Leben


Archiv für die Kategorie „Best of Mamablog“

Best of Mamablog: Der Sex der Zukunft

Mamablog-Redaktion am Samstag den 31. Dezember 2011

Über die Festtage pausieren unsere Bloggerinnen und Blogger. Deshalb publizieren wir bis Ende Jahr Lieblingsbeiträge unserer Autorinnen und Autoren – wir hoffen, das Wiederlesen macht auch Ihnen Spass! Der letzte Beitrag unserer Best-of-Serie ist von Marie Dové.

MAMABLOG-Air-Sex-Aufmacher-640x325

«Sie zeigen Sex als absurd, peinlich und lustig»: Air-Sex-Einlage an einer Veranstaltung in Austin, Texas.

Der Mamablog widmete im Sommer 2011 dem Thema Sexualität einen Schwerpunkt. Als Erstes konnten Sie im Beitrag von Michèle Binswanger lesen, wie der Terminus Sexsucht zu einer Art Modediagnose geworden ist. Dann hat Jeanette Kuster ausführlich über das Thema Aufklärung und die Ressourcen, die Eltern und Kindern zur Verfügung stehen, berichtet. Es folgte der vergnügliche Gastbeitrag von Julia Sweeney über Frösche und Analsex. Danach zeigte Michael Marti auf, weshalb ein Blick ins tiefste Mittelalter erhellend ist für unser Verhältnis zur Lust. Den abschliessenden Beitrag, ein wahrlich virtueller Höhepunkt, wollen wir Ihnen wieder präsentieren: Air Sex, der letzte erotische Schrei, hat das Potenzial, alle sexuellen Probleme auf einen Schlag zu lösen. Viel Spass beim Lesen!

Eine Carte Blanche von Marie Dové

Womöglich ist dieser Sex ja die Lösung vieler unserer Sexprobleme. Denn jeder und jede kann ihn alleine tun und amüsiert damit erst noch andere. Die Redaktion des Internet-Magazins «Slate» jedenfalls zeigt sich geradezu begeistert vom Air Sex, von so viel auf der Bühne präsentierter Lust: «Die Veranstaltung zeigt Sex als absurd, peinlich und lustig – und genau so ist doch Sex.» Die Rede ist von einer «Air Sex»-Performance unlängst in Chicago, welche Teil einer grossen Air-Sex-Championship war, die durch die Vereinigten Staaten tourt.

Air Sex? Das sind Meisterschaften in vorgetäuschtem Sex. In der Regel 120 Sekunden Zeit haben die Sex-Sportlerinnen und Sex-Sportler – sie nennen sich Spider Pussy oder Erotic Otto –, um einen möglichst tollen Orgasmus möglichst eindrucksvoll vorzuspielen; sie praktizieren damit gewissermassen die geschlechtliche Variante der Luftgitarren-Duelle.

Hier das Beispiel eines prämierten und sehr unanständigen Blow Jobs, der auch unseren «Slate»-Kollegen ganz besonders gefiel.

Die Regeln beim Air-Sex sind denkbar simpel: Die Frauen und Männer dürfen keinen echten Orgasmus haben (ja, das gilt nicht), und sie dürfen nicht gänzlich nackt sein. Teilweise ausziehen ist allerdings erlaubt, genauso wie eindrückliche Hintergrundmusik. Ob es dabei gleich richtig zur Sache geht oder man vorher noch das Vorspiel vortäuscht, ist dem Geschmack der Teilnehmerinnen und Teilnehmer überlassen. Eine Jury bewertet schliesslich die Solo-Porno-Performance und kürt Siegerin und Sieger.

Ihren Ursprung hat die Sex-Pantomine in Japan, der mutmassliche Erfinder – gemäss Wikipedia ein Mann namens J-Taro Sugisaku – behauptet, Air Sex sei 2006 in Tokyo von einer Gruppe gelangweilter Männer ohne Freundinnen erfunden worden, aus der Sexualnot heraus quasi. Das tönt plausibel, jedenfalls wurde das Konzept in anderen Städten übernommen und in den USA gibt es mittlerweile eine Air-Sex-Championship, die durch die amerikanischen Metropolen tourt. Die dabei gebotenen Höhepunkte sind auf Youtube anzuschauen.

Eine Air-Sex-Gang-Bang-Nummer von Jugendlichen – nicht für die Bühne bestimmt, sondern direkt für Youtube. Und perfekt im Rhythmus der Musik.

Es ist viel und seit längerem schon von der Allmacht, der Tyrannei der Pornografie die Rede. So hiess es bereits 2001 im «Spiegel», wer die Zeitungen und Zeitschriften aufschlage, ins Kino oder Theater gehe, im Internet surfe, Fitness-Studios frequentiere, Modenschauen besuche oder einfach nur durch die Strassen spaziere, werde geradezu bombardiert mit «Bildern der Verführung und Ekstase, perfekter Schönheit und Appellen des Verlangens». Und neuerdings wird gar davon geschrieben, wie die Pornografie uns die Sexualität entführt habe (Gail Dines: «Pornoland – How Porno has Hijacked our Sexuality»). Wenn dies tatsächlich zutrifft, so ist Air Sex die definitiv witzigste und subversivste Antwort auf diese Entwicklung: eine Groteske nämlich auf die Pornofizierung.

Marie Dové ist Journalistin beim Online-Magazin «Clack» und schreibt regelmässig über die Themen Politik und Sexualität.

Erstpublikation: 8. Juli 2011.

Best of Mamablog: Die Absurdität der Bildungsideologie

Mamablog-Redaktion am Freitag den 30. Dezember 2011

Über die Festtage pausieren unsere Bloggerinnen und Blogger. Deshalb publizieren wir bis Ende Jahr fünf Lieblingsbeiträge unserer Autorinnen – wir hoffen, das Wiederlesen macht auch Ihnen Spass! Der fünfte Beitrag unserer Best-of-Serie ist eine Carte Blanche von Mathias Binswanger.

MAMABLOG-GYMNASIUM

Der Nachwuchs muss auf die Wissensgesellschaft vorbereitet werden, heisst es: Gymnasium in Payerne. (Bild: Keystone)

Bildung wird heute generell als etwas Grossartiges betrachtet. Kein Wunder deshalb, dass Tonnenideologien im Bildungswesen besonders populär sind. Je früher Kinder eingeschult werden, umso besser, je mehr Jugendliche Matura machen umso besser, je mehr junge Menschen studieren, umso besser. Und weil man das glaubt, ist der Staat auch ständig damit beschäftigt, dass möglichst viele Kinder möglichst früh und möglichst lange durch die Bildungsmaschinerie hindurchgeschleust werden.

Bereits in frühem Alter werden die Kinder heute mit Bildung konfrontiert. Der ideale Kindergarten ist mehrsprachig und sorgt dafür, dass kein Spiel und keine Aktivität stattfindet, mit der nicht auch eine Kompetenz (z. B. Wissenskompetenz, Gestaltungskompetenz oder soziale Kompetenz) gefördert wird. Denn der Nachwuchs muss auf die Wissensgesellschaft vorbereitet werden und da darf man keine Zeit verlieren. Damit man auch weiss, wie erfolgreich die schulische Bildung in den einzelnen Ländern abläuft, hat man seit etwa zehn Jahren die sogenannten PISA-Tests eingeführt, welche es erlauben, das «Bildungsniveau» von Schülern in verschiedenen Ländern, Regionen und Schulen miteinander zu vergleichen. Folgerichtig hat sich sofort auch ein Wettbewerb um ein möglichst gutes Abschneiden bei diesen Vergleichen etabliert. Die «intelligentesten» Kinder finden sich dabei regelmässig in Finnland, wo 95 Prozent der Jugendlichen Matura machen. Da möchte man doch gerne wissen, wie die Finnen das anstellen.

Ein Report der UNICEF aus dem Jahre 2007 liefert, von den Autoren des Reports selbst unbemerkt, überraschende Erklärungen. Der Report zeigt, wodurch finnische Jugendliche nebst ihrem ausgezeichneten PISA-Abschneiden sonst noch auffallen. Finnische Kinder kommen am wenigsten häufig aus intakten Familienverhältnissen und gemeinsames Essen mit den Eltern ist eine Seltenheit. Doch auch die Essens- und Trinkgewohnheiten lassen aufhorchen. Finnische Jugendliche essen weniger Früchte als in allen andern europäischen Ländern aber dafür trinken sie mehr Alkohol und rauchen auch noch häufig. Und schliesslich die grösste Überraschung: Nirgendwo sonst ist die Schule mehr verhasst als in Finnland, denn dort gehen die Kinder weniger gern als in allen andern Ländern zur Schule. Sind das die Erfolgsfaktoren für eine schulisch intelligente Jugend?

Würden wir die eben erwähnten Resultate ernst nehmen, dann müssten wir zu folgenden Schlussfolgerungen kommen: Intakte Familien schaden dem Bildungsniveau unserer Kinder. Ausserdem sollten wir schleunigst damit aufhören, auf gesunde Ernährung zu achten und uns am Alkoholkonsum und dem Rauchen unserer Jugendlichen freuen. Und schliesslich ginge es darum, Kindern und Jugendlichen die Schule mit entsprechenden Massnahmen zu verleiden, denn nur wer die Schule hasst, so lehren uns die Finnen, schneidet bei den PISA-Tests gut ab.

Natürlich würde es niemand wagen, solche Schlussfolgerungen zu ziehen, da sie die Grenze des politisch Korrekten bei weitem überschreiten. Doch die Resultate sollten uns trotzdem zu denken geben. Sie zeigen die Absurdität unserer heutigen Bildungstonnenideologie, die nur darauf ausgerichtet ist, bei irgendwelchen messbaren Kriterien, wie etwa den PISA-Tests, oder dem Prozentsatz der Maturanden, möglichst gut abzuschneiden. Mit dem Wohlergehen von Kindern hat das genau so wenig zu tun wie mit echter Bildung.

Lassen wir uns also nichts vormachen. Statt unsere Kinder schon im Kindergarten auf angeblich wichtige Kompetenzen abzurichten, sollten wir sie vor allem Kinder sein lassen. Denn nur wer sein Kindsein ausleben konnte, wird später als Erwachsener die Kompetenzen aufweisen, auf die es tatsächlich ankommt.

Die Mamablog-Redaktion dankt Mathias Binswanger für diese Carte Blanche.

Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Autor des Buches «Sinnlose Wettbewerbe – Warum wir immer mehr Unsinn produzieren» erschienen 2010 beim Herder Verlag.

Erstpublikation: 18. März 2011.

Best of Mamablog: Liebestipps, die die Welt nicht braucht

Mamablog-Redaktion am Donnerstag den 29. Dezember 2011

Über die Festtage pausieren unsere Bloggerinnen und Blogger. Deshalb publizieren wir bis Ende Jahr fünf Lieblingsbeiträge unserer Autorinnen – wir hoffen, das Wiederlesen macht auch Ihnen Spass! Der vierte Beitrag unserer Best-of-Serie ist von Michèle Binswanger.

Mamablog

In den einschlägigen Magazinen wird geschmiert und geleckt, was das Zeug hält: Covers der «Cosmopolitan» und von «Men's Health».

Heute müssen Erziehung und Politik, Patriarchat und Feminismus Platz machen für leichtere Kost. Sogar sehr leichte Kost. Die dafür aber heiss serviert wird, sehr heiss. Denn wenn es draussen kalt und garstig ist, sollen Mann und Frau sich zu Hause unter die Bettdecke kuscheln, so geht eine im kollektiven Unterbewussten der Lifestylemagazine verankerte Wahrheit. Und um das Publikum zu ebendiesem Verhalten anzuregen, geben besagte Magazine gerne Tipps, wie sie ihr Liebesleben in himmlische Sphären abgehen lassen können. Die kuriosesten Beispiele, die wir ihnen im Folgenden nicht vorenthalten möchten, setzen allerdings höchstens das Papier in Brand, auf dem sie gedruckt werden. (Keine Angst, am Bildschirm besteht keine Gefahr.)

Zum Beispiel das deutsche «Men’s Health». Ein unerschöpflicher Quell für erotische Weisheiten. Aktuell wird dort etwa ein «erotischer Adventskalender» feilgeboten. Da heisst es zum Beispiel: «Nehmen Sie den Advent wörtlich: adventus est, lateinisch: Er ist gekommen». Und mit welchen Tipps soll da der «vielleicht heisseste Dezember Ihres Lebens» provoziert werden? Lesen Sie selbst.

«Stellen Sie sich beim Küssen vor, Sie würden genüsslich ein Eis schlecken, denn so habens die Mädels am liebsten: in Slow Motion, ganz relaxt.»
(Wenn Ihr Liebster in naher Zukunft beginnt, an Ihnen herumzusaugen und Sie dabei unangenehm an ihren Zahnarzt erinnert werden, dann wissen Sie jetzt warum.)

Heute drehen Sie die Heizung auf, schnappen sich Ihre Partnerin und schälen sie aus den Klamotten. Holen Sie einen Eiswürfel aus dem Gefrierfach, platzieren Sie ihn zwischen Ihren Lippen und fahren Sie mit dem Ding über den Körper Ihrer Partnerin. Anschliessend küssen Sie die gleiche Strecke mit leicht geöffnetem Mund.» (Wir dachten, der Dezember soll heiss werden, warum also diese Fixierung auf Eis? Aber wir ahnen, der «leicht geöffnete Mund» wirds schon richten.)

«Wahrscheinlich haben Sie sich schon oft gefragt, was Ihre Liebste besonders heiss macht und was nicht. Wie auch immer, heute finden Sie es heraus. Bitten Sie Ihre Partnerin, Ihnen einen Multiple-Choice-Fragebogen auszufüllen. Punkte darin könnten sein: Welche Körperstelle ist bei dir am sensibelsten? Welche Stellung magst du am liebsten?» (Hmm, jetzt wirds aber wirklich, wirklich heiss. Fragebogen ausfüllen. Hoffentlich im Multiple-Choice-Verfahren)

«Hat Sie schon mal für Sie gestrippt? Dann sind heute Sie dran. Bevor Sie anfangen: Wählen Sie was Hübsches für drunter, zum Beispiel eng anliegende Boxershorts. Ziehen Sie Socken und Schuhe aus, dafür Jeans und ein Hemd mit Knopfleiste an. Dämpfen Sie das Licht, reichen Sie Ihrer einzigen Zuschauerin ein Glas Prosecco und schieben Sie Santanas «Samba Pa Ti» in den CD-Player. Los gehts – und immer schön den Augenkontakt halten!» (Liebe Männer, nehmt es nicht persönlich, aber wenn ihr das noch nie gemacht habt, dann solltet ihr es auch bleiben lassen. «Samba Pa Ti» hin oder her..)

Aber nicht nur der Mann soll sich anstrengen. Auch in Frauenzeitschriften haben ein paar Vorschläge, wie sie ihrem Liebesleben einheizen können. «Cosmopolitan» heisst hier die Kronzeugin. Cosmo weiss zum Beispiel: «Guter Sex findet im Kopf statt, keine Frage. Aber sensationeller Sex ist nicht nur ein Feuerwerk für den Geist, Sie spüren ihn im ganzen Körper – in den Ohrläppchen, den Fingern, den Brüsten, den Kniekehlen und im kleinen Zeh.» (Im kleinen Zeh? Dann würde ich die Schuhe für die Nummer das nächste mal eine Nummer grösser kaufen) Aber jetzt zur Sache:

«Der Mund ist so vielseitig, kann küssen, reden, schmecken, lecken und Ihnen und Ihrem Liebsten auf unzählige Arten Genuss bereiten. Erleben Sie anregende orale Inspirationen. Zitieren Sie erotische Lyrik, wenn Ihr Liebster am wenigsten damit rechnet.» Vorschläge: «Mein Herz ist wie ein singender Vogel» von Christina Rossetti. «Mein Herz ist wie eine schimmernde Muschel, friedlich treibend durch stilles Meer …» (Wundern Sie sich nicht, wenn Ihr Liebster sich entschuldigt und etwas murmelt von «am Fragebogen arbeiten».)

«Tauchen Sie seine Finger in Honig, Champagner oder flüssige Orangenschokolade und lecken sie langsam ab. Schauen Sie ihm dabei leicht abschätzig in die Augen.» (Leicht abschätzig? Aber bitte nicht zu sehr, sonst rufen Sie die Maskulisten auf den Plan.)

«Tauchen Sie Ihre Brüste in essbare Körperfarbe und benutzen Sie sie, um seinen Körper einzuseifen. Dann lecken Sie alles weg.» (Die Phrase «dann lecken Sie es weg» ist ein wichtiger Bestandteil aller Cosmo-Ratschläge, egal zu welchem Thema.)

«Träufeln Sie warmes Gel über seinen Körper und rubbeln Sie das Ganze runter.» (Man könnte es ja auch weglecken. Aber nur wenn Sie weder Haargel noch Waschgel verwendet haben. Wie wärs mit Zahngel?)

«Tauchen Sie einen Waschlappen in warmes Wasser und fahren Sie damit von seinem Bauchnabel aus abwärts.» (Lassen Sie sich inspirieren und denken Sie daran, dass Sie Ihren Gatten sich auch sonst nicht wie einen warmen Waschlappen fühlen lassen sollten.)

«Wärmen Sie seine Socken 20 Sekunden in der Mikrowelle, dann ziehen Sie sie ihm an.» (Nach der Behandlung wird Ihr Mann so gut durchblutet sein, dass er mit Ihnen ins Bett MUSS. Er wird zwar klebrig und nass sein und Socken tragen. Aber was solls?)

Mit Dank an Nerve.com.

Erstpublikation: 8. Dezember 2010.

Best of Mamablog: Die Sandkasten-Files

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 28. Dezember 2011

Über die Festtage pausieren unsere Bloggerinnen und Blogger. Deshalb publizieren wir bis Ende Jahr fünf Lieblingsbeiträge unserer Autorinnen – wir hoffen, das Wiederlesen macht auch Ihnen Spass! Der dritte Beitrag unserer Best-of-Serie ist ein Papablog von Matto Kämpf.

mb2a

Die Spielereien sehen unschuldig aus, doch auch hier spielt unbarmherzig der Sozialdarwinismus: Kinder im Sandkasten.

Meistens läuft der Autopilot. Das Kind und ich wursteln vor uns her, spazieren durch die Gegend, kaufen Sachen ein, entsorgen Glas, mampfen Weggli. Doch ab und zu beobachten wir uns. Dabei stelle ich Dinge fest. Das Kind vermutlich auch. Neulich beim Sandkasten in einem Park: Ich setze das Kind hinein und schaue ihm zu. Das Kind macht zuerst mal nichts. Andere Kinder, die neu hinzu kommen, stürzen sich sofort ins Getümmel. Meines höckelt minutenlang am Rand und beobachtet die Szenerie. Erfreut stelle ich fest: Es ist ein ganz Schlaues, es hat jetzt schon verstanden, dass man eine Situation zuerst einschätzen muss, um entsprechend zu handeln. Als es fünf Minuten später immer noch dort sitzt und den anderen zuschaut, beschleichen mich Zweifel und mir scheint, es gaffe etwas doof aus der Wäsche. Wieso spielt es nicht? Ist es ein Langweiler, dem nichts einfällt? Oder gar ein Angsthase?

Eigentlich tun alle kleinen Kinder mehr oder weniger dasselbe. Und doch versucht man zwecks Früherkennung eines allfälligen Charakters allerhand zu deuten. Es hält sich den Taschenrechner ans Ohr und telefoniert munter drauflos. Ist es dumm oder kreativ? Es schreit viel. Wehleidig oder sensibel? Es ist schnäderfräsig. Schwierig oder Gourmet? Es schläft viel. Kaum erspäht es von weitem ein Bett, reibt es sich die Augen, um wenig später einzuschlummern. Entspannungskünstler oder Faulpelz? Und was heisst das alles für später? Globi oder Ogi, Hüppi oder Hippie, Casanova oder Zeuge Jehova?

Zurück in den Sandkasten. Gewisse Kinder gehen sehr dreist zu Werke und nehmen allen anderen die Spielsachen weg. Nicht um damit etwas zu bewerkstelligen, nein. Kaum haben sie einen Plastik-Bagger an sich gerissen, verlieren sie das Interesse am eroberten Objekt und schauen sich nach Neuem um. Lässt das auf Jugendkriminalität oder auf Managerqualitäten oder auf beides schliessen?

Als Vater eines Entreiss-Opfers überlege ich mir, wie ich reagieren soll. Eine Möglichkeit wäre, das Feind-Kind diskret zu traumatisieren, damit es meinem später nicht die Hauptrolle im Krippenspiel wegschnappt. Statt Erzengel Gabriel oder zumindest Joseph nur läppischer Hirte oder gar obsoletes Schaf. Doch gestaltet sich das Vorknöpfen des zu Traumatisierenden als schwierig, denn überall im Hintergrund lauern Eltern und die Zuordnung ist leider unklar. Während ich darüber grüble, wie ich mein Kind abrichten oder bewaffnen könnte, geht es überraschenderweise selber zum Angriff über und haut dem Entreisser mit einer Metallschaufel von hinten eines über die Rübe, dass gotterbarm. Das Feind-Kind stürzt kopfüber in den Sand und bleibt reglos liegen. Der Feind-Kind-Vater eilt herbei, Geschrei erschallt, das Feind-Kind spuckt Sand und Blut. Während der Feind-Vater tröstet und nach den Eltern des Aggressors Ausschau hält, schleiche ich vor Stolz bebend ins Park-Café und bestelle eine Flasche Champagner.

Erstpublikation: 13. April 2011.

Foto-Matto KämpfMatto Kämpf lebt als Autor, Filmer und Theatermacher in Bern. Er schreibt die Kolumne «Rabenvater» im Berner «Bund» («Ich sehe mich nicht mehr als Lonesome Cowboy on the never ending road to nowhere (oder so ähnlich). Nein, jetzt bin ich der Mann, der die Windeln schneller wechselt als sein Schatten.») Die Kolumnen sind als Buch im Verlag «Der gesunde Menschenversand» erschienen.

Best of Mamablog: Ich bin nicht dick!

Mamablog-Redaktion am Dienstag den 27. Dezember 2011

Über die Festtage pausieren unsere Bloggerinnen und Blogger. Deshalb publizieren wir bis Ende Jahr fünf Lieblingsbeiträge unserer Autorinnen – wir hoffen, das Wiederlesen macht auch Ihnen Spass! Der zweite Beitrag unserer Best-of-Serie ist von Michèle Binswanger.

mb2a

Wie sehe ich in den Augen der Anderen aus? Ein Mädchen sieht aus dem Spiegel.

Meine Tochter wird im Herbst zehn Jahre alt, sie ist ein gesundes, aufgewecktes Kind, völlig normal. Was ich nicht so normal finde: In jüngster Zeit stellt sie sich immer wieder vor den Spiegel und sagt: «Schau mal, wie dick ich bin.»

In meiner Primarschule gab es in jeder Klasse einen Dicken, der wegen seines Gewichts gehänselt wurde. Nur ist meine Tochter nicht dick. Nicht im Geringsten. Wie also kommt mein Kind dazu, sich bereits in seinem zarten Alter Sorgen über ihre Figur zu machen? Es ist auch nicht so, dass ich mich zu dick finde oder zu dünn, oder meinen Mann oder meinen Sohn. Das Thema ist in unserer Familie keines, worüber ich dankbar bin, denn Gewichts- und Diät-Diskussionen öden mich an – auch wenn sie unter Freundinnen einiges an tragikomischem Material bieten. Auch die bösen Lifestylemagazine oder MTV können es nicht sein, welche die Körperwahrnehmung meiner Tochter getrübt haben. Sie schaut nicht fern und liest auch keine Magazine. «Wie kommst du auf die Idee, dass du dick sein könntest?», frage ich. Es sind die Freundinnen. Sie vergleichen sich und dann heisst es: Du bist dick.

Jede Kultur hat ihre eigenen Initiationsrituale. Das bezeichnet nach Wikipedia «die Einführung eines Außenstehenden (eines Anwärters) in eine Gemeinschaft oder seinen Aufstieg in einen anderen persönlichen Seinszustand, beispielsweise vom Kind zum Mann, vom Novizen zum Mönch oder vom Laien zum Schamanen». Zwar hat unsere Kultur mit Ritualen wenig am Hut, aber auf die weibliche Initiation kann man natürlich dennoch nicht verzichten. Ihr Ritual: der vermessende Blick der anderen. Und zwar ist das meist nicht der männliche Blick, der sich irgendwann mit dem Einsetzen der Pubertät an die Frau klebt. Die kritischen Blicke kommen von anderen Frauen.

Frauwerden in dieser Gesellschaft bedeutet, zur ästhetischen Mängelliste zu mutieren. Schlecht ist es, zu gross zu sein oder zu klein, zu grosse oder zu kleine oder ungleiche Brüste zu haben oder kurze Beine oder einen zu grossen oder zu kleinen Hintern. Auch unreine Haut ist schlecht, die Haare können zu fein sein oder zu kraus oder zu gerade und wenn sie irgendwo anders wachsen, als auf dem Schädel, müssen sie eliminiert werden. (Ausser die Wimpern, die sollten lang, dicht und seidig sein und die Brauen schön gebogen und in Form gezupft). Und natürlich sollten die Lippen voll und die Zähne weiss sein. Immer wieder entdecken die Frauen neue Bereiche, in denen sie ihre mangelnde Perfektion kultivieren können – nach den Armen (Trizeps!) und den Knien (nicht zu knochig) ist es neuerdings der Schambereich, der mit perfekten inneren (klein!) und äusseren (üppig und voll!) Schamlippen ausgestattet sein muss. Der Katalog der Anforderungen ist mit der fortschreitenden Emanzipation nicht etwa kürzer geworden, sondern länger. Und es beginnt auch nicht mehr in der Pubertät, sondern schon im Kindergarten.

In meiner Klasse im Gymnasium hatten fast alle Mädchen eine Essstörung, assen nur Salat, bunkerten auf Klassenausflügen Diät-Joghurt im Kühlschrank oder erbrachen sich nach dem Essen. Ich hielt das für eine natürliche Reaktion auf den sich verändernden Körper – schliesslich ist die Kalorienzufuhr etwas vom Wenigen, auf das man aktiv Einfluss üben kann. Bei den meisten hielt es auch nur wenige Monate vor. Irgendwann flachten die Essstörung zur ganz normalen Ernährungsneurose ab. Auch das ist heute anders. Wo die Essstörung nicht hilft, tut es der Onkel Doktor, pumpt Silikon in die Brüste und Kollagen in die Lippen, korrigiert Schamlippen und strafft auch sonst, was nicht gefällt. Schönheit, beziehungsweise der Wunsch, einem unmöglichen Ideal zu entsprechen ist heute eine Frage der Leistung, beziehungsweise ob man es sich leisten kann.

Natürlich ist es in Ordnung, wenn Frauen auf sich achten, sich ihre ästhetischen Wünsche erfüllen und wenn Silikontitten ihr Weg zum Glück sind, warum nicht? Aber mich stört, dass es so zwanghaft betrieben wird, dass immer neuer Druck aufgebaut wird und dass dabei unendlich viel Zeit, Geld und Energie flöten geht, die man eigentlich für Schlaueres verwenden sollte. Denn wozu das Ganze? Und es nervt auch, wenn Männer meinen, sie müssten nun auch mit dem Spiel beginnen, sich Sorgen machen darum, ob Haare auf der Brust noch gehen oder nicht mehr. Das ist doch einfach nur doof.

Und was sage ich meiner Tochter? Ich bin in Verlegenheit. Es ist ein bisschen, wie wenn ein Angehöriger eines Bekannten stirbt. Man traut sich kaum, etwas zu sagen, weil man fürchtet, das Falsche zu sagen, aber ignorieren geht auch nicht. Also sage ich: «Du bist nicht dick. Jeder Mensch ist anders gebaut, die einen etwas fester, die anderen weniger.» Und dann schicke ich sie ins Kung Fu. Denn erstens macht es ihr Spass und zweitens ist es gut fürs Selbstbild, wenn man sich zu wehren weiss. Darum sollten Mädchen sich kümmern – nicht um ihren Body-Mass-Index. Denn es wird immer jemanden geben, der dich runter machen will. Aber die wichtigste Regel in Sachen Schönheit ist letztlich: Who Cares?

Erstpublikation: 24. Mai 2011.