Leben


Archiv für die Kategorie „Gender“

Gleichberechtigung. Ja. Aber.

Andrea Fischer am Dienstag den 13. März 2012
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Müssen alle wirklich das Gleiche tun, oder einfach nur gleich viel? Mann in Frauenkleidern am Staubsaugen. (Illustration: Jamie Vesta)

8. März um halb acht in der Früh. Frauenkampftag. Regen. Grau. An der Tramhaltestelle Männer. Und Frauen. Etwa gleich viele. Kämpferisch sieht keiner aus. Und keine. Eher müde.

Gut, man müsste sicher anderswo gucken, um zu sehen, dass es noch viel zu kämpfen gibt in Sachen Frauen. Für die Gleichberechtigung von Frau und Mann. Das muss man nicht schönreden und auch nichts ins Lächerliche ziehen. Gleichzeitig ist die Debatte um Gleichstellung meiner Ansicht nach an einen etwas eigentümlichen Punkt angelangt. Zumindest was die ewige Diskussion um gleiches häusliches Engagement in Mittelschichtsfamilien angeht.

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Die ewigen Diskussionen um die gerechte Teilung der Hausarbeit können anstrengend sein: Ein Mann putzt das Klo.

Das mit dem «Gleich» ist so eine Sache. Ist etwas nun «das Gleiche» oder «das Selbe»? Eine grammatikalische Knacknuss mit philosophischem Unterbau. Das Gleiche ist nämlich nicht das Selbe. Es ist lediglich ähnlich. Und dieses Detail geht ab und zu völlig vergessen in der ewigen Männer-und-Frauen-sollen-gleichviel-im-Haushalt-tun-Diskussion. Und da immerhin laut einer Statistik der Fachstelle für Gleichstellung von Mann und Frau des Kantons Zürich nur noch ein Drittel der Familien das traditionelle Familienmodell lebt, ist die sehr verbreitet.

Als wir kleine Kinder hatten, hatte ich die fixe Idee, dass man, also wir als Mann und Frau, alles teilt. Gleich viele Windeln wechseln, gleich viele zähe Nachtstunden mit einem weinenden Baby auf dem Arm durch die Wohnung tigern, gleich viel arbeiten gehen, Wäsche falten, Rechnungen bezahlen, auf Spielplatzbänken sitzen – und was immer es an gefühlten Millionen schönen und weniger schönen Dingen gibt, die eine Familie eben ausmachen.

Das hatte irgendwann zur Folge, dass wir, übermüdet und gleichberechtigungsbeflissen, wie wir waren – aus Überzeugung, wir sind ja modern – viele Stunden damit verbrachten, abzumachen, wer was wann tut. Und ich gebe zu: Vor allem ich war immer öfter im zackigen Buchhalter-Modus und habe wohl schon fast die abgewaschen Teller pro Kopf gezählt. Voll die kleinliche Milchbüchlirechung. Einen Teil kann man sicher als Charakterschwäche abbuchen. Der andere geht auf das Konto «unpassendes Modell gewählt».

Irgendwann wurde uns das zu blöd. Wir beschlossen, es mal anders zu versuchen und das so genannt egalitäre System zu kippen. Seit ein paar Jahren mache ich meine Familien-Jobs, mein Mann macht andere, jeder die, die ihm am besten liegen. Aber eben nicht dieselben, sondern einfach gleich viele. Darum habe ich beispielsweise keinen blassen Schimmer von unserer aktuellen Steuerrechnung, Lampen flicke ich keine mehr und Altglas trage ich auch nicht mehr zur Sammelstelle. Dafür bin ich zuständig dafür, dass es bei uns wohnlich ist, hab die Termine der Familie im Griff und habe ein Auge auf die Hausaufgaben. Logisch, helfen wir einander, wenn nötig. Aber wir müssen nicht mehr den ganzen Quark aushandeln.

Seit dieser Umstellung bin ich massiv weniger genervt, wenn ich am Morgen vor der Arbeit noch rasch das Bad putze und auf dem Heimweg einen Sack voll Essen anschleppe. Ich hab ja anderswo Pause und wir gemeinsam mehr Zeit und Energie für Interessanteres. Zudem haben die klaren Einteilungen auch unerwartet unterhaltsame Seiten. Wenn beispielsweise wieder so ein Telefonfuzzi anruft, um mir das neueste Angebot für noch besseres und schnelleres und billigeres Telefonieren anzudrehen, sage ich: «Oh, das tut mir leid, da verstehe ich gar nichts davon, wissen Sie, das macht alles mein Mann.» – «Und wann kommt der nach Hause?» (Jetzt Stimmlage noch um einen Tick verdoofen oder, je nach Stimmung, eine Prise Anklage und Jammer beimengen): «Siiiiie, dass weiss ich halt amigs auch nicht…» Aha und tschüss.

Vermutlich haben sich das die Vorkämpferinnen der Frauenrechte damals nicht ganz so vorgestellt. Für mich ist jedoch eine der möglichen logischen Weiterentwicklungen der Emanzipation, dass ich mich gemeinsam mit meinem Mann für unsere eigene Form des Familienlebens entscheiden kann, auch für eine altmodischere. Für diese Freiheit bin ich enorm dankbar. Und die wünsche ich allen. Frauen wie Männern.

Lieber nackt als Pelz?

Michael Marti am Mittwoch den 7. März 2012
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Für 20 Prozent der Frauen ist es ein Must, dass sich der Mann intim rasiert: Schauspieler Burt Reynolds auf einer Aufnahme aus den 70er-Jahren.

Dort, wo ich aufgewachsen bin, im Luzerner Hinterland, hiess es jeweils, wenn die Sprache auf die Haarpracht oder allenfalls die Kahlheit eines Mannes kam: «En rächte Maa mit Frau und Chind, hät d’ Haar auf de Brust und nid auf em Grind.» Das war so Mitte der Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts.

Ich fand den Spruch ziemlich treffend. Wir erinnern uns: Die Siebzigerjahre, das war die Zeit, in der ein Burt Reynolds als maskulines Super-Sexsymbol galt, ein Mann, der zwar auf dem Kopf mit fortschreitender Glatzenbildung kämpfte, auf der Brust aber nicht bloss Brusthaare, sondern vielmehr einen veritablen Brustwald herzeigen konnte. Und so ein Mann, das wollten damals alle Jungen einmal sein, nicht nur die im Luzerner Hinterland – alle sehnsüchtigst darauf wartend, dass eigenes Sekundärhaar möglichst schnell, möglichst dicht, möglichst überall spriessen möge.

An den pelzigen Burt muss ich jeweils denken, wenn ich zum x-ten Mal eine Studie lese über die neuesten männlichen Schönheitsideale, über die neuesten Ansprüche, Wünsche und Hoffnungen an die ästhetische Qualität des männlichen Geschlechts. Sie alle kennen diese Art Studien: Man findet sie schrecklich einfältig – aber liest sie dann trotzdem.

Doch zurück zum Thema: Können Sie sich vorstellen, dass ein Burt Reynolds, wäre er heute in seinen Dreissigern, sich die Achselhaare rasieren würde? Sich gar in einem Kosmetiksalon die Schamhaare sorgfältigst entfernen liesse?

Schwierig, in der Tat. Doch gut möglich, dass ihm heutzutage nichts anderes übrig bliebe, wenn er nicht als arbeitsloser Schauspieler enden möchte.

Jedenfalls legen diesen Schluss immer wieder neue Studien nahe, die sich der Sekundärbehaarung des Menschen annehmen. Bekannt ist ja: Frauen fügen sich seit langem schon freiwillig und grossmehrheitlich dem Ganzkörper-Rasurdikat – und dies in der Regel zum Entzücken des Mannes. Was aber insbesondere Burt-Reynolds-Typen beunruhigen wird: Dass Frauen nun zusehends diesselbe Komplettenthaarung vom Mann fordern, wenn er denn ihren gewandelten geschmacklichen Ansprüchen genügen soll.

So ist es offenbar bereits für knapp 20 Prozent der Frauen ein Must, dass sich der Mann intim rasiert – das ergab unlängst eine Umfrage des deutschen Lifestyle-Magazins «Neon». Und laut einer ähnlichen Studie des Gesundheitsportals Netdoktor.de wünschen 16 Prozent der Damen, dass sich Herren den Rücken enthaaren. 12 Prozent schliesslich stören Haare auf der männlichen Brust. Und gerade mal noch sechs Prozent der Frauen sagen schliesslich, Männer dürften ihre sekundäre Körperbehaarung überall ungehemmt spriessen lassen – wie das weiland Schnauzträger Burt Reynolds tat.

Was Wunder, hat der moderne Mann den Imperativ «Pelz weg!» verinnerlicht: Ein Drittel der Männer zwischen 18 und 30 Jahren setzt ihn gemäss Wikipedia-Zahlen ganzheitlich, in allen Regionen ihres Bodys um.

Ob glatt oder bepelzt: Ich mag hier gar nicht diskutieren, was richtiger, knackiger, allenfalls hygienischer ist. Am spannendsten ist, einmal mehr, die historische Perspektive: Damals, in den Siebzigern, opponierten bekanntlich die Feministinnen, die Schamhaarrasur bei den Frauen sei eine Unterwerfung unter ein männliches Schönheitsideal, eine «symbolische Kastration durch das Patriarchat», wie es auch zuweilen hiess. Ein starkes Wort, fürwahr.

Aber weshalb eigentlich, könnte man sich nun ja fragen, spricht angesichts des epilierten Mannes keiner von Selbstkastration?

MICHAEL-MARTI_100Michael Marti, 45, ist Stellvertretender Chefredaktor von Newsnet und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

Kampf der Baby-Beule

Mamablog-Redaktion am Freitag den 27. Januar 2012

Eine Carte Blanche von Meredith Nash*

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Drei Figuren, eine Frau (v. l.): Jessica Simpson als Schauspielerin «The Dukes of Hazzard» (2005), als Sängerin auf der Bühne 2009 und als Schwangere an einer Party am 6. Januar 2012. (Bilder: AFP, PD)

Wie bei den meisten weiblichen Stars machen die Medien auch Jessica Simpsons Promi-Status von ihrem Gewicht abhängig. Wurde die Sängerin 2005 für ihren heissen Körper, den sie bei ihrem Schauspieldebut in «Dukes of Hazzard» grosszügig in Szene setzte, noch ausgiebig gelobt, empörte sich die Klatschpresse knapp vier Jahre später an ihren zugelegten Pfunden. Von «Jumbo Jessica» war die Rede («US Weekly»), das «People»-Magazin titelte bitterbös und ironisch «Wow! Jessica Simpson debütiert mit neuen Kurven» und «OK!» liess die angegriffenen Sängerin zu Wort kommen («Ich bin nicht fett!»)

Simpsons Erfahrungen mit den Medien definiert in in vielerlei Hinsichten den gnadenlosen Soundtrack, der das moderne, weibliche Dasein ständig begleitet– iss weniger, treib mehr Sport, sei nicht fett!

Die Schwangerschaft war bisher die seltene Periode im Leben einer Frau, in der sie mit dem Trainieren und Kalorienzählen aufhören konnte. Doch wie haben sich die Zeiten geändert! So wird Jessica Simpson, die zurzeit zum ersten Mal schwanger ist, genauestens unter die Lupe genommen und als «fett» abgestempelt. Wilden Spekulationen zufolge soll die 31-Jährige bis zum Geburtstermin 30 Kilo zulegen, weil sie bisher angeblich schon 15 Kilo zugenommen haben soll — ausser sie schafft es, ihr Gewicht unter Kontrolle zu bekommen.

Vorher, nachher: Simpson auf einem Cover von Us Weekly, 2009.

Vorher, nachher: Simpson auf einem Cover von «Us Weekly», 2009.

Doch die neue Strenge gegenüber der Gewichtszunahme während der Schwangerschaft hat sich auch ausserhalb der Grenzen Hollywoods etabliert.  Eltern-Magazine sind voll mit Artikeln, die die besten Sportarten zur  Bauch-Bekämpfung anpreisen, am TV werden schwangerschaftskonforme Sit-ups präsentiert, genauso wie Diskussionen zu Marathonläufen im achten Schwangerschaftsmonat oder Tipps, wie man selber hungern kann, ohne dem Ungeborenen zu schaden.

Die Schwangerschaft ist zum «Ground Zero» der Fettleibigkeit mutiert. Man liest Schlagzeilen über schwangere Frauen, die ihre Föten auf  Fettleibigkeit programmieren, wenn sie eine Tafel Schokolade auch nur anschauen. Schwangere werden aufgefordert, täglich nur 200 bis 300 Kalorien zusätzlich zu sich zu nehmen und Geburtshelferinnen ermahnen sie, jeden einzelnen Bissen akribisch zu überdenken.

Früher wurde Frauen, die rauchten, tranken oder  Drogen konsumierten «fötaler Missbrauch» vorgeworfen. Heute hat ein Extrastück Kuchen das gleiche moralische Gewicht. Und die Frauen haben Angst. Eine kürzlich durchgeführte Studie ergab, dass eine von fünf  Schwangeren dachte, es sei eine gute Idee, Mahlzeiten zu überspringen. Alles nur, um dünn zu bleiben. Elternforen sind voller weiblicher Kommentare, die entweder selbstgefällig von ihren Siegen in der Baby-Beulen-Schlacht berichten – oder unter Tränen ihre Niederlagen eingestehen.

Einst sah eine gesunde Schwangerschaft drei Mahlzeiten pro Tag vor. Heute kommt auch nur ein Gramm über der 10-Kilo-Grenze einer krankhaften Fettleibigkeit gleich. So ist es nicht erstaunlich, dass schwangere Frauen immer häufiger Essstörungen entwickeln. Pregorexia (das krankhafte Kalorienzählen) ist das neueste Gesundheitsrisiko für die Mütter der nächsten Generation. Dicksein ist der neue Mutter-Alptraum und die Schwangerschaft sozusagen der Kriegszustand mit dem eigenen Körper.

Das Erschreckende an diesem Phänomen ist, dass die Sorgen über das Dicksein mit der Geburt nicht aufhören. Sobald das Baby da ist, fühlen sich Frauen gezwungen, die Spuren ihrer Schwangerschaft auszuradieren. Auch hier übernehmen Promi-Mütter eine Vorbild-Funktion. Jessica Simpson ist angeblich dermassen unzufrieden mit ihrer rasanten Gewichtszunahme, dass sie einen 3-Millionen-Dollar-Vertrag mit Weight Watchers unterschrieben hat, um nach der Geburt möglichst schnell «wieder auf die Beine zu kommen».

Die Frage, die wir uns stellen müssen: Warum verkörpern aufblühende Prominente das Idealbild einer Schwangerschaft – und deren Folgen -, wenn die meisten Frauen keine Chance haben, diesem Ideal zu entsprechen?

Meredtih Nash* Meredith Nash ist Soziologiedozentin an der Universität von Tasmanien, Australien. Sie bloggt regelmässig  im Rahmen des  «The Baby Bump Project». Ihr Buch, «Making Postmodern Mothers:  Pregnant Embodiment, Baby Bump and Body Image» wird im August 2012 veröffentlicht (Palgrave Macmillan Verlag).

Das Schweigen der Männer

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 4. Januar 2012

Ein Papablog von Rinaldo Dieziger.

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Leider genügt ein Mann der Taten den meisten Frauen nicht. Ein Mann muss reden: Arnold Schwarzenegger, die Ikone des Wortkargen, lockerer aber nicht wirklich gesprächiger in Terminator, Teil 3.

Er war nach Winnetou der erste Mann, den ich im Fernsehen sah: René. Und er sagte nichts: «I säge nüt!» Er fuhr gut damit. Das «Spielhaus» mit Franz Hohler und René Quellet war 21 Jahre lang auf Sendung. Eine ganze Generation junger Schweizer wuchs damit auf. Schweigen ist Gold. Und Silber, so brachte es uns Arnold Schwarzenegger bei. Als er 1984 als «Terminator» die Sarah Connors dieser Welt das Fürchten lehrte. 107 Minuten lang. Er sprach 17 Sätze mit nur 70 Wörtern. Er wurde Gouverneur von Kalifornien. Und ging in Serie: «I’ll be back.»

Wer will es einem Jungen verdenken, dass er seinen Helden folgt und lieber schweigt, wenn es hart auf hart kommt? Und das kommt. Spätestens, wenn der Pakt der Ehe geschlossen ist. Oder die Beziehung feste Formen annimmt. Mann muss sich erklären. Ein Mann der Taten genügt den Frauen nicht. Der muss reden. Nicht nur mit den Händen, sondern auch mit Worten alles in Einzelteile zerlegen. Wo warst du gestern? Warum kannst du nicht einmal früher nach Hause kommen? Warum musst du so viel trinken? Was gibt dir das? Warum bist du so abweisend zu meiner Mutter? Hast du die Einzahlung für die Kinderkrippe gemacht? Und jetzt mal ehrlich, soll ich heute Abend das Rote oder das Schwarze anziehen?

Frauen denken eben an alles. Und über alles nach. Und sie reden darüber. Mit ihrer Mutter, ihrer Schwester, ihrer besten und allen anderen Freundinnen, ihrem Chef, ihrem Arzt, ihrer Hebamme. Am Telefon, per SMS, auf Facebook, im Starbucks. Sie suchen Antworten. Sie vergleichen und gleichen sich ab. Hinterfragen sich. Positionieren sich. Finden ihren Weg. Und zu sich selbst.

Und wir? Verharren im Erklärungsnotstand. Es ist wie es ist. It’s a rule. Part of the game. Werden deshalb vor allem Männer Priester, weil sie alles gottgegeben nehmen (können)? Sind wir Adams eben doch die ewig naiven Jungs, die einfach in den Tag hinein leben? Ohne nachzudenken (aber auch ohne sich ständig Sorgen zu machen)? Sind wir Gefühlsasiaten, in ständiger Angst, das Gesicht zu verlieren? Liegt es in unseren Genen? Und was ist mit all den grossen Philosophen, Künstlern und Artisten? Mit denen kann man ja reden. Über Dinge, auf die es keine Antwort gibt. Warum sind wir hier? Warum liebe ich dich? Warum ist gelb und nicht grün meine Lieblingsfarbe? Warum mag ich Spaghetti Carbonara lieber als Pesto? Oder noch existenzieller: Wer bin ich? Und wenn ja, wieviele?

Vielleicht haben es die Jungs heute einfacher. In «Twilight» reden sie die ganze Zeit um den heissen Brei herum. Unsäglich. Vier Filme lang. «Bis(s) zum Ende der Nacht» müssen die warten, bis es endlich zur Sache geht. Und dann, am Ende, da sagt er sie ja doch, die vier Wörter. Die Antwort auf alle Fragen: Bella, ich liebe dich.

Und was sagen Sie? Reden wir darüber.

2_rinaldo1Rinaldo Dieziger (36) ist Gründer und Geschäftsführer von Supertext, der ersten Textagentur im Internet. Er ist letztes Jahr Papa einer Tochter geworden und lebt mit seiner Familie in der Stadt Zürich.

Ich mach Bubu – was machst Du?

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 21. Dezember 2011

Ein Papablog von Marc Krebs.

Müssen erst gegenseitig in ihre Welt hineinwachsen: Vater und Kind. (Bild: Life on Cottage Hill)

Müssen erst gegenseitig in ihre Welt hineinwachsen: Vater und Kind. (Bild: Life on Cottage Hill)

Viele Leute sprechen vom schönsten Tag ihres Lebens, wenn Sie endlich die Frucht ihres Sexualtriebs ernten können. Ein Kind! Oh Wunder der Natur! Solche Sachen hätte ich auch gerne gefühlt und gesagt, als mir eine Schwester im Basler Frauenspital ein blutverschmiertes Häufchen in die Hand drückte. Das Szenario erschien mir aber dermassen surreal, dass ich mich vielmehr fragte, ob die Pharmaindustrie das Grundwasser mit Halluzinogenen kontaminiert hatte.

Ich Vater? Du Kind? Dieses Verhältnis, dieser Zustand, diese Tatsache, all das war seltsam. Vielleicht, weil ich mich selber noch gar nicht so richtig im Leben zurechtgefunden hatte. Dabei hatte ich mich doch darauf gefreut, Gebrauchsanweisungen studiert und mich warmgewickelt. Also versuchte ich glücklich zu wirken, völlig erfüllt, so wie ich es im TV gesehen hatte: Total eins mit dem Baby.

Am Arbeitsplatz, dem ersten meines Lebens, klopfte man mir auf die Schultern und ein älterer Kollege meinte euphorisch: «Gell, es gibt nichts Schöneres als am Feierabend «Bubudada» zu spielen?!» Ich nickte inniglich. Und knickte innerlich. Denn mit «Bubudada» konnte ich nichts anfangen. Was war bloss mit mir los?

In den ersten Monaten realisierte ich, dass ich mit einem Baby wenig anzufangen wusste. Die Erwartungshaltung meines Umfelds baute mich nicht auf, sondern blockierte mich. Dieses Gefühl der totalen Erfüllung wollte sich einfach nicht einstellen. Niemand hatte mir gesagt, dass das im Lieferumfang nicht enthalten war. Es stand noch nicht einmal im Kleingedruckten, als wir den Geburtsschein erhielten. Ein junger Vater, so nahm ich an, hatte völlig aufzugehen in seiner neuen Rolle. In unserer aufgeklärten, emanzipierten Zeit sowieso. Und ich war ja nicht von gestern.

Aber was war ich denn? Von morgen? Zu jung? Zu unreif? Zu wenig Sofa und zu viel Rock’n'Roll? Ich fürchte: von allem ein bisschen.

Ich brauchte mehr Zeit als die neun Monate Vorbereitung, diese Tatsache liess sich nicht wegturnen. In eine Rolle zu schlüpfen, war mir dabei stets zuwider. Allein die Formulierung enthält etwas Künstliches, Aufgesetztes. Was soll denn das heissen, in eine Vaterrolle schlüpfen? Wir sind doch nicht im Theater oder an der Fasnacht!

Ich litt. Wie lange weiss ich nicht mehr genau. Irgendwann wurde das Kind grösser und die Distanz kleiner. Wir kamen uns näher. Mit den ersten Schritten und Wörtern, dem ersten Erörtern. Mit Parkrunden und Schlagzeugstunden, Fussballspielen und Wurfpfeilen, den ersten Skihängen und gemeinsamem Abhängen. Das Kind wuchs, ebenso seine Neugierde. Und ich blühte mit ihm auf: Die Freude, ihm etwas beibringen zu können. Den Stolz, kleine Fortschritte mitzuerleben. Das Glück, das die Verantwortung mit sich bringt. Die Sorgen aber auch. Die Zuneigung. Das Vertrauen. Der gemeinsame Spass. Ich kam zur Einsicht, dass mich das Baby gelangweilt hatte, weil ich mir nutzlos vorkam. Als Kind hingegen begeisterte er mich.

Ich weiss: solcherlei ist in unserer Gesellschaft verpönt. Ich weiss aber nach meiner Erfahrung auch: In eine solch unerfahren neue Beziehung muss nicht nur das Kind, sondern vor allem auch der Vater hineinwachsen.

Apropos wachsen: In vier Wochen wird er 13. Seit Monaten spricht er davon, freut sich, weil er dann endlich ein Teenager sein wird. Dieser Begriff leite sich von «thirteen» ab, hat er mich neunmalklug aufgeklärt. Das hatte ich gar nicht gewusst und sah angehörs dessen erschreckend alt aus. Aufgeschreckt hat mich nebst der Erkenntnis, dass mir mein Sohn unterdessen die Welt erklärt (und, ja, seine Matheaufgaben) noch eine andere: Dass die gemeinsame Zeit, dieses familiäre Gefühl, diese Geborgenheit, die sich in den letzten Jahren eingestellt hat, bald von einem Sturm aufgewühlt wird. Von seinem Sturm und Drang. Seit Monaten schallen Eminems Verse aus dem Kinderzimmer und werden immer lauter. Einen Reim darauf kann ich mir schon heute machen: Bubudada, die Pubertät ist da. Das kann ja heiter werden.

Marc Krebs ist Leiter des Ressorts Kultur bei der Basler Tageswoche.