Gregs Tagebücher machen Lust aufs Lesen: Illustration aus dem Buch «Von Idioten umzingelt». (Baumhaus Verlag)
Klar, es ist sehr amerikanisch. Und dass sich einer eine goldene Nase verdient mit unbedarften Strichmännchen und mittelmässigen Verfilmungen seiner Stories, wurmt auch. Trotzdem, ich muss es fast neidlos zugeben, die Dinger sind pädagogisch wertvoll: Gregs Tagebücher. Wenn vielleicht nicht für die Kids, so doch für ihre Eltern. Dabei ist das Strickmuster denkbar einfach: Ein egoistischer, selbstverliebter Junge erzählt in fiktiven Tagebüchern, was er von sich und der Welt hält. Die Welt, das sind sein beiden Brüder, seine Eltern, seine Freunde, Lehrer, Verwandte und Nachbarn. Aus Gregs Sicht alles Loser, versteht sich. Er selbst nennt sein Werk natürlich nicht Tagebuch, das wäre ja was für Weiber und Weicheier, sondern Memoiren. Schliesslich wird er als Erwachsener sowieso mal berühmt, nur weiss das ausser ihm noch keiner.
Gregs Tagebuch 1, Jeff Kinney, Baumhaus Verlag, 218 Seiten.
Geschrieben sind die Bücher von einem erwachsenen Gamedesigner, selbst Vater und Comiczeichner (sicher nicht einer der Begnadetsten, aber das passt perfekt zu Gregs Selbstüberschätzung). Das klingt alles nicht sonderlich spektakulär, ist es aber. Jeff Kinney, so heisst der Autor, schafft es, Millionen von lesefaulen Jungs mit Lesefieber zu infizieren, wenn vielleicht auch nur für die Dauer der Lektüre (immerhin gibt es bereits sechs Bände mit so reisserischen Titeln wie «Von Idioten umzingelt» oder «Ich war’s nicht»). Danach spielen einige sogar noch ein Weilchen mit dem Gedanken, selbst ein berühmtes Tagebuch zu veröffentlichen, denn was der kann, können sie natürlich schon lang. Diese literarischen Anwandlungen halten vielleicht nicht ewig, aber immerhin.
In der Ringerklasse: Szene aus dem Film «Gregs Tagebuch – Von Idioten umzingelt» (2010). Greg ist der dritte von rechts.
Das Beste an den Büchern ist aber nicht der Effekt auf die Kids, sondern der auf die Eltern. So bös durchschaut gefühlt habe ich mich schon lange nicht mehr. Und so lustig auch nicht. Mein Lieblingsbeispiel ist der Entscheid von Gregs Schule, alle Spielgeräte vom Spielplatz zu entfernen, an denen sich je ein Kind verletzt hat. Das hat zu Folge, dass nach kürzester Zeit gar nichts mehr da steht und alle Kids in den Pausen wie im Knast langsam im Kreis herumgehen müssen. Hauptsache, es ist nicht gefährlich. Aus dem gleichen Grund gibt es in der Mensa auch eine erdnussfreie Zone und die Pommes Frites werden durch «Extrem Sport Sticks» ersetzt, Karottensticks in einem Sack mit einem coolen Skater drauf. Aus der Sicht eines Erwachsenen mag das alles nachvollziehbar sein, aus der Sicht eines Elfjährigen ist es einfach Kinderquälerei und muss sabotiert werden. Ebenso wie die Ermahnungen, selber Geld für Computerspiele zu verdienen, lieb zum kleinen Bruder zu sein, frische Unterwäsche anzuziehen und nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher zu sitzen.
Gregs Gegenstück ist sein braver Freund Rupert. Er ist Einzelkind einer Familie von politisch Ultrakorrekten und von unkaputtbarer Naivität. An Halloween darf er nur mit einer riesigen Leuchtantenne auf dem Rücken aus dem Haus, ein bisschen so wie ein Hund mit Leuchthalsband, und spielen tut er nur mit harmlosem Kram für Kleinkinder. Logisch, ist Greg da immer der Unruhestifter und Rupert der nervig Nette. Und logisch, hassen Ruperts Eltern Greg und er sie zurück.
Kurz, die Bücher sind eine wunderbare Anleitung dazu, wie wir Erwachsenen auf keinen Fall sein wollen. Darüber täuscht auch das Uramerikanische des Settings nicht hinweg. Viel Spass beim Lesen!
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Eine sehr französische Mutter: Model und Schauspielerin Laetitia Casta, mittlerweile dreifache Mama (unser Bild zeigt sie 2009 in Cannes, als sie mit ihrer zweiten Tochter schwanger war).
Waren Sie schon mal mit einem Kind in Paris? Dann fiel Ihnen vielleicht ein Phänomen auf, das in Schweizer Städten längst verschwunden ist: In den Parks gibts diskrete Schildchen, die das Betreten des Rasens verbieten. Wer also dort sein Kind, wie bei uns üblich, über die Wiese rennen lässt, gibt ihm besser den Rat mit, weit entfernt von gewissen Herren mit blauer Uniform und Képi herumzutoben.
Was fällt sonst noch auf in Paris? Zum Beispiel, dass Spielplätze dort Raritäten sind. Und wenn vorhanden, muss man dort manchmal allen Ernstes Eintritt bezahlen.
Und weiter? Statt auf dem Spielplatz findet man Kinder im Museum. Oder im Restaurant (nein, damit ist nicht McDonald’s gemeint).
Kurz: Wer mit Kindern nach Frankreich reist, stösst auf ganz leicht verschobene Zustände. Und in diesen Verschiebungen wiederum spiegelt sich offenbar etwas Grundsätzliches: Die Franzosen erziehen ihre Kinder anders als wir. Denn sie sehen sie anders an.
Gut möglich, dass sich daraus bald eine neue Debatte entwickelt darüber, wie wir mit unserem Nachwuchs umgehen, umgehen sollten – und was dies über unsere Gesellschaft besagt. Auch bei uns. Denn nach den letztjährigen Wortgefechten über die chinesischen Tigermütter (Lesen Sie auch: «5 Fragen zur Tigermutter») findet nun ein Buch in der angelsächsischen Welt grosse Beachtung, welches die französischen Eltern zum grossen Vorbild stilisiert: Es stammt von der US-Journalistin Pamela Druckerman und heisst «French Children Don’t Throw Food» (in der britischen Ausgabe) respektive «Bringing Up Bébé» (in der US-Version).
Der Amerikanerin, die jahrelang in Paris lebte, war aufgefallen, dass die Kinder dort verblüffend gut erzogen schienen – während die Eltern keineswegs strenger mit ihnen umgingen als Eltern in ihrer US-Heimat. Die Kleinen kamen ins Restaurant und widmeten sich dort zivilisiert dem «Sauté de boeuf et légumes», zugleich schien es undenkbar, dass eine Französin ein Telefongespräch unterbrechen musste, weil es hintendran quäkte. Und auf den Spielplätzen konnte Druckerman bald erkennen, wer von wo war. Die Französinnen tranken entspannt ihren Kaffee beim kiosque nebendran, die Ausländerinnen wetzten ihren Kleinen hinterher, um Katastrophen und grössere Flurschäden zu verhindern.
Und ja: Sogar die Säuglinge schliefen, wenn sie Französinnen und Franzosen waren, in der Nacht eher durch.
Woran liegt das? Druckermanns Ergebnisse führten zurück zur grundsätzlichen Haltung, welche eine Gesellschaft gegenüber ihren Kindern einnimmt. In einem Satz: In Frankreich muss sich das Kind der Erwachsenenwelt unterordnen – während sich das Verhältnis im englischen Sprachraum (und ja, auch in der Deutschschweiz) umgekehrt hat. Bei uns setzte sich ein Selbstverständnis durch, in dem das Kind zum König wurde – was wiederum die ganze familieninterne Dynamik verändert hat: «La famille, c’est moi».
Dass sich Erwachsene von gelangweilten Kindern im Gespräch unterbrechen lassen, käme den Franzosen nicht in den Sinn. Im Elternbett haben die Kleinen nichts verloren. (Lesen Sie auch: «Sex schlecht? Ehe schlecht?») Und die Idee, dass es einerseits Menus und andererseits Kindermenus gibt, erscheint den Franzosen ebenfalls skurril. Die Unterschiede gehen bis hinein in den Sound («Ça suffit!!!» statt «Könntest du bissoguet endlich…»), aber gerade weil sich in Frankreich nicht alles ständig um die Kinder dreht, waren die Erwachsenen viel entspannter – so der Eindruck der Amerikanerin.
«Die Französinnen leiden sicherlich nicht unter denselben ständigen Schuldgefühlen», folgert Druckerman. Das führt im Alltag dazu, dass Maman nicht im Renault-Alpine-GT-Tempo losrennt, wenn das Baby in der Nacht schreit, sondern erst mal schaut, ob sich das Problem von selber löst. Mit dem Nebeneffekt, dass französische Babys nach einer gewissen Zeit offenbar tatsächlich besser durchschlafen.
Und es schlägt sich schliesslich in zahlreichen Konventionen nieder – mit gewaltigen Folgen für die gesellschaftliche Rolle der Frau. Die kleinen Unterschiede werden am Ende sehr, sehr grundsätzlich.
Stillen? Finden die Ärzte und Geburtskliniken in Frankreich nicht so wichtig. Mutterschaftsurlaub? Krippen? Schulsystem? Klar, das wird so organisiert, dass man das Arbeitsleben leicht daneben durchbringt: Erwachsenenwelt vor Kinderwelt – auch hier. (Lesen Sie auch: «Wie Eltern das Arbeitsleben vermiest wird»)
Dass die Kinder in Frankreich unerschütterlich Spinat-Quiche verspeisen – dies ist also das eine. Das andere: Frankreich ist das Land mit der höchsten Geburtenrate in Europa; und zugleich liegt die Frauenerwerbsquote dort weit über dem Durchschnitt der EU. Nimmt man die Altersgruppe zwischen 25 und 55 – also die der Mütter –, so ist es das einzige Land ausserhalb Skandinaviens, in dem skandinavische Verhältnisse herrschen.
Kein Wunder, wird «Bringing Up Bébé» in den Ländern, wo es bereits veröffentlicht ist, weit herum beachtet.Der «Economist» gab dabei zu bedenken, dass sich hier nur eine bourgeoise Schicht spiegle, ein Blick in die banlieues hätte Druckermans schöne Bilder rasch zerstört. Und die Autorin, so der Kritiker, hätte auch mal darauf hinweisen können, dass der Wettbewerbsgedanke in Frankreich vielleicht ein bisschen zu kurz kommt.
Tatsächlich, so betont Druckerman, seien französische Eltern keineswegs streng, ehrgeizig, drakonisch – nichts da von Tigermüttern: «Sie geben den Kindern einfach einen klaren Rahmen, in dem sie lernen und sich entwickeln müssen.»
Völlig überzeugt zeigte sich dagegen die «Huffington Post», wo Debra Olliver das Buch aufnahm – eine Autorin, die nach langen Frankreichjahren selber mehrere Bestseller über die französische Kultur veröffentlicht hatte. Olliver fühlte sich prompt an eigene Erfahrungen und Fehler erinnert. So geschehen, als ihre Kinder bei einem Primarschul-Ausflug mit der zweisprachigen Schule von Paris nach England reisen sollten. Sie, die besorgte Amerikanerin, verbot es. Worauf die Rektorin antwortete: «Madame, einen unabhängigen Geist kann man nicht kultivieren, wenn man ein Kind zurückhält» – und dann nachsetzte: «Wir haben dieses Problem nur mit angelsächsischen Müttern.»
Am Ende, so Olliver, reisten die französische Kinder nach England, und die englischsprachigen Kinder blieben in Frankreich. Die ausländischen Eltern froren auf dem Spielplatz, die französischen Eltern genossen drei kinderfreie Tage.
Erwachsenenwelt, Kinderwelt: Freiheit zu geben heisst, Freiheit zu gewinnen. Dass Frankreichs Nationalheldin ein Mädchen war, ein Kind, das die Heere des Königs in die Schlacht gegen England führte – das ist dabei noch das kleine symbolische aperçu.
*Ralph Pöhner ist Mitgründer des Online-Magazins Clack.ch und der Wirtschafts-Site finews.ch sowie regelmässiger Autor von «Die Zeit».
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Otto's Kinderposten: FDP-Nationalrat Ineichen will 100 Billig-Krippen eröffnen. (Archivbild: Keystone)
Es scheint, als habe sich Otto Ineichen in ein Wespennest gesetzt: Der Luzerner FDP-Nationalrat möchte (mit der von ihm initiierten Stiftung Speranza) in den nächsten zwei Jahren 100 bezahlbare Krippen realisieren. Nach ersten Anpassungen – die Kinder sollen laut aktuellem Stand ausschliesslich von einheimischen Fachkräften betreut werden, was vom Verband Kindertagesstätten der Schweiz (KiTaS) sehr begrüsst wurde – soll im April dieses Jahres die erste Ineichen-Krippe in Beromünster LU ihren Betrieb aufnehmen.
Doch statt Wohlwollen löste die Meldung diese Woche heftige Kritik aus. Auch die Kommentar-Schreiber von Newsnet liessen sich nicht zweimal bitten und machten ihrem Unmut und ihren Sorgen Luft: Von «Discount-Krippen» war da die Rede, die nur mit Billigpersonal und somit erheblichen Qualitätseinbussen auf Kosten der armen Kinder geführt werden können. Ineichen habe keine Ahnung; eine seriöse Krippe zu realisieren, die weniger koste als bisher, sei gar nicht möglich. Und schon werden sie heraufbeschworen, die Horrorszenarien von vernachlässigten, achtlos in einer Ecke stehen gelassenen Kindern mit vollen Windeln und laufenden Nasen, neben denen die völlig überforderten und ungenügend ausgebildeten Betreuerinnen verzweifeln.
Zugegeben, gewisse Einwände sind berechtigt. Und es ist mit Sicherheit sinnvoll, ein sehr wachsames Auge auf dieses Projekt zu werfen, schliesslich geht es um das Wohl der Kinder – und dieses gilt es auf jeden Fall zu gewährleisten. Die Vorstellung, sein Kind in falsche Hände zu geben, bereitet ein sehr ungutes Gefühl. Aber muss man deshalb eine neue und angesichts der grossen Nachfrage sinnvolle Idee von Anfang an zunichte machen? Nein.
Denn Krippenplätze sind absolute Mangelware und dringend nötig. Wer im Augenblick, wie die Schreibende etwa, in der Stadt Zürich einen Krippenplatz sucht, muss sich mit einem Platz auf der Warteliste zufrieden geben. Vor allem Babyplätze sind rar und die Chance, sein Kind termingerecht per Ende Mutterschaftsurlaub unterzubringen, sind äusserst gering. Man hätte sich halt schon vor zwei Jahren anmelden müssen, heisst es nicht selten von Seiten der Kitas. Tja, aber vor zwei Jahren sah das eigene Leben vielleicht noch ganz anders aus und das Projekt «Kinder haben» war noch nicht komplett durchdacht, berechnet und voll durchorganisiert. Wie kopflos!
Ginge es nach einem Grossteil des Motz-Chores, dann gäbe es gar keinen Grund zum Jammern, denn die Lösung liegt auf der Hand: Die Mutter bleibt zuhause und kümmert sich um die Kinder. Was bei den aktuellen Betreuungspreisen, rein rechnerisch, durchaus Sinn machen würde. Denn oft geht ein Grossteil des Lohnes für die Krippenrechnung drauf. Aus welchem Grund sollte die Mutter überhaupt weiterhin arbeiten gehen? Vielleicht weil sie ihre Arbeit mag? Weil sie sich teilweise auch über ihre Arbeit definiert und es ihr Bestätigung und Befriedigung gibt? Weil es vielleicht auch für eine gute Balance in der Partnerschaft sorgt? Oder weil sie vielleicht einfach keine Lust hat, «nur noch» Vollzeit-Mutter zu sein.
Achtung, wer mit diesen egoistischen Argumenten kommt, stösst auf kein Verständnis und wird mindestens genauso heftig gebasht wie Otto Ineichen. Der hat es ja sogar noch gewagt, zu erwähnen, dass er mit seinem Krippenprojekt Müttern den Wiedereinstieg ins Berufsleben erleichtern möchte – eine doppelte Provokation für alle Traditionalisten, Schwarzmaler und Dauernörgler.
Ich meinerseits hoffe, dass Ineichens Krippen-Projekt erfolgreich starten kann und entgegen aller Unkenrufe den Ansprüchen von Kindern, Eltern und Betreuern gerecht werden wird. Nur so schöpfen vielleicht andere innovative Köpfe den nötigen Mut, um bestehende Modelle mit neuen Ideen zu bereichern. Dies natürlich in der Hoffnung, dass in der Stadt Zürich möglichst schnell ein paar neue Krippen eröffnet werden und ich nicht zwei Jahre auf der Warteliste versauern muss.
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Wer nicht hat, was die anderen haben, fühlt sich schnell ausgeschlossen: Mädchen ohne und mit iPad. (Bild: Brad Flickinger)
Im Schulhaus unserer Kinder haben neunundneunzig Prozent der Kids ein iPhone. Ein 4s, versteht sich. Das behaupten zumindest meine Kinder. Und beim anderen einen Prozent, das keines hat, handelt es sich – logisch! – um meine Tochter und meinen Sohn. Das ist natürlich masslos übertrieben. Ich habe mich mal etwas umgehört und festgestellt, dass zufällig alle Kinder, die ich persönlich kenne, auch kein Smartphone haben. Trotzdem: Für meine Kinder zählt die gefühlte Zahl. Oder besser die Sorge, andere könnten etwas haben, was sie nicht haben und die Angst, deswegen nicht dazuzugehören. Das Problem vom Wollen, was andere haben, scheint eine menschliche Urknacknuss zu sein. Immerhin verlangen schon die zehn Gebote, dass man nichts begehren soll, was dem Nächsten gehört. Weder Frau, noch Haus, noch Esel, noch sonst nichts.
Und ein iPhone braucht heute auch jedes Kind: Gebet am Smartphone-Altar.
Bei uns drehen sich die Fragen natürlich nicht um Esel oder Frauen und auch nicht nur ums reine Besitzen. Vielmehr geht es unter anderem darum, warum ALLE anderen Kinder bis spät abends im Dunkeln unterwegs sein dürfen, ausser meine, warum ALLE ohne Helm mit dem Tretroller rumbrettern dürfen, ausser meine oder warum ALLE anderen Familien einen Flachbildschirm haben, statt ein Röhren-Monster vom Flohmarkt, wie wir. (Ja, warum eigentlich?). All diese Fragen kann ich nachvollziehen. Aber ich denke trotzdem nicht daran, die Familie auf Budgetspaghetti-Diät zu setzen, um iPhones und Fernseher zu kaufen. Auch halte ich an der Forderung nach Helm auf dem Velo, Schal im Winter und anderen langweiligen mütterlichen Vernünftigkeiten fest.
Was ich jedoch sehr ernst nehme, sind die Sorgen der Kids, was den Kampf ums Dazugehören angeht. Denn letztlich geht es ja nicht um das Telefon oder die falsche Winterjacke, sondern vor allem darum, was andere von einem denken. Sich damit auseinanderzusetzen, dass andere anders sind, tun und denken, ist eine grosse Herausforderung. Und weil das Thema wohl ebenso alt ist, wie der aufrechte Gang, haben wir die gängigen elterlichen Sprüche dazu schon als Kinder selbst verpasst gekriegt und geben sie weiter:
Wir sind eben nicht die anderen.
Jede Familie ist anders.
Es gibt nun mal verschiedene richtige Arten, Dinge zu tun. Und wir tun sie so, wie wir sie tun.
Und wenn alle von der Brücke springen, würdest du das dann auch machen, nur weil es alle tun?
Wer schon als Kind alles hat, kann sich ja auf gar nichts mehr freuen.
Ich finde eigentlich alle ziemlich o. k. Und so drängt sich eine andere Frage auf: Wenn wir glauben, was wir unseren Kindern da sagen, warum ist es uns als Eltern dann nicht auch Wurst, was andere haben, tun und denken? Gerade in Erziehungsfragen ertappe ich mich durchaus bei Zweifeln, ob ich nicht doch zu bemutternd bin, zu streng, zu lasch, zu chaotisch zu wasweissichwas. Und das, obwohl ich im Grossen und Ganzen durchaus dahinter stehe, wie wir es machen. Die Antwort ist eigentlich simpel: weil wir soziale Wesen sind. Solange wir eingebunden sind in ein Netz aus Familie, Freunden und Nachbarn, wird es immer Momente geben, in denen uns eben nicht egal ist, was andere denken. Ich finde es daher durchaus sinnvoll, den Kindern gegenüber einzugestehen, dass die Meinung der andern auch für uns Erwachsene nicht immer leicht wegzustecken ist. Darum haben wir der obigen Liste noch ein Lied angefügt, das mir in dieser Frage oft mehr hilft, als alle Erziehungsweisheiten zusammen. Es ist von Mani Matter. Hier die gekürzte Fassung: «Dr eint het Angscht, dr ander chönnt lache. Dr ander het Angscht, dass dr eint chönnt lache. Und alli mache si alls wo si mache us Angscht dervor, dass öpper chönnt lache. Es isch im Grund ja grad das zum lache, dass si geng Angscht hei, das öpper chönnt lache. Und was si o mache, dass niemer söll lache: Es nützt ne drum alles nüt.»
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Die Möglichkeiten, als Mutter etwas falsch zu machen, sind schier endlos: Gehirnwaschmaschine aus «Star Trek».
Mütter sind schuld. Und zwar an so ziemlich allem, woran man schuld sein kann, zumindest wenn es um die Entwicklung von Kindern geht. Je weniger davon wir pro Kopf oder besser pro Gebärmutter in die Welt setzen, desto genauer wird hingeguckt, wie gut wir dieses kostbare Gut ausbrüten, hegen und erziehen. Immer neue Studien finden immer neue Zusammenhänge zwischen Körper, Leistung und Verhalten der Mutter und ihrem Nachwuchs, der ja dann sozusagen die Gesellschaft der Zukunft zu sein hat. Für alle Mütter, die noch nicht genug Selbstzweifel und Schuldgefühle haben, hier mal eine kleine unvollständige Sammlung solcher Berichte und Untersuchungen:
Es fängt schon an, bevor wir überhaupt empfangen haben: Mütter, die vor der Schwangerschaft dick sind, werden mit grosser Wahrscheinlichkeit zu schwere Kinder zur Welt bringen.
Mütter mit Stress, Sorgen, Depressionen und Ängsten während der Schwangerschaft haben gute Chancen auf ein Kind mit neurologischen Problemen und psychiatrischen Störungen.
Mütter, die ihre Kinder per Kaiserschnitt zur Welt bringen, haben Kinder mit einem höheren Risiko für Krankheiten wie Allergien, Diabetes und sogar Leukämie.
Mütter, die nicht oder zu kurz stillen, riskieren damit Kinder mit Übergewicht, Allergien, Diabetes und weniger Grips, mal ganz abgesehen davon, dass die kleinen ohne Brust offenbar zu wenig Zuneigung erhalten (siehe oben Punkt «Zuneigung»).
Mütter, die übergewichtig sind, psychische Probleme haben, an einer Essstörung leiden oder zu kritisch sind gegenüber ihren Kindern, begünstigen damit Essstörungen bei ebendiesen.
Mütter, die gebildet sind, haben Kinder mit besseren schulischen Erfolgsaussichten. (Ihr Einfluss ist dabei offenbar doppelt so gross, wie jener der Väter.)
Mütter, die zu viel lieben und ihre Kinder mit ihrer ständigen Sorge zu sehr überwachen, machen sie zu Neurotikern.
Mütter, die zu gute Mütter sein wollen, haben mehr Depressionen, was wiederum nicht gut ist für die Kids.
Mütter, die rauchen und trinken … das schenken wir uns hier für heute und behelfen uns lieber mit einer weiteren Studie, welche unsere Schuldgefühle vielleicht etwas zu lindern vermag:
Kinder können offenbar in die beiden Kategorien Löwenzahnkinder und Orchideenkinder eingeteilt werden. Die Löwenzahnkinder sind zäh und schlagen überall Wurzeln. Die Orchideenkinder sind heikel, zart und anfällig für Unstimmigkeiten. Bei ersteren kann man nicht allzu viel falsch machen, und auch bei letzteren kann man mit der richtigen Hingabe und Pflege dazu beitragen, dass sie aufblühen. Das ist doch tröstlich und macht Mut, weiterhin das zu tun, was wir ohnehin tun: es so gut machen, wie wir können.
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Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
Andrea Fischer
Andrea Fischer ist freischaffende Journalistin und Autorin des Buches «Das ganz normale Familienchaos», einem «Ratgeber für Eltern mit Herz und Humor». Sie lebt mit Tochter, Sohn und Mann in Zürich.