren eine Ausnahme, dass Kinder ihre Grosseltern erlebten, ist dies heute die Norm. Aufgrund der längeren Lebenserwartung bei gleichzeitig stark gesunkenen Geburtenraten haben Enkelkinder heute Raritätswert. Im Gegenzug haben diese Enkelkinder jede Menge Grosseltern – meistens vier, je nach partnerschaftlichen Verhältnissen ihrer Eltern und Grosseltern sogar mehr. Das Durchschnittsalter einer Frau in der Schweiz ist zum Zeitpunkt der Geburt des ersten Enkelkindes 52 Jahre – sie steht also noch voll im Leben. Auch wenn Vielfalt und Verschiedenartigkeit die heutige Grossmüttergeneration kennzeichnen, allen gemeinsam ist, dass sie weit gesünder, besser gebildet, fitter und «jugendlicher» sind als Grosseltern noch vor 50 Jahren.

Zwar gehört die Grosselternschaft – gemäss Aussagen der Betroffenen – zu den schönsten Rollen im Leben eines Menschen. Dennoch befinden sich viele Frauen in einem Dilemma: Sie sind extrem eingespannt, haben einen Beruf, pflegen vielleicht noch ihre betagten Eltern, haben Partner, Kinder – und nun kommen die Grosskinder dazu. Zwischenzeitlich sprechen wir von einem zweiten Vereinbarkeitsproblem von Beruf und Familie bei Frauen zwischen 50 und 65. Warum? Grosseltern haben nachweislich nicht nur einen hohen sozialen und ideellen Wert, sondern auch einen ganz praktischen. Aufgrund mangelnder oder unerschwinglicher Krippenplätze in der Schweiz spielen Grosseltern nämlich eine entscheidende Rolle in der  Enkelkinderbetreuung. Und die Zahlen sind eindrücklich: Es geht hier um rund 100 Millionen Stunden Enkelkinderbetreuung pro Jahr, was rund zwei Milliarden Franken entspricht.

80 Prozent dieser Arbeit wird von Grossmüttern geleistet. Interessanterweise spricht über diese Leistungen kaum jemand. Weil es vor allem Frauen sind, die diese Arbeit leisten und ihr Einsatz als selbstverständlich angesehen wird? Bisher haben die Grossmütter den Spagat zwischen den verschiedenen Anforderungen an sie geleistet. Was wäre aber, wenn die Grossmütter nicht mehr hüten würden oder könnten? Ihre Arbeit darf nicht länger als eine blosse «private» Angelegenheit angesehen werden. Es braucht dringend ein neues Bild der Grossmutter. Sie ist nicht mehr das liebe Omi, das keine Ansprüche hat, Güetzi backt und lismet – sondern vielmehr eine Garantin für das Wohlergehen von Familie und Gesellschaft – und zwar eine von hohem ökonomischen Wert.

perrig150x150*Pasqualina Perrig-Chiello ist Professorin an der Universität Bern (Institut für Psychologie) mit Schwerpunkt Entwicklungspsychologie der Lebensspanne und familiale Generationenbeziehungen. Sie leitete u. a. das Nationale Forschungsprogramm «Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen». Zu ihren wichtigsten Publikationen zum Thema gehören der «Generationenbericht Schweiz» sowie «Kindheit- und Jugend in der Schweiz»; im April erscheint im NZZ-Verlag «Familienglück – was ist das?».

Wenn die Grosseltern krank sind

Andrea Fischer am Montag den 20. Februar 2012
Zu Besuch bei der kranken Grossmutter

Zu Besuch bei der kranken Grossmutter: Rotkäppchen und der Wolf.

Seit einigen Wochen liegt meine Schwiegermutter im Spital. Die Diagnose: akute Leukämie. Das hat uns allen den Boden unter den Füssen weggezogen. Auch den Kindern. Sie wissen, dass ihre Grossmutter krank ist und es ist ihnen klar, wie ernst diese Krankheit ist. Denn darüber waren wir uns alle einig: Etwas, was uns alle so heftig bedrückt, sollen auch sie erfahren. Noch beunruhigender als die Wahrheit ist es, zu spüren, dass etwas passiert ist und nicht zu begreifen, was es ist. Kinder neigen dazu, die Schuld für komische Stimmungen bei sich zu suchen. Sie bauen sich eigene Bilder aus irgendwelchen Halbwahrheiten und Bruchstücken, die sie aufschnappen. Die sind meist bedrohlicher als die eigentlichen Tatsachen.

Natürlich ist es Ansichtssache, was Kinder überhaupt erfahren sollen und in welcher Form. Ich persönlich bin zutiefst überzeugt, dass es wichtig ist, ihnen zu zeigen: Das Leben findet statt. Mit allem, was dazugehört. Und das ist nicht immer einfach, aber solange wir miteinander reden, sind wir damit wenigstens nicht allein.

Was Leukämie eigentlich ist, wie eine Chemotherapie funktioniert und was das alles mit ihrer Grossmutter macht, können wir trotzdem oft nur unzureichend und hilflos erklären. So wissen sie, dass eine bestimmte Sorte Teilchen im Blut der Grossmutter einen Aufstand macht. Plötzlich produzieren sie von allem zu viel und erst noch das Falsche. Und weil das Blut so wichtig ist, um mit kleinen Schiffchen Sauerstoff und Essen in alle Zellen zu bringen, kann nichts mehr richtig funktionieren, wenn plötzlich der Fluss mit Abfall verstopft ist und die Transportschiffchen nicht mehr vorwärtskommen. Da die falschen Teilchen so winzig sind und völlig vermischt mit den gesunden, gibt es nur eine Lösung: Alle Teilchen, egal ob gut oder schlecht, müssen mit heftigen Medikamenten zerstört werden. Erst dann kann man sie wieder nachwachsen lassen. Dummerweise wirken die Medikamente nicht nur dort, wo sie sollen. Sie machen auch noch vieles andere vorübergehend kaputt. Darum fallen der Grossmutter die Haare aus und sie ist enorm müde.

Natürlich ist das nicht präzise und sehr naiv formuliert, aber offen gestanden, kann auch ich als Erwachsener nicht viel mehr erfassen, als das. Und auch das nur knapp. Die Krankheit bleibt unfassbar. Noch viel unfassbarer als alle medizinischen Hintergründe ist jedoch die Ungewissheit, die hier so nackt und klar zu Tage tritt. Man kann entgegnen, dass sowieso jede Minute unseres Lebens ungewiss sei und das stimmt ja auch. Bloss fühlen wir es nicht so schonungslos wie in solchen Extremsituationen. Mit den Kindern über diese Ungewissheit zu reden, scheint mir denn viel delikater, als ihnen die Krankheit und ihre Behandlung zu erklären. Was sollen wir sagen, wenn sie fragen, ob ihre Grossmutter sterben wird an dieser Krankheit? Eigentlich bleibt auch hier nur die Wahrheit: Wir wissen es nicht. Aber jetzt gerade geht es der Grossmutter den Umständen entsprechend gut und sie wird bestens versorgt.

Es ist berührend, wie unterschiedlich unsere beiden Kinder auf diese Situation reagieren. Das Mädchen möchte ständig zur Grossmutter ins Spital und fühlt sich dafür verantwortlich, dass es ihr gut geht. Der Junge versucht die Lage mit dem Kopf zu meistern. Er will genau wissen, wie die Zellen heissen, woher sie kommen und was die Medikamente wirklich tun. Je mehr Namen und Modelle es dazu gibt, desto weniger unheimlich erscheint ihm die Krankheit. Und manchmal muss er auch plötzlich loskichern, wenn er sich vorstellt, in seiner Grossmutter wäre eine Bäckerei, die viel zu viele Kuchen bäckt. Oder er wechselt mitten im Gespräch zu einem harmlosen und lustigen Thema.

Beide Kinder zeigen damit völlig normale Reaktionen, wie man heute weiss. Seit ein paar Jahren befassen sich Psychologen damit, wie man mit Kindern über Krankheit reden kann und wie ihre Reaktionen darauf aussehen können. Besonders heftig fallen die aus, wenn Mutter oder Vater krank sind, doch auch die Grosseltern stehen vielen Kindern sehr nahe. Es gibt mittlerweile gute Unterlagen rund um das Thema, zum Beispiel bei der Krebsliga oder beim Verein Flüsterpost.

Wir versuchen, die Kinder gemäss ihrem Charakter zu unterstützen, sei es mit Umarmungen, mit Infos oder einfach mit einer Pause vom Thema. Mindestens so wichtig scheint mir, aus allem auch die erfreulichen Dinge herauszusuchen, wie die Rosinen aus einem Kuchen. Die Kinder finden es schön, ihren Grossvater, den Onkel, die Tante und die Cousins plötzlich so oft zu sehen, sie lieben die feinen Zvieris in der Spitalcafeteria und verbringen ganze Nachmittage damit, Collagen aus Familienfotos zu basteln, die schon jetzt das Krankenzimmer ihrer Grossmutter voll pflastern. Damit will ich nichts schönreden und auch kein Wort zum Sonntag halten. Die Geschichte ist traurig und erschütternd und könnte uns allen gestohlen bleiben. Aber ein wenig lernen wir und unsere Kinder im Moment, was wir alle so schlecht können: Eins nach dem anderen zu nehmen.

Die Base-Jump-Grosis

Michèle Binswanger am Dienstag den 8. November 2011
mamablog

Die ältere Generation, hat nicht nur Kinderhüten im Sinn: Diese 74-Jährige erhielt von ihrem Sohn einen Tandem-Sprung zum Geburtstag. (Bild: Freefall)

Ich solle, so sagte mir neulich ein Freund, doch mal etwas über den Opa-Oma-Streik schreiben. Die nachwachsende Grosseltern-Generation, meinte er, sei so sehr mit Gleitschirmfliegen und Nepal-Reisen beschäftigt, dass sie gar keine Zeit mehr für ihre Enkel finde. Das prangerte er in aller Entschiedenheit an. Ich hegen den leisen Verdacht, dass er sich heimlich mich als eine dieser Base-Jump-Grossmütter vorstellte und mich präventiv rügen wollte. Vielleicht sprach er aber auch auf einen Artikel in der «SonntagsZeitung» an, in dem sich der dramatische Satz fand: «Das schöne Herbstwetter lockt Wanderer in die Höhe – und in den Tod». Auch dieses Jahr, so wurde erläutert, ist die Zahl der Bergunfälle wieder gestiegen, wobei davon vor allem ältere Männer betroffen sind. Aber der Punkt ist klar: Heutige Grosseltern leben ihre Rolle anders, als Generationen vor ihnen. Sie setzen sich nach der Pension nicht einfach zur Ruhe, sondern bleiben aktiv, pflegen weiterhin ihre eigenen Interessen und führen ihr eigenes Leben, zu dem – wenn ihre Kinder Glück haben – auch die Enkel gehören.

Ich sehe mich diesbezüglich nicht akut gefährdet, denn was Grossmutterschaft angeht, ist meine eigene Mutter mir, wie so oft, ein leuchtendes Vorbild. Nicht nur ist sie aktiv, reist gern und interessiert sich für Kunst und Kultur, sie ist für mich und für meine drei Schwestern eine wertvolle Hilfe in der Kinderbetreuung. Sie hütet an Wochentagen, spielt stundenlang mit ihren Enkeln, unternimmt Ausflüge, besucht ihre Schulaufführungen und ist auch ihnen ein wohl besseres Vorbild, als ich es je sein werde. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Dennoch unterliegt natürlich auch die Grosselternrolle dem gesellschaftlichen Wandel. Gerade ist ein neues Buch zum Thema erschienen. In «Durch dick und dünn» porträtiert die Journalistin Paula Lanfranconi die «Grosiboomer», also die Generation der Babyboomer, die jetzt ins Grossmutter-Alter kommt und auch hier gewillt ist, ihre eigenen Wege zu gehen. Das beginnt bei der Namensgebung, denn Grosis heissen heute nicht einfach mehr nur Omi und Opi, sondern Omama, Meme, Nana, Nonno, Bupa, Bomi, Babaane. Ausserdem sind sie gebildet, aktiv, fit und gewillt, ihre wohlverdiente Pension zu geniessen. Doch anders als mein Freund befürchtet, kümmern sie sich gerne um ihre Enkel und das auch nicht zu knapp. Laut dem Generationenbericht Schweiz betreuen Grosis in der Schweiz ihre Enkel pro Jahr rund 100 Millionen Mal, das entspricht einer Betreuungsarbeit im Wert von zwei Milliarden Franken. Und obschon ich diese merkantilistische Perspektive auf familiäre Arbeit sonst eher fragwürdig finde, zeigt es doch, wie umfangreich ihr Engagement ist. Übrigens zeigt sich auch an der Grossmutter-Front nach wie vor ein Gender-Gap: Omis sind in ihrer Familie deutlich mehr engagiert als Opis: Vier Fünftel der Betreuungszeit geht auf das Konto von Frauen.

Gleichzeitig bemühen sie sich aber auch darum, dass ihr Engagement gesellschaftlich sichtbar wird. Die Organisation GrossmütterRevolution beispielsweise versteht sich als Netzwerk, Plattform und Thinktank für aktive Grossmütter, die sich mit der traditionellen Grossmutterrolle nicht so recht identifizieren können. Diese Grossmütter pflegen die Generationenbeziehungen, indem sie auch am Wandel der Gesellschaft aktiv teilnehmen. Sie tragen dadurch sowohl zur Lebensqualität wie auch dem gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Was heute, wo die klassische Familie ein Auslaufmodell ist, natürlich wichtiger ist denn je. Gerade Alleinerziehende sind oft auf die Mithilfe ihrer Mütter angewiesen. Allerdings ist es diesen Grossmüttern wichtig, dass das nicht einfach als selbstverständlich angesehen wird. Als ich vor zwei Jahren eine Lobeshymne auf meine Mutter schrieb und auf die wertvolle Hilfe, die sie in meiner Familie leistet, kritisierten einige Leserinnen, ich würde damit eine Erwartungshaltung an die Grosseltern schüren. Das war zwar damals keineswegs meine Absicht, doch die Reaktion zeugt vom neuen Selbstbewusstsein der Grosiboomers. Sie erheben nicht nur Anspruch auf ihre eigene Zeit, es ist ihnen bewusst, wie viel ihre Arbeit wert ist. Bei GrossmutterRevolution denkt man deshalb auch darüber nach, wie diese Arbeit die verdiente Wertschätzung erhalten könnte, etwa durch Steuerabzüge oder Entlöhnung.

Was meinen Sie? Wie leben Sie ihre Grossmutterolle oder wie planen Sie, diese zu gestalten, wenn es so weit ist? Können Sie sich vorstellen, sich in der Familie ihrer Kinder aktiv zu engagieren? Möchten Sie dafür bezahlt werden? Oder wollen Sie eher den Lebensabend frei von Kindergeschrei geniessen?

Paula Lanfranconi, Ursula Markus: «Durch dick und dünn – Grosseltern von heute und ihre Enkel», Herausgegeben von der GrossmütterRevolution, Helden-Verlag.