
Wie macht man alles gleichzeitig, ohne durchzudrehen? – Eierlegende Wollmilchsau.
Eierlegende Wollmilchsäue gehören zu meinen Lieblingstieren. Sie können alles, ausser Staubsaugen. Oder doch, eigentlich können sie auch das, denn auch ich bin eine eierlegende Wollmilchsau und staubsaugen kann ich. Wie Sie, Sie und Sie da drüben vermutlich auch. Wir alle tun ganz vieles gleichzeitig und probieren dabei munter, nicht durchzudrehen. Was, wenn wir ehrlich sind, nicht immer gleich gut gelingt.
Zu diesem ewigen Thema ist mir letzthin ein Buch in die Hände geraten, das so mutig unsexy nicht nach Ratgeber aussieht, dass ich neugierig wurde. Es heisst «Im Gleichgewicht, Life-Balance oder der Umgang mit Mehrfachrollen» und ist im Hep Verlag erschienen. Hat kein Heilsversprechen drauf, kein Bild einer entspannten Mutter mit Seit-ich-das-gelesen-habe-bin-ich-thothaaaal-entspannt-Lächeln und auch keinen glatten Cartoon à la Claire Bretécher von einer Frau mit Einkaufstasche, Laptop, Handy und Kind auf dem Arm. Es sieht eher aus wie Schulmaterial für Buchhalter.
Soviel Understatement verdient es, mal näher untersucht zu werden. In der Einleitung des Buches steht der Satz, der alles auf den Punkt bringt: «Manchmal ist es sehr schwierig, alles unter einen Hut zu bringen.» Wissen wir. Den Hut, unter den alles passen würde, was wir wollen oder zu müssen meinen, gibt’s gar nicht. Müsste wohl eher ein Zelt sein. In 185 Interviews mit Frauen und Männern haben die Autorinnen Eva Scholl und Susi Thürer-Reber untersucht, wie es sich lebt mit der Hutfrage. Wie man zurechtkommt in einer Arbeitsgesellschaft, in der gleichzeitig auch Familie und Freizeit wichtig und ausgefüllt sein sollen. Diesen Interviews zur Seite gestellt sind Analysen und Anregungen. Dabei deklarieren die Autorinnen klipp und klar: Sie bieten keine Lösungen, nur Denkansätze. Und: Das Problem sind selten Sachzwänge, sondern meist Denkzwänge.
Wer also ein Kochrezept für einfacheres Multitasking sucht, wird das hier nicht finden. Dafür ist das Buch ein intelligentes Plädoyer für Toleranz und spricht auch das heikle Thema Neid unter Frauen an, das so gern unter den Tisch gekehrt wird. Statt unbeirrt und ehrlich das eigene Leben so zu gestalten, dass es zu einem passt und bewältigbar ist, neigen vor allem wir Frauen gern dazu, erleichtert festzustellen, dass andere noch überforderter oder unzufriedener sind als wir. Eine Energieverschwendung mit negativem Beigeschmack.

Gesunder Egoismus hilft: Mutter beim Multitasking.
Ebenfalls spannend ist die Erhebung darüber, welche Rollen Männer und Frauen aus eigener Sicht alle zu erfüllen haben. Männer nannten im Schnitt 13 Rollen, Frauen 53. Das liegt unter anderem daran, dass die Frauen ihre sozialen Rollen wie Schwiegertochter, Patentante etc. mitzählen. Dafür gaben bei den Männern die meisten an, alles unter den berühmten Hut zu bringen, während das bei den Frauen mit Kindern gerade mal ein Viertel von sich behauptet.
Die Lösungen, die zu diesem Dilemma besprochen werden, sind nicht sonderlich neu, aber sicherlich sinnig: Die Partner sollen miteinander reden. Man soll sehen, wo es auch mit weniger Perfektionismus und mehr Unterstützung von aussen gehen könnte. Und man soll seine Ziele in machbare Etappen aufteilen. Aber es gibt auch bemerkenswerte Ansätze, wie den Aufruf zu mehr gesundem Egoismus. Und dazu, sich weder mit Vorwürfen wie «Du bist egoistisch» manipulieren zu lassen, noch das mit anderen zu tun. Sehr erhellend ist auch die Liste mit Ausreden, hier Barrieren genannt, von denen mir erschreckend viele wohl bekannt sind.
Das Buch lebt von den Fallbeispielen, was die Kernaussage unterstreicht: Es gibt keine grundsätzlich richtigen und falschen Lebensentwürfe. Aber in dem Entwurf, für den man sich entscheidet, sollte man sich möglichst gut einrichten und wohlfühlen. Und es ermutigt, auch die schönen Seiten der Mehrfachrollen zu sehen, ohne damit gleich unerträglich ins Think-positive-Horn zu tröten.
Zwar ist das Werk für meinen Geschmack ein bisschen trocken ausgefallen, dafür von einer wohltuenden Aufrichtigkeit und genau das, was es sein will: Ein guter, moralinfreier Denkanstoss für alle, die sich wenigstens zu artgerecht gehaltenen eierlegenden Wollmilchsäuen weiter entwickeln wollen.









Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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