Leben


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Mütter auf Speed

Michèle Binswanger am Donnerstag den 17. November 2011
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Schluckt die ADHS-Tabletten ihrer Kinder: Felicity Huffman als Lynette Scavo.

Es war eine der besten Storys aus der ersten Staffel von Desperate Housewifes. Lynette Scavo, Mutter von vier Kindern und Herrin über das permanente Chaos in ihrem Haus, ist überfordert. Der Mann ist auf Geschäftsreise und zwei ihrer Söhne leiden unter einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Und sie sollte sie Kostüme für die Schulaufführung nähen und Kuchen backen, ganz zu schweigen davon, dass sie den Haushalt schmeissen und die Kinder bändigen muss. Und so schluckt sie das Ritalin ihrer Kinder selber. Worauf ihr anstrengendes Mutterleben plötzlich zum Kinderspiel wird.

Wie so oft hat das Leben inzwischen die Kunst imitiert. Darüber berichtete diese Woche der amerikanische Fernsehsender KTLA. In Kalifornien griffen immer mehr Mütter zum Medikament Adderall, sagen Suchthilfestellen. Adderall wird Kindern mit ADHS verschrieben, ähnlich wie das hierzulande bekannte Ritalin. Adderall steigert die Konzentration und die Leistungsfähigkeit und wirkt ähnlich wie die Strassendroge Speed. Entsprechend werden die Pillen gern zweckentfremdet, etwa von Studenten, damit sie den Prüfungsstress bewältigen können. Das amerikanische W-Magazin hat «Adderol» auch als Hollywood-Droge bezeichnet, bevorzugt von den Starlets, um schlank zu bleiben und die langen Drehtage durchzustehen.

Dass die die Pillen inzwischen als neue «Mothers little helpers» gehandelt werden, zeugt vom steigenden Druck, dem sich wohl nicht nur die kalifornischen Mütter ausgeliefert sehen. Ein absurdes Perfektions-Ideal verlangt von ihnen permanentes Multitasken. Sie pendeln zwischen Schulaufführungen, Haushalt, Job und Pilatesstunden und müssen dabei immer perfekt, das heisst möglichst schlank aussehen. Und da das Medikament leicht erhältlich ist und auch eifrig verschrieben wird, realisieren sie gar nicht, dass sie sich im Grunde mit Speed dopen müssen, um diesen ganzen Stress noch bewältigen zu können.

Adderol ist in der Schweiz nicht regulär erhältlich. Jedoch werden auch hierzulande immer mehr Präparate gegen Aufmerksamkeits-Störungen verschrieben. Laut einer Erhebung der Krankenkasse Helsana wurden im Jahr 2009 rund 42 Prozent mehr solche Medikamente verschrieben als noch drei Jahre zuvor. Und zwar nicht nur an Kinder, sondern immer mehr auch an Erwachsene. Der Anstieg, so die Studie, beläuft sich je nach Geschlecht und Alter und Altersklasse auf 58 bis 131 Prozent. Anzunehmen ist, dass in dieser Kategorie auch die Quote des Missbrauchs höher sein dürfte.

Bleibt die Frage, wer diese Medikamente konsumiert und warum. In der Schweiz wird dieses Thema mehrheitlich ignoriert. Es gebe zu wenig Zahlen darüber, ob der Konsum leistungssteigernder Drogen in der Schweiz zugenommen hat und bei welchen Bevölkerungsgruppen, sagt Peter Menzi, der Stellvertretende Leiter von Infodrog.ch. Bei den Fachstellen für Suchtberatung sei Alkohol nach wie vor das Hauptthema, über den Missbrauch von Medikamenten und leistungssteigernden Drogen werde wenig geforscht. Allerdings griffen die Medien das Thema in letzter Zeit vermehrt auf und es würden auch neue Hilfsangebote geschaffen. Helmut Wolfer von der Suchthilfe ergänzt: «Es gibt in jeder Bevölkerungsgruppe suchtgefährdete Menschen, also auch bei Müttern. Wenn nun eine Mutter prädisponiert ist, kann der leichte Zugriff auf die Droge durchaus zu einem Missbrauch führen.» Bei den Müttern seien besonders die Alleinerziehenden aufgrund ihrer Mehrfachbelastung gefährdet, also just jene Gruppe, die in den letzten Jahren am stärksten gewachsen ist.

Es ist bedenklich genug, dass wir viele Lebenssituationen heute nur noch unter Doping meistern zu können meinen. Dass dieser Trend inzwischen auch in der Familie angekommen ist, lässt aufhorchen. Ja, ich habe in den letzten Jahren mit viel Verständnis an die verzweifelte TV-Hausfrau Lynette Scavo gedacht und es gab hin und wieder Situationen, wo ich nicht gezögert hätte, ein mir dargebotenes Ritalin zu schlucken. Aber ich habe ein besseres Mittel gefunden gegen meinen Stress. Ich habe meinen Perfektionismus bei der Hand genommen, ihn in den Wald geführt und dort erschossen. Wir müssen nicht perfekt sein, Drogen verschlimmern Probleme nur.

Die Kinderärzte-Krise

Jeanette Kuster am Sonntag den 13. November 2011
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Sind am Ende die Frauen schuld daran, dass ein akuter Kinderärzte-Mangel herrscht? Ein Mädchen wird vom Hausarzt untersucht. (Bild: Keystone)

Dass man sich als werdende Eltern schon früh auf die Suche nach einem Kita-Platz machen muss, ist mittlerweile den meisten bewusst. Dass die Situation auch bei den Kinderärzten nicht viel besser aussieht, merken viele allerdings erst, wenn sie ihr Kind für den ersten Untersuchungstermin anmelden wollen und zu hören bekommen, dass ihr Wunschdoktor wegen Überlastung einen Aufnahmestopp verfügt hat.

Eine Aargauer Untersuchung offenbart nun, wie dramatisch die Situation tatsächlich ist: «Die Unterversorgung in der Kinder- und Jugendmedizin variiert je nach Bezirk zwischen 30 und 80 Prozent», sagt Hans-Ulrich Iselin, Präsident des Aargauischen Ärzteverbandes, gegenüber der Zeitung «Sonntag». Und der Kinderärzte-Mangel ist keineswegs nur im Kanton Aargau ein Thema: Mehr als die Hälfte der Schweizer Kinder kann heute nicht mehr von einem Kinderarzt betreut werden. «Das Problem ist überall vorhanden, besonders ausgeprägt in den weniger dicht besiedelten Gebieten», sagt Prof. Dr. med. Christian Kind, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie, «es kann aber auch in einer Grossstadt schwierig sein, einen Kinderarzt zu finden.» In Zürich ist das der Fall: Wir sind zum Beispiel nur dank einer Empfehlung unserer Homöopathin noch bei unserem Wunsch-Kinderarzt untergekommen. Und ich kenne einige Eltern, die drei, vier Ärzte abtelefonieren mussten, bis sie schliesslich einen fanden, der sie aufnehmen wollte.

Bekommt man den Kinderärzte-Notstand so Schwarz auf Weiss präsentiert, wirft das gleich ein anderes Licht auf die Patienten in den diversen Kinder-Notfallpraxen. Bisher hat man den Eltern gerne vorgeworfen, aus lauter Bequemlichkeit oder übertriebener Sorge mit ihren Kindern immer gleich ins Spital zu rennen. Aber vielleicht liegt die Sache ja ganz anders und sie tun es nur, weil sie gar keinen Kinderarzt mehr haben? So können sie wenigstens sicherstellen, dass der Nachwuchs von einem Pädiatrie-Fachmann behandelt wird und nicht von einem normalen Hausarzt, der keine Erfahrung im Umgang mit Kindern hat.

Sucht man nach Gründen für den Kinderärzte-Mangel, denkt man sofort an den vieldiskutierten Numerus Clausus. Kind bestätigt, dass die Studienbeschränkung «sicher ein wichtiger Grund für den bestehenden und sich zunehmend verschärfenden Ärztemangel ist». Auf die Zahl der Kinderärzte hat der Numerus Clausus vermutlich besonders grosse Auswirkungen, weil im Eignungstest für Möchtegern-Medizinstudenten Fähigkeiten wie Empathie oder Kommunikationsstärke nicht geprüft werden. Beides Eigenschaften, die für die erfolgreiche Tätigkeit als Pädiater unbedingt nötig sind.

Nach Meinung einiger Fachleute tragen auch die Frauen einen Teil der Verantwortung für den Notstand. Gerade in der Pädiatrie sei der Frauenanteil sehr hoch, was den Anteil Teilzeitarbeitender erhöhe und folglich die Anzahl verfügbarer Ärzte verkleinere. Diese Sichtweise scheint in Zeiten der Gleichberechtigung etwas sehr einseitig. Wer sagt denn, dass jede Kinderärztin unbedingt Mutter werden will? Und gibt es nicht auch viele männliche Pädiater, die aufgrund des Nachwuchses ihr Pensum reduzieren? «Die Tendenz zur Teilzeitarbeit ist tatsächlich nicht auf Frauen beschränkt, bei ihnen aber – aus verständlichen Gründen – noch sehr viel ausgeprägter», sagt Kind. Das Problem sei, dass alle, auch die später in Teilzeit arbeitenden Kinderärztinnen, eine hundertprozentige Aus- und Weiterbildung benötigen. «Mit zunehmender Teilzeittätigkeit nach abgeschlossener Weiterbildung kann das gleiche Bildungssystem damit weniger Arbeitskräfte erzeugen und ein Mangel ist vorprogrammiert.»

Das Hauptproblem allerdings ist, dass gar nicht erst genügend Leute die Fachausbildung zum Kinderarzt abschliessen. Gerade mal zwei, drei sind es am Zürcher Kinderspital pro Jahr. Trotzdem widerspricht Kind vehement der Behauptung, dass der Beruf des Kinderarztes unattraktiv sei. «Aber er ist ausserordentlich anspruchsvoll und dabei nicht mit besonders hohem Prestige oder finanziellen Vorteilen verbunden.»  Also spezialisiert man sich lieber, anstatt als Generalist in der eigenen Praxis zu arbeiten? Kind verneint: «Das Einkommen eines pädiatrischen Spezialisten ist nicht wesentlich höher, da es kaum zusatzversicherte Kinder gibt. Viele Spezialisten für Erwachsene erzielen ihr hohes Einkommen nämlich aus der privaten Zusatzversicherung.»

Die Kombination aus niedrigem Ansehen unter Ärztekollegen und hoher Belastung im Berufsalltag tönt wahrlich nicht besonders reizvoll. Kommt hinzu, dass es die Eltern der Patienten den Kinderärzten auch nicht immer einfach machen. Zwar seien die informierten wie auch die desinformierten Patienten ein Problem, mit dem sich Ärzte jeder Fachrichtung auseinandersetzen müssten, so Kind. «Für die Pädiatrie spezifisch ist allerdings, dass hier immer mehrere Personen – nämlich Kind und Eltern – am Dialog beteiligt sind, was höhere Ansprüche an die Kommunikationsfähigkeit stellt.» Eine zusätzliche Schwierigkeit in neuerer Zeit sei, dass viele Eltern unter grossem Druck stehen, ihren Kindern eine perfekte und pausenlos glückliche Kindheit zu garantieren. «Das lässt ihre Ansprüche an die Kinderärztin gelegentlich unrealistisch werden», so Kind.

Was also ist die Lösung für das Problem? Mehr Notfallpraxen sicher nicht, denn die belasten das Gesundheitssystem nur unnötig. Kinderärzte zu importieren können wir uns auch abschminken, da Deutschland und Österreich ebenfalls mit Engpässen kämpfen und alles tun, um ihre selber ausgebildeten Fachkräfte im Land zu behalten. Also den Numerus Clausus lockern oder gar abschaffen? Dafür bräuchte es jedoch zusätzliche Studienplätze, was «ganz erhebliche Investitionen» bedingen würde, gibt Kind zu bedenken. Investitionen, die am Ende der Gesundheit unserer Kinder zugute kommen würden. Und die sollte uns das Geld doch wert sein.

Veganer und die Wurzeln der Gesellschaft

Michèle Binswanger am Donnerstag den 10. November 2011
MAMABLOG-VEGANER

Gegen Eier: Als Hühner verkleidete Peta-Models servieren vegane Süssigkeiten in Washington. (Bild: Reuters)

Die Welt wird immer gefährlicher, das ist Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, bestimmt auch schon aufgefallen. Was hatten wir dieses Jahr bereits: Fukushima, Eurokrise und jetzt das Atomwaffenprogramm des Irans. Aber Gefahr für die Menschheit dräut auch direkt vor unserer Haustüre, im Schoss der Familie. Wild gewordene Sexualpädagogen bedrohen den sexuellen Frieden unsere Kindergärtner mit plüschgefertigten männlichen und weiblichen Geschlechtsteilen in Sexboxen. Und jetzt kommen auch noch die Veganer, so eine Art High-End-Körnlipicker, die ihren Kindern nicht nur Fleisch und Milchprodukte, sondern auch das lebenswichtige Vitamin B12 vorenthalten. Veganer nagen damit, so legte ein viel diskutierter Bericht im «Tages-Anzeiger» nahe, nicht nur an Kartoffeln und Rüben, nein, sondern direkt an der Wurzel unserer Gesellschaft, indem sie immer mehr Kinder mit ihrer grotesken Ernährungsideologie indoktrinieren und sie wettbewerbsunfähig machen.

Ja, vielleicht sind Eltern heute für ihre Kinder die allergrösste Bedrohung, wie der «Tages-Anzeiger» festhielt, der aus diesen zwei Fällen, die sich doch immerhin im Zeitraum von nur sieben Jahren abspielten, flugs einen neuen Trend bastelte. Und den Bioethiker Rouven Porz vom Inselspital Bern um eine Stellungnahme bat.

Dieser fasste mal kurz zusammen: Jede Art von Ideologie beinhalte auch ein Quäntchen Fundamentalismus, was ethisch bedenklich sei, denn da Fundamentalisten sich nicht in andere Perspektiven hinein denken könnten, tendierten sie automatisch dazu, andere zu gefährden. Zum Beispiel eben die Veganer. Und da müsse die Gesellschaft eingreifen, hiess es. Eltern, so führte der Ethiker weiter aus, seien dazu verpflichtet, ihre Kinder nach den Werten der Gesellschaft zu erziehen. Deshalb müsse, wo Eltern versagen, die Gesellschaft, sprich der Staat einschreiten. Ein Tabuthema, wie der Bioethiker bemerkt: «Es gibt Momente, in denen die Eltern nicht für ihre Kinder entscheiden dürfen. Weil sie eben manchmal falsch entscheiden.»

Oha, Eltern entscheiden zuweilen falsch? Skandal! Aber zum Glück haben wir diese Schwachstelle auf dem Weg zum kollektiven Glück entdeckt, denn nun können wir Massnahmen ergreifen. Denn Kinder gehören zwar rechtlich ihren Eltern , wie der Bioethiker uns belehrt, nicht aber moralisch ethisch. In dieser Hinsicht, worunter auch Fragen nach Sinn und Unsinn veganer Ernährung subsumiert werden, gehörten die Kinder uns allen.

Ich sympathisiere nicht mit Veganern. Seit man mir in einem Gault-Millaut-Restaurant einmal statt eines simplen vegetarisches Menues ein veganes auftischte und ich während des Essens unkntrolliert aus dem Mund sabberte beim Blick auf all die tierisch leckeren Rahmhäubchen, zartschmelzenden Buttersaucen und Gratins auf dem Teller meines Partners, von denen der meine sorgfältig isoliert wurde, bin ich zum Schluss gekommen: Wenn ich mir die Leber ruinieren will, dann lieber mit Saufen, das wäre für mich und meine Mitmenschen wesentlich lustiger. Und trotzdem würde es mir nicht im Traum einfallen, die halbgaren Weisheiten dieses Bioethikers über die Gefährdung unserer Kinder durch fundamentalistischen Veganismus zu schlucken.

Die Eltern müssten einfach bis zum achtzehnten Geburtstag ihrer Kinder warten, danach dürften sie versuchen, ihnen ihre Ideologie näher zu bringen, sagt Rouven Porz. Sehr gute Idee. Und bis dahin sperren wir die Kinder in staatliche Erziehungsheime, wo sie mit der kollektiven, staatlich beglaubigten und nach dem neuesten Stand der Wissenschaft anerkannten, ungefährlichen, unideologischen, unfundamentalistischen Wertehaltungen gefüttert werden.

Der Typ hat etwas falsch verstanden. Zuerst müssen wir in aller Deutlichkeit festhalten: Die geschilderten Fälle ideologischer Verwirrung von Eltern, die zur Gefährdung der Kinder führte, sind tragische Einzelfälle, kein Trend. Und ja, Erziehung IST nichts anderes als die Vermittlung einer Wertehaltung. Und wenn es heute einen Trend diesbezüglich gibt, dann doch wohl eher der, dass Eltern eine konzise Wertehaltung in ihrer Erziehung vermissen lassen. Wenn jedes elterliche Fehlverhalten, jede Wertehaltung flugs in eine Ideologie oder fundamentalistische Überzeugung umgedeutet wird und dazu führt, dass den Eltern das ethisch-moralische Recht auf ihre Kinder abgesprochen wird, darf dann jedes Mal der Staat ran, um unseren Kindern die rechte Grundhaltung einzuimpfen? Und welches ist dann die rechte Grundhaltung? Dass eine Schweinswurst zum Mittagessen dazu gehört, dass Fondue mindestens fünf Mal pro Jahr auf dem Menueplan stehen muss?

Wenn es einen Trend zu Ideologie und Fundamentalismus gibt, dann dürfte der nicht in erster Linie bei den Eltern zu suchen sein, sondern bei Journalisten, die Einzelfälle zu Bedrohungstrends hochschreiben, staatlich geprüften Erziehern, die jede Abweichung von der Norm pathologisieren und Bioethikern, die wohl am liebsten Ethikpolizisten auf dem Pausenplatz patrouillieren und die Znüniböxli der Kinder kontrollieren lassen würden, um jeden, nicht den den gemeinsamen gesellschaftlichen Werten entsprechender Snack auszumerzen.

Die Work-Life-Balance-Lüge

Michèle Binswanger am Dienstag den 1. November 2011
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Muss Arbeit und Beruf unter einen Hut bringen: Tatort-Kommisarin Lindholm mit Sohn. (Bild: NDR)

Ach, wie klarsichtig Kinder doch zuweilen sein können. Jüngst belauschte ich meine, wie sie am Tisch beim «Pöpperlen» sassen, einem Spiel, bei dem es darum geht, wahre von falschen Behauptungen zu unterscheiden. Der Sohn sagte «pöpperle, pöpperle, Mama ist immer gestresst» – und beide Kinder akzeptierten das ohne weitere Diskussionen als wahre Tatsache. Ich schenkte mir einen Schnaps ein und dachte den ganzen Abend darüber nach, wie meine Work-Life-Balance so schief herauskommen konnte.

Die Frage ist aber vielleicht mehr, was denn die viel besungene Work-Life-Balance sein soll. Populär geworden in der Epoche, da die ganze Welt am Rubik-Würfel herumtüftelte, erfreut sich der Begriff heute ungebrochener Popularität. Unzählige Artikel und Ratgeber versuchen zu vermitteln, wie zwecks Stressreduktion ein Ausgleich zwischen Leben und Arbeit gefunden werden soll. Wie Familie und Erwerbsleben kompatibel und die Arbeit zwischen den Geschlechtern gerechter geteilt werden kann. Das Versprechen lautet dabei: Wenn du nur richtig jonglierst, kannst du den ersehnten Zustand absoluter Ausgeglichenheit erreichen. Es ist eine Botschaft, die uns bekannt vorkommt: Streng dich gefälligst ein bisschen mehr an, dann wirst du es auch schaffen. Aber das ist eine Lüge. Der Deal lautet ganz anders: wer mehr will, hat auch mehr Stress. Wer Familie und Beruf will, auf den wartet eine schier übermenschliche Aufgabe, der rudert in einem Boot, das Leck geschlagen hat und gleichzeitig ausgeschöpft werden muss und er tut das bis zur Erschöpfung, denn er hat keine andere Wahl. Glück hat in gewisser Hinsicht, wer seinen Job flexibel gestalten kann, denn das macht das Jonglieren einfacher. Wenn auch nicht weniger anstrengend, sondern eher mehr.

Soziologen warnen heute davor, dass flexible Familien in flexiblen Arbeitswelten sich oft ausbrennen. Dies ist beispielsweise das Ergebnis einer Untersuchung des deutschen Jugendinstituts und der Uni Chemnitz. Forscher befragten Familien aus Branchen mit besonders flexiblen Arbeitsverhältnissen nach ihren Strategien zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dabei stellten sie fest, dass die flexiblen Familien zwar äusserst kreativ sind in dieser Frage und alle es irgendwie schaffen – aber zu einem hohen Preis. Einen «bedenklichen Grad von Belastungen» hält die Studie fest und schliesst im Resumée: «Auch wenn das Vereinbarkeitsmanagement und die Organisation der täglichen Betreuung und Versorgung letztlich klappen, bleibt die Gemeinsamkeit, die Lust am Familienleben zunehmend auf der Strecke.» Mit anderen Worten, flexible Familien sind besonders gefährdet für Burn-Out.

Diesen Befund kann ich bestätigen. Die vielleicht eindrücklichste Erfahrung im neuen Leben als Familie ist ja, wie das eigene Leben mit anderen plötzlich existenziell zusammenhängt. Es gibt nicht mehr meinen Raum und meine Zeit, alles vermischt sich. Aber auch Erwerbs- und Privatleben lassen sich nicht mehr ohne weiteres separieren, denn Mutterschaft ist ja nicht etwas, was ich ablegen kann, wenn ich aus dem Haus gehe und werden die Kinder krank, bleib ich zu Hause. Umgekehrt nehme ich, wenn ich mit meine Arbeit bis um fünf nicht fertig geworden bin, die Arbeit mit nach Hause und erledige sie nach Feierabend. Das ist anstrengend, aber für die meisten Familien eine Realität, denn dank der langen Ausbildungen und späterem Berufseintritt fällt die aktivste berufliche Phase meist mit der aktiven Familienzeit zusammenfällt. Soziologen nennen diese Jahre auch Rush-Hour des Lebens.

Aber vielleicht liegt diesem Begriff auch ein grosses Missverständnis zugrunde. Vielleicht müsste man Work-Life-Balance nicht so sehr als situatives Ideal verstehen, das es uns ermöglicht, ganz entspannt alle Anforderungen der Arbeit, der Familie und die eigenen Bedürfnisse locker unter einen Hut zu bringen. Vielleicht muss man beginnen, den Begriff auf die Lebensspanne als Ganzes anzuwenden, in der die Familienphase eben nur ein kurzer Abschnitt ist. Und natürlich gerät in Stress, wer während dieser Phase auch gleich noch ein neues Familienmodell ausprobiert und sich nicht in die traditionellen Rollen schickt. Doch auf lange Sicht lohnt es sich trotzdem, auch wenn man kurzfristig aus der Balance gerät. Wenn Männer sich neben der Arbeit mehr in der Familie engagieren, gewinnen sie eine tiefere Bindung zu ihren Kindern, was später, wenn diese selbstständiger werden, zu einer stabileren Beziehung führt. Frauen, die auch als Mütter im Berufsleben bleiben, gewinnen – und zwar weil sie sich nicht ausschliesslich über Mutterschaft definieren müssen, was sich vor allem später auszahlt, wenn die Kinder ausgezogen sind. Und die Kinder gewinnen, weil die Eltern nicht in Versuchung kommen, ihre gesamte Energie in die Kinderaufzucht zu stecken, denn das ist für den Nachwuchs oft beengend und hemmt oft eine ungestörte Entwicklung zu einem Wesen, das selbstbewusst auf eigenen Beinen stehen kann.

Und wenn Ihre Kinder Sie als permanent gestresste Mutter wahrnehmen, umso besser. Dann wissen sie nämlich, was wirklich auf sie zukommen wird, wenn sie später mal eine Familie gründen wollen.

Angeboren oder anerzogen?

Jeanette Kuster am Sonntag den 18. September 2011

Unsere Tochter hat nächste Woche Geburtstag – und deshalb gute Chancen, als Profisportlerin durchzustarten. Behauptet zumindest das Office for National Statistics des Vereinigten Königreichs. Das Amt hat eine Studie veröffentlicht, die einen Zusammenhang zwischen dem Geburtsmonat und dem später ausgeübten Beruf herstellt. So sollen Dezember-Geborene besonders häufig Zahnarzt werden, während im Januar vermehrt künftige Schuldeneintreiber das Licht der Welt erblicken. Februar-Babys sind im späteren Leben oft künstlerisch tätig und wer sein Kind im März zur Welt bringt, wird vielleicht einmal stolze Mutter eines Piloten.

Auf den ersten Blick scheinen solche Prognosen nicht viel glaubwürdiger als das Tageshoroskop in der Gratiszeitung. Tatsächlich belegen aber diverse wissenschaftliche Untersuchungen, dass es unser Leben sehr wohl beeinflusst, ob wir im Sommer oder im Winter geboren wurden. Russell Foster, Neurowissenschaftler an der Universität Oxford, sagt, dass die Auswirkungen der Jahreszeit zwar klein, aber absolut eindeutig seien. «Wie lange wir leben, wie gross wir werden und wie unser Body-Mass-Index ausfällt, wie erfolgreich unsere Schulkarriere verläuft und wie anfällig für gewisse Krankheiten wir sind, all dies ist bis zu einem gewissen Grad verknüpft mit der Jahreszeit, in die wir hineingeboren werden», so der Wissenschaftler gegenüber der Zeitung «Daily Mail». Ein Grund dafür könnte die Sonnenlicht-Exposition der Mutter während der Schwangerschaft sein. Sonnenlicht regt bekanntlich die Produktion von Vitamin D im Körper an – ein Mangel des Vitamins während der ersten Schwangerschaftsmonate könnte längerfristige Auswirkungen auf das noch ungeborene Kind haben.

Emotionale Sensibilität ist angeboren

Wenn also schon im Mutterleib so viele Weichen für die Zukunft gestellt werden, wie stark beeinflusst man als Mutter und Vater das Leben und Verhalten des Kindes dann überhaupt noch? Oder anders gefragt: Was ist angeboren, was anerzogen?

Gerade wenn es um die Frage des Talents geht, sind sich die Experten uneinig. Die eine Fraktion ist der Meinung, alleine mit genügend Praxis sei es möglich, in einem bestimmten Bereich aussergewöhnliche Fähigkeiten zu entwickeln. Der Psychologe Anders Ericsson etwa sagt, dass 10′000 Übungsstunden ausreichen, um aus einem durchschnittlich begabten Tennis-Nachwuchsspieler einen zweiten Roger Federer zu machen. Andere Wissenschaftler werten den Einfluss der Gene weit stärker. Mittlerweile hat man sich in der Forschung auf einen 50:50-Kompromiss geeinigt: Ein Konzertpianist soll seine Begabung also zur Hälfte den Genen, zur Hälfte dem Umfeld verdanken.

Wider Erwarten nicht anerzogen sondern angeboren ist hingegen die sogenannte emotionale Sensibilität. Beginnt ein Baby sofort zu weinen, wenn die Mutter den Raum verlässt, sind also nicht etwa die Eltern schuld, die das Kleine zu sehr umsorgen und nicht loslassen können. Nein, das Schüchternheitslevel ist schon bei der Geburt im Gehirn festgelegt. Ob aus dem scheuen Baby später einmal ein Einzelgänger wird oder jemand, der zaghaft aber doch offen auf neue Leute zugeht, das können Mama und Papa jedoch sehr wohl beeinflussen, indem sie ihm seine Gefühle zwar zugestehen, es aber gleichzeitig dabei unterstützen, seine Angst in den Griff zu bekommen.

Kinder brauchen «artgerechte Bedingungen»

Und wie sieht es aus mit den Differenzen zwischen den Geschlechtern? Dass sich Mädchen und Jungs im Baby- und Kleinkindalter unterschiedlich entwickeln, ist eine Tatsache. Mädchen laufen und reden tendenziell etwas früher und sind feinmotorisch geschickter als Jungs. Letztere sind dafür bei der räumlichen Orientierung etwas im Vorteil. Bei weitem nicht alle Unterschiede lassen sich aber auf die Gene schieben: Das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit hat festgestellt, dass zum Beispiel die geringere Risikobereitschaft von Frauen nicht angeboren, sondern bloss anerzogen ist.

Der Mensch ist also genetisch vorgeprägt, keinesfalls aber genetisch festgelegt. Und er ist vor allem eines: extrem wandlungsfähig. «Die Natur hat den Homo sapiens mit unglaublicher Anpassungsfähigkeit ausgestattet», sagt der Kinderarzt und Autor Herbert Renz-Polster gegenüber «Wir Eltern». «Jedes Kind bringt eine gewisse Grundausstattung mit. Doch wie sie genutzt und weiterentwickelt wird, hängt von der Umwelt ab.» Gemeint ist damit allerdings nicht, dass man den Nachwuchs in jeden erdenklichen Förderkurs stecken soll, damit aus dem potenziellen Bauarbeiter doch noch ein Pilot wird. Vielmehr sei es wichtig, dem Kind «artgerechte Bedingungen» zu liefern. Will heissen: Eine sichere Bindung, viel Nähe und den Kontakt zu anderen Kindern. Und nicht zuletzt Freiheit. «Um ihre Potenziale auszuschöpfen, müssen Kinder nach einem eigenen Plan lernen können», so Renz-Polster. «Das gelingt am besten im selbstbestimmten, freien Spiel – ohne Erwachsene

Gestehen Sie Ihrem Kind diese Art der Förderung zu und vertrauen darauf, dass es auf diese Weise sein Potenzial voll ausschöpfen und glücklich durchs Leben gehen wird? Oder nehmen Sie sein Schicksal lieber selber in die Hand – getreu dem Motto «lieber anerziehen, anstatt sich aufs Angeborene zu verlassen»?