Eine Carte Blanche von Nicoletta Cimmino*

Nach der Schwangerschaft scheinen sich gewisse Gefühle zu intensivieren: «Crying Girl», ein Werk des Malers Roy Lichtenstein.
Es passierte im 6. Schwangerschaftsmonat auf einer Zugfahrt von Zürich nach Bern. Ich brach in Tränen aus, weil ich in der Zeitung von einem Walfischbaby las, das seine Mutter verloren hatte und jetzt irrtümlicherweise ein Schiff für ebendiese Mutter hielt. Auf der Suche nach Wärme und Muttermilch schwamm dieses Walfischbaby also einem Schiff hinterher und würde früher oder später elendlich und total erschöpft verhungern.
Mein Sitznachbar gegenüber schaute ganz betreten aus dem Fenster – (heulende Frauen, zumal noch schwanger… schwierig) – und ich putzte mir verschämt den Rotz weg. Meine Arbeitskollegin, der ich entsetzt davon erzählte, lachte mich liebevoll aus. Die allgemeine Erklärung meines Umfelds war: «Schwangerschaftshormone».
Von wegen! Unsere Tochter hat soeben den 3. Geburtstag gefeiert, meine Schwangerschaft ist lange vorbei. Das zweifelhafte Talent aber, in den ungeeignetsten Momenten in Tränen auszubrechen, das hab ich behalten. Fachleute haben bestimmt einen Begriff dafür, ich nenne es «postnatale Mimösligkeit». Es ist, als hätte jemand bei mir den Emotionen-Knopf aufs Maximum aufgedreht. Und jetzt klemmt er.
Das ist ganz schön anstrengend, finde ich. Hat etwa im Supermarkt «ds Lia ihres Mami verlore», bange ich innerlich mit dem Kind und fühle ganz mit der Mutter, die ich im Geiste schon ganz irr vor Sorge durch die Regale hetzen sehe. Früher hätte ich so eine Lautsprecherdurchsage glatt überhört, ausser «ds Lia» wäre mir schreiend und heulend in der Weinabteilung im Wege gestanden.
Und wenn auf dem Spielplatz ein Bub in hohem Bogen von der Schaukel fliegt und sich dabei das Bein aufschlägt, dann blutet nicht nur sein Knie, sondern ein bisschen auch mein Mutterherz. Früher waren Spielplätze für mich andere Planeten, auf denen für meine Spezies nichts zu holen war.
Nun ist es ja nicht so, dass ich vor meiner Zeit als überemotionales Muttertier eine Reinkarnation von «Cruella De Vil» gewesen wäre, die sich aus Dalmatinerwelpenfell einen Pelzmantel nähen will. Aber es fiel mir unendlich viel leichter, fremdes Leid wieder zu vergessen oder mit Zynismus zuzudecken.
Manchmal schäme ich mich ein bisschen für diesen neuen Daseinszustand. Wäre gerne cooler. Ist ja nicht sehr hip, dieses ganze Gefühlstamtam. Es ist irgendwie unmodern. Und sowieso: Eine Geburt verändert heute ja am Besten gar nichts. Bitte nicht die Kleidergrösse. Und schon gar nicht den Charakter, Himmel hilf!
Mein Trost: Ich bin nicht allein. Wir sind Viele. Das Phänomen der postnatalen Mimöseligkeit ist weitverbreitet. Wenn ich davon erzähle, ernte ich meistens wissendes und verständnisvolles Nicken.
Meine Kollegin übrigens, die mich nach der Walfischbaby-Szene geneckt hatte, die schrieb mir ungefähr eineinhalb Jahre danach ein SMS. Sie habe jetzt gerade heulen müssen. In der Zeitung sei ein verwaistes Zwergäffchen abgebildet gewesen. Sie war damals hochschwanger. Und ich dachte: Willkommen im Club, du Mimose!
* Nicoletta Cimmino arbeitet bei Schweizer Radio DRS als Produzentin und Moderatorin des Nachrichtenmagazins «Info3», auf DRS3.
Die 37-jährige Bielerin ist verheiratet und hat eine Tochter.





*Andrea Bornhauser arbeitete als Moderedaktorin für «annabelle» und «Facts». Heute betreibt die freie Journalistin das Familienportal 


Elke Koch ist ehemalige Redaktorin der Sendung und Onlineplattform
Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
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