Leben


Archiv für die Kategorie „Gender“

Kampf der Baby-Beule

Mamablog-Redaktion am Freitag den 27. Januar 2012

Eine Carte Blanche von Meredith Nash*

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Drei Figuren, eine Frau (v. l.): Jessica Simpson als Schauspielerin «The Dukes of Hazzard» (2005), als Sängerin auf der Bühne 2009 und als Schwangere an einer Party am 6. Januar 2012. (Bilder: AFP, PD)

Wie bei den meisten weiblichen Stars machen die Medien auch Jessica Simpsons Promi-Status von ihrem Gewicht abhängig. Wurde die Sängerin 2005 für ihren heissen Körper, den sie bei ihrem Schauspieldebut in «Dukes of Hazzard» grosszügig in Szene setzte, noch ausgiebig gelobt, empörte sich die Klatschpresse knapp vier Jahre später an ihren zugelegten Pfunden. Von «Jumbo Jessica» war die Rede («US Weekly»), das «People»-Magazin titelte bitterbös und ironisch «Wow! Jessica Simpson debütiert mit neuen Kurven» und «OK!» liess die angegriffenen Sängerin zu Wort kommen («Ich bin nicht fett!»)

Simpsons Erfahrungen mit den Medien definiert in in vielerlei Hinsichten den gnadenlosen Soundtrack, der das moderne, weibliche Dasein ständig begleitet– iss weniger, treib mehr Sport, sei nicht fett!

Die Schwangerschaft war bisher die seltene Periode im Leben einer Frau, in der sie mit dem Trainieren und Kalorienzählen aufhören konnte. Doch wie haben sich die Zeiten geändert! So wird Jessica Simpson, die zurzeit zum ersten Mal schwanger ist, genauestens unter die Lupe genommen und als «fett» abgestempelt. Wilden Spekulationen zufolge soll die 31-Jährige bis zum Geburtstermin 30 Kilo zulegen, weil sie bisher angeblich schon 15 Kilo zugenommen haben soll — ausser sie schafft es, ihr Gewicht unter Kontrolle zu bekommen.

Vorher, nachher: Simpson auf einem Cover von Us Weekly, 2009.

Vorher, nachher: Simpson auf einem Cover von «Us Weekly», 2009.

Doch die neue Strenge gegenüber der Gewichtszunahme während der Schwangerschaft hat sich auch ausserhalb der Grenzen Hollywoods etabliert.  Eltern-Magazine sind voll mit Artikeln, die die besten Sportarten zur  Bauch-Bekämpfung anpreisen, am TV werden schwangerschaftskonforme Sit-ups präsentiert, genauso wie Diskussionen zu Marathonläufen im achten Schwangerschaftsmonat oder Tipps, wie man selber hungern kann, ohne dem Ungeborenen zu schaden.

Die Schwangerschaft ist zum «Ground Zero» der Fettleibigkeit mutiert. Man liest Schlagzeilen über schwangere Frauen, die ihre Föten auf  Fettleibigkeit programmieren, wenn sie eine Tafel Schokolade auch nur anschauen. Schwangere werden aufgefordert, täglich nur 200 bis 300 Kalorien zusätzlich zu sich zu nehmen und Geburtshelferinnen ermahnen sie, jeden einzelnen Bissen akribisch zu überdenken.

Früher wurde Frauen, die rauchten, tranken oder  Drogen konsumierten «fötaler Missbrauch» vorgeworfen. Heute hat ein Extrastück Kuchen das gleiche moralische Gewicht. Und die Frauen haben Angst. Eine kürzlich durchgeführte Studie ergab, dass eine von fünf  Schwangeren dachte, es sei eine gute Idee, Mahlzeiten zu überspringen. Alles nur, um dünn zu bleiben. Elternforen sind voller weiblicher Kommentare, die entweder selbstgefällig von ihren Siegen in der Baby-Beulen-Schlacht berichten – oder unter Tränen ihre Niederlagen eingestehen.

Einst sah eine gesunde Schwangerschaft drei Mahlzeiten pro Tag vor. Heute kommt auch nur ein Gramm über der 10-Kilo-Grenze einer krankhaften Fettleibigkeit gleich. So ist es nicht erstaunlich, dass schwangere Frauen immer häufiger Essstörungen entwickeln. Pregorexia (das krankhafte Kalorienzählen) ist das neueste Gesundheitsrisiko für die Mütter der nächsten Generation. Dicksein ist der neue Mutter-Alptraum und die Schwangerschaft sozusagen der Kriegszustand mit dem eigenen Körper.

Das Erschreckende an diesem Phänomen ist, dass die Sorgen über das Dicksein mit der Geburt nicht aufhören. Sobald das Baby da ist, fühlen sich Frauen gezwungen, die Spuren ihrer Schwangerschaft auszuradieren. Auch hier übernehmen Promi-Mütter eine Vorbild-Funktion. Jessica Simpson ist angeblich dermassen unzufrieden mit ihrer rasanten Gewichtszunahme, dass sie einen 3-Millionen-Dollar-Vertrag mit Weight Watchers unterschrieben hat, um nach der Geburt möglichst schnell «wieder auf die Beine zu kommen».

Die Frage, die wir uns stellen müssen: Warum verkörpern aufblühende Prominente das Idealbild einer Schwangerschaft – und deren Folgen -, wenn die meisten Frauen keine Chance haben, diesem Ideal zu entsprechen?

Meredtih Nash* Meredith Nash ist Soziologiedozentin an der Universität von Tasmanien, Australien. Sie bloggt regelmässig  im Rahmen des  «The Baby Bump Project». Ihr Buch, «Making Postmodern Mothers:  Pregnant Embodiment, Baby Bump and Body Image» wird im August 2012 veröffentlicht (Palgrave Macmillan Verlag).

Das Schweigen der Männer

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 4. Januar 2012

Ein Papablog von Rinaldo Dieziger.

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Leider genügt ein Mann der Taten den meisten Frauen nicht. Ein Mann muss reden: Arnold Schwarzenegger, die Ikone des Wortkargen, lockerer aber nicht wirklich gesprächiger in Terminator, Teil 3.

Er war nach Winnetou der erste Mann, den ich im Fernsehen sah: René. Und er sagte nichts: «I säge nüt!» Er fuhr gut damit. Das «Spielhaus» mit Franz Hohler und René Quellet war 21 Jahre lang auf Sendung. Eine ganze Generation junger Schweizer wuchs damit auf. Schweigen ist Gold. Und Silber, so brachte es uns Arnold Schwarzenegger bei. Als er 1984 als «Terminator» die Sarah Connors dieser Welt das Fürchten lehrte. 107 Minuten lang. Er sprach 17 Sätze mit nur 70 Wörtern. Er wurde Gouverneur von Kalifornien. Und ging in Serie: «I’ll be back.»

Wer will es einem Jungen verdenken, dass er seinen Helden folgt und lieber schweigt, wenn es hart auf hart kommt? Und das kommt. Spätestens, wenn der Pakt der Ehe geschlossen ist. Oder die Beziehung feste Formen annimmt. Mann muss sich erklären. Ein Mann der Taten genügt den Frauen nicht. Der muss reden. Nicht nur mit den Händen, sondern auch mit Worten alles in Einzelteile zerlegen. Wo warst du gestern? Warum kannst du nicht einmal früher nach Hause kommen? Warum musst du so viel trinken? Was gibt dir das? Warum bist du so abweisend zu meiner Mutter? Hast du die Einzahlung für die Kinderkrippe gemacht? Und jetzt mal ehrlich, soll ich heute Abend das Rote oder das Schwarze anziehen?

Frauen denken eben an alles. Und über alles nach. Und sie reden darüber. Mit ihrer Mutter, ihrer Schwester, ihrer besten und allen anderen Freundinnen, ihrem Chef, ihrem Arzt, ihrer Hebamme. Am Telefon, per SMS, auf Facebook, im Starbucks. Sie suchen Antworten. Sie vergleichen und gleichen sich ab. Hinterfragen sich. Positionieren sich. Finden ihren Weg. Und zu sich selbst.

Und wir? Verharren im Erklärungsnotstand. Es ist wie es ist. It’s a rule. Part of the game. Werden deshalb vor allem Männer Priester, weil sie alles gottgegeben nehmen (können)? Sind wir Adams eben doch die ewig naiven Jungs, die einfach in den Tag hinein leben? Ohne nachzudenken (aber auch ohne sich ständig Sorgen zu machen)? Sind wir Gefühlsasiaten, in ständiger Angst, das Gesicht zu verlieren? Liegt es in unseren Genen? Und was ist mit all den grossen Philosophen, Künstlern und Artisten? Mit denen kann man ja reden. Über Dinge, auf die es keine Antwort gibt. Warum sind wir hier? Warum liebe ich dich? Warum ist gelb und nicht grün meine Lieblingsfarbe? Warum mag ich Spaghetti Carbonara lieber als Pesto? Oder noch existenzieller: Wer bin ich? Und wenn ja, wieviele?

Vielleicht haben es die Jungs heute einfacher. In «Twilight» reden sie die ganze Zeit um den heissen Brei herum. Unsäglich. Vier Filme lang. «Bis(s) zum Ende der Nacht» müssen die warten, bis es endlich zur Sache geht. Und dann, am Ende, da sagt er sie ja doch, die vier Wörter. Die Antwort auf alle Fragen: Bella, ich liebe dich.

Und was sagen Sie? Reden wir darüber.

2_rinaldo1Rinaldo Dieziger (36) ist Gründer und Geschäftsführer von Supertext, der ersten Textagentur im Internet. Er ist letztes Jahr Papa einer Tochter geworden und lebt mit seiner Familie in der Stadt Zürich.

Ich mach Bubu – was machst Du?

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 21. Dezember 2011

Ein Papablog von Marc Krebs.

Müssen erst gegenseitig in ihre Welt hineinwachsen: Vater und Kind. (Bild: Life on Cottage Hill)

Müssen erst gegenseitig in ihre Welt hineinwachsen: Vater und Kind. (Bild: Life on Cottage Hill)

Viele Leute sprechen vom schönsten Tag ihres Lebens, wenn Sie endlich die Frucht ihres Sexualtriebs ernten können. Ein Kind! Oh Wunder der Natur! Solche Sachen hätte ich auch gerne gefühlt und gesagt, als mir eine Schwester im Basler Frauenspital ein blutverschmiertes Häufchen in die Hand drückte. Das Szenario erschien mir aber dermassen surreal, dass ich mich vielmehr fragte, ob die Pharmaindustrie das Grundwasser mit Halluzinogenen kontaminiert hatte.

Ich Vater? Du Kind? Dieses Verhältnis, dieser Zustand, diese Tatsache, all das war seltsam. Vielleicht, weil ich mich selber noch gar nicht so richtig im Leben zurechtgefunden hatte. Dabei hatte ich mich doch darauf gefreut, Gebrauchsanweisungen studiert und mich warmgewickelt. Also versuchte ich glücklich zu wirken, völlig erfüllt, so wie ich es im TV gesehen hatte: Total eins mit dem Baby.

Am Arbeitsplatz, dem ersten meines Lebens, klopfte man mir auf die Schultern und ein älterer Kollege meinte euphorisch: «Gell, es gibt nichts Schöneres als am Feierabend «Bubudada» zu spielen?!» Ich nickte inniglich. Und knickte innerlich. Denn mit «Bubudada» konnte ich nichts anfangen. Was war bloss mit mir los?

In den ersten Monaten realisierte ich, dass ich mit einem Baby wenig anzufangen wusste. Die Erwartungshaltung meines Umfelds baute mich nicht auf, sondern blockierte mich. Dieses Gefühl der totalen Erfüllung wollte sich einfach nicht einstellen. Niemand hatte mir gesagt, dass das im Lieferumfang nicht enthalten war. Es stand noch nicht einmal im Kleingedruckten, als wir den Geburtsschein erhielten. Ein junger Vater, so nahm ich an, hatte völlig aufzugehen in seiner neuen Rolle. In unserer aufgeklärten, emanzipierten Zeit sowieso. Und ich war ja nicht von gestern.

Aber was war ich denn? Von morgen? Zu jung? Zu unreif? Zu wenig Sofa und zu viel Rock’n'Roll? Ich fürchte: von allem ein bisschen.

Ich brauchte mehr Zeit als die neun Monate Vorbereitung, diese Tatsache liess sich nicht wegturnen. In eine Rolle zu schlüpfen, war mir dabei stets zuwider. Allein die Formulierung enthält etwas Künstliches, Aufgesetztes. Was soll denn das heissen, in eine Vaterrolle schlüpfen? Wir sind doch nicht im Theater oder an der Fasnacht!

Ich litt. Wie lange weiss ich nicht mehr genau. Irgendwann wurde das Kind grösser und die Distanz kleiner. Wir kamen uns näher. Mit den ersten Schritten und Wörtern, dem ersten Erörtern. Mit Parkrunden und Schlagzeugstunden, Fussballspielen und Wurfpfeilen, den ersten Skihängen und gemeinsamem Abhängen. Das Kind wuchs, ebenso seine Neugierde. Und ich blühte mit ihm auf: Die Freude, ihm etwas beibringen zu können. Den Stolz, kleine Fortschritte mitzuerleben. Das Glück, das die Verantwortung mit sich bringt. Die Sorgen aber auch. Die Zuneigung. Das Vertrauen. Der gemeinsame Spass. Ich kam zur Einsicht, dass mich das Baby gelangweilt hatte, weil ich mir nutzlos vorkam. Als Kind hingegen begeisterte er mich.

Ich weiss: solcherlei ist in unserer Gesellschaft verpönt. Ich weiss aber nach meiner Erfahrung auch: In eine solch unerfahren neue Beziehung muss nicht nur das Kind, sondern vor allem auch der Vater hineinwachsen.

Apropos wachsen: In vier Wochen wird er 13. Seit Monaten spricht er davon, freut sich, weil er dann endlich ein Teenager sein wird. Dieser Begriff leite sich von «thirteen» ab, hat er mich neunmalklug aufgeklärt. Das hatte ich gar nicht gewusst und sah angehörs dessen erschreckend alt aus. Aufgeschreckt hat mich nebst der Erkenntnis, dass mir mein Sohn unterdessen die Welt erklärt (und, ja, seine Matheaufgaben) noch eine andere: Dass die gemeinsame Zeit, dieses familiäre Gefühl, diese Geborgenheit, die sich in den letzten Jahren eingestellt hat, bald von einem Sturm aufgewühlt wird. Von seinem Sturm und Drang. Seit Monaten schallen Eminems Verse aus dem Kinderzimmer und werden immer lauter. Einen Reim darauf kann ich mir schon heute machen: Bubudada, die Pubertät ist da. Das kann ja heiter werden.

Marc Krebs ist Leiter des Ressorts Kultur bei der Basler Tageswoche.

«Mutti» ist in Führung gegangen…

Mamablog-Redaktion am Freitag den 16. Dezember 2011

Eine Carte Blanche von Mamablog-Leser Auguste.

Germany Europe Financial Crisis

Eine mächtigere Frau hat die Welt der Moderne noch nicht gesehen: Angela Merkel am 13. Dezember 2011.

Vor zwei Wochen ereignete sich Historisches. In Brüssel scharten sich 25 EU-Staaten hinter die Führung einer Frau, die ihnen Gewichtiges abverlangte und wahrscheinlich noch abverlangen wird. Nur ein grosses Inselreich widersetzt sich weiterhin tapfer…

Was bringt alle diese Regierungschefs dazu, ihr Schicksal und auch weitgehend das ihrer Länder zu einem beträchtlichen Teil in die Hände der deutschen Kanzlerin zu legen, im Vertrauen darauf, dass diese Frau brauchbare Lösungsansätze finden wird in chaotischen Zeiten?

Zweifellos ist ein wichtiger Grund die relative Stärke Deutschlands. Das wissen wir alle. Aber braucht es nicht sehr viel mehr, dass man grosse Stücke der eigenen Souveränität aufgibt und den Vorgaben eines andern folgt, der sich vor noch nicht allzu langer Zeit als barbarischer Todfeind gebärdet hatte? Wäre man auch einem deutschen Kanzler so geschlossen gefolgt?

Schwer zu sagen. Tatsache bleibt aber, dass man in fast ganz Europa bereit war, einer Frau zu folgen und dies, deutet man den ausbleibenden Aufschrei richtig, weit herum als akzeptabel, ja sogar notwendig angesehen hat. Machen wir uns nichts vor, solch eine Gefolgschaft gibt es nicht gratis. Die Frau hat mutmasslich den grössten Geldbeutel von allen und kommt aus einer der reichsten Gegenden. Aber es ist viel mehr die Art und Weise, wie sie sich auf europäischem Parkett bewegt hat in diesen krisenhaften Zeiten, die ihr zu dieser Position verholfen hat. Rational, beharrlich und mit einem ausgeprägten Sinn für das Machbare hat sie und neben ihr der quirlige, leicht hyperaktive französische Präsident nach Lösungen gerungen, die in einem aufgescheuchten EU-Hühnerstall endlich ein klein wenig für Beruhigung sorgten.

Die Klarheit im Denken, die Stärke im Verteidigen von unpopulären Positionen und ein unprätentiöser Auftritt in langweiligen, mehr schlecht als recht sitzenden Hosenanzügen haben in den letzten Monaten ein neues Bild der modernen Frau geschaffen, welches ganz ohne Ideologie auskommt und von einem unverstellten Blick auf herrschende Realitäten geprägt ist. Im Vordergrund steht immer die Lösungssuche – ohne politische und ideologische Scheuklappen. Genderdispute würde die «beharrliche Kanzlerin» wohl als weitestgehend unnütz und gestrig mit einem Streich von der Tischplatte fegen. Es gibt viel Wichtigeres in unserem Leben.

Erstaunlicherweise hört man aus feministischen Kreisen nur wenig über Angela Merkel. Eine mächtigere Frau hat die Welt in der Moderne noch nicht gesehen – obwohl Frau Thatcher nicht weit dahinter liegt. Aber die Pragmatik dieser höchst demokratischen und mit allen politischen Wassern gewaschenen Regierungschefin verhindert es, sie ideologisch vereinnahmen zu können. Sie ist vielleicht die modernste Frau der Welt im Moment: Eigenständig, intelligent, verantwortungsvoll, mit klarem Kopf Probleme anpackend und doch so einfühlsam, dass sie die Bodenhaftung nie verliert. Darüber hinaus eine Landesmutter, die zwar nicht fehlerlos ist, aber eben öfter das Richtige tut als das Falsche.

Genderfragen werden uns wohl nie ganz loslassen, aber Persönlichkeiten wie die deutsche Kanzlerin oder unsere eigenen Magistratinnen sorgen dafür, dass wir von der Gleichberechtigung der Geschlechter viel weniger weit weg sind, als viele in Rock und Hose glauben. Oder bin ich vielleicht etwas geblendet?

Wie danken Auguste für diesen Beitrag.

Wie Frauen gegen Frauen kämpfen

Michèle Binswanger am Donnerstag den 15. Dezember 2011
Zickenkrieg: Versteckte Aggressionen führen zu manipulativem Verhalten unter Frauen.

Versteckte Aggressionen führen zu manipulativem Verhalten unter Frauen: Giftige Blicke an einer Party.

Ich bin eine grosse Verfechterin der These, dass die Zukunft weiblich sein wird, oder zumindest vermehrt weiblich geprägt sein sollte. Und auch wenn ich zuversichtlich bin, dass wir mit steigenden Bildungs- und Erwerbsquoten den Weg dafür bereitet haben, beschleichen mich zuweilen Zweifel, ob die Frauen tatsächlich schon so weit sind, ihn auch zu gehen. Oder ob es da nicht noch ein paar blinde Flecken gibt, die wir zuerst ausleuchten müssten.

Solche Zweifel regten sich beispielsweise neulich beim Mittagessen. Die Tochter erwähnte ihre beste Freundin Katrin. Die scheinbar in Ungnade gefallen war: «Ich finde sie doof. Ich meine, was denkt die eigentlich, wer sie ist? Alle anderen finden sie übrigens auch doof. Sie ist jetzt nicht mehr unsere Freundin.» Dabei verdrehte die Tochter die Augen und blies den Pony aus ihrem Gesicht. Arme Freundin. Sie scheint gerade zu erleben, was fast jede Frau aus ihrer Biographie kennt: Ihre vormaligen «Freundinnen» wenden sich gegen sie und schliessen sie aus. Wobei es für die Betroffenen oft nicht ersichtlich ist, warum sie angefeindet werden. Kurz, in der Klasse meiner Tochter scheinen die Mädchen gerade die unerfreulichen Disziplin des Zickenkriegs entdeckt zu haben.

Wenn Frauen konkurrieren, geht es in der Regel anders zu und her als bei Männern. Wesentlich brutaler. Während Allianzen und Rivalitäten unter Männern in der Regel klar und auf ein bestimmtes Spielfeld beschränkt sind und ein strategische Ziel haben, tragen Frauen Konkurrenz untereinander häufig versteckt aus und greifen dafür oft auf der intimen, emotionalen und persönlichen Ebene an. Mädchen, so sagen Psychologen, sind also keineswegs weniger aggressiv als Jungs. Aber weil weibliche Aggression kulturell verpönt ist, greifen sie eher auf verdeckte Formen zurück. Sie manipulieren im Hintergrund, streuen Gerüchte, beschädigen den Ruf der Missliebigen und versuchen sie aus der Gruppe auszuschliessen. Während es bei den Jungs eher wahrscheinlich ist, dass der Junge, mit dem sie sich noch vergangene Woche geprügelt haben, diese Woche plötzlich ihr bester Kumpel ist, müssen Mädchen umgekehrt immer damit rechnen, dass ihre «beste Freundin» plötzlich das Messer zückt. Meist, so erklärte es die Autorin Naomi Wolf, spielten bei diesen Feindschaften Faktoren wie Identifikation und Anziehung eine grosse Rolle, die sozusagen ins Gegenteil kippen, wenn sie zu bedrohlich werden.

Das sind wohl normale Verhaltensweisen unter Mädchen. Doch leider wächst sich dieses Verhalten bei erwachsenen Frauen nicht aus. Konkurrenz unter Frauen ist nicht vorgesehen und so greifen sie, wenn sie mit einer Arbeitskollegin nicht einverstanden sind, oft auf die früh gelernten Mechanismen des doppelten Spiels und der Manipulation zurück. Im Arbeitsleben kommt erschwerend der Erwartungsdruck hinzu, dass sie schon aufgrund ihres Geschlechts solidarisch sein müssten. Doch gerade in männlich geprägten Arbeitsfeldern gibt es den Mythos des «nicht genug». Gemeint ist die Vorstellung, dass es nicht genug Raum gibt für mehrere Frauen. Weil sie unter diesen Umständen noch immer «das andere Geschlecht» sind, also einen Sonderstatus einnehmen, wird jede weitere Frau zur potentiellen Rivalin, die ihr den Platz streitig macht. Ein Reflex, den die Sorge nährt, die andere könnte besser sein, es besser machen, beliebter sein und besser aussehen.

Und auf der anderen Seite ist das Umfeld aber auch schnell bereit, jegliche Meinungsverschiedenheiten unter Frauen sofort als Zickenkrieg abzutun. Viele Frauen scheuen sich, die anderen zu kritisieren, aus Angst, das könnte als Neid aufgefasst werden. Der Verdacht, die Kritik könnte persönlich gemeint sein, verhindert, dass Frauen ein gesundes Konkurrenzverhalten entwickeln können. Das ist aber nötig, wenn sie im Arbeitsleben im grossen Stil mitmischen wollen. Wir müssen lernen, dass wir als Frauen nicht per se solidarisch sein müssen, dass aber gleichzeitig nicht jede Meinungsverschiedenheit gleich ein Zickenkrieg ist.