Leben


Archiv für die Kategorie „Carte Blache“

Minderjährigenprostitution verbieten – auch in der Schweiz

Mamablog-Redaktion am Freitag den 13. April 2012

Eine Carte Blanche von Chantal Galladé*

SCHWEIZ PROSTITUTION

Junge Prostituierte am Sihlquai in Zürich. (Keystone)

Vor gut einem Jahr begleitete ich die Zürcher Stadtpolizei eine Nacht lang durchs Rotlichtmilieu und beim Einsatz auf dem Strassenstrich, um mir ein Bild vor Ort zu machen. Was ich da sah, hat sich mir bis heute in meine Erinnerungen eingebrannt. Zum Teil sehr junge Frauen, welche kaum ein Wort Deutsch sprechen konnten, welche ihre Körper verkauften; ihre Aufpasser, welche ihnen das Geld abnahmen und sie kontrollierten in unmittelbarer Nähe.

Die Schweiz ist das einzige europäische Land, das die Prostitution 16-Jähriger erlaubt. Das ist stossend und unverständlich. Damit wird die Schweiz auch attraktiv für Sextouristen, welche gezielt minderjährige Prostituierte suchen. Es gibt Schweizer Escortagenturen, welche damit werben, dass sie Minderjährige im Angebot hätten.

Zusammen mit meinem Nationalratskollegen Luc Barthassat habe ich deshalb Vorstösse lanciert, welche das Mindestprostitutionsalter auf 18 anheben wollen und die Ratifizierung des Übereinkommens des Europarates zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch fordern. Obwohl die Schweiz das Abkommen unterzeichnet hat, haben wir unsere Gesetze nie angepasst. Würden wir das tun, müssten wir das Mindestalter für die Prostitution auf 18 anheben, wie andere Länder auch. Dabei würden sich nicht die Minderjährigen selbst, sondern die Freier strafbar machen.

Nun ist der Bundesrat an der Arbeit. Die Reaktionen auf unsere Vorstösse waren zahlreich. Viele empörten sich mit uns, dass die Schweiz ihre Kinder nicht besser vor sexueller Ausbeutung schützt. Andere befürworteten die heutige Regelung. Zum Beispiel mit dem Argument, die sexuelle Mündigkeit sei mit 16 erreicht. Dazu gilt es jedoch zu bedenken, dass es ein Unterschied ist, ob ein Jugendlicher selbstbestimmt und altersgerecht seine körperlichen und sexuellen Erfahrungen machen kann, oder ob er seinen Körper gegen Geld verkauft. Ersteres ist wichtig für die gesunde physische und psychische Entwicklung eines Heranwachsenden, während Zweites zu Schäden an Körper und Seele führt und eine gesunde Entwicklung beeinträchtigt. Es handelt sich bei der Minderjährigenprostitution auch nicht um die gesunde und lustvolle Entdeckung einer altersgerechten Sexualität, sondern um eine Arbeit. Auch in anderen Arbeitsbereichen werden Jugendliche speziell durch das Gesetz geschützt, wenn man annehmen muss, dass sie sonst Schaden nehmen oder in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden.

Andere meinten, die Jugendlichen hätten ja die Wahl und sollten deshalb selbst entscheiden. Auch das gilt so nicht. Die Pubertät ist eine Lebensphase, in der der Mensch in vielem noch nicht gefestigt ist und besonderen Schutz verdient und braucht. Es gibt verschiedene Situationen, wie zum Beispiel Gruppendruck, falsche Vorstellungen der Prostitutionsarbeit, Neugier ohne die Folgen fürs eigene Leben abschätzen zu können oder eine finanzielle Notlage der Familie, die Jugendliche in diese vermeintlich freie Wahl drängen können. Die Folgen für ihr Leben und ihre Entwicklung können sie nicht voll abschätzen und die Gefahr, bleibende Schäden zu nehmen, ist gross.

Der Einwand, es sei für die Freier nicht möglich, das Alter des oder der Prostituierten herauszufinden, ist zu einfach und wohl eher ein Vorwand. Wer sich auf so junge Prostituierte einlassen will, der muss besorgt darum sein, dass diese volljährig ist, sprich legal arbeitet und eine entsprechende Bewilligung hat. Das nennt man Verantwortung. Dasselbe muss die Verkäuferin auch machen, wenn Jugendliche in ihrem Laden Alkohol oder Zigaretten kaufen wollen, und dasselbe gilt auch bei anderen Vertragsabschlüssen, welche die Volljährigkeit voraussetzen.

Von einem zivilisierten Land können wir erwarten, dass es seine Kinder schützt.

SCHWEIZ SP ZH CHANTAL JULIANE GALLADE 2011*Chantal Galladé ist SP-Nationalrätin und Erziehungswissenschaftlerin. Sie unterrichtet Jugendliche an einer Berufsfachschule.

Die Tandemfamilie: Modell «Bullerbü»

Mamablog-Redaktion am Freitag den 30. März 2012

Eine Carte Blanche von Franziska und Martina Brägger*

    Sieben Kinder aus drei Familien: Verfilmung von Astrid Lindgrens Geschichte.

Sieben Kinder aus drei Familien: Verfilmung von Astrid Lindgrens Geschichte. (Bild: Verleih Jugendfilm)

Die Tandemfamilie ist ein Kinderbetreuungsmodell, das einst insbesondere in ländlichen Gegenden selbstverständlich war. Prominentestes Beispiel aus der Literatur ist wohl die Kinderbuchreihe «Wir Kinder aus Bullerbü» von Astrid Lindgren. Diese Erzählung spielt in einem schwedischen Weiler, wo sich die insgesamt sieben Kinder frei zwischen den drei elterlichen Höfen bewegen und überall willkommen sind.

Nun hat das zersiedelte schweizerische Mittelland des 21. Jahrhunderts nicht viel gemein mit dem beschaulichen Bullerbü vergangener Zeiten. Nichtsdestotrotz ist eine verlässliche Tandemfamilie zeitgemässer denn je: Oft wohnen die Grosseltern und andere Verwandte zu weit weg, um zu hüten. Und selbst wenn Grossmütter kleiner Kinder in der Nähe wohnen, sind sie häufig noch berufstätig und haben daher nur beschränkt Zeit, ihre Enkel zu beaufsichtigen. Krippen oder Hortplätze als Alternative sind rar, kosten Geld und haben beschränkte Öffnungszeiten. Die Vorteile eines Betreuungstandems liegen auf der Hand: Es belastet das Budget nicht, die Betreuungszeiten sind flexibler und je länger man sich kennt, desto grösser wird das gegenseitige Vertrauen. Im Idealfall entsteht eine bereichernde jahrelange Freundschaft, von der Eltern und Kinder gleichermassen profitieren. Darum: Höchste Zeit für die Wiederentdeckung der Tandemfamilie!

Die Internetplattform Tandemfamilie ermöglicht seit 2008 die Vernetzung von Familien zur Gründung solcher Betreuungstandems. Einige  wertvolle Tipps, die erfolgreiche Tandems ermöglichen:

  • Nutzen Sie die Möglichkeit, im Profil über sich zu schreiben. Das hilft den anderen Mitgliedern zu erkennen, ob sich die Bedürfnisse beider Seiten in etwa decken.
  • Kontaktieren Sie in erster Linie Familien, deren Kinder ungefähr im gleichen Alter sind wie Ihre eigenen.
  • Verabreden Sie sich beim ersten Mal an einem öffentlichen Ort (Quartiertreff, Spielplatz, etc.). Bei Eltern von Kleinkindern kann ein zusätzliches Treffen ohne die Kids hilfreich sein, um sich in aller Ruhe unterhalten zu können.
  • Damit ein funktionierendes Betreuungstandem zustande kommt, ist eine Übereinstimmung der beiden «Familienkulturen» hilfreich. Insbesondere die Bereiche Ernährung, Esskultur, TV-Konsum, Bewegung und Schlafenszeiten können zu Diskussionen führen. Eine Prise Gelassenheit schadet aber auch nicht.
  • Eltern von Babys und Kleinkindern sollten Zeit für die Eingewöhnung einplanen und sich nicht gleich entmutigen lassen, wenn das Kleine beim ersten Mal in der Tandemfamilie «fremdelt». Sprechen alle andern Faktoren inklusive Bauchgefühl dafür, ist es zumindest ein zweiter Versuch wert (das Baby hat schliesslich auch mal einen schlechten Tag bei der Oma).
  • Ein gemeinsamer Kalender, der regelmässig aktualisiert wird, beugt Chaos und Missverständnissen in zeitlicher Hinsicht vor. Insbesondere bei Veränderungen wie Schuleintritt, neuer Stundenplan etc. muss neu geplant werden.

bräggers*Franziska (l.) und Martina Brägger sind die Gründerinnen der Internetplattform www.tandemfamilie.ch (ehemals www.esgehtauchso.ch), welche Eltern mit Betreuungsbedarf zu Tandemfamilien vernetzt. Martina ist Mutter einer zweijährigenTochter und erwartet ihr zweites Kind. Sie arbeitet als Evaluatorin in der angewandten Sozialforschung. Franziska arbeitet bei der Kinder- und Jugendorganisation Pro Juventute, wo sie Witwen, Witwer und Waisen finanziell unterstützt.

Stressfaktor Frühförderung

Mamablog-Redaktion am Freitag den 23. März 2012

Eine Carte Blanche von Nathalie Diserens Dubach*

DEU Familie Kinder Betreuung

Wer definiert, ob das Verhalten von Kleinkindern der Norm entspricht? – Kinder bauen einen Turm. (Keystone)

Ich versuchte meinem Sohn zuliebe ruhig zu bleiben – aber es fiel mir schwer. Mein 15-monatiger Bub sass auf dem Schragen, nur mit der Windel bekleidet und weinte jämmerlich, er merkte wahrscheinlich, dass bald etwas Schmerzvolles auf ihn zukommen würde. Ich war innerlich auf Hundertachtzig beim Anblick der riesigen Spritze für den Bluttest. Daher war ich perplex als der Kinderarzt mich aufforderte, ihm meine Hand zugeben, so fest wie möglich zuzudrücken und loszulassen, um bei mir eine allfällige Muskelkrankheit festzustellen, die sich notabene nach 38 Jahren noch nie bemerkbar gemacht hatte. Vielleicht würde ja diese vererbbare Krankheit den enormen Rückstand im geistigen und motorischen Bereich bei meinem nicht mal 2-jährigen Sohn erklären.

Mein Gefühl sagt mir, dass mein Sohn einfach ein Spätzünder ist. Einer, der sich sehr lange nur mit einem Gegenstand beschäftigen kann und dabei in seine Welt versinkt, während andere Kinder sich mehr bewegen und demnach andere Erfahrungen im Raum machen. Dass jene Kinder, die etwas schneller machen als andere, auch längerfristig die erfolgreicheren oder glücklicheren sind, bleibt noch zu beweisen. Seit ich unsere Leidensgeschichte mit der «Krankheit der Langsamkeit» verbreite, könnte ich ein Buch schreiben über die untypische Entwicklung des Menschen, denn jeder, der die Geschichte meines Sohnes hört, hat selber eine Geschichte zu diesem Thema auf Lager: «Meine Schwester lief erst mit 30 Monaten, mein Neffe redete erst mit 3, meine Kleine liess das Krabbeln aus, mein Freund sass als Baby nur rum.»

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Kinder entwickeln sich nicht gleich schnell: Ein Baby betrachtet einen Rubik-Würfel.

Für mich heisst das: Es gibt das Normale einfach nicht und das ist o. k. so. Kinder werden schon von Geburt an in Schemata gepresst und ihre Leistungen werden schon als Babys bewertet. Beim Kinderarzt kam es mir vor, als wolle er sich gegen alle Eventualitäten absichern, aus Angst, man könnte ihn beschuldigen, nicht alles untersucht zu haben. Man kann aber nicht alles untersuchen – wer will schon die Kindheit im Spital bei Untersuchungen verbringen?

Ich vermisse eine gewisse Gelassenheit bei jenen, die mit Kindern beruflich zu tun haben, Ärzte, Physiotherapeuten, Heilpädagogen und Krippenpersonal. Stattdessen begegne ich nur Hilflosigkeit und Panik gegenüber Phänomenen, die nicht ins Muster passen.

Schon ein Jahr gehe ich mit unserem Sohn einmal pro Woche in die Physiotherapie und in die Frühförderung. Dort spielt unser Sohn unter professioneller Anleitung das Gleiche wie zu Hause. Ich war von Anfang an skeptisch, doch ausprobieren wollte ich es doch. Nachdem ich Zuhause schon tausende Türme gebaut hatte und es meinen Sohn «nur» Spass machte, sie zu zerstören, kam Zweifel in mir auf, ob er anfangen würde, Türme zu bauen, nur weil die Pädagogin es ihm nochmals hundert Mal zeigte.

Die grössten Fortschritte machte unser Sohn im letzten Monat, als die Therapien wegen Krankheit und Ferien ausfielen. Ein Zufall? Diesen Sommer wird man uns auf jeden Fall mit anderen Kindern draussen finden und nicht in stickigen Therapiezimmern.

nathaliediserens150x150*Die 38-jährige Ethnologin und Künstlerin Nathalie Diserens Dubach arbeitet in Zürich. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn.

Lesen Sie im nächsten Mamablog den Beitrag von Jeanette Kuster zum Thema «Fördern oder überfordern?». Sie besuchte die Zürcher Kita Artergut, die seit vier Jahren auf frühkindliche Förderung setzt – und ging der Frage nach, was das in der Kita-Praxis überhaupt bedeutet.

Unverzichtbare Grosseltern

Mamablog-Redaktion am Freitag den 16. März 2012

Eine Carte Blanche von Pasqualina Perrig-Chiello*

SCHWEIZ FAMILIE ALLTAG

Ein Grossteil der Schweizer Familien lässt seine Kinder durch die Grosseltern betreuen: Grosi mit Enkeln. (Keystone)

Das Alter ist in unserer Gesellschaft mit vielen negativen Stereotypen behaftet – mit Ausnahme des Bilds der Grosseltern, insbesondere jenem der Grossmutter. Im Alltagsverständnis wird die Grossmutter seit jeher mit dem lieben, selbstlosen Omi assoziiert. «Es» hütet seine Enkelkinder, verwöhnt sie mit Gutzi, strickt ihnen hübsche Pullis etc. Dieses Image hält sich hartnäckig, obwohl sich die gesellschaftliche Realität, die familialen Generationenbeziehungen und letztlich vor allem auch das Alter per se bedeutsam verändert haben.

War es noch vor 100 Jahren eine Ausnahme, dass Kinder ihre Grosseltern erlebten, ist dies heute die Norm. Aufgrund der längeren Lebenserwartung bei gleichzeitig stark gesunkenen Geburtenraten haben Enkelkinder heute Raritätswert. Im Gegenzug haben diese Enkelkinder jede Menge Grosseltern – meistens vier, je nach partnerschaftlichen Verhältnissen ihrer Eltern und Grosseltern sogar mehr. Das Durchschnittsalter einer Frau in der Schweiz ist zum Zeitpunkt der Geburt des ersten Enkelkindes 52 Jahre – sie steht also noch voll im Leben. Auch wenn Vielfalt und Verschiedenartigkeit die heutige Grossmüttergeneration kennzeichnen, allen gemeinsam ist, dass sie weit gesünder, besser gebildet, fitter und «jugendlicher» sind als Grosseltern noch vor 50 Jahren.

Zwar gehört die Grosselternschaft – gemäss Aussagen der Betroffenen – zu den schönsten Rollen im Leben eines Menschen. Dennoch befinden sich viele Frauen in einem Dilemma: Sie sind extrem eingespannt, haben einen Beruf, pflegen vielleicht noch ihre betagten Eltern, haben Partner, Kinder – und nun kommen die Grosskinder dazu. Zwischenzeitlich sprechen wir von einem zweiten Vereinbarkeitsproblem von Beruf und Familie bei Frauen zwischen 50 und 65. Warum? Grosseltern haben nachweislich nicht nur einen hohen sozialen und ideellen Wert, sondern auch einen ganz praktischen. Aufgrund mangelnder oder unerschwinglicher Krippenplätze in der Schweiz spielen Grosseltern nämlich eine entscheidende Rolle in der  Enkelkinderbetreuung. Und die Zahlen sind eindrücklich: Es geht hier um rund 100 Millionen Stunden Enkelkinderbetreuung pro Jahr, was rund zwei Milliarden Franken entspricht.

80 Prozent dieser Arbeit wird von Grossmüttern geleistet. Interessanterweise spricht über diese Leistungen kaum jemand. Weil es vor allem Frauen sind, die diese Arbeit leisten und ihr Einsatz als selbstverständlich angesehen wird? Bisher haben die Grossmütter den Spagat zwischen den verschiedenen Anforderungen an sie geleistet. Was wäre aber, wenn die Grossmütter nicht mehr hüten würden oder könnten? Ihre Arbeit darf nicht länger als eine blosse «private» Angelegenheit angesehen werden. Es braucht dringend ein neues Bild der Grossmutter. Sie ist nicht mehr das liebe Omi, das keine Ansprüche hat, Güetzi backt und lismet – sondern vielmehr eine Garantin für das Wohlergehen von Familie und Gesellschaft – und zwar eine von hohem ökonomischen Wert.

perrig150x150*Pasqualina Perrig-Chiello ist Professorin an der Universität Bern (Institut für Psychologie) mit Schwerpunkt Entwicklungspsychologie der Lebensspanne und familiale Generationenbeziehungen. Sie leitete u. a. das Nationale Forschungsprogramm «Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen». Zu ihren wichtigsten Publikationen zum Thema gehören der «Generationenbericht Schweiz» sowie «Kindheit- und Jugend in der Schweiz»; im April erscheint im NZZ-Verlag «Familienglück – was ist das?».

Stiefkinder unter dem Regenbogen

Mamablog-Redaktion am Freitag den 2. März 2012

Eine Carte Blanche von Mario Fehr*

Seit dem 1. Januar 2007 können schwule und lesbische Paare in der Schweiz ihre Partnerschaft beim Zivilstandsamt eintragen lassen. Sie erhalten dadurch ähnliche Rechte wie verheiratete heterosexuelle Paare. Verwehrt sind ihnen aber der Zugang zu fortpflanzungsmedizinischen Verfahren sowie die Adoption von Kindern.

Bis Ende 2011 haben schweizweit über 5000 schwule oder lesbische Paare ihre Partnerschaft eintragen lassen. Nicht wenige sind darunter, in denen mindestens eine Partnerin oder ein Partner auch Kinder in den gemeinsamen Haushalt mitbrachte. Kinder und Jugendliche, die in der Obhut eines gleichgesellschaftlichen Paares aufwachsen, gehören also zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Das geltende Recht aber lässt sie im Regen stehen. Es sichert sie nicht im selben Mass ab wie Kinder in ehelichen Gemeinschaften, sondern behandelt sie rechtlich als Fremde im eigenen Haushalt. Und dies obwohl es das Partnerschaftsgesetz dem oder der «Angeheirateten» zur Pflicht macht, dem Kind gegenüber «in der Erfüllung der Unterhaltspflicht und in der Ausübung der elterlichen Sorge in angemessener Weise» seinen Beitrag zu leisten und den leiblichen Elternteil auch zu vertreten, wenn es die Umstände erfordern.

Schwule Eltern in den USA. (Keystone)

Lesbische Frauen und schwule Männer wollen Verantwortung übernehmen für das Kind ihrer Partnerin oder ihres Partners. Und damit dem Kind eine zusätzliche Sicherheit bieten, insbesondere auch im Falle des Todes seiner leiblichen Mutter oder seines leiblichen Vaters. Kann man Selbstsucht und Individualismus in unserer Gesellschaft beklagen und gleichzeitig Menschen daran hindern, in ihrem nächsten familiären und sozialen Umfeld Verantwortung zu übernehmen? Und dies mit einem holprigen Verweis auf Normen, die durch die gesellschaftliche Wirklichkeit ohnehin längst überholt sind? Ich meine: Nein.

Darum: Wer zur eingetragenen Partnerschaft (politisch) Ja gesagt hat sollte jetzt auch Ja sagen zur gesellschaftlichen Realität, in der diese Familien leben. Das Kindswohl muss dabei zentraler Orientierungspunkt für die Lösungsfindung sein. Mit dem wenig originellen Hinweis, es brauche zur Zeugung eines Kindes eine Frau und einen Mann, kann man doch nicht ernsthaft das Kindswohl in den Regenbogenfamilien politisch im Abseits stehen lassen!

Die Entdiskriminierung der eingetragenen Partnerschaft bei der Stiefkindadoption schafft keine neuen Verhältnisse. Aber sie erhöht die Absicherung für Kinder, die bereits in Regenbogenfamilien leben. Das katholisch geprägte Spanien erlaubte gleichgeschlechtlichen Paaren bereits 2005 die Adoption – und etwas später lesbischen Paaren auch den Zugang zur Fortpflanzungsmedizin. Es ist an der Zeit, dass die Schweiz nachzieht und auch die Kinder unter den Regenbogen stellt, deren Väter oder Mütter in eingetragenen Partnerschaften leben.

fehr150x150*Der frühere SP-Nationalrat Mario Fehr ist seit Mai 2011 Regierungsrat des Kantons Zürich. Im Juni 2010 hat er mit einer Motion gefordert, gleichgeschlechtlichen Paaren in eingetragener Partnerschaft die Stiefkindadoption zu ermöglichen. Fehr lebt in zweiter Ehe in einer Patchwork-Familie.