Leben


Archiv für die Kategorie „Carte Blache“

Die Mimosen-Mutter

Mamablog-Redaktion am Freitag den 10. Februar 2012

Eine Carte Blanche von Nicoletta Cimmino*

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Nach der Schwangerschaft scheinen sich gewisse Gefühle zu intensivieren: «Crying Girl», ein Werk des Malers Roy Lichtenstein.

Es passierte im 6. Schwangerschaftsmonat auf einer Zugfahrt von Zürich nach Bern. Ich brach in Tränen aus, weil ich in der Zeitung von einem Walfischbaby las, das seine Mutter verloren hatte und jetzt irrtümlicherweise ein Schiff für ebendiese Mutter hielt. Auf der Suche nach Wärme und Muttermilch schwamm dieses Walfischbaby also einem Schiff hinterher und würde früher oder später elendlich und total erschöpft verhungern.

Mein Sitznachbar gegenüber schaute ganz betreten aus dem Fenster – (heulende Frauen, zumal noch schwanger… schwierig)  –  und ich putzte mir verschämt den Rotz weg.  Meine Arbeitskollegin, der ich entsetzt davon erzählte, lachte mich liebevoll aus. Die allgemeine Erklärung meines Umfelds war: «Schwangerschaftshormone».

Von wegen! Unsere Tochter hat soeben den 3. Geburtstag gefeiert, meine Schwangerschaft ist lange vorbei. Das zweifelhafte Talent aber, in den ungeeignetsten Momenten in Tränen auszubrechen, das hab ich behalten. Fachleute haben bestimmt einen Begriff dafür, ich nenne es «postnatale Mimösligkeit». Es ist, als hätte jemand bei mir den Emotionen-Knopf aufs Maximum aufgedreht. Und jetzt klemmt er.

Das ist ganz schön anstrengend, finde ich. Hat etwa im Supermarkt «ds Lia ihres Mami verlore», bange ich innerlich mit dem Kind und fühle ganz mit der Mutter, die ich im Geiste schon ganz irr vor Sorge durch die Regale hetzen sehe. Früher hätte ich so eine Lautsprecherdurchsage glatt überhört, ausser «ds Lia» wäre mir schreiend und heulend in der Weinabteilung im Wege gestanden.

Und wenn auf dem Spielplatz ein Bub in hohem Bogen von der Schaukel fliegt und sich dabei das Bein aufschlägt, dann blutet nicht nur sein Knie, sondern ein bisschen auch mein Mutterherz.  Früher waren Spielplätze für mich andere Planeten, auf denen für meine Spezies nichts zu holen war.

Nun ist es ja nicht so, dass ich vor meiner Zeit als überemotionales Muttertier eine Reinkarnation von «Cruella De Vil» gewesen wäre, die sich aus Dalmatinerwelpenfell einen Pelzmantel nähen will. Aber es fiel mir unendlich viel leichter, fremdes Leid wieder zu vergessen oder mit Zynismus zuzudecken.

Manchmal schäme ich mich ein bisschen für diesen neuen Daseinszustand. Wäre gerne cooler. Ist ja nicht sehr hip, dieses ganze Gefühlstamtam. Es ist irgendwie unmodern. Und sowieso: Eine Geburt verändert heute ja am Besten gar nichts.  Bitte nicht die Kleidergrösse. Und schon gar nicht den Charakter, Himmel hilf!

Mein Trost: Ich bin nicht allein. Wir sind Viele. Das Phänomen der postnatalen Mimöseligkeit ist weitverbreitet. Wenn ich davon erzähle, ernte ich meistens wissendes und verständnisvolles Nicken.

Meine Kollegin übrigens, die mich nach der Walfischbaby-Szene geneckt hatte, die schrieb mir ungefähr eineinhalb Jahre danach ein SMS. Sie habe jetzt gerade heulen müssen. In der Zeitung sei ein verwaistes Zwergäffchen abgebildet gewesen. Sie war damals hochschwanger. Und ich dachte: Willkommen im Club, du Mimose!

NicolettaCimmino* Nicoletta Cimmino arbeitet bei Schweizer Radio DRS als Produzentin und Moderatorin des Nachrichtenmagazins «Info3», auf DRS3.
Die 37-jährige Bielerin ist verheiratet und hat eine Tochter.

Jeanne d’Arc statt Tiger Mom

Mamablog-Redaktion am Freitag den 3. Februar 2012

Eine Carte Blanche von Clack-Autor Ralph Pöhner*.

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Eine sehr französische Mutter: Model und Schauspielerin Laetitia Casta, mittlerweile dreifache Mama (unser Bild zeigt sie 2009 in Cannes, als sie mit ihrer zweiten Tochter schwanger war).

Waren Sie schon mal mit einem Kind in Paris? Dann fiel Ihnen vielleicht ein Phänomen auf, das in Schweizer Städten längst verschwunden ist: In den Parks gibts diskrete Schildchen, die das Betreten des Rasens verbieten. Wer also dort sein Kind, wie bei uns üblich, über die Wiese rennen lässt, gibt ihm besser den Rat mit, weit entfernt von gewissen Herren mit blauer Uniform und Képi herumzutoben.

Was fällt sonst noch auf in Paris? Zum Beispiel, dass Spielplätze dort Raritäten sind. Und wenn vorhanden, muss man dort manchmal allen Ernstes Eintritt bezahlen.

Und weiter? Statt auf dem Spielplatz findet man Kinder im Museum. Oder im Restaurant (nein, damit ist nicht McDonald’s gemeint).

Kurz: Wer mit Kindern nach Frankreich reist, stösst auf ganz leicht verschobene Zustände. Und in diesen Verschiebungen wiederum spiegelt sich offenbar etwas Grundsätzliches: Die Franzosen erziehen ihre Kinder anders als wir. Denn sie sehen sie anders an.

Gut möglich, dass sich daraus bald eine neue Debatte entwickelt darüber, wie wir mit unserem Nachwuchs umgehen, umgehen sollten – und was dies über unsere Gesellschaft besagt. Auch bei uns. Denn nach den letztjährigen Wortgefechten über die chinesischen Tigermütter (Lesen Sie auch: «5 Fragen zur Tigermutter») findet nun ein Buch in der angelsächsischen Welt grosse Beachtung, welches die französischen Eltern zum grossen Vorbild stilisiert: Es stammt von der US-Journalistin Pamela Druckerman und heisst «French Children Don’t Throw Food» (in der britischen Ausgabe) respektive «Bringing Up Bébé» (in der US-Version).

Der Amerikanerin, die jahrelang in Paris lebte, war aufgefallen, dass die Kinder dort verblüffend gut erzogen schienen – während die Eltern keineswegs strenger mit ihnen umgingen als Eltern in ihrer US-Heimat. Die Kleinen kamen ins Restaurant und widmeten sich dort zivilisiert dem «Sauté de boeuf et légumes», zugleich schien es undenkbar, dass eine Französin ein Telefongespräch unterbrechen musste, weil es hintendran quäkte. Und auf den Spielplätzen konnte Druckerman bald erkennen, wer von wo war. Die Französinnen tranken entspannt ihren Kaffee beim kiosque nebendran, die Ausländerinnen wetzten ihren Kleinen hinterher, um Katastrophen und grössere Flurschäden zu verhindern.

Und ja: Sogar die Säuglinge schliefen, wenn sie Französinnen und Franzosen waren, in der Nacht eher durch.

Woran liegt das? Druckermanns Ergebnisse führten zurück zur grundsätzlichen Haltung, welche eine Gesellschaft gegenüber ihren Kindern einnimmt. In einem Satz: In Frankreich muss sich das Kind der Erwachsenenwelt unterordnen – während sich das Verhältnis im englischen Sprachraum (und ja, auch in der Deutschschweiz) umgekehrt hat. Bei uns setzte sich ein Selbstverständnis durch, in dem das Kind zum König wurde – was wiederum die ganze familieninterne Dynamik verändert hat: «La famille, c’est moi».

Dass sich Erwachsene von gelangweilten Kindern im Gespräch unterbrechen lassen, käme den Franzosen nicht in den Sinn. Im Elternbett haben die Kleinen nichts verloren. (Lesen Sie auch: «Sex schlecht? Ehe schlecht?») Und die Idee, dass es einerseits Menus und andererseits Kindermenus gibt, erscheint den Franzosen ebenfalls skurril. Die Unterschiede gehen bis hinein in den Sound («Ça suffit!!!» statt «Könntest du bissoguet endlich…»), aber gerade weil sich in Frankreich nicht alles ständig um die Kinder dreht, waren die Erwachsenen viel entspannter – so der Eindruck der Amerikanerin.

«Die Französinnen leiden sicherlich nicht unter denselben ständigen Schuldgefühlen», folgert Druckerman. Das führt im Alltag dazu, dass Maman nicht im Renault-Alpine-GT-Tempo losrennt, wenn das Baby in der Nacht schreit, sondern erst mal schaut, ob sich das Problem von selber löst. Mit dem Nebeneffekt, dass französische Babys nach einer gewissen Zeit offenbar tatsächlich besser durchschlafen.

Und es schlägt sich schliesslich in zahlreichen Konventionen nieder – mit gewaltigen Folgen für die gesellschaftliche Rolle der Frau. Die kleinen Unterschiede werden am Ende sehr, sehr grundsätzlich.

Stillen? Finden die Ärzte und Geburtskliniken in Frankreich nicht so wichtig. Mutterschaftsurlaub? Krippen? Schulsystem? Klar, das wird so organisiert, dass man das Arbeitsleben leicht daneben durchbringt: Erwachsenenwelt vor Kinderwelt – auch hier. (Lesen Sie auch: «Wie Eltern das Arbeitsleben vermiest wird»)

Dass die Kinder in Frankreich unerschütterlich Spinat-Quiche verspeisen – dies ist also das eine. Das andere: Frankreich ist das Land mit der höchsten Geburtenrate in Europa; und zugleich liegt die Frauenerwerbsquote dort weit über dem Durchschnitt der EU. Nimmt man die Altersgruppe zwischen 25 und 55 – also die der Mütter –, so ist es das einzige Land ausserhalb Skandinaviens, in dem skandinavische Verhältnisse herrschen.

Kein Wunder, wird «Bringing Up Bébé» in den Ländern, wo es bereits veröffentlicht ist, weit herum beachtet. Der «Economist» gab dabei zu bedenken, dass sich hier nur eine bourgeoise Schicht spiegle, ein Blick in die banlieues hätte Druckermans schöne Bilder rasch zerstört. Und die Autorin, so der Kritiker, hätte auch mal darauf hinweisen können, dass der Wettbewerbsgedanke in Frankreich vielleicht ein bisschen zu kurz kommt.

Tatsächlich, so betont Druckerman, seien französische Eltern keineswegs streng, ehrgeizig, drakonisch – nichts da von Tigermüttern: «Sie geben den Kindern einfach einen klaren Rahmen, in dem sie lernen und sich entwickeln müssen.»

Völlig überzeugt zeigte sich dagegen die «Huffington Post», wo Debra Olliver das Buch aufnahm – eine Autorin, die nach langen Frankreichjahren selber mehrere Bestseller über die französische Kultur veröffentlicht hatte. Olliver fühlte sich prompt an eigene Erfahrungen und Fehler erinnert. So  geschehen, als ihre Kinder bei einem Primarschul-Ausflug mit der zweisprachigen Schule von Paris nach England reisen sollten. Sie, die besorgte Amerikanerin, verbot es. Worauf die Rektorin antwortete: «Madame, einen unabhängigen Geist kann man nicht kultivieren, wenn man ein Kind zurückhält» – und dann nachsetzte: «Wir haben dieses Problem nur mit angelsächsischen Müttern.»

Am Ende, so Olliver, reisten die französische Kinder nach England, und die englischsprachigen Kinder blieben in Frankreich. Die ausländischen Eltern froren auf dem Spielplatz, die französischen Eltern genossen drei kinderfreie Tage.

Erwachsenenwelt, Kinderwelt: Freiheit zu geben heisst, Freiheit zu gewinnen. Dass Frankreichs Nationalheldin ein Mädchen war, ein Kind, das die Heere des Königs in die Schlacht gegen England führte – das ist dabei noch das kleine symbolische aperçu.

Lesen Sie mehr zum Thema Erziehung auch hier.

Weiter Links
Buch von Pamela Druckerman «French Children Don’t Throw Food»
Frauenerwerbsquote
in der EU
Artikel der «Huffington Post»
Beitrag im «Economist»

ralphpöhner*Ralph Pöhner ist Mitgründer des Online-Magazins Clack.ch und der Wirtschafts-Site finews.ch sowie regelmässiger Autor von «Die Zeit».

Kampf der Baby-Beule

Mamablog-Redaktion am Freitag den 27. Januar 2012

Eine Carte Blanche von Meredith Nash*

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Drei Figuren, eine Frau (v. l.): Jessica Simpson als Schauspielerin «The Dukes of Hazzard» (2005), als Sängerin auf der Bühne 2009 und als Schwangere an einer Party am 6. Januar 2012. (Bilder: AFP, PD)

Wie bei den meisten weiblichen Stars machen die Medien auch Jessica Simpsons Promi-Status von ihrem Gewicht abhängig. Wurde die Sängerin 2005 für ihren heissen Körper, den sie bei ihrem Schauspieldebut in «Dukes of Hazzard» grosszügig in Szene setzte, noch ausgiebig gelobt, empörte sich die Klatschpresse knapp vier Jahre später an ihren zugelegten Pfunden. Von «Jumbo Jessica» war die Rede («US Weekly»), das «People»-Magazin titelte bitterbös und ironisch «Wow! Jessica Simpson debütiert mit neuen Kurven» und «OK!» liess die angegriffenen Sängerin zu Wort kommen («Ich bin nicht fett!»)

Simpsons Erfahrungen mit den Medien definiert in in vielerlei Hinsichten den gnadenlosen Soundtrack, der das moderne, weibliche Dasein ständig begleitet– iss weniger, treib mehr Sport, sei nicht fett!

Die Schwangerschaft war bisher die seltene Periode im Leben einer Frau, in der sie mit dem Trainieren und Kalorienzählen aufhören konnte. Doch wie haben sich die Zeiten geändert! So wird Jessica Simpson, die zurzeit zum ersten Mal schwanger ist, genauestens unter die Lupe genommen und als «fett» abgestempelt. Wilden Spekulationen zufolge soll die 31-Jährige bis zum Geburtstermin 30 Kilo zulegen, weil sie bisher angeblich schon 15 Kilo zugenommen haben soll — ausser sie schafft es, ihr Gewicht unter Kontrolle zu bekommen.

Vorher, nachher: Simpson auf einem Cover von Us Weekly, 2009.

Vorher, nachher: Simpson auf einem Cover von «Us Weekly», 2009.

Doch die neue Strenge gegenüber der Gewichtszunahme während der Schwangerschaft hat sich auch ausserhalb der Grenzen Hollywoods etabliert.  Eltern-Magazine sind voll mit Artikeln, die die besten Sportarten zur  Bauch-Bekämpfung anpreisen, am TV werden schwangerschaftskonforme Sit-ups präsentiert, genauso wie Diskussionen zu Marathonläufen im achten Schwangerschaftsmonat oder Tipps, wie man selber hungern kann, ohne dem Ungeborenen zu schaden.

Die Schwangerschaft ist zum «Ground Zero» der Fettleibigkeit mutiert. Man liest Schlagzeilen über schwangere Frauen, die ihre Föten auf  Fettleibigkeit programmieren, wenn sie eine Tafel Schokolade auch nur anschauen. Schwangere werden aufgefordert, täglich nur 200 bis 300 Kalorien zusätzlich zu sich zu nehmen und Geburtshelferinnen ermahnen sie, jeden einzelnen Bissen akribisch zu überdenken.

Früher wurde Frauen, die rauchten, tranken oder  Drogen konsumierten «fötaler Missbrauch» vorgeworfen. Heute hat ein Extrastück Kuchen das gleiche moralische Gewicht. Und die Frauen haben Angst. Eine kürzlich durchgeführte Studie ergab, dass eine von fünf  Schwangeren dachte, es sei eine gute Idee, Mahlzeiten zu überspringen. Alles nur, um dünn zu bleiben. Elternforen sind voller weiblicher Kommentare, die entweder selbstgefällig von ihren Siegen in der Baby-Beulen-Schlacht berichten – oder unter Tränen ihre Niederlagen eingestehen.

Einst sah eine gesunde Schwangerschaft drei Mahlzeiten pro Tag vor. Heute kommt auch nur ein Gramm über der 10-Kilo-Grenze einer krankhaften Fettleibigkeit gleich. So ist es nicht erstaunlich, dass schwangere Frauen immer häufiger Essstörungen entwickeln. Pregorexia (das krankhafte Kalorienzählen) ist das neueste Gesundheitsrisiko für die Mütter der nächsten Generation. Dicksein ist der neue Mutter-Alptraum und die Schwangerschaft sozusagen der Kriegszustand mit dem eigenen Körper.

Das Erschreckende an diesem Phänomen ist, dass die Sorgen über das Dicksein mit der Geburt nicht aufhören. Sobald das Baby da ist, fühlen sich Frauen gezwungen, die Spuren ihrer Schwangerschaft auszuradieren. Auch hier übernehmen Promi-Mütter eine Vorbild-Funktion. Jessica Simpson ist angeblich dermassen unzufrieden mit ihrer rasanten Gewichtszunahme, dass sie einen 3-Millionen-Dollar-Vertrag mit Weight Watchers unterschrieben hat, um nach der Geburt möglichst schnell «wieder auf die Beine zu kommen».

Die Frage, die wir uns stellen müssen: Warum verkörpern aufblühende Prominente das Idealbild einer Schwangerschaft – und deren Folgen -, wenn die meisten Frauen keine Chance haben, diesem Ideal zu entsprechen?

Meredtih Nash* Meredith Nash ist Soziologiedozentin an der Universität von Tasmanien, Australien. Sie bloggt regelmässig  im Rahmen des  «The Baby Bump Project». Ihr Buch, «Making Postmodern Mothers:  Pregnant Embodiment, Baby Bump and Body Image» wird im August 2012 veröffentlicht (Palgrave Macmillan Verlag).

Kinder, mehr Stil bitte!

Mamablog-Redaktion am Freitag den 20. Januar 2012

Eine Carte Blanche von Andrea Bornhauser*.

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Wie die Mutter, so die Tochter: Die Chefredaktorin der französischen «Vogue», Emanuelle Alt, mit ihrer Tochter Françoise. (Foto: Tommy Ton / www.jackandjil.com)

Nein, Crocs-Schuhe zu Dreiviertelhosen aus Microfasern sind auch bei  Erwachsenen kein schöner Anblick. Weshalb sollte ich diese Kombi bei  Kindern toll finden? Genauso wenig, wie wenn Kinder orange  UV-Sonnenschutzanzüge, giftgrüne Faserpelz-Pullover, Käppis mit  Nackenschutz, Fun-Mützen mit Zottelhaaren oder T-Shirts mit Schriftzügen  wie «Luusmeitli», «Gängschterli», «Scheff» oder «Ängeli» tragen müssen. Das alles ist mir irgendwie zu… schweizerisch. Hauptsache praktisch-funktional und «ein bisschen lustig», so das Motto. Diesen Zustand  finde ich als ehemalige Moderedaktorin und Mutter eines Vierjährigen – mit Verlaub – stillos. Schade, denn es ginge auch anders.

In anderen Ländern werden Kinder jedenfalls nicht so verkleidet. Zum Beispiel in Frankreich. Da wird den Kleinen diese typisch französische Nonchalance bereits in die Wiege gelegt. In Paris tragen die Filles einfach dasselbe, wie die stylishe Maman. Zum Beispiel Françoise, die 7-jährige  Tochter der übercoolen «Vogue Paris»-Chefredaktorin Emmanuelle Alt. Sie  zeigt, wie wenig es für kindgerechten Stil braucht: Ein paar hochgekrempelte Röhrenjeans, schwarze Ballerinas und darüber einen beigen Trenchcoat. Die Haare zu einem einfachen Pferdeschwanz  zurückgebunden, fertig. Ein simpler Look, der nicht alle Welt kostet und sowohl in die Frontrow an den Modenschauen als auch in den nächsten Sandkasten passt. Denn, eines ist ganz wichtig: Kinder sollen sich auch stilvoll schmutzig machen können!

Jetzt höre ich Sie sagen: «Aber mein Kind möchte nun mal unbedingt dieses T-Shirt mit den Cars, Spongebob oder Hello Kitty drauf!» Und wie  schwierig es doch sei, den Nachwuchs davon abzubringen. Sie haben Recht, es ist sauschwierig! Auch mein Sohn möchte am liebsten Spiderman-Finken, eine Spiderman-Mütze und einen Spiderman-Ganzkörperanzug tragen. Aber mein Sohn will vieles, zum Beispiel Schokolade zum Zmorgen, zum Zmittag,  zum Zvieri und zum Znacht.

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Mädchen im Hello-Kitty-Look. (Bild: Flickr/karine*imagine)

Was mich an diesen grellen Kinderkleidern nebst der Ästhetik vor allem stört, ist deren Kurzlebigkeit. So ein knallroter Kapuzenpullover mit einem Lightning-McQueen-Sujet verleidet doch allen Beteiligten spätestens nach einem Jahr. Oder das zweite Kind kann mit «Cars» nichts mehr anfangen, weil bereits der nächste Trickfilm-Blockbuster in die Kinos und die Merchandise-Maschinerie erneut ins Rollen kommt. Ausserdem sind die Materialien dieser Kleider meistens auch nicht von  bester Qualität, so dass sie schon bald verlöchert und durchgetragen entsorgt werden müssen.

Ist es nicht zeitgemässer, wie etwa bei Bio-Gemüse auch bei  Kinderkleidern ökologischer zu denken? Und auch da etwas mehr  Geld für Qualität auszugeben? Lohnt es sich nicht, gerade bei Kindern längerfristig zu denken? Zu investieren in Möbel, die mitwachsen und in schlichte, gutgemachte Kinderkleider, die gerne weitergegeben werden? Ich denke, das kommt auf die Dauer sogar günstiger, als jede Saison eine komplette Kleiderausstattung im Warenhaus zu kaufen oder billige Kinder-Möbel, die spätestens mit dem  Schuleintritt passé sind.

Es gibt viele Alternativen, jenseits  von Dior Baby und Armani Junior, die genau diese Philosophie verfolgen. Sie kommen vermehrt aus Skandinavien und legen nebst Qualität grossen Wert aufs Design ihrer Kollektionen. Schade nur, dass Design in Zusammenhang mit Kindern hierzulande immer noch ein Reizwort ist!

Deshalb bleibt zu hoffen, dass mein Aufruf nach mehr Stil und Bewusstsein in Schweizer Kinderkleiderschränken Früchte trägt. Und mir im kommenden Sommer in Schweizer Badis nicht massenweise Kinder im grellen UV-Ganzkörperkondom und Nackenschutz-Kappe begegnen. Übrigens: Es gibt auch hübsche Sonnenschutz-Kleider. Fragen Sie mal die  Australier.

AndreaB*Andrea Bornhauser arbeitete als Moderedaktorin für «annabelle» und «Facts». Heute betreibt die freie Journalistin das Familienportal Familianistas.ch. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich.

Schule 2012: Die Vermessung der Bildung

Mamablog-Redaktion am Freitag den 13. Januar 2012

Eine Carte Blanche von Beat W. Zemp*.

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Ja zu Leistungsmessungen, aber kein Wettbewerbszirkus: Ein Schüler an der Tafel. (Keystone)

Zwei Entwicklungen im Schweizer Bildungswesen sind für das kommende Schuljahr und die weitere Zukunft der Volksschule bedeutsam: Zum ersten Mal haben sich die kantonalen Bildungsdirektionen auf Grundkompetenzen geeinigt, die an allen Volksschulen zu vermitteln sind. Auf dieser Basis wird momentan der Lehrplan 21 ausgearbeitet, der im kommenden Schuljahr 2012/13 in eine breite Vernehmlassung geschickt wird. Zudem liegt nun erstmals auch ein Konzept zur schulischen Leistungsmessung vor, mit dem die Erreichung dieser Bildungsziele überprüft werden soll. Die Kantone setzen damit einen Auftrag um, der in der Bundesverfassung im Artikel 62 Absatz 4 verankert ist (Harmonisierung der Ziele der Bildungsstufen).

PISA und andere Langzeituntersuchungen über Schulleistungen arbeiten mit Stichproben. Und das ist gut so, denn die Resultate dieser Leistungsmessungen können wichtige Impulse für die Entwicklung des Bildungswesens ergeben. Testet man hingegen alle Schüler zum gleichen Zeitpunktmit mit dem gleichen Test, kann man auch Ranglisten von Schulen herstellen, die dann aber zu einem sinnlosen Wettbewerb führen: Was können Schulen dafür, wenn sie in benachteiligten Stadtteilen oder ökonomisch schwachen Landesgegenden liegen? Wie sollen Lehrpersonen zur Integration von lernschwachen oder behinderten Schülerinnen und Schülern motiviert werden, wenn sie nachher mit durchschnittlich schlechteren Klassenleistungen öffentlich abgestraft werden?

«Die Hauptaufgabe von Lehrerinnen und Lehrern ist das Unterrichten.» So beginnt das neue Berufsleitbild des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH). Hinter dem banal tönenden Satz steht eine Abkehr von der Verzettelung des Berufsauftrags durch die ständige Delegation von Nacherziehungsaufgaben an die Schule. Lehrerinnen und Lehrer wollen vor allem einen wirksamen Unterricht machen, der Schwächeren und Leistungsstarken zu bestmöglichen Bildungserfolgen verhilft. Leistungsmessungen, Schulreformen und Schulverwaltungen sind zwar nötig, müssen sich aber ganz in den Dienst des Kernauftrags Unterrichten stellen. Bei ungenügenden zeitlichen, räumlichen oder personellen Unterrichtsbedingungen muss die Lehrerschaft die drohenden Nachteile für die Schülerinnen und Schüler kommunizieren. Das hat mit Jammern nichts zu tun, sondern zeugt von einer professionellen pädagogischen Verantwortung für die Schülerinnen und Schüler!

*zempBeat W. Zemp ist Zentralpräsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. (LHC)