Leben


Archiv für die Kategorie „Erziehung“

Gacker. Blök. Grunz.

Andrea Fischer am Dienstag den 27. März 2012
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Wie macht man alles gleichzeitig, ohne durchzudrehen? – Eierlegende Wollmilchsau.

Eierlegende Wollmilchsäue gehören zu meinen Lieblingstieren. Sie können alles, ausser Staubsaugen. Oder doch, eigentlich können sie auch das, denn auch ich bin eine eierlegende Wollmilchsau und staubsaugen kann ich. Wie Sie, Sie und Sie da drüben vermutlich auch. Wir alle tun ganz vieles gleichzeitig und probieren dabei munter, nicht durchzudrehen. Was, wenn wir ehrlich sind, nicht immer gleich gut gelingt.

Zu diesem ewigen Thema ist mir letzthin ein Buch in die Hände geraten, das so mutig unsexy nicht nach Ratgeber aussieht, dass ich neugierig wurde. Es heisst «Im Gleichgewicht, Life-Balance oder der Umgang mit Mehrfachrollen» und ist im Hep Verlag erschienen. Hat kein Heilsversprechen drauf, kein Bild einer entspannten Mutter mit Seit-ich-das-gelesen-habe-bin-ich-thothaaaal-entspannt-Lächeln und auch keinen glatten Cartoon à la Claire Bretécher von einer Frau mit Einkaufstasche, Laptop, Handy und Kind auf dem Arm. Es sieht eher aus wie Schulmaterial für Buchhalter.

Soviel Understatement verdient es, mal näher untersucht zu werden. In der Einleitung des Buches steht der Satz, der alles auf den Punkt bringt: «Manchmal ist es sehr schwierig, alles unter einen Hut zu bringen.» Wissen wir. Den Hut, unter den alles passen würde, was wir wollen oder zu müssen meinen, gibt’s gar nicht. Müsste wohl eher ein Zelt sein. In 185 Interviews mit Frauen und Männern haben die Autorinnen Eva Scholl und Susi Thürer-Reber untersucht, wie es sich lebt mit der Hutfrage. Wie man zurechtkommt in einer Arbeitsgesellschaft, in der gleichzeitig auch Familie und Freizeit wichtig und ausgefüllt sein sollen. Diesen Interviews zur Seite gestellt sind Analysen und Anregungen. Dabei deklarieren die Autorinnen klipp und klar: Sie bieten keine Lösungen, nur Denkansätze. Und: Das Problem sind selten Sachzwänge, sondern meist Denkzwänge.

Wer also ein Kochrezept für einfacheres Multitasking sucht, wird das hier nicht finden. Dafür ist das Buch ein intelligentes Plädoyer für Toleranz und spricht auch das heikle Thema Neid unter Frauen an, das so gern unter den Tisch gekehrt wird. Statt unbeirrt und ehrlich das eigene Leben so zu gestalten, dass es zu einem passt und bewältigbar ist, neigen vor allem wir Frauen gern dazu, erleichtert festzustellen, dass andere noch überforderter oder unzufriedener sind als wir. Eine Energieverschwendung mit negativem Beigeschmack.

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Gesunder Egoismus hilft: Mutter beim Multitasking.

Ebenfalls spannend ist die Erhebung darüber, welche Rollen Männer und Frauen aus eigener Sicht alle zu erfüllen haben. Männer nannten im Schnitt 13 Rollen, Frauen 53. Das liegt unter anderem daran, dass die Frauen ihre sozialen Rollen wie Schwiegertochter, Patentante etc. mitzählen. Dafür gaben bei den Männern die meisten an, alles unter den berühmten Hut zu bringen, während das bei den Frauen mit Kindern gerade mal ein Viertel von sich behauptet.

Die Lösungen, die zu diesem Dilemma besprochen werden, sind nicht sonderlich neu, aber sicherlich sinnig: Die Partner sollen miteinander reden. Man soll sehen, wo es auch mit weniger Perfektionismus und mehr Unterstützung von aussen gehen könnte. Und man soll seine Ziele in machbare Etappen aufteilen. Aber es gibt auch bemerkenswerte Ansätze, wie den Aufruf zu mehr gesundem Egoismus. Und dazu, sich weder mit Vorwürfen wie «Du bist egoistisch» manipulieren zu lassen, noch das mit anderen zu tun. Sehr erhellend ist auch die Liste mit Ausreden, hier Barrieren genannt, von denen mir erschreckend viele wohl bekannt sind.

Das Buch lebt von den Fallbeispielen, was die Kernaussage unterstreicht: Es gibt keine grundsätzlich richtigen und falschen Lebensentwürfe. Aber in dem Entwurf, für den man sich entscheidet, sollte man sich möglichst gut einrichten und wohlfühlen. Und es ermutigt, auch die schönen Seiten der Mehrfachrollen zu sehen, ohne damit gleich unerträglich ins Think-positive-Horn zu tröten.

Zwar ist das Werk für meinen Geschmack ein bisschen trocken ausgefallen, dafür von einer wohltuenden Aufrichtigkeit und genau das, was es sein will: Ein guter, moralinfreier Denkanstoss für alle, die sich wenigstens zu artgerecht gehaltenen eierlegenden Wollmilchsäuen weiter entwickeln wollen.

Fördern oder überfordern?

Jeanette Kuster am Sonntag den 25. März 2012

Der nachfolgende Blog ist der letzte von Jeanette Kuster vor ihrem Mutterschaftsurlaub. Wir wünschen ihr alles Gute und freuen uns auf ihre Rückkehr als zweifache Mutter. Die Redaktion.

Im Mai wird der nationale Orientierungsplan zur frühkindlichen Förderung in den Kitas vorgestellt: Kinder und Betreuerin in einer Kindertagesstätte in Bern. (Keystone)

Soll die Kita nur Betreuungsplatz oder auch Bildungsstätte sein? Diese Diskussion wird hierzulande spätestens Anfang Sommer neu angeheizt werden, wenn das Schweizer Netzwerk Kinderbetreuung seinen sogenannten Orientierungsplan vorstellen wird, einen Bildungsplan, nach dem sich die Kitas in der ganzen Schweiz künftig ausrichten sollen.

Dass eine einheitliche Lösung nötig ist, ist nicht von der Hand zu weisen. Denn heute herrscht Wildwuchs im Schweizer Kitadschungel: Die Bestimmungen für eine Kitabewilligung unterscheiden sich von Kanton zu Kanton, zudem definieren die vorhandenen Richtlinien alleine strukturelle Aspekte wie Mindestraumgrössen. Über die erzieherische Ausrichtung der Betreuungsstätten hingegen sagen sie gar nichts aus.

Das soll der Orientierungsplan nun also ändern. Doch schon bevor er der Öffentlichkeit präsentiert wurde, regt sich Widerstand dagegen. Man solle doch «die Kinder auch einmal Kind sein lassen», sagt etwa FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Viele Eltern teilen seine Angst, man könnte die Kleinsten mit zu früher Förderung überfordern. Vor allem deshalb, weil keiner so genau weiss, was sich hinter dem Wort Bildungsplan versteckt. Sollen die Kinder künftig schon in der Kita Frühchinesich pauken? Müssen sie anstatt zu spielen Schuhe binden lernen? Und was, wenn ein Kind die gesetzten Ziele nicht erreicht?

Laut Miriam Wetter, Geschäftsführerin des Netzwerks Kinderbetreuung, sind solche Bedenken absolut unbegründet: «Der Orientierungsplan wird vielmehr festhalten, was es braucht, damit Kinder Kinder sein können – und das ist mehr als die heutigen Quadratmeter- und Hygienevorschriften.» Details möchte Wetter zum jetzigen Zeitpunkt noch keine bekanntgeben, da der Orientierungsplan erst im Mai lanciert wird. Sie empfahl mir deshalb den Besuch einer Kita, die bereits heute bildungsorientiert arbeitet, um mir ein Bild zu machen, «worum es in der frühkindlichen Bildung geht und worum nicht».

Also habe ich mir die Kita Artergut in Zürich angeschaut, die seit vier Jahren nach dem Infans-Konzept arbeitet. Beim Eintreten bleibt mein Blick gleich an der Treppe hängen: Die Stufen sind von unten bis oben durchnummeriert. Die erste Etappe des Lern-Marathons? Regula Keller, Leiterin Kita-Verbund Artergut, winkt ab: «Interessiert sich ein Kind für Zahlen, kann es sie auf diese Weise lernen. Die anderen laufen einfach darüber hinweg.»

Das System Infans beinhalte keine fixen Lernziele. «Wir trainieren keine Fertigkeiten, sondern fördern und unterstützen die bereits vorhandenen Interessen jedes einzelnen Kindes», sagt Keller. So hat die Kita auch schon einen Ausflug in eine Garage organisiert, weil gerade mehrere Kinder gleichzeitig von Autos fasziniert waren. «Wir wählen also nicht zufällig das Schwerpunktthema Häschen aus, bloss weil eine Betreuerin ein Flair für die Tiere hat, sondern gehen gezielt vor.» Um herauszufinden, welche Themen ein Kind gerade beschäftigen, werden die Kleinen beobachtet und die Erzieherinnen erstellen für jedes Einzelne ein detailliertes Portfolio.

Die Kita-Leitung hat zudem zehn Leitgedanken formuliert, die sie mit unterschiedlichen Mitteln umsetzt. «Wir möchten zum Beispiel, dass aus unseren Kindern Erwachsene werden, die offen sind für fremde Kulturen und überlegt mit unseren Ressourcen umgehen», sagt Keller. Um das erste Ziel zu erreichen, bringen die Erzieherinnen den Kindern unter anderem bei, wie man sich auf verschiedene Sprachen grüsst. «Die Kinder müssen aber einen Bezug zu den benutzten Sprachen haben. Das heisst, wir verwenden eine Sprache nur dann, wenn wir ein Kind aus dem jeweiligen Sprachraum in unserer Kita haben.» Das Umweltbewusstsein der Kinder wird durch eine kleine Sammelstelle direkt neben dem Esstisch gefördert, in der die Kleinen selbständig Papier oder Alu getrennt entsorgen.

Der offensichtlichste Unterschied zu herkömmlichen Kitas ist jedoch, dass sich die Kinder im ganzen Haus frei bewegen können. Zwar gibt es fixe Gruppen, diese finden jedoch nur zum Essen zueinander. Den Rest des Tages verbringen die Kleinen dort, wo es sie gerade hinzieht: Am Morgen wird in der grossen Runde mitgeteilt, welche Räume an diesem Tag geöffnet sind, danach entscheidet jedes Kind selber, an welchem Spiel es teilnehmen und wann es gegebenenfalls zum nächsten weiterziehen möchte. Das klingt nach vorprogrammiertem Chaos, doch Keller sagt, dass es heute in der Kita deutlich ruhiger zu und her gehe als früher, weil eben jedes Kind sein Ding machen könne.

Natürlich werden die einzelnen Aktivitäten stets mit pädagogischen Hintergedanken erstellt. So sollen die Angebote im Sortierzimmer die kognitiven und mathematischen Fähigkeiten fördern, im Bau-Bereich können die Kinder die Hand-Auge-Koordination und die räumliche Anordnung üben. «Ob die Kinder dann aber auch so spielen, wie wir uns das vorgestellt haben, bleibt ihnen überlassen», sagt Keller, «wir zwingen kein Kind zum Sortieren, wenn es die einzelnen Elemente lieber aufeinander stapelt.»

Wieviel die Fördermassnahmen den Kleinen am Ende tatsächlich bringen, ob sie ihretwegen (wie etwa die BASS-Studie besagt) eine erfolgreichere Schulkarriere hinlegen, kann ich nicht beurteilen. Um die angeblich vom Förderwahn bedrohte unbeschwerte Kindheit meiner Tochter sorge ich mich nach meinem Besuch jedoch nicht mehr. Nein, ich bin vielmehr gespannt auf den Orientierungsplan und begrüsse vor allem die längst fällige Diskussion über die pädagogische Ausrichtung unserer Kitas. Schliesslich sollen unsere Kinder dort nicht nur sicher, sondern auch sinnvoll aufgehoben sein.

Und wie sehen Sie das?

Quoten auf Kosten der Kinder

Nina Merli am Donnerstag den 15. März 2012
Nimmt Kindercastingshows hoch: Abigail Breslin wird in «Little Miss Sunshine» vom hässlichen Entlein zur Stripperin. (Screenshot: Youtube)

Nimmt Kindercastingshows hoch: Abigail Breslin wird in «Little Miss Sunshine» vom hässlichen Entlein zur Stripperin. (Screenshot: Youtube)

Bitte nicht! Vorgestern gab der deutsche Privatsender RTL bekannt, dass eine Kinderversion von «Deutschland sucht den Superstar» geplant ist. Ab sofort können sich 4- bis 14-jährige «begabte Kids» – beziehungsweise ihre publicitygeilen Eltern – auf der Website von «DSDS» bewerben.

«RTL macht Träume wahr! Und jetzt gehen auch die Träume der ganz jungen «DSDS»-Fans in Erfüllung. Einmal auf der grossen Superstarbühne stehen, vor einem Millionenpublikum singen und ein Star werden.»

Heisst es da. Und Dieter Bohlen, der Chef-Juror der Castingshow, freut sich: «Dass wir jetzt «DSDS Kids» machen, ist der Hammer.» Logisch, denn die Quoten von «DSDS» befinden sich gerade im Sinkflug. Also musste man sich jetzt schnell was einfallen lassen. Und mit Kindern lässt sich leicht Kasse machen. Aber die Kinder sollen ja vom ganzen Rummel auch etwas haben, darum singen die «jungen Talente um ein attraktives Preisgeld und ein Ausbildungs-Stipendium für die Zukunft». Ja so, dann ist ja alles in Ordnung. Die Kids investieren in ihre Zukunft, die Eltern dürfen ihre 15 Minuten Ruhm erleben und die Zuschauer sich den Schrott ohne schlechtes Gewissen reinziehen, denn es ist ja für einen guten Zweck.

Jetzt lässt ihn RTL auch noch auf Kinder los: Superstar-Sucher Dieter Bohlen. (rtl.de)

Jetzt lässt ihn RTL auch noch auf Kinder los: Superstar-Sucher Dieter Bohlen. (Rtl.de)

Das Ganze erinnert mich an die schrecklichen Schönheitswettbewerbe für Kinder in den USA, wo Eltern, mehrheitlich Mütter, ihre Töchter auftakeln und von einem Beauty-Contest zum nächsten jagen, wo sie dann vorgeführt und blossgestellt werden. Was sollte an einem «DSDS» für Kinder anders sein? Und wie werden die Kinder oder auch Teenager damit umgehen, wenn Dieter Bohlen sie mit der ihm so eigenen Sensibilität («Wenn das Wetter so wäre wie deine Stimme, dann würde es Scheisse regnen») von der Bühne fegt? Oder glauben Sie etwa, dass Bohlen in der Kinderversion voll auf Weichspülerkurs geht und die Kinder mit Samthandschuhen anfasst? Häme ist doch fester Bestandteil dieser Freak-Show – ein Grund, weshalb ich schon «DSDS» für Erwachsene nie schauen konnte.

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Ein Kind kann nur enttäuscht werden: Die 13-jährige Rachel Crowe bricht auf der Bühne weinend zusammen als sie bei der britischen Castingshow «X Factor» ausscheidet. (Bild: Screenshot Fox)

Aber sogar wenn man Bohlen einen Maulkorb verpasst und voll auf den Jöh-Effekt setzt, die Kinder lobt und ihnen ein gutes Gefühl gibt, werden sie einen Schaden davon tragen. Wer schon mal mit Kindern Karten, ein Brettspiel oder sonst etwas gespielt hat, weiss, wie schlecht die Knirpse verlieren können. Und wer einem Kind verspricht, dass es «ein Star» werden kann, wird es nur enttäuschen. Oder fällt hier jemandem spontan auch nur ein Name eines «DSDS»-Siegers ein? Hat auch nur einer der acht Gewinner den Durchbruch geschafft? Nein. Kein einziger. Selbst wenn ein Kind zum Star avancieren sollte: Beispiele wie Macaulay Culkin, Britney Spears oder Michael Jackson zeigen, dass man Kinder, wenn man ihnen Gutes tun will, möglichst weit weg vom Scheinwerferlicht halten sollte.

Die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren hat einmal gesagt: «Es gibt kein Alter, in dem alles so irrsinnig intensiv erlebt wird wie in der Kindheit. Wir Grossen sollten uns daran erinnern, wie das war.» Genau, vor allem, wenn wir im Begriff sind, unsere Kinder Dieter Bohlen vor die Füsse zu werfen.

Klappe zu!

Andrea Fischer am Dienstag den 28. Februar 2012
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Zu schweigen ist nicht immer einfach: Frau mit abgeklebten Mund. (Bild: Jennifer Moo)

Ich bin zweiundvierzig Jahre alt. Meine Pubertät liegt also schon ein geraumes Weilchen zurück. Würde man meinen. Meist ist es auch so. Aber aus irgendeinem Grund gibt es immer noch Momente, in denen ich mir selbst zusehe und –höre und denke: «Jetzt tu doch nicht so pubertär!» Diese Ausrutscher ins Patzig-Entnervte haben fast immer einen Zusammenhang mit meiner Mutter. Und das, soviel möchte ich hier betonen, obwohl ich ein sehr gutes Verhältnis habe zu ihr.

Aber sobald sie mir gewisse Fragen stellt, oder mich mütterlich ermahnt, spüre ich noch heute, wie mir der Hals auf die Dicke eines Baumstamms anschwillt. Natürlich murmle ich mir mental Beschwichtigendes zu, flehe meinen inneren Teenager um Gnade an und klammere mich verzweifelt an die Vernunft, die mir sagt: «Aber sie meint es doch nur gut.» Manchmal schaffe ich es, die Klappe zu halten. Aber ab einer gewissen Anzahl von Luegsch-der-guets und Schaff-nicht-zuviels rutscht mir schon ab und an eine spitze Bemerkung raus.

Dabei gehört meine Mutter noch nicht mal zu der aufdringlichen Sorte. Sie sagt meist nette, harmlose Dinge und will nur mein Bestes. So, wie ja auch ich die Dinge gut meine, die ich den ganzen Tag von mir gebe, wenn ich meinen Familienalltag organisiere: Nimm nicht so viel Schokoladepulver in die Milch. Hast du den Znüni eingepackt? Sind die nassen Schwimmsachen aufgehängt? Du siehst müde aus, heute gehörst du früh ins Bett. Nimm zuerst Salat, bevor du nochmals Spaghetti nimmst. Hast du immer noch Streit mit deiner Freundin? Warum rufst du sie nicht einfach an und ihr besprecht das? Dieses T-Shirt gehört in die Wäsche. Nein, ihr habt gestern schon einen ganzen Film geschaut, heute gibt es kein Fernsehen. Hast du alle Hausaufgaben gemacht? Wieso liegt diese Socke noch immer da statt im Wäschekorb? Etcetera, etcetera und gute Nacht.

Klar, die meisten dieser Dinge muss ich halt sagen. Das gehört zu meinem Job, zumal meine Kinder ja noch nicht erwachsen sind. Aber eigentlich weiss ich: Weniger wäre manchmal mehr. So versuche ich wenn möglich – schliesslich reden wir von der Hitze des Alltagsgefechts – mir jeweils kurz zu überlegen, ob ich etwas wirklich sagen muss. Manchmal bringt es den Kindern mehr, wenn ich sie da und dort mal in einen Hammer laufen lasse. In den sie dann oft nicht mal laufen, weil sie nämlich schon viel besser auf sich aufpassen können, als ich meine.

Das Nichtsagen hat natürlich Grenzen. Meine Grenzen. Wenn ich zum zehnten Mal über den Turnsack im Wohnzimmer steigen muss, mich an mit Zahnpasta verkrusteten Lavabos wasche oder mir an den unerwartetsten Orten gammlige Mandarinen begegnen, interessiert mich die unabhängige Entwicklung meiner Kinder herzlich wenig. In anderen Fragen arbeite ich an mir.

Und rede ich trotz aller Vorsätze immer noch zu viel drein, schadet das meiner Ansicht nach meinen Kindern nicht nachhaltig. Höchstens mir. Je mehr ich mich einmische, desto energischer werden sie sich ablösen müssen von mir. Ich werde es wohl überleben. A propos Ablösung: Das letzte Wort kriegt heute meine Mutter, mit einem Spruch, den sie uns früher jeweils mit einem Lachen serviert hat: «Wenn ich euch frage, wie es euch geht, nerve ich euch. Wenn ich nicht frage, seid ihr beleidigt. So ist das eben mit den Müttern.» Eigentlich recht cool.

Alles – und das sofort

Jeanette Kuster am Dienstag den 21. Februar 2012

Müssen Kinder alles möglichst früh erleben? Oder sollten sie und vor allem ihre Eltern sich öfter mal in Geduld üben? Mutter und Kind im Schnee. (Bild: Keystone)

Als mir eine Freundin Anfang Winter erzählte, ihre gerade zwei Jahre alt gewordene Tochter dürfe kommendes Wochenende Ski-Premiere feiern, habe ich nicht schlecht gestaunt. Hätten wir dieses Jahr Ferien in den Bergen geplant, wären diese eher unter dem Titel «Schlitteln & Schneemann bauen» gelaufen. Skifahren, das assoziierte ich bisher mit Kindergartenalter, und dachte mir, besagte Freundin wäre ein übereifriger Einzelfall. Doch als der Winter ins Land zog, wurde ich eines Besseren belehrt: Auf Facebook posteten immer mehr Freunde Fotos ihrer auf Skis stehenden 2-Jährigen und die Frage «Darf es auch zum ersten Mal auf die Bretter?» gehörte plötzlich zu jedem Vor-Ferien-Gespräch unter Eltern mit gleichaltrigen Kindern.

Allmählich fragte ich mich, ob vielleicht ich die Ausnahme bin. Ich werfe mit meiner Tochter erst Schneebälle, anstatt ihr schon die Skiausrüstung anzuziehen. Und nein, ich habe sie auch noch nicht mit Schlittschuhen aufs Eis gelassen. Und dies nicht einmal aus übertriebener Ängstlichkeit. Vielmehr sehe ich nicht ein, weshalb Kinder alles möglichst früh erleben sollen – zu einem Zeitpunkt, zu dem sie diese Aktivitäten und Dinge womöglich noch gar nicht richtig geniessen können.

Denn es geht natürlich nicht nur um den Wintersport, das Phänomen der elterlichen Ungeduld zieht sich durchs ganze Familienleben. So schlafen Zweijährige bereits im Hochbett oder bekommen auf den Geburtstag Ohrlöcher geschossen, weil sie «sich die Ohrringe halt so sehr gewünscht» haben. Klar, meine kleine Prinzessin ist auch fasziniert von meiner Schmuckschublade. Gestern hat sie sich gar einen Schlüsselring an den Bauchnabel gehalten und gesagt, dass sie auch so ein schönes Ringli am Bauch haben möchte wie ihr Gotti. Deswegen lasse ich sie jedoch noch lange nicht piercen, sondern erkläre ihr, dass sie ihren Körper gerne mit Ringen und anderem Schmuck verzieren darf, wenn sie erwachsen ist. Und erstaunlicherweise frustriert sie eine solche Absage nicht im Geringsten. Ganz im Gegenteil erzählt sie immer wieder begeistert und voller Vorfreude, was sie dann alles tun dürfe, wenn sie einmal gross sei.

Wenn die Kinder also so leicht auf später vertröstet werden können, muss der Grund für die grassierende Ungeduld hauptsächlich bei den Eltern liegen. Ich glaube nicht, dass Eltern ihre kleinen Kinder möglichst früh auf die Skis stellen, damit aus ihnen einmal grosse Skirennfahrer werden. Und auch der Umzug ins Hochbett im Kleinkindalter hat sicher nicht zum Ziel, vor anderen Eltern damit zu prahlen, dass das Kleine nun im Fall schon im grossen Bett nächtigt. Ich vermute eher, dass Mama und Papa ihre Freude über das sich in den ersten Jahren so rasant entwickelnde Kind nicht zügeln können und deshalb alles möglichst sofort mit ihm erleben wollen.

Und natürlich kenne auch ich den Stolz und das Glücksgefühl, die man als Elternteil bei diesen ersten Malen verspürt – sei das nun die erste Breimahlzeit, das erste Wort oder der erste Fahrversuch auf dem Trottinett. Trotzdem will ich meinem Kind nicht schon jetzt alles ermöglichen, nur weil ich mich nicht gedulden kann. Bestimmt würden auch die Augen meiner Tochter leuchten, wenn sie ein Paar Ski ihr eigen nennen dürfte. Aber wie viel mehr Spass wird es ihr doch machen, diesen Moment erst etwas später zu erleben, wenn sie auch tatsächlich alleine auf den Brettern den Hang hinunterrutschen kann? Und wie sehr wird sie ihre Ohrstecker lieben, wenn sie sie als Geschenk zum Schulbeginn bekommt – also eine ganze Weile bewusst darauf warten musste und sie dadurch schliesslich als besonders wertvoll betrachten wird?

Sich als Eltern mindestens genauso wie das Kind über die unzähligen ersten Male zu freuen ist grossartig. Deshalb möglichst viele davon in die ersten zwei, drei Lebensjahre zu packen, finde ich hingegen wenig sinnvoll. Und wie sehen Sie das?