Leben


Archiv für die Kategorie „Gesundheit“

Die Schuld der Mütter

Andrea Fischer am Dienstag den 17. Januar 2012
Die Mutter, das studierte und vermessene Wesen

Die Möglichkeiten, als Mutter etwas falsch zu machen, sind schier endlos: Gehirnwaschmaschine aus «Star Trek».

Mütter sind schuld. Und zwar an so ziemlich allem, woran man schuld sein kann, zumindest wenn es um die Entwicklung von Kindern geht. Je weniger davon wir pro Kopf oder besser pro Gebärmutter in die Welt setzen, desto genauer wird hingeguckt, wie gut wir dieses kostbare Gut ausbrüten, hegen und erziehen. Immer neue Studien finden immer neue Zusammenhänge zwischen Körper, Leistung und Verhalten der Mutter und ihrem Nachwuchs, der ja dann sozusagen die Gesellschaft der Zukunft zu sein hat. Für alle Mütter, die noch nicht genug Selbstzweifel und Schuldgefühle haben, hier mal eine kleine unvollständige Sammlung solcher Berichte und Untersuchungen:

  • Es fängt schon an, bevor wir überhaupt empfangen haben: Mütter, die vor der Schwangerschaft dick sind, werden mit grosser Wahrscheinlichkeit zu schwere Kinder zur Welt bringen.
  • Mütter mit Stress, Sorgen, Depressionen und Ängsten während der Schwangerschaft haben gute Chancen auf ein Kind mit neurologischen Problemen und psychiatrischen Störungen.
  • Mütter, die ihre Kinder per Kaiserschnitt zur Welt bringen, haben Kinder mit einem höheren Risiko für Krankheiten wie Allergien, Diabetes und sogar Leukämie.
  • Mütter, die ihrem Kind zu wenig Nähe und Zuneigung schenken, habe dickere Kinder. Zudem haben ungeliebte Kinder eher psychische Probleme, wenn sie gross sind.
  • Mütter, die nicht oder zu kurz stillen, riskieren damit Kinder mit Übergewicht, Allergien, Diabetes und weniger Grips, mal ganz abgesehen davon, dass die kleinen ohne Brust offenbar zu wenig Zuneigung erhalten (siehe oben Punkt «Zuneigung»).
  • Mütter, die ihre Kleinen zu früh mit fester Nahrung füttern, erhöhen damit die Chance, dass die später zu dick werden.
  • Mütter, die weniger als vier Portionen Früchte und Gemüse pro Woche essen, haben wahrscheinlich Kinder, die selber auch nicht ausreichend Früchte und Gemüse essen.
  • Mütter, die übergewichtig sind, psychische Probleme haben, an einer Essstörung leiden oder zu kritisch sind gegenüber ihren Kindern, begünstigen damit Essstörungen bei ebendiesen.
  • Mütter, die gebildet sind, haben Kinder mit besseren schulischen Erfolgsaussichten. (Ihr Einfluss ist dabei offenbar doppelt so gross, wie jener der Väter.)
  • Mütter, die zu viel lieben und ihre Kinder mit ihrer ständigen Sorge zu sehr überwachen, machen sie zu Neurotikern.
  • Mütter, die zu gute Mütter sein wollen, haben mehr Depressionen, was wiederum nicht gut ist für die Kids.

Mütter, die rauchen und trinken … das schenken wir uns hier für heute und behelfen uns lieber mit einer weiteren Studie, welche unsere Schuldgefühle vielleicht etwas zu lindern vermag:

Kinder können offenbar in die beiden Kategorien Löwenzahnkinder und Orchideenkinder eingeteilt werden. Die Löwenzahnkinder sind zäh und schlagen überall Wurzeln. Die Orchideenkinder sind heikel, zart und anfällig für Unstimmigkeiten. Bei ersteren kann man nicht allzu viel falsch machen, und auch bei letzteren kann man mit der richtigen Hingabe und Pflege dazu beitragen, dass sie aufblühen. Das ist doch tröstlich und macht Mut, weiterhin das zu tun, was wir ohnehin tun: es so gut machen, wie wir können.

Kinder ohne Zukunft

Michèle Binswanger am Dienstag den 20. Dezember 2011

Wer ein schwer krankes Kind hat, lebt intensiv im Hier und Jetzt: Eine Mutter und ihr Sohn in einer Krebsklinik für Kinder in Weissrussland.

Zwei Jahre ist es her, dass meine Freundin ein schwer behindertes Kind zur Welt brachte, das nach einigen Wochen wieder verstarb. Kurz bevor sie ihren Sohn gebar, hatte sie geheiratet und mein Mann und ich hatten dem Paar eine Übernachtung im Hotel mit Baby-Hütediensten geschenkt. Dann kam alles anders. Mit dem Tod rechnet man nicht. Man rechnet nicht damit, dass er kommt, einem die Liebsten raubt und damit auch sein eigenes Leben, wie man es zuvor kannte.

Eltern unterhalten sich gern über die immer gleichen Themen. Was ihre Kinder schon alles können und wie man die alltäglichen Verrichtungen mit ihnen meistert, und dass sie schlecht schlafen und einen manchmal an die Grenzen bringen. Später geht es um Schule und Erziehung und ihre zahlreichen Verpflichtungen und dass einen das manchmal ebenfalls an die Grenze bringt. Noch später setzt man sich damit auseinander, dass die Kleinen inzwischen schon ganz schön gross geworden sind, aufsässig und laut und leider kein bisschen gelassener und abgeklärter, als man selber als Teenager war. Und dass sie einen immer noch an die Grenzen bringen. Aber es sind Grenzen, die man immer wieder überwindet. Das Leben geht weiter, vorausgesetzt, es gibt eine Zukunft.

Die meisten Eltern bemühen sich, ihre Kinder zu befähigen, eine Zukunft zu meistern, von der wir fraglos ausgehen. Und wir stellen uns die Zukunft so vor, wie sie sich für uns Gegenwärtige abzeichnet. Es wird wohl eine Welt sein, in der es mehr Wettbewerb und weniger Ressourcen geben wird. Und Tiger Moms wie Amy Chua halten uns dazu an, unsere Kinder mit entsprechender Härte darauf vorzubereiten.

Aber was, wenn diese Projektion gar nicht stimmt? Im aktuellen «Zeit Magazin» schreibt die amerikanische Autorin Emily Rapp unter dem Titel «schrecklich frei von Erwartungen» über eine ähnliche Situation, wie meine Freundin sie erlebte. Rapps Kind wurde mit einem schweren Gendefekt und einer Lebenserwartung von lediglich einigen Wochen geboren. Im Text reflektiert sie darüber, was das für sie als Mutter bedeutet. All die Erwartungen normaler Eltern, sind für sie hinfällig. Alles, was sie je über Erziehung, Ernährung und Kleinkindpflege gelesen hat, ist hinfällig. Denn in Sachen Elternschaft sind alle Ratgeber, alle gesellschaftlichen Vorstellungen und Erwartungen auf die Zukunft ausgerichtet. Aber ihr Kind hat keine Zukunft. Es gibt nur die Gegenwart und die Frage, wie man ihm ein menschenwürdiges Dasein ermöglichen kann.

Angesichts des Todes denkt man nicht mehr in Begriffen von Konkurrenz und Wettstreit, von Erfolg oder Misserfolg, von Träumen und Wünschen. Sie werde nie eine Tigermutter sein, schreibt Rapp. Für ihre Situation brauche es ein anderes Tier. «Wir sind Dracheneltern: heftig und loyal und höllisch liebevoll. Unsere Erfahrungen haben uns gelehrt, Eltern zu sein für das Hier und Jetzt, um des Elternseins willen, für die Menschlichkeit, die darin steckt.»

Wir wissen nicht, was die Zukunft uns bringt und in welcher Welt unsere Kinder leben werden. Deshalb glaube ich, dass in diesen Worten einer Mutter, die weiss, dass ihr Kind bald sterben wird, eine wichtige Lektion verborgen ist. Wir alle möchten, dass unsere Kinder zu den Siegern gehören werden, zu den Erfolgreichen und Starken. Und vergessen dabei, dass es eigentlich um etwas ganz anderes geht. Dass wir nämlich in erster Linie Menschen sind, zum Leiden geboren, mit der bescheidenen Hoffnung, ein menschenwürdiges Dasein zu leben und Liebe erfahren zu können. Dies ist das Höchste, was es für unsere Kinder anzustreben gibt, nicht Geld oder Macht. Und selbst wenn das Glück ihnen hold sein sollte, können sie es nur weitergeben, wenn sie Liebe und Menschlichkeit erfahren haben.

Dies ist die Lektion, die wir Eltern gesunder Kinder von der Drachenmutter lernen sollten. Oder wie Rapp selber es formuliert: «Eine solche Erfahrung macht man nicht, ohne an Weisheit zu gewinnen, an tieferem Verständnis dafür, was das Leben bedeutet. Es sind schwer erlernte Lektionen, geschmiedet aus Trauer und Hilflosigkeit und tiefer Liebe, die einem nicht nur beibringen, wie man ein Vater oder eine Mutter sein kann, sondern ein Mensch.»

Grashalm statt Zigarette

Mamablog-Redaktion am Freitag den 25. November 2011

Eine Carte Blanche von Elke Koch.

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John Slattery (Roger Sterling, l.), John Hamm (Don Draper, M.) and January Jones (Betty Draper, r.) in der ersten Staffel der Serie «Mad Men».

Er ist wohl der einzige lonesome Cowboy, der von der Weltgesundheitsorganisation ausgezeichnet worden ist: Lucky Luke. Und warum? Ganz einfach, er hat mit dem Rauchen aufgehört. Seitdem ist er gemäss genauen Beobachtern etwas dicker geworden – wenn man bei Lucky Luke überhaupt von dick sprechen kann – und hat anstatt der selbstgedrehten Zigarette einen Strohhalm im Mund.

Nun gibt es aber Fans des Comic-Helden, die sagen, dass etwas fehle, dass Lucky Luke nicht mehr der gleiche coole Typ sei, seit er Nichtraucher ist. Gut, Szenen, in denen er sich in der einen Hand eine Zigarette rollt und in der anderen die Verbrecher mit dem Lasso fängt, fallen weg. Doch ist er deshalb wirklich ein anderer?

Wäre denn auch Don Draper, der Protagonist der erfolgreichen Serie «Mad Men» ein anderer, wenn er nicht rauchen würde? Wäre er dann nicht – und es ist nach wie vor die Rede von der Figur Don Draper – vor zwei Jahren zum einflussreichsten Mann der Welt gewählt worden?

Und die Fragenspirale dreht sich noch ein Stückchen weiter: Was für einen Einfluss haben ein Lucky Luke oder ein Don Draper auf die Zuschauer, wenn sie munter eine nach der anderen rauchen?

Lucky Luke liess die Raucherei der Kinder wegen bleiben. Man hatte den Comic-Zeichner Morris überzeugt, dass sein Western-Held für die kleinen Leser ein schlechtes Vorbild sei, wenn er ständig mit Zigarette zu sehen sei, zumal er doch einen Guten darstellt. Als rauchender Held würde er vermitteln, dass Rauchen sexy, stylisch und mit Erfolg verknüpft seien.

Gemäss einer deutschen Studie kriegen insbesondere Jugendliche, die häufig Rauchszenen in Filmen sehen, selber Lust, sich eine Zigarette anzustecken. Die Folgen davon stehen auf jeder Zigarettenschachtel: Rauchen macht schnell abhängig.

Und was ist mit dem erfolgreichen Mann aus der 60er-Jahre-Serie, Don Draper? Nun, ihm kann man nicht einfach einen Strohhalm zwischen die Lippen stecken. Zwar rauchen bei «Mad Men» alle nur Kräuterzigaretten, doch das sieht keiner. Abgesehen davon sind die auch nicht gesund, da sie Teer enthalten. Doch warum müssen Don Draper und seine Angestellten überhaupt Kette rauchen. Immerhin ist die Serie für Jugendliche ab 12 Jahren freigegeben. Nur der Authentizität wegen?

So argumentiert zumindest «Das Erste» bezüglich der verschiedenen «Tatort»-Folgen: «Tabakkonsum wird nur gezeigt, wenn er dramaturgisch begründet ist. Im für seine realistischen Milieuschilderungen bekannten ‹Tatort› können daher Szenen enthalten sein, in denen geraucht wird. Diese sind jedoch so gestaltet, dass sie keinesfalls Kinder und Jugendliche zur Nachahmung anregen.»

Was halten Sie von der Raucherei in Film und Fernsehen? Würde Ihnen tatsächlich etwas fehlen, wenn niemand mehr im Film oder Comic rauchen würde?

elke150x150Elke Koch ist ehemalige Redaktorin der Sendung und Onlineplattform «Gesundheitsfee».

Mütter auf Speed

Michèle Binswanger am Donnerstag den 17. November 2011
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Schluckt die ADHS-Tabletten ihrer Kinder: Felicity Huffman als Lynette Scavo.

Es war eine der besten Storys aus der ersten Staffel von Desperate Housewifes. Lynette Scavo, Mutter von vier Kindern und Herrin über das permanente Chaos in ihrem Haus, ist überfordert. Der Mann ist auf Geschäftsreise und zwei ihrer Söhne leiden unter einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Und sie sollte sie Kostüme für die Schulaufführung nähen und Kuchen backen, ganz zu schweigen davon, dass sie den Haushalt schmeissen und die Kinder bändigen muss. Und so schluckt sie das Ritalin ihrer Kinder selber. Worauf ihr anstrengendes Mutterleben plötzlich zum Kinderspiel wird.

Wie so oft hat das Leben inzwischen die Kunst imitiert. Darüber berichtete diese Woche der amerikanische Fernsehsender KTLA. In Kalifornien griffen immer mehr Mütter zum Medikament Adderall, sagen Suchthilfestellen. Adderall wird Kindern mit ADHS verschrieben, ähnlich wie das hierzulande bekannte Ritalin. Adderall steigert die Konzentration und die Leistungsfähigkeit und wirkt ähnlich wie die Strassendroge Speed. Entsprechend werden die Pillen gern zweckentfremdet, etwa von Studenten, damit sie den Prüfungsstress bewältigen können. Das amerikanische W-Magazin hat «Adderol» auch als Hollywood-Droge bezeichnet, bevorzugt von den Starlets, um schlank zu bleiben und die langen Drehtage durchzustehen.

Dass die die Pillen inzwischen als neue «Mothers little helpers» gehandelt werden, zeugt vom steigenden Druck, dem sich wohl nicht nur die kalifornischen Mütter ausgeliefert sehen. Ein absurdes Perfektions-Ideal verlangt von ihnen permanentes Multitasken. Sie pendeln zwischen Schulaufführungen, Haushalt, Job und Pilatesstunden und müssen dabei immer perfekt, das heisst möglichst schlank aussehen. Und da das Medikament leicht erhältlich ist und auch eifrig verschrieben wird, realisieren sie gar nicht, dass sie sich im Grunde mit Speed dopen müssen, um diesen ganzen Stress noch bewältigen zu können.

Adderol ist in der Schweiz nicht regulär erhältlich. Jedoch werden auch hierzulande immer mehr Präparate gegen Aufmerksamkeits-Störungen verschrieben. Laut einer Erhebung der Krankenkasse Helsana wurden im Jahr 2009 rund 42 Prozent mehr solche Medikamente verschrieben als noch drei Jahre zuvor. Und zwar nicht nur an Kinder, sondern immer mehr auch an Erwachsene. Der Anstieg, so die Studie, beläuft sich je nach Geschlecht und Alter und Altersklasse auf 58 bis 131 Prozent. Anzunehmen ist, dass in dieser Kategorie auch die Quote des Missbrauchs höher sein dürfte.

Bleibt die Frage, wer diese Medikamente konsumiert und warum. In der Schweiz wird dieses Thema mehrheitlich ignoriert. Es gebe zu wenig Zahlen darüber, ob der Konsum leistungssteigernder Drogen in der Schweiz zugenommen hat und bei welchen Bevölkerungsgruppen, sagt Peter Menzi, der Stellvertretende Leiter von Infodrog.ch. Bei den Fachstellen für Suchtberatung sei Alkohol nach wie vor das Hauptthema, über den Missbrauch von Medikamenten und leistungssteigernden Drogen werde wenig geforscht. Allerdings griffen die Medien das Thema in letzter Zeit vermehrt auf und es würden auch neue Hilfsangebote geschaffen. Helmut Wolfer von der Suchthilfe ergänzt: «Es gibt in jeder Bevölkerungsgruppe suchtgefährdete Menschen, also auch bei Müttern. Wenn nun eine Mutter prädisponiert ist, kann der leichte Zugriff auf die Droge durchaus zu einem Missbrauch führen.» Bei den Müttern seien besonders die Alleinerziehenden aufgrund ihrer Mehrfachbelastung gefährdet, also just jene Gruppe, die in den letzten Jahren am stärksten gewachsen ist.

Es ist bedenklich genug, dass wir viele Lebenssituationen heute nur noch unter Doping meistern zu können meinen. Dass dieser Trend inzwischen auch in der Familie angekommen ist, lässt aufhorchen. Ja, ich habe in den letzten Jahren mit viel Verständnis an die verzweifelte TV-Hausfrau Lynette Scavo gedacht und es gab hin und wieder Situationen, wo ich nicht gezögert hätte, ein mir dargebotenes Ritalin zu schlucken. Aber ich habe ein besseres Mittel gefunden gegen meinen Stress. Ich habe meinen Perfektionismus bei der Hand genommen, ihn in den Wald geführt und dort erschossen. Wir müssen nicht perfekt sein, Drogen verschlimmern Probleme nur.

Die Kinderärzte-Krise

Jeanette Kuster am Sonntag den 13. November 2011
SCHWEIZ HAUSARZT

Sind am Ende die Frauen schuld daran, dass ein akuter Kinderärzte-Mangel herrscht? Ein Mädchen wird vom Hausarzt untersucht. (Bild: Keystone)

Dass man sich als werdende Eltern schon früh auf die Suche nach einem Kita-Platz machen muss, ist mittlerweile den meisten bewusst. Dass die Situation auch bei den Kinderärzten nicht viel besser aussieht, merken viele allerdings erst, wenn sie ihr Kind für den ersten Untersuchungstermin anmelden wollen und zu hören bekommen, dass ihr Wunschdoktor wegen Überlastung einen Aufnahmestopp verfügt hat.

Eine Aargauer Untersuchung offenbart nun, wie dramatisch die Situation tatsächlich ist: «Die Unterversorgung in der Kinder- und Jugendmedizin variiert je nach Bezirk zwischen 30 und 80 Prozent», sagt Hans-Ulrich Iselin, Präsident des Aargauischen Ärzteverbandes, gegenüber der Zeitung «Sonntag». Und der Kinderärzte-Mangel ist keineswegs nur im Kanton Aargau ein Thema: Mehr als die Hälfte der Schweizer Kinder kann heute nicht mehr von einem Kinderarzt betreut werden. «Das Problem ist überall vorhanden, besonders ausgeprägt in den weniger dicht besiedelten Gebieten», sagt Prof. Dr. med. Christian Kind, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie, «es kann aber auch in einer Grossstadt schwierig sein, einen Kinderarzt zu finden.» In Zürich ist das der Fall: Wir sind zum Beispiel nur dank einer Empfehlung unserer Homöopathin noch bei unserem Wunsch-Kinderarzt untergekommen. Und ich kenne einige Eltern, die drei, vier Ärzte abtelefonieren mussten, bis sie schliesslich einen fanden, der sie aufnehmen wollte.

Bekommt man den Kinderärzte-Notstand so Schwarz auf Weiss präsentiert, wirft das gleich ein anderes Licht auf die Patienten in den diversen Kinder-Notfallpraxen. Bisher hat man den Eltern gerne vorgeworfen, aus lauter Bequemlichkeit oder übertriebener Sorge mit ihren Kindern immer gleich ins Spital zu rennen. Aber vielleicht liegt die Sache ja ganz anders und sie tun es nur, weil sie gar keinen Kinderarzt mehr haben? So können sie wenigstens sicherstellen, dass der Nachwuchs von einem Pädiatrie-Fachmann behandelt wird und nicht von einem normalen Hausarzt, der keine Erfahrung im Umgang mit Kindern hat.

Sucht man nach Gründen für den Kinderärzte-Mangel, denkt man sofort an den vieldiskutierten Numerus Clausus. Kind bestätigt, dass die Studienbeschränkung «sicher ein wichtiger Grund für den bestehenden und sich zunehmend verschärfenden Ärztemangel ist». Auf die Zahl der Kinderärzte hat der Numerus Clausus vermutlich besonders grosse Auswirkungen, weil im Eignungstest für Möchtegern-Medizinstudenten Fähigkeiten wie Empathie oder Kommunikationsstärke nicht geprüft werden. Beides Eigenschaften, die für die erfolgreiche Tätigkeit als Pädiater unbedingt nötig sind.

Nach Meinung einiger Fachleute tragen auch die Frauen einen Teil der Verantwortung für den Notstand. Gerade in der Pädiatrie sei der Frauenanteil sehr hoch, was den Anteil Teilzeitarbeitender erhöhe und folglich die Anzahl verfügbarer Ärzte verkleinere. Diese Sichtweise scheint in Zeiten der Gleichberechtigung etwas sehr einseitig. Wer sagt denn, dass jede Kinderärztin unbedingt Mutter werden will? Und gibt es nicht auch viele männliche Pädiater, die aufgrund des Nachwuchses ihr Pensum reduzieren? «Die Tendenz zur Teilzeitarbeit ist tatsächlich nicht auf Frauen beschränkt, bei ihnen aber – aus verständlichen Gründen – noch sehr viel ausgeprägter», sagt Kind. Das Problem sei, dass alle, auch die später in Teilzeit arbeitenden Kinderärztinnen, eine hundertprozentige Aus- und Weiterbildung benötigen. «Mit zunehmender Teilzeittätigkeit nach abgeschlossener Weiterbildung kann das gleiche Bildungssystem damit weniger Arbeitskräfte erzeugen und ein Mangel ist vorprogrammiert.»

Das Hauptproblem allerdings ist, dass gar nicht erst genügend Leute die Fachausbildung zum Kinderarzt abschliessen. Gerade mal zwei, drei sind es am Zürcher Kinderspital pro Jahr. Trotzdem widerspricht Kind vehement der Behauptung, dass der Beruf des Kinderarztes unattraktiv sei. «Aber er ist ausserordentlich anspruchsvoll und dabei nicht mit besonders hohem Prestige oder finanziellen Vorteilen verbunden.»  Also spezialisiert man sich lieber, anstatt als Generalist in der eigenen Praxis zu arbeiten? Kind verneint: «Das Einkommen eines pädiatrischen Spezialisten ist nicht wesentlich höher, da es kaum zusatzversicherte Kinder gibt. Viele Spezialisten für Erwachsene erzielen ihr hohes Einkommen nämlich aus der privaten Zusatzversicherung.»

Die Kombination aus niedrigem Ansehen unter Ärztekollegen und hoher Belastung im Berufsalltag tönt wahrlich nicht besonders reizvoll. Kommt hinzu, dass es die Eltern der Patienten den Kinderärzten auch nicht immer einfach machen. Zwar seien die informierten wie auch die desinformierten Patienten ein Problem, mit dem sich Ärzte jeder Fachrichtung auseinandersetzen müssten, so Kind. «Für die Pädiatrie spezifisch ist allerdings, dass hier immer mehrere Personen – nämlich Kind und Eltern – am Dialog beteiligt sind, was höhere Ansprüche an die Kommunikationsfähigkeit stellt.» Eine zusätzliche Schwierigkeit in neuerer Zeit sei, dass viele Eltern unter grossem Druck stehen, ihren Kindern eine perfekte und pausenlos glückliche Kindheit zu garantieren. «Das lässt ihre Ansprüche an die Kinderärztin gelegentlich unrealistisch werden», so Kind.

Was also ist die Lösung für das Problem? Mehr Notfallpraxen sicher nicht, denn die belasten das Gesundheitssystem nur unnötig. Kinderärzte zu importieren können wir uns auch abschminken, da Deutschland und Österreich ebenfalls mit Engpässen kämpfen und alles tun, um ihre selber ausgebildeten Fachkräfte im Land zu behalten. Also den Numerus Clausus lockern oder gar abschaffen? Dafür bräuchte es jedoch zusätzliche Studienplätze, was «ganz erhebliche Investitionen» bedingen würde, gibt Kind zu bedenken. Investitionen, die am Ende der Gesundheit unserer Kinder zugute kommen würden. Und die sollte uns das Geld doch wert sein.