Leben


Archiv für die Kategorie „Gesundheit“

HPV und die Impf-Frage

Andrea Fischer am Dienstag den 14. Februar 2012
USA KINDERLAEHMUNG IMPFUNG

Ein gewisses Unbehagen bleibt: Archivfoto eines amerikanischen Mädchens, das gegen die Kinderlähmung geimpft wird. (Keystone)

In den fünfziger und sechziger Jahren stand in vielen besseren Schuhläden ein seltsamer Kasten: Das Schuh-Fluoroskop. Da steckte man seine Füsse rein um zu prüfen, ob ein Schuh auch wirklich passte. Eine praktische Sache, vor allem bei Kindern, deren Füsschen noch im Wachstum sind. Da sind zu enge Schuhe bekanntlich besonders schädlich. Die Sache hatte nur einen Haken: Bei dem Wunderding handelte es sich um einen Röntgenapparat. Überflüssig zu sagen, wie absurd es aus heutiger Sicht ist, allfällige Strahlenschäden in Kauf zu nehmen, um orthopädische Probleme zu verhindern. Aber hinterher ist man ja immer schlauer.

Diese Geschichte, so unterhaltsam sie aus der Distanz auch sein mag, kommt mir immer mal wieder in den Sinn, wenn wir als Eltern gesundheitliche Entscheidungen zum Wohl unserer Kinder fällen müssen. Die meisten davon sind ja einfach und harmlos wie Kamillentee: TV gegen Wald, Pommes gegen Brokkoli oder Cola gegen Wasser. Hier kann ich entspannt ein wenig von diesem und viel von jenem nehmen und die Sache ist geritzt. Aber es gibt eben auch die schwierigen, die grundsätzlichen Entscheidungen: Wie zum Beispiel die ganze Impfgeschichte. Sie beschäftigt fast alle Eltern – und macht sie unsicher. Das zeigt auch die Emotionalität, mit der das Thema fast immer besprochen wird, sei das beim Abendessen mit Freunden oder in den Medien.

Ich bin wirklich sehr dankbar für die Errungenschaft des Impfens und wir haben unsere Kinder nach Plan geimpft, wie von den meisten Kinderärzten empfohlen. Aber nun steht eine Entscheidung an, die besonders Kopfzerbrechen bereitet, ob gerechtfertigt oder nicht: Die HPV-Impfung (Humane-Papillomavirus-Impfung). Die Eidgenössische Kommission für Impffragen empfiehlt diese Impfung bei Mädchen noch möglichst vor dem ersten Geschlechtsverkehr. Daher ab etwa elf Jahren. Hm. Als Mutter scheint mir das reichlich früh. Aber sicher ist sicher. Und bestimmt bin ich da nicht minder blauäugig, als meine eigene Mutter, die mich ewig unerfahren wähnte.

Doch selbst wenn ich vermutlich noch ein paar Jährchen schinden könnte, bis das Thema akut wird, bleibt es dabei: Die Impfung ist ebenfalls noch sehr jung und nicht ganz unumstritten. Denn anders als der Name Gebärmutterhalskrebs-Impfung, den man immer wieder hört und liest, glauben macht, wirkt sie zwar gegen zwei der aggressivsten der über hundert 100 HPV-Viren und je nach Wirkstoff noch gegen zwei andere, die Genitalwarzen verursachen können – aber nicht gegen alle. Aus diesem Grund macht sie die regelmässigen und sehr wirkungsvollen Vorsorgeuntersuchungen* beim Frauenarzt auch nicht überflüssig, wie verhängnisvollerweise viele meinen. Natürlich versuchen alle, den Mädchen einzubläuen, dass der Untersuch wichtig bleibt und auch die Hersteller legen grossen Wert darauf, das zu betonen. Wie viel Wirkung das letztlich hat, kann noch keiner sagen.

Aus eigener Erfahrung als Journalistin weiss ich auf jeden Fall, mit welchem Grossaufwand Herstellerfirmen die Notwendigkeit der Impfung in die Medien gepusht haben. Ich bin wohlgemerkt keine pharmafeindliche, weltfremde Verschwörungstheoretikerin, doch eine bestimmte Skepsis scheint mir hier durchaus angebracht. Und sei es nur in Bezug auf den effektiven Nutzen dieser Impfung. Es geht immerhin um unser Kind. (Übrigens: Die offiziellen Sites der beiden erhältlichen Produkte Gardasil und Cervarix sind ebenfalls sehr relativierend formuliert.)

Zwar beurteilt auch die Krebsliga als sehr vorsichtige Institution die Impfung eher positiv. Sie gibt jedoch keine generellen Empfehlungen ab und fordert, dass weitere Studien über Wirkungen, Nebenwirkungen und besonders über die Langzeitwirkungen der Impfung durchgeführt werden sollten. Leider können wir die nicht abwarten, denn unsere Tochter wird jetzt elf und nicht in zehn Jahren. Also bleibt uns nur, alle derzeit verfügbaren Pros und Contras nach bestem Wissen und Gewissen gegeneinander abzuwägen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Impfung schädlich ist, ist offenbar als gering einzustufen. Ob sie unserer Tochter wirklich etwas bringt, können wir derzeit nicht wissen. Im Moment stehen die Zeiger trotz aller Zweifel auf Impfen, ganz sicher sind wir uns noch nicht.

So bleibt ein gewisses Unbehagen und es geht mir nicht ganz aus dem Sinn, das Schuh-Fluoroskop.

* Die Zahlen: Jährlich erkranken in der Schweiz etwa 230 Frauen an Gebärmutterhalskrebs. Rund 90 Frauen sterben jedes Jahr an der Krankheit. Zudem werden jedes Jahr bei etwa 5000 Frauen Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs entdeckt. (Quelle: Krebsliga Schweiz)

Muttermilch zu verkaufen

Jeanette Kuster am Sonntag den 12. Februar 2012
Für Kind oder Kunden: Muttermilch wird – durch die rosa Werbebrille gesehen – abgepumpt.

Für Kind oder Kunden: Muttermilch wird – durch die rosa Werbebrille gesehen – abgepumpt.

Muttermilch hat viele Vorzüge, die seit Jahren in Stillkampagnen intensiv beworben werden. Dass sie aber auch wertvolle Handelsware sein kann, ist relativ neu. In den USA haben findige Mütter das grosse Geschäft mit der eigenen Milch entdeckt: Auf Seiten wie Onlythebreast.com verkaufen sie abgepumpte Muttermilch-Portionen an verzweifelte Mamas, die ihrem Kind nur das Beste zu trinken geben wollen, selber aber keine oder zu wenig Milch produzieren.

Das Geschäft läuft gut. So konnte eine Mutter ihre gesamte Hochzeit inklusive Brautkleid aus den Milchverkäufen finanzieren, wie der Sender ABC berichtete. Und eine andere, von ihren Liebsten mittlerweile scherzhaft «Milchkuh» genannt, bezahlt mit ihrer Muttermilch etliche Dinge, die sich die Familie mit einem Einkommen sonst nicht leisten könnte.

Das System hat bereits weltweit Nachahmer gefunden. Auch in der Schweiz existiert eine «Human Milk for Human Babys»-Facebook-Seite, auf der sich Muttermilch-Anbieter und –Suchende finden sollen. Allerdings darf die Milch dort laut Reglement nur gespendet, nicht verkauft werden. Ein Blick auf die Facebook-Wall zeigt, dass der helvetische Milchhandel bisher nur schleppend läuft. Vielleicht weil der finanzielle Anreiz fehlt?

Das Gesetz würde den Handel mit Muttermilch in der Schweiz durchaus erlauben. Wie BAG-Sprecherin Eva van Beek sagt, ist «Muttermilch in der Schweiz lebensmittelrechtlich nicht geregelt. Es gibt keine gesetzlichen Vorgaben – also auch nicht für den Vertrieb via Internet».

In den USA sieht die rechtliche Situation gleich aus. Doch was legal ist, muss noch lange nicht gut sein. Wer seinem Baby die Milch einer völlig Fremden füttert, setzt es einem enormen gesundheitlichen Risiko aus. Muttermilch ist wie Blut eine Körperflüssigkeit und enthält Spuren diverser Stoffe, mit denen die Mutter in Kontakt gekommen ist. So kann man darin Nikotin, Alkohol oder Medikamente nachweisen, zudem können via Muttermilch Krankheiten wie Hepatitis, Herpes oder HIV übertragen werden.

Aus diesen Gründen gelten bei den offiziellen Schweizer Milchbanken, die in sechs Spitälern existieren, strenge Regeln im Bezug auf sogenannte Frauenmilch. Die Spenderinnen müssen ähnliche Richtlinien erfüllen wie bei einer Blutspende. Zudem werden alle Milchportionen pasteurisiert und nur im Spital und auf ärztliche Verschreibung an kranke oder besonders schwache Babys abgegeben.

Wer also an Milchmangel leidet, sein gesundes Baby aber trotzdem mit Muttermilch versorgen möchte, kann in der Schweiz nicht von den Milchbanken profitieren. Früher hätte man sich in einem solchen Fall an eine Amme wenden können, aber die gibt es heute ja nicht mehr. Oder?

Doch, es gibt sie wieder. Allerdings, wen überraschts, nicht in der Schweiz, sondern in den USA. Agenturen, die sonst Haushaltshilfen und Nannys vermitteln, bieten seit einigen Jahren auch die Dienste von Ammen an – für rund 1000 Dollar pro Woche. Und im Gegensatz zu den Selfmade-Milchhändlerinnen im Internet müssen sich diese vor ihrer Anstellung natürlich einem Gesundheitscheck unterziehen.

Die ideale Lösung also für alle, die es sich leisten können. Zumindest solange es die Eltern nicht stört, wenn das Kind an einer fremden Brust saugt. Denn auch wenn das Stillen in erster Linie der Ernährung des Babys dient, so ist es doch viel mehr als das. Beim Stillen entsteht eine innige Nähe zwischen Mutter und Kind, welche die Bindung zwischen den beiden zusätzlich stärkt. Zuschauen zu müssen, wie eine fremde Frau diesen intimen Glücksmoment mit dem eigenen Baby geniesst, ist sicher nicht jedermanns Sache. Oder würde Ihnen das nichts ausmachen?

Und wie stehen Sie dem Muttermilch-Handel generell gegenüber? Können Sie Eltern, die ihrem Kind in bester Absicht fremde Muttermilch füttern und die Risiken dabei komplett ausblenden, verstehen? Oder finden Sie die ganze Idee einfach nur gaga, da es doch heute gute Ersatzmilchpulver gibt? Wird die Muttermilch vielleicht zu sehr gehypt, dass der Handel damit bereits solche Ausmasse annimmt? Und glauben Sie, dass das einträgliche Geschäft in naher Zukunft auch in der Schweiz Fuss fassen wird?

Die Schuld der Mütter

Andrea Fischer am Dienstag den 17. Januar 2012
Die Mutter, das studierte und vermessene Wesen

Die Möglichkeiten, als Mutter etwas falsch zu machen, sind schier endlos: Gehirnwaschmaschine aus «Star Trek».

Mütter sind schuld. Und zwar an so ziemlich allem, woran man schuld sein kann, zumindest wenn es um die Entwicklung von Kindern geht. Je weniger davon wir pro Kopf oder besser pro Gebärmutter in die Welt setzen, desto genauer wird hingeguckt, wie gut wir dieses kostbare Gut ausbrüten, hegen und erziehen. Immer neue Studien finden immer neue Zusammenhänge zwischen Körper, Leistung und Verhalten der Mutter und ihrem Nachwuchs, der ja dann sozusagen die Gesellschaft der Zukunft zu sein hat. Für alle Mütter, die noch nicht genug Selbstzweifel und Schuldgefühle haben, hier mal eine kleine unvollständige Sammlung solcher Berichte und Untersuchungen:

  • Es fängt schon an, bevor wir überhaupt empfangen haben: Mütter, die vor der Schwangerschaft dick sind, werden mit grosser Wahrscheinlichkeit zu schwere Kinder zur Welt bringen.
  • Mütter mit Stress, Sorgen, Depressionen und Ängsten während der Schwangerschaft haben gute Chancen auf ein Kind mit neurologischen Problemen und psychiatrischen Störungen.
  • Mütter, die ihre Kinder per Kaiserschnitt zur Welt bringen, haben Kinder mit einem höheren Risiko für Krankheiten wie Allergien, Diabetes und sogar Leukämie.
  • Mütter, die ihrem Kind zu wenig Nähe und Zuneigung schenken, habe dickere Kinder. Zudem haben ungeliebte Kinder eher psychische Probleme, wenn sie gross sind.
  • Mütter, die nicht oder zu kurz stillen, riskieren damit Kinder mit Übergewicht, Allergien, Diabetes und weniger Grips, mal ganz abgesehen davon, dass die kleinen ohne Brust offenbar zu wenig Zuneigung erhalten (siehe oben Punkt «Zuneigung»).
  • Mütter, die ihre Kleinen zu früh mit fester Nahrung füttern, erhöhen damit die Chance, dass die später zu dick werden.
  • Mütter, die weniger als vier Portionen Früchte und Gemüse pro Woche essen, haben wahrscheinlich Kinder, die selber auch nicht ausreichend Früchte und Gemüse essen.
  • Mütter, die übergewichtig sind, psychische Probleme haben, an einer Essstörung leiden oder zu kritisch sind gegenüber ihren Kindern, begünstigen damit Essstörungen bei ebendiesen.
  • Mütter, die gebildet sind, haben Kinder mit besseren schulischen Erfolgsaussichten. (Ihr Einfluss ist dabei offenbar doppelt so gross, wie jener der Väter.)
  • Mütter, die zu viel lieben und ihre Kinder mit ihrer ständigen Sorge zu sehr überwachen, machen sie zu Neurotikern.
  • Mütter, die zu gute Mütter sein wollen, haben mehr Depressionen, was wiederum nicht gut ist für die Kids.

Mütter, die rauchen und trinken … das schenken wir uns hier für heute und behelfen uns lieber mit einer weiteren Studie, welche unsere Schuldgefühle vielleicht etwas zu lindern vermag:

Kinder können offenbar in die beiden Kategorien Löwenzahnkinder und Orchideenkinder eingeteilt werden. Die Löwenzahnkinder sind zäh und schlagen überall Wurzeln. Die Orchideenkinder sind heikel, zart und anfällig für Unstimmigkeiten. Bei ersteren kann man nicht allzu viel falsch machen, und auch bei letzteren kann man mit der richtigen Hingabe und Pflege dazu beitragen, dass sie aufblühen. Das ist doch tröstlich und macht Mut, weiterhin das zu tun, was wir ohnehin tun: es so gut machen, wie wir können.

Kinder ohne Zukunft

Michèle Binswanger am Dienstag den 20. Dezember 2011

Wer ein schwer krankes Kind hat, lebt intensiv im Hier und Jetzt: Eine Mutter und ihr Sohn in einer Krebsklinik für Kinder in Weissrussland.

Zwei Jahre ist es her, dass meine Freundin ein schwer behindertes Kind zur Welt brachte, das nach einigen Wochen wieder verstarb. Kurz bevor sie ihren Sohn gebar, hatte sie geheiratet und mein Mann und ich hatten dem Paar eine Übernachtung im Hotel mit Baby-Hütediensten geschenkt. Dann kam alles anders. Mit dem Tod rechnet man nicht. Man rechnet nicht damit, dass er kommt, einem die Liebsten raubt und damit auch sein eigenes Leben, wie man es zuvor kannte.

Eltern unterhalten sich gern über die immer gleichen Themen. Was ihre Kinder schon alles können und wie man die alltäglichen Verrichtungen mit ihnen meistert, und dass sie schlecht schlafen und einen manchmal an die Grenzen bringen. Später geht es um Schule und Erziehung und ihre zahlreichen Verpflichtungen und dass einen das manchmal ebenfalls an die Grenze bringt. Noch später setzt man sich damit auseinander, dass die Kleinen inzwischen schon ganz schön gross geworden sind, aufsässig und laut und leider kein bisschen gelassener und abgeklärter, als man selber als Teenager war. Und dass sie einen immer noch an die Grenzen bringen. Aber es sind Grenzen, die man immer wieder überwindet. Das Leben geht weiter, vorausgesetzt, es gibt eine Zukunft.

Die meisten Eltern bemühen sich, ihre Kinder zu befähigen, eine Zukunft zu meistern, von der wir fraglos ausgehen. Und wir stellen uns die Zukunft so vor, wie sie sich für uns Gegenwärtige abzeichnet. Es wird wohl eine Welt sein, in der es mehr Wettbewerb und weniger Ressourcen geben wird. Und Tiger Moms wie Amy Chua halten uns dazu an, unsere Kinder mit entsprechender Härte darauf vorzubereiten.

Aber was, wenn diese Projektion gar nicht stimmt? Im aktuellen «Zeit Magazin» schreibt die amerikanische Autorin Emily Rapp unter dem Titel «schrecklich frei von Erwartungen» über eine ähnliche Situation, wie meine Freundin sie erlebte. Rapps Kind wurde mit einem schweren Gendefekt und einer Lebenserwartung von lediglich einigen Wochen geboren. Im Text reflektiert sie darüber, was das für sie als Mutter bedeutet. All die Erwartungen normaler Eltern, sind für sie hinfällig. Alles, was sie je über Erziehung, Ernährung und Kleinkindpflege gelesen hat, ist hinfällig. Denn in Sachen Elternschaft sind alle Ratgeber, alle gesellschaftlichen Vorstellungen und Erwartungen auf die Zukunft ausgerichtet. Aber ihr Kind hat keine Zukunft. Es gibt nur die Gegenwart und die Frage, wie man ihm ein menschenwürdiges Dasein ermöglichen kann.

Angesichts des Todes denkt man nicht mehr in Begriffen von Konkurrenz und Wettstreit, von Erfolg oder Misserfolg, von Träumen und Wünschen. Sie werde nie eine Tigermutter sein, schreibt Rapp. Für ihre Situation brauche es ein anderes Tier. «Wir sind Dracheneltern: heftig und loyal und höllisch liebevoll. Unsere Erfahrungen haben uns gelehrt, Eltern zu sein für das Hier und Jetzt, um des Elternseins willen, für die Menschlichkeit, die darin steckt.»

Wir wissen nicht, was die Zukunft uns bringt und in welcher Welt unsere Kinder leben werden. Deshalb glaube ich, dass in diesen Worten einer Mutter, die weiss, dass ihr Kind bald sterben wird, eine wichtige Lektion verborgen ist. Wir alle möchten, dass unsere Kinder zu den Siegern gehören werden, zu den Erfolgreichen und Starken. Und vergessen dabei, dass es eigentlich um etwas ganz anderes geht. Dass wir nämlich in erster Linie Menschen sind, zum Leiden geboren, mit der bescheidenen Hoffnung, ein menschenwürdiges Dasein zu leben und Liebe erfahren zu können. Dies ist das Höchste, was es für unsere Kinder anzustreben gibt, nicht Geld oder Macht. Und selbst wenn das Glück ihnen hold sein sollte, können sie es nur weitergeben, wenn sie Liebe und Menschlichkeit erfahren haben.

Dies ist die Lektion, die wir Eltern gesunder Kinder von der Drachenmutter lernen sollten. Oder wie Rapp selber es formuliert: «Eine solche Erfahrung macht man nicht, ohne an Weisheit zu gewinnen, an tieferem Verständnis dafür, was das Leben bedeutet. Es sind schwer erlernte Lektionen, geschmiedet aus Trauer und Hilflosigkeit und tiefer Liebe, die einem nicht nur beibringen, wie man ein Vater oder eine Mutter sein kann, sondern ein Mensch.»

Grashalm statt Zigarette

Mamablog-Redaktion am Freitag den 25. November 2011

Eine Carte Blanche von Elke Koch.

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John Slattery (Roger Sterling, l.), John Hamm (Don Draper, M.) and January Jones (Betty Draper, r.) in der ersten Staffel der Serie «Mad Men».

Er ist wohl der einzige lonesome Cowboy, der von der Weltgesundheitsorganisation ausgezeichnet worden ist: Lucky Luke. Und warum? Ganz einfach, er hat mit dem Rauchen aufgehört. Seitdem ist er gemäss genauen Beobachtern etwas dicker geworden – wenn man bei Lucky Luke überhaupt von dick sprechen kann – und hat anstatt der selbstgedrehten Zigarette einen Strohhalm im Mund.

Nun gibt es aber Fans des Comic-Helden, die sagen, dass etwas fehle, dass Lucky Luke nicht mehr der gleiche coole Typ sei, seit er Nichtraucher ist. Gut, Szenen, in denen er sich in der einen Hand eine Zigarette rollt und in der anderen die Verbrecher mit dem Lasso fängt, fallen weg. Doch ist er deshalb wirklich ein anderer?

Wäre denn auch Don Draper, der Protagonist der erfolgreichen Serie «Mad Men» ein anderer, wenn er nicht rauchen würde? Wäre er dann nicht – und es ist nach wie vor die Rede von der Figur Don Draper – vor zwei Jahren zum einflussreichsten Mann der Welt gewählt worden?

Und die Fragenspirale dreht sich noch ein Stückchen weiter: Was für einen Einfluss haben ein Lucky Luke oder ein Don Draper auf die Zuschauer, wenn sie munter eine nach der anderen rauchen?

Lucky Luke liess die Raucherei der Kinder wegen bleiben. Man hatte den Comic-Zeichner Morris überzeugt, dass sein Western-Held für die kleinen Leser ein schlechtes Vorbild sei, wenn er ständig mit Zigarette zu sehen sei, zumal er doch einen Guten darstellt. Als rauchender Held würde er vermitteln, dass Rauchen sexy, stylisch und mit Erfolg verknüpft seien.

Gemäss einer deutschen Studie kriegen insbesondere Jugendliche, die häufig Rauchszenen in Filmen sehen, selber Lust, sich eine Zigarette anzustecken. Die Folgen davon stehen auf jeder Zigarettenschachtel: Rauchen macht schnell abhängig.

Und was ist mit dem erfolgreichen Mann aus der 60er-Jahre-Serie, Don Draper? Nun, ihm kann man nicht einfach einen Strohhalm zwischen die Lippen stecken. Zwar rauchen bei «Mad Men» alle nur Kräuterzigaretten, doch das sieht keiner. Abgesehen davon sind die auch nicht gesund, da sie Teer enthalten. Doch warum müssen Don Draper und seine Angestellten überhaupt Kette rauchen. Immerhin ist die Serie für Jugendliche ab 12 Jahren freigegeben. Nur der Authentizität wegen?

So argumentiert zumindest «Das Erste» bezüglich der verschiedenen «Tatort»-Folgen: «Tabakkonsum wird nur gezeigt, wenn er dramaturgisch begründet ist. Im für seine realistischen Milieuschilderungen bekannten ‹Tatort› können daher Szenen enthalten sein, in denen geraucht wird. Diese sind jedoch so gestaltet, dass sie keinesfalls Kinder und Jugendliche zur Nachahmung anregen.»

Was halten Sie von der Raucherei in Film und Fernsehen? Würde Ihnen tatsächlich etwas fehlen, wenn niemand mehr im Film oder Comic rauchen würde?

elke150x150Elke Koch ist ehemalige Redaktorin der Sendung und Onlineplattform «Gesundheitsfee».