Über die Festtage pausieren unsere Bloggerinnen und Blogger. Deshalb publizieren wir bis Ende Jahr Lieblingsbeiträge unserer Autorinnen und Autoren – wir hoffen, das Wiederlesen macht auch Ihnen Spass! Der letzte Beitrag unserer Best-of-Serie ist von Marie Dové.

«Sie zeigen Sex als absurd, peinlich und lustig»: Air-Sex-Einlage an einer Veranstaltung in Austin, Texas.
Der Mamablog widmete im Sommer 2011 dem Thema Sexualität einen Schwerpunkt. Als Erstes konnten Sie im Beitrag von Michèle Binswanger lesen, wie der Terminus Sexsucht zu einer Art Modediagnose geworden ist. Dann hat Jeanette Kuster ausführlich über das Thema Aufklärung und die Ressourcen, die Eltern und Kindern zur Verfügung stehen, berichtet. Es folgte der vergnügliche Gastbeitrag von Julia Sweeney über Frösche und Analsex. Danach zeigte Michael Marti auf, weshalb ein Blick ins tiefste Mittelalter erhellend ist für unser Verhältnis zur Lust. Den abschliessenden Beitrag, ein wahrlich virtueller Höhepunkt, wollen wir Ihnen wieder präsentieren: Air Sex, der letzte erotische Schrei, hat das Potenzial, alle sexuellen Probleme auf einen Schlag zu lösen. Viel Spass beim Lesen!
Eine Carte Blanche von Marie Dové
Womöglich ist dieser Sex ja die Lösung vieler unserer Sexprobleme. Denn jeder und jede kann ihn alleine tun und amüsiert damit erst noch andere. Die Redaktion des Internet-Magazins «Slate» jedenfalls zeigt sich geradezu begeistert vom Air Sex, von so viel auf der Bühne präsentierter Lust: «Die Veranstaltung zeigt Sex als absurd, peinlich und lustig – und genau so ist doch Sex.» Die Rede ist von einer «Air Sex»-Performance unlängst in Chicago, welche Teil einer grossen Air-Sex-Championship war, die durch die Vereinigten Staaten tourt.
Air Sex? Das sind Meisterschaften in vorgetäuschtem Sex. In der Regel 120 Sekunden Zeit haben die Sex-Sportlerinnen und Sex-Sportler – sie nennen sich Spider Pussy oder Erotic Otto –, um einen möglichst tollen Orgasmus möglichst eindrucksvoll vorzuspielen; sie praktizieren damit gewissermassen die geschlechtliche Variante der Luftgitarren-Duelle.
Hier das Beispiel eines prämierten und sehr unanständigen Blow Jobs, der auch unseren «Slate»-Kollegen ganz besonders gefiel.
Die Regeln beim Air-Sex sind denkbar simpel: Die Frauen und Männer dürfen keinen echten Orgasmus haben (ja, das gilt nicht), und sie dürfen nicht gänzlich nackt sein. Teilweise ausziehen ist allerdings erlaubt, genauso wie eindrückliche Hintergrundmusik. Ob es dabei gleich richtig zur Sache geht oder man vorher noch das Vorspiel vortäuscht, ist dem Geschmack der Teilnehmerinnen und Teilnehmer überlassen. Eine Jury bewertet schliesslich die Solo-Porno-Performance und kürt Siegerin und Sieger.
Ihren Ursprung hat die Sex-Pantomine in Japan, der mutmassliche Erfinder – gemäss Wikipedia ein Mann namens J-Taro Sugisaku – behauptet, Air Sex sei 2006 in Tokyo von einer Gruppe gelangweilter Männer ohne Freundinnen erfunden worden, aus der Sexualnot heraus quasi. Das tönt plausibel, jedenfalls wurde das Konzept in anderen Städten übernommen und in den USA gibt es mittlerweile eine Air-Sex-Championship, die durch die amerikanischen Metropolen tourt. Die dabei gebotenen Höhepunkte sind auf Youtube anzuschauen.
Eine Air-Sex-Gang-Bang-Nummer von Jugendlichen – nicht für die Bühne bestimmt, sondern direkt für Youtube. Und perfekt im Rhythmus der Musik.
Es ist viel und seit längerem schon von der Allmacht, der Tyrannei der Pornografie die Rede. So hiess es bereits 2001 im «Spiegel», wer die Zeitungen und Zeitschriften aufschlage, ins Kino oder Theater gehe, im Internet surfe, Fitness-Studios frequentiere, Modenschauen besuche oder einfach nur durch die Strassen spaziere, werde geradezu bombardiert mit «Bildern der Verführung und Ekstase, perfekter Schönheit und Appellen des Verlangens». Und neuerdings wird gar davon geschrieben, wie die Pornografie uns die Sexualität entführt habe (Gail Dines: «Pornoland – How Porno has Hijacked our Sexuality»). Wenn dies tatsächlich zutrifft, so ist Air Sex die definitiv witzigste und subversivste Antwort auf diese Entwicklung: eine Groteske nämlich auf die Pornofizierung.
Marie Dové ist Journalistin beim Online-Magazin «Clack» und schreibt regelmässig über die Themen Politik und Sexualität.
Erstpublikation: 8. Juli 2011.






Matto Kämpf lebt als Autor, Filmer und Theatermacher in Bern. Er schreibt die Kolumne «Rabenvater» im Berner «Bund» («Ich sehe mich nicht mehr als Lonesome Cowboy on the never ending road to nowhere (oder so ähnlich). Nein, jetzt bin ich der Mann, der die Windeln schneller wechselt als sein Schatten.») Die Kolumnen sind als Buch im Verlag «Der gesunde Menschenversand» erschienen.
Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
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