Leben


Archiv für die Kategorie „Gastblogger“

Missing Cups in the Chuchichäschtli

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 23. November 2011

Ein Papablog von Rinaldo Dieziger.

Früh übt sich: Ein Mädchen an einer original englischen Tea-Party.

Ein Kind von Welt kann nicht früh genug anfangen, Fremdsprachen zu lernen: Ein Mädchen an einer Tea Party.

Der frühe Vogel fängt den Wurm, heisst es. Deshalb müssen unsere Vögelchen und Würmli möglichst früh Französisch lernen. Und Englisch. Und Mandarin, Hindu oder Frühtürkisch. Klingt wie Frühstück für die Kleinen. Machen die locker neben Algebra und dem anderen Abrakadabra.

Wann oder wo fangen wir an? Am besten bei null. Am besten mit einer zweiten Muttersprache. Che bella cosa! Natürlich erst im Nachhinein bin ich ein wenig neidisch auf die Secondos in unserer Sekundarschule. Die meisten haben zu Hause Italienisch gesprochen und sind in der Schule, vor allem an den Aufsätzen, gescheitert. Aber sie sind zweisprachig aufgewachsen und haben heute neben Rot und Weiss auch Grün im Herz.

Früher hat man sich dafür geschämt. Meine Grossmutter trug einen italienischen Namen und einen italienischen Pass. Nur sprechen konnte sie kein Wort. Ihre Eltern wollten, dass sie es einmal besser hat, ihr Chuchichäschtli sauber hält. Auch ich will, dass es meine Tochter einmal besser hat. Und wenn meine Frau Italienerin ist, ist es meine Tochter auch: «Che buona la banana!». So siehts heute aus. Chuchischäschtli hin oder her. Für die Aufsätze bin ich zuständig.

Aber ich kann gut reden. Ich habe ja nur ein Kind. Ein zweites Kind verändert alles, sagen alle. Auch die Kommunikation. Weil die Kinder reden auch miteinander. Was tun, wenn die eigenen Kinder untereinander nicht mehr in ihrer Mutter- oder Vatersprache sprechen? Ist es okay, wenn Kinder von Schweizer Eltern, wie in Winterthur offenbar geschehen, miteinander türkisch sprechen? Wenn sie mit dem Fahrrad statt dem Velo in den Kindergarten fahren? Wenn sie sich nach der Schule mit Französisch, Englisch, Latein und Italienisch-Freifach sich nichts sehnlicher wünschen als einen Sprachaufenthalt?

Fremdsprachen machen Spass! Und ganz schön was her. «Hey, little pumpkin!», hörte ich es kürzlich aus der Küche rufen. Wir waren eingeladen. Kindergeburtstag. Zürich, UBS, London, New York – Hey, little pumpkin. Wen wunderts. Mich. Ja, mich. Weit und breit weder Engländer, Amerikaner, Australier, Schotten noch Iren in Sicht. Junge Schweizer Eltern sprechen mit ihrem Kind Englisch. Wow. Die wollen sicher bald auswandern. Oder haben nicht alle Tassen im Chuchichäschtli.

2_rinaldo1Rinaldo Dieziger (36) ist Gründer und Geschäftsführer von Supertext, der ersten Textagentur im Internet. Er ist dieses Jahr Papa einer Tochter geworden und lebt mit seiner Familie in der Stadt Zürich.

«2. Stock: Frauenanlass»

Mamablog-Redaktion am Freitag den 23. September 2011

Eine Carte Blanche von Andrea Stampfli-Heller*

Tupperware-Party in den Sechzigern.

Pascale Bruderer konnte leider nicht teilnehmen: Tupperware-Party in den Sechzigern.

«2. Stock: Frauenanlass». Was würden Sie sich, liebe Leserin, lieber Leser, darunter vorstellen? Austausch von Kochrezepten? Präsentation der neuesten Strickmuster? Eine Tupperware-Party?

Weit gefehlt! Was am vergangenen Freitag in den UBS Konferenzräumen Grünenhof in Zürich auf den Wegweisern salopp als «Frauenanlass» bezeichnet wurde, war in Wirklichkeit eine von der Organisation «Fraueninfo» initiierte Veranstaltung mit hochrangigen Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Wirtschaft.

Der erste Teil dieser Veranstaltung war dem Thema «Frauen in der Politik – Was lässt sich bewirken?» gewidmet. Bundesrätin Doris Leuthard und Ständerätin Erika Forster – Nationalrätin Pascale Bruderer musste leider ihre Teilnahme an diesem Anlass krankheitshalber absagen – blickten zurück auf ihre Erfahrungen aus ihrem gemeinsamen Jahr 2010, als die höchsten politischen Gremien des Bundes (Bundes-, National- und Ständerat) von diesen drei Frauen präsidiert wurden. Sie zogen Bilanz über ihre grössten Erfolge und ihre Errungenschaften für sich persönlich, für die Frauen und für Politik und Wirtschaft. Im zweiten Teil der Veranstaltung wurde über das Thema «Wettbewerbsfaktor Weiblichkeit» diskutiert. Auf dem heissen Stuhl wurden verschiedene Sichtweisen aus Politik und Wirtschaft in die Diskussion eingebracht, und es wurde spekuliert, ob und wie der Anteil an Frauen in den Chefetagen erhöht werden könnte. Diskussionspartner waren namentlich Hans-Ulrich Bigler, Direktor Schweizerischer Gewerbeverband SGV; Ruth Derrer Balladore, Schweizerischer Arbeitgeberverband; Dr. Pascal Gentinetta, Direktor Economiesuisse; Babette Sigg Frank, Präsidentin CVP-Frauen Schweiz und Carmen Walker Späh, Präsidentin FDP Frauen Schweiz. Moderiert wurde der Anlass von Matthias Mölleney, ehemaliger Personalchef der Swissair.

Die Diskussion war sehr spannend, und trotz teilweise unterschiedlicher Ansichten herrschte eine freundliche Atmosphäre. Es wurde auf der sachlichen Ebene diskutiert, es wurden sogar konkrete Massnahmen vorgeschlagen, z. B. wie bei Rekrutierungsprozessen durch eine ganzheitlichere Betrachtung der Lebensläufe der weiblichen
Bewerberinnen deren Fähigkeiten besser erkennbar werden, selbst wenn ihre Karrieren nicht immer gradlinig verlaufen. Eine wichtige Erkenntnis des Abends war zudem: Für wahre Gleichstellung braucht es gemeinsame Bemühungen von Frauen und Männern.

So stimmte es mich besonders in diesem Zusammenhang sehr nachdenklich, dass ein Anlass mit den oben genannten Damen und Herren, hochrangigen Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Wirtschaft, salopp als «Frauenanlass» bezeichnet wurde. Unweigerlich kam mir eine unrühmliche Analogie in den Sinn: Ich habe einige Jahre in Südafrika gelebt. Wäre es nicht dasselbe, wenn dort ein Anlass über Chancengleichheit stattfinden würde mit den Nobelpreisträgern Frederik de Klerk, Nelson Mandela und Desmond Tutu, und dieser despektierlich bezeichnet würde als «Schwarzenanlass»?

Ist es nicht genau diese diskriminierende Grundhaltung, die sich zuerst ändern muss, bevor echte Chancengleichheit, auch unter den Geschlechtern in der Schweiz, Wirklichkeit wird und kein leeres Lippenbekenntnis bleibt?

Andrea Stampfli-Heller ist freischaffende Kommunikationsberaterin und betreut im Vorstand der Zürcher Frauenzentrale das Ressort Öffentlichkeitsarbeit.

Sozialer Sprengstoff und wie man ihn entschärft

Mamablog-Redaktion am Freitag den 16. September 2011

Eine Carte Blanche von Felix Berth*. Der Text ist ein Auszug aus seinem Buch «Die Verschwendung der Kindheit – Wie Deutschland seinen Wohlstand verschleudert», das im Verlag Julius Beltz erschienen ist. Das Buchbezieht sich auf Deutschland, Berths Analyse trifft jedoch auch auf die Schweiz zu.

In gute Kindergärten zu investieren heisst, in die Zukunft investieren.

In gute Kindergärten zu investieren heisst, in die Zukunft investieren.

Die Kinder aus den schwierigsten Familien brauchen die beste Unterstützung – das ist die wichtigste Maxime für die Sozialpolitik der nächsten Jahre. Man kann es auch anschaulich formulieren: Die Politik muss dafür sorgen, dass in jedem Armutsquartier so schnell wie möglich ein exzellenter Kindergarten eröffnet wird. Denn die Dreijährigen in diesen Vierteln brauchen Hilfe dringender als alle anderen. Und sie profitieren davon mehr als alle anderen.

Gelingt das, werden sich Erfolge einstellen, die sich bei den US-amerikanischen Experimenten seit den Sechzigerjahren immer wieder gezeigt haben: Wer als Dreijähriger in einem solchen Kindergarten war, lernt später in der Schule mehr, findet danach einen besser bezahlten Job, zahlt mehr Steuern und wird seltener kriminell.

Bildung beginnt lange vor der Schulkarriere

Wer exzellente Kindergärten wie die Perry Preschool schafft, macht sich verdient um die ganze Gesellschaft. Es dient dem sozialen Frieden, wenn der dreijährige Kevin aus München-Neuaubing mehr Chancen auf eine Karriere hat, die ihn nicht ins Gefängnis führt. Es dient dem Budget des Staates, wenn der gleiche Kevin im Alter von 17 Jahren fähig ist, eine normale Stelle anzunehmen, statt in wirkungslosen Trainings von der Arbeitsagentur auf sein Leben als Dauerarbeitsloser «vorbereitet» zu werden. Es dient der wirtschaftlichen Prosperität, dass Kevin für anspruchsvolle Jobs zur Verfügung steht, wenn in ein paar Jahren wegen der demografischen Lücke viele Fachkräfte fehlen. Und es dient der politischen Stabilität der Republik, wenn sich Kevins Wohnviertel Neuaubing (das natürlich auch anders heissen könnte) nicht zu einer Banlieue nach Pariser Vorbild entwickelt, wo frustrierte Jugendliche gelegentlich die Autos der vermeintlich Wohlhabenden abfackeln.

Die Erfolge einer Perry Preschool sind an zwei Bedingungen geknüpft. Erstens muss eine solche Kindertagesstätte gezielt die Schwächsten der Gesellschaft erreichen. Nur bei ihnen macht es einen Unterschied, ob sie im Kindergarten besonders gefördert werden oder nicht. Die allermeisten anderen Kinder bekommen das, was für einen guten Start ins Leben nötig ist, ohnehin zu Hause mit. Ihre Eltern sind «gut genug» im Sinn von Donald Winnicott: Sie machen ihre Sache vielleicht nicht perfekt, aber doch so gut, dass dem Nachwuchs nichts Entscheidendes fehlt. Bei Familien in Armutsquartieren ist das viel weniger wahrscheinlich.

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Wichtige Lernprozesse beginnen schon lange vor Schuleintritt: Kinderkrippe in Basel.

Zweitens müssen diese Kinder rechtzeitig unterstützt werden. Denn die wichtigsten Lernprozesse beginnen sehr früh, wie Psychologen und Hirnforscher zeigen. Jede Bildungskarriere startet lange vor dem ersten Schultag. Deshalb sind frühe Hilfen so viel wirksamer als späte: Wer sich erst um die Zehn- oder Achtzehnjährigen kümmert, hat den richtigen Zeitpunkt lange verpasst. Ausserdem weisen amerikanische Ökonomen mit Recht darauf hin, dass diese Strategie lohnender ist als alle anderen: Jeder Euro, der in die frühe Bildung der Benachteiligten investiert wird, ist eine perfekte Geldanlage im Sinne der Gesellschaft und des Einzelnen. Der Staat profitiert, weil seine Bürger mehr erwirtschaften und weniger Kosten verursachen. Und der Einzelne hat Chancen auf ein besseres Leben.

Hilfe anbieten, wo sie am meisten nützt

Natürlich macht eine Perry Preschool aus schwierigen Jungs oder Mädchen keine Heiligen, die sozial engagiert sind wie Mutter Theresa oder vielleicht das intellektuelle Niveau von Stephen Hawking erreichen. Die Kids aus der Perry Preschool in Ypsilanti bekamen «nur» das Rüstzeug, sich als Erwachsene besser in die Lebens- und Arbeitswelt einzufügen und wurden – auch deshalb – weniger kriminell. Die arme amerikanische Kleinstadt mutierte nicht zum Paradies, in dem sich alle sozialen Spannungen aufgelöst hätten. Aber sie wurde ein gutes Stück lebenswerter.

Das ist kein Wunder in dem Sinn, dass aus dem einen Extrem plötzlich das andere geworden wäre. Dennoch kann man die Perry Preschool als wundervoll bezeichnen. Sie half kleinen, hilflosen Menschen, einen besseren Weg in die Gesellschaft zu finden – was langfristig wiederum der Gesellschaft nützte. Wunderbar daran ist auch, dass man den Erfolg nicht glauben würde, wäre er nicht durch das Experiment von Ypsilanti (und viele andere) so gut belegt und bewiesen.

Wenn sich die Politik entscheidet, in jedem Armutsquartier so schnell wie möglich eine Perry Preschool aufzubauen, wird das nicht einmal besonders teuer. Denn es unterbleibt der typische Fehler der deutschen Sozialpolitik: Die grosse Giesskanne des Sozialstaats, die gleichmässig ganz viel Geld an alle verteilt, bleibt unbenutzt; stattdessen bietet der Staat dort Hilfe an, wo sie den maximalen Nutzen hat.

Der soziale Zusammenhalt darf nicht weiter erodieren

Das grösste Hindernis für eine solche Politik in Deutschland sind die wohlhabenden Eltern der Mittel- und Oberschicht. Nicht, weil sie keine Ahnung hätten von früher Bildung, im Gegenteil. Viele von ihnen engagieren sich bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten für die eigenen Kinder. Sie kaufen pädagogisch wertvolles Spielzeug für die Babys, sie lesen den Zweijährigen täglich Kinderbücher vor. Sie sorgen dafür, dass ihre Söhne und Töchter gute Krippen und Kindergärten besuchen. Sie investieren viel Zeit in die Auswahl der bestmöglichen Schulen, und viele geben grosse Summen für teure Privatgymnasien oder Nachhilfestunden aus.

Doch vielen dieser Eltern fehlt – gerade wegen ihres Bestrebens, bei den eigenen Kindern alles perfekt zu machen – etwas, das man soziale Wachsamkeit nennen kann. Ängstlich versuchen sie, ihren Wohlstand an die Nachkommen weiterzugeben. Doch sie übersehen, dass ihre Kinder es nur dann besser haben werden, wenn der soziale Zusammenhalt in diesem Land nicht weiter erodiert.

Genau das geschieht derzeit, weil sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet. Es wächst der Wohlstand des oberen Teils der Gesellschaft, doch die Lage in den armen Städten, den armen Quartieren, den armen Familien wird immer prekärer. Das ist sozialer Sprengstoff, um dessen Entschärfung sich die Wohlhabenden – auch im eigenen Interesse und dem ihrer Kinder – bemühen sollten. Die Not der Ärmsten wird sonst schnell zu einem Problem der Reichen.

Wir danken Felix Berth für diesen Beitrag. *Berth ist Redakteur der «Süddeutschen Zeitung». Seit einigen Jahren schreibt er über Gesellschaftspolitik und hat für seine Analysen der deutschen Familienpolitik mehrere Journalistenpreise erhalten.

Eltern als Effizienzbestien

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 7. September 2011

Ein Papablog von Philippe Wampfler.

Selbst das Konzept «Party» wirkt plötzlich nicht mehr so verlockend, wenn man Kinder hat.

Selbst das Konzept «Party» wirkt plötzlich nicht mehr so verlockend, wenn man Kinder hat.

Über Unterschiede zwischen Müttern und Vätern könnte man viel nachdenken und aufschreiben. Man beobachtet und konstruiert dabei eine Mutter- und eine Vaterrolle, welche einige biologische und einige soziale Faktoren beinhalten können – so genau weiss man das jeweils nicht. Und meist löst das Beschreiben dieser Rollen weniger Probleme, als es für die Menschen schafft, die den Rollen nicht entsprechen können oder wollen.

Deshalb verlasse ich in diesem Text den Unterschied zwischen Männern und Frauen, Vätern und Müttern und beschreibe ein Problem, das Eltern haben. Ich gehe einmal davon aus, diese Eltern verbinden Familienarbeit, Erwerbsarbeit und aktive Freizeitgestaltung – auch wenn mir bewusst ist, dass es in der Schweiz Familien gibt, in denen Mütter auf Erwerbsarbeit und aktive Freizeitgestaltung verzichten (müssen).

Um es vorwegzunehmen: Ich habe für das folgende Problem keine Lösung. Das Problem ist das Planen. Ich habe – wie wohl viele Menschen in der Schweiz – in einer Situation Kinder bekommen, in der ich sehr unabhängig, flexibel und aktiv war. Wenn ich am Morgen zur Arbeit ging, wusste ich noch nicht, was ich am Abend machen würde. Ich konnte mir zu Hause einen Film ansehen, mich mit Freunden für einen Theaterbesuch verabreden, Tennis spielen gehen, länger arbeiten. Konnte mich für etwas entscheiden und meine Pläne dann spontan ändern. Konnte spät nach Hause kommen und unter Umständen am nächsten Tag ausschlafen oder mal wieder früh ins Bett. Haushaltsarbeiten und Administratives konnte ich aufschieben und erledigen, wenn ich dafür Zeit hatte.

Als Vater habe ich viele dieser Möglichkeiten immer noch. Ich habe weniger Zeit dafür, aber dessen ist man sich bewusst, wenn man Kinder bekommt. Womit ich aber nicht gerechnet habe, ist die Notwendigkeit der Planung. Werde ich für einen Jassabend, einen Geburtstagsapéro oder einen Skitag angefragt, ist meine Antwort selten spontan: Meist gilt es Terminkalender zu vergleichen, Abmachungen mit meiner Partnerin zu treffen und Entscheide zu fällen. All das ist einzeln weder unzumutbar noch besonders anstrengend – aber als eher unorganisierter Mensch empfinde ich den Zwang, jede Sitzung, jeden möglichen Ausflug und jedes Nacharbeitsbier in einen Online-Kalender einzupflegen als anstrengend und unangenehm.

Damit sind auch schon die technischen Massnahmen angesprochen: Angehende Eltern sind gut beraten, sich zu überlegen, wie sie ihre Terminplanung koordinieren und kommunizieren. Mir bekannte Modelle sind der grosse Familienkalender auf Papier, den man manuell synchronisiert – oder aber die Smartphone-Kalender, die sich automatisch mit einem elektronischen Einheitskalender synchronisieren. Im Idealfall, müsste man vielleicht anfügen – und wenn der technisch versiertere Elternteil ab und zu einen halben Tag in die Feinabstimmung der Software investiert. Aber das Nachführen von Terminplanern reicht nicht: Ausserplanmässiges muss dem andern Elternteil in einem Moment mitgeteilt werden, in dem er aufnahmefähig ist und die persönliche Agenda zur Hand hat. Von diesen Momenten gibt es nicht besonders viele.

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Was genau tut man in einer Bar? Trevor St. John im Film «The Art of Getting Over It».

Die konstante Planung hat einen negativen und einen positiven Nebeneffekt: Eher unangenehm ist eine neu aufkommende Party-Langeweile. Nach Abend- und Nachtschichten mit kranken, zahnenden oder schlecht schlafenden Kindern ist man wieder einmal im Ausgang. Man hat die Kleider angezogen, welche man sich von den Kindern nicht beschmutzen lassen will, ist an den Orten, wo sich Erwachsene unter sich treffen und konsumiert Getränke, die man bei LeShop nicht bestellen kann. Man nimmt an dem Teil, was früher das Leben war. Und weiss nicht, wie man damit umgeht. Was tut man genau in einer Bar? Sich ein wenig unterhalten, gut. Aber irgendwie fühlt es sich sinnlos an, eine oder zwei Stunden lang keine konkrete Aufgabe zu haben. Die Fähigkeit, Freizeit zu geniessen, müssen sich Eltern immer wieder von neuem aneignen.

Damit gekoppelt ist aber ihre enorme Effizienz. Ein Professor hat mir erzählt, lang liegengebliebene Dissertations-Projekte würden von Doktorandinnen und Doktoranden oft gerade dann fertig gestellt, wenn sie Kinder bekommen. Die Pflicht, seine Zeit zu verplanen und einzuteilen führt offenbar auch zur Fähigkeit, in der zur Verfügung stehenden Zeit viel zu erledigen.

Der Übergang vom Leben als selbständige Erwachsene zum Leben als Eltern bringt gravierendere Veränderungen mit sich, als die Herausforderung, seine Zeit vorausblickend einzuteilen. Aber für mich persönlich war diese Anforderung die, mit der ich am wenigsten gerechnet habe; vielleicht, weil sie nur sehr indirekt von den Kindern ausgeht.

2_phwampfler_1287912460_74Philippe Wampfler ist Gymnasiallehrer und bloggt auf philippe-wampfler.com und fragenfragen.wordpress.com, auf Twitter zu finden unter: http://twitter.com/#!/kohlenklau

Käfighaltung oder Freiland?

Mamablog-Redaktion am Freitag den 2. September 2011

Eine Carte Blanche von Marco Hüttenmoser, der festhält, dass Wohnungen Kindern oft ein besseres Umfeld bieten als Eigenheime.

Kinder ihn einer Berner Krippe.

Je mehr Gspänli, umso besser: Kinder ihn einer Berner Krippe.

Bei Tieren ist der Auslauf vorgeschrieben, bei Kindern Batteriehaltung weit verbreitet. Fehlt Kindern der freie Auslauf, ist die Gefahr, dass sie quengelig werden und aufeinander herumhacken, gross. Dabei fliegen zwar keine Federn, doch vergiften Aggressionen das Klima. Die Wohnsituation, so ist erwiesen, hat starken Einfluss darauf, wie Kinder sich entwickeln. Wer daraus schliesst, dass Einfamilienhäuser zwangsläufig familienfreundlicher sind als Wohnblöcke und die Kleinen, die jetzt in den Kindergarten gehen, auf dem Land ausgewogener, ja friedlicher sind als in der Stadt, der irrt jedoch.

Der Storch mit Kindernamen im Garten befriedigt bestenfalls den Stolz der Eltern, nicht aber die Bedürfnisse der Kinder. Die suchen naturgemäss, die Welt zu entdecken und eigene Erfahrungen zu machen. Meist endet ihr Bewegungsfreiraum heutzutage jedoch am Gartenzaun. Einsames Buddeln im Sandkasten und Spaziergänge an der Hand von Vater oder Mutter genügen auf die Dauer aber nicht. Neben Auslauf vier, fünf und mehr Stunden am Tag brauchen Kinder auch Gspänli. Spielgruppen, Schwimm- oder Ballettunterricht vermögen dies nur in beschränktem Mass zu bieten.

SCHWEIZ WETTER SOMMER

Freier Auslauf mit anderen Kindern tut einfach gut: Mädchen in einem Brunnen.

Wie viel Freiraum der Nachwuchs geniesst, wird stark durch den Verkehr bestimmt. Verschiedene Nationalfondsstudien in den letzten Jahren haben gezeigt: Bei freiem Auslauf haben Kinder in der Stadt durchschnittlich neun Spielkameraden, auf dem Land fünf. Ist ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt, haben sie da wie dort nur zwei Gspänli. Mit Abstand die familienfreundlichsten Bedingungen bietet notabene der genossenschaftliche Wohnungsbau, wo Kinder das Umfeld frei bespielen können. Schnelle wie parkierte Autos machen die Quartierstrassen nämlich meist kinderfeindlich. Begegnungszonen statt Parkplätze würden vermutlich mehr gegen Bewegungsmangel und Übergewicht der Kleinen bringen als das Üben von Purzelbäumen im Kindergarten und der Schule.

Wir danken Marco Hüttenmoser für diesen Beitrag. Er ist Leiter der Forschungs- und Dokumentationsstelle Kind und Umwelt in Muri AG und Koordinator des Netzwerks Kind und Verkehr. www.kindundumwelt.ch