
Schluckt die ADHS-Tabletten ihrer Kinder: Felicity Huffman als Lynette Scavo.
Es war eine der besten Storys aus der ersten Staffel von Desperate Housewifes. Lynette Scavo, Mutter von vier Kindern und Herrin über das permanente Chaos in ihrem Haus, ist überfordert. Der Mann ist auf Geschäftsreise und zwei ihrer Söhne leiden unter einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Und sie sollte sie Kostüme für die Schulaufführung nähen und Kuchen backen, ganz zu schweigen davon, dass sie den Haushalt schmeissen und die Kinder bändigen muss. Und so schluckt sie das Ritalin ihrer Kinder selber. Worauf ihr anstrengendes Mutterleben plötzlich zum Kinderspiel wird.
Wie so oft hat das Leben inzwischen die Kunst imitiert. Darüber berichtete diese Woche der amerikanische Fernsehsender KTLA. In Kalifornien griffen immer mehr Mütter zum Medikament Adderall, sagen Suchthilfestellen. Adderall wird Kindern mit ADHS verschrieben, ähnlich wie das hierzulande bekannte Ritalin. Adderall steigert die Konzentration und die Leistungsfähigkeit und wirkt ähnlich wie die Strassendroge Speed. Entsprechend werden die Pillen gern zweckentfremdet, etwa von Studenten, damit sie den Prüfungsstress bewältigen können. Das amerikanische W-Magazin hat «Adderol» auch als Hollywood-Droge bezeichnet, bevorzugt von den Starlets, um schlank zu bleiben und die langen Drehtage durchzustehen.
Dass die die Pillen inzwischen als neue «Mothers little helpers» gehandelt werden, zeugt vom steigenden Druck, dem sich wohl nicht nur die kalifornischen Mütter ausgeliefert sehen. Ein absurdes Perfektions-Ideal verlangt von ihnen permanentes Multitasken. Sie pendeln zwischen Schulaufführungen, Haushalt, Job und Pilatesstunden und müssen dabei immer perfekt, das heisst möglichst schlank aussehen. Und da das Medikament leicht erhältlich ist und auch eifrig verschrieben wird, realisieren sie gar nicht, dass sie sich im Grunde mit Speed dopen müssen, um diesen ganzen Stress noch bewältigen zu können.
Adderol ist in der Schweiz nicht regulär erhältlich. Jedoch werden auch hierzulande immer mehr Präparate gegen Aufmerksamkeits-Störungen verschrieben. Laut einer Erhebung der Krankenkasse Helsana wurden im Jahr 2009 rund 42 Prozent mehr solche Medikamente verschrieben als noch drei Jahre zuvor. Und zwar nicht nur an Kinder, sondern immer mehr auch an Erwachsene. Der Anstieg, so die Studie, beläuft sich je nach Geschlecht und Alter und Altersklasse auf 58 bis 131 Prozent. Anzunehmen ist, dass in dieser Kategorie auch die Quote des Missbrauchs höher sein dürfte.
Bleibt die Frage, wer diese Medikamente konsumiert und warum. In der Schweiz wird dieses Thema mehrheitlich ignoriert. Es gebe zu wenig Zahlen darüber, ob der Konsum leistungssteigernder Drogen in der Schweiz zugenommen hat und bei welchen Bevölkerungsgruppen, sagt Peter Menzi, der Stellvertretende Leiter von Infodrog.ch. Bei den Fachstellen für Suchtberatung sei Alkohol nach wie vor das Hauptthema, über den Missbrauch von Medikamenten und leistungssteigernden Drogen werde wenig geforscht. Allerdings griffen die Medien das Thema in letzter Zeit vermehrt auf und es würden auch neue Hilfsangebote geschaffen. Helmut Wolfer von der Suchthilfe ergänzt: «Es gibt in jeder Bevölkerungsgruppe suchtgefährdete Menschen, also auch bei Müttern. Wenn nun eine Mutter prädisponiert ist, kann der leichte Zugriff auf die Droge durchaus zu einem Missbrauch führen.» Bei den Müttern seien besonders die Alleinerziehenden aufgrund ihrer Mehrfachbelastung gefährdet, also just jene Gruppe, die in den letzten Jahren am stärksten gewachsen ist.
Es ist bedenklich genug, dass wir viele Lebenssituationen heute nur noch unter Doping meistern zu können meinen. Dass dieser Trend inzwischen auch in der Familie angekommen ist, lässt aufhorchen. Ja, ich habe in den letzten Jahren mit viel Verständnis an die verzweifelte TV-Hausfrau Lynette Scavo gedacht und es gab hin und wieder Situationen, wo ich nicht gezögert hätte, ein mir dargebotenes Ritalin zu schlucken. Aber ich habe ein besseres Mittel gefunden gegen meinen Stress. Ich habe meinen Perfektionismus bei der Hand genommen, ihn in den Wald geführt und dort erschossen. Wir müssen nicht perfekt sein, Drogen verschlimmern Probleme nur.






Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
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