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Bravo, ihr Höhlenbewohner in Bundesbern!

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 12. Oktober 2011

Ein Papablog von Lukas Egli.

Alle Hände voll zu tun: Ted Danson in «Three Men and a Baby» (1987).

Mann mit Baby am Herd: Schauspieler Ted Danson in «Tree Men and a Baby» (1987).

Der Bund will den Vaterschaftsurlaub noch einmal diskutieren, konnte man Mitte September lesen. Man wolle eine Auslegeordnung der verschiedenen Modelle «trotz grundsätzlicher Vorbehalte» vornehmen, schrieb der Bundesrat in einer Antwort auf ein Postulat. Bravo, Ihr Höhlenbewohner! Wahrscheinlich haben schon die Männer der Pfahlbauer mehr Zeit mit ihren Neugeborenen verbracht als wir Schweizer im Jahr 2011.

Ihr habt es offenbar noch immer nicht verstanden, verehrte Politikerinnen und Politiker. Zwei Tage bekommt man in der Schweiz als frischer Vater zugestanden, um das Wunder des Lebens zu erleben. Um diese Prüfung zu bestehen. Um sein Leben umzugestalten. Zwei Tage? Wissen Sie, wie lange eine Geburt dauert? Im Schnitt sind es 13 Stunden. Okay, bleiben ja noch 35 Stunden. Husch, etwas Schlaf nachholen, einen Kinderwagen kaufen, Windeln nicht vergessen, zuhause aufräumen, allenfalls ein Blüemli fürs junge Mami? Mach vorwärts, Paps, die Zeit läuft!

Ich weiss ja nicht, aus welchem Holz Eure Frauen geschnitzt sind, liebe SVPler, aber meine Frau scheint mir ziemlich robust – trotzdem war sie froh, dass in den ersten Wochen abends zwischen dem 17- und dem 19-Uhr-Stillen etwas Warmes auf dem Tisch stand. Denn so ein Kleines macht doch etwas Arbeit. Und nein, liebe Freisinnige, nicht jeder kann sich eine Nanny leisten. Der normal fühlende Mann will auch keine. Er will dabei sein, will teilhaben. Er will das neue Leben mitgestalten.

Der Schweiz fehlen 1,1 Millionen Kinder, schrieb der emeritierte Professor für Kinderheilkunde Remo Largo kürzlich im «Magazin». 1,1 Millionen Kinder in 40 Jahren, Tendenz weiter negativ. 2010 lag die Reproduktionsrate bei 1,54 Kindern pro Frau; 2,1 müssten es sein, um die Schweizer Bevölkerung stabil zu halten, rechnete der «Vater der Nation» vor. Die Bevölkerung schrumpft – ist doch prima, möchte man rufen. Wer braucht schon das Geschrei kleiner Kinder? Sie stehen im Weg, machen Windeln voll, halten uns von wichtigen Sachen ab. Und dieses Theater erst, wenn die Schnuddernasen in die Pubertät kommen!

Wer so spricht, sollte sich dringend mal mit den Folgen der rückläufigen Geburtenrate auseinandersetzen. Spätestens wenn in der Schweiz mehr Greise leben als Kinder, die Renten nicht mehr überwiesen werden und das Gesundheitswesen unbezahlbar wird, werden es auch die Ruhe liebenden Berufssingles verstehen. Das wird schon bald der Fall sein: Ab 2015 wird die Arbeitsbevölkerung in der Schweiz laut Bundesamt für Statistik abnehmen. Könnte sein, dass es schon zu spät ist: «Die 1,1 Millionen Kinder können nicht nachgeboren werden», so Largo lapidar.

Okay, die Reproduktion scheitert nicht am nicht vorhandenen Vaterurlaub. Trotzdem ist er zentral: Wenn ein Kind nur über das Schnuppern an einem veralteten Partnermodell – Frau, du musst zuhause bleiben, allein! – zu haben ist, muss sich keiner wundern, wenn jungen Frauen der Entscheid zum Kinderkriegen schwer fällt. Und sich potenzielle Väter noch länger zieren. Seiner Frau oder Freundin das Modell Heim und Herd zumuten, auch wenn es nur für die ersten Wochen ist – vielleicht doch lieber nicht.

Andere können es besser: In der Schweiz beträgt die «Elternzeit» 100 Tage; 2 Tage davon stehen dem Mann zu. In Schweden sind es 480 Tage – fast fünfmal mehr! Jeder Elternteil bekommt mindestens 60 Tage, über den Rest können die Paare frei verfügen. Wundert es Sie, geschätzte Volksvertreter, dass Schweden eine im nordeuropäischen Vergleich stolze Geburtenrate von 1,94 Kinder pro Frau vorweisen kann? Vielleicht bräuchten wir statt des im Parlament so beliebten Liberalitäts- ein Familienfreundlichkeitsrating.

Nun muss es ja nicht gleich die schwedische Maximallösung sein, liebe SPler. Wer mit demselben Anliegen schon mehrmals gescheitert ist, sollte seine Forderungen gelegentlich anpassen und vom sozialskandinavischen Kitsch Abschied nehmen. Bereits etwas mehr Freiraum würde uns jungen Vätern reichen. Die wenigsten wollen ja wochenlang zuhause sitzen – und ich bin überzeugt: die meisten Frauen wollten das auch nicht.

Meine Frau jedenfalls ist froh, dass ich morgens jeweils früh aus dem Haus gehe und ihr nicht bei allem dreinrede. Aber sie schätzt es auch sehr, wenn ich nicht erst spätabends wieder heimkomme. Warum also den Vätern nicht einen Vaterurlaubs in Form eines reduzierten Arbeitspensums gewähren? Warum nicht ein halbes Jahr lang 70 Prozent arbeiten? Diese 30 Prozent Erwerbsausfall müssten doch zu finanzieren sein!

«Eine Familie gründen darf für die jungen Schweizer nicht mehr eine zu grosse Last sein, sondern muss vermehrt auch Freude machen, sonst haben sie immer weniger Kinder oder überhaupt keine», schreibt Largo. So einfach ist es.

In einer Sache aber irrt der Übervater: «Die Kinderlücke zwingt uns, unsere Prioritäten weniger nach ökonomischen und materiellen Kriterien, sondern vermehrt nach zwischenmenschlichen Werten in Familie, Gesellschaft und Wirtschaft auszurichten», schreibt Largo am Schluss seines Aufsatzes im «Magazin». Falsch! Es ist gerade die ökonomische Vernunft, die uns – und Sie, liebe Volksvertreter – dazu bringen müsste, auch werdenden Vätern eine zeitgemässe Rolle zuzugestehen. Eine Familienpolitik, die diesen Namen verdient, ist eben nicht nur eine Frage der Familienzulagen und Steuern, werte Christdemokraten, sondern auch des Rollenbilds.

Der Staat hat in meinem Bett nichts verloren, werden die Betonköpfe unter Ihnen wieder rufen; einen Ausbau der Sozialwerke könnten wir uns in Zeiten der Krise nicht leisten, werden die Sparfüchse wie gewohnt einwenden. Ist die Frage nicht vielmehr: Können wir es uns überhaupt leisten, die dramatische demographische Entwicklung zu ignorieren? Durchaus möglich, dass Ihnen da die Höhlenbewohner voraus waren.

Die negative Demographie birgt keine vermeintlich theoretisch-statistischen Risiken, wie andere Errungenschaften unserer Zeit – die Folgen des demographischen GAUs sind absehbar. Die AHV, die wichtigste politische Errungenschaft des 20. Jahrhunderts, ist in ernster Gefahr, und mit ihr der Rest des nationalen Konsenses. Aber schon klar: Kinderkriegen ist eben teurer und anspruchsvoller als fertige Erwachsene, lies: Arbeitnehmer zu «importieren». Oder doch nicht?

Schweden investiert in die Zukunft. Wir in Sanatorien und Hüftgelenke für alle. Oder in die Rettung krimineller Grossbanken, Kampfjets und so weiter – ein anderes Thema, ich weiss. Aber wenn eine Sache, liebe Politikerinnen und Politiker, wirklich too big to fail ist, dann das Kinderkriegen.

WandernLukas Egli ist Redaktor bei 20 Minuten Online. Er hat am 12. Juli eine Tochter bekommen.

Warum ist das nur Mamis Problem?

Michèle Binswanger am Dienstag den 11. Oktober 2011
Mama ist nicht nur eine erfolgreiche Bankerin, auch zu Hause schmeisst sie den Laden - angetrieben von ihrem schlechten Gewissen.

Mama ist nicht nur eine erfolgreiche Bankerin, auch zu Hause schmeisst sie den Laden - angetrieben von ihrem schlechten Gewissen: Sarah Jessica Parker in «I Don't Know How She Does It».

Eine Frau, die heutzutage alles hat, was sie sich wünschen kann – Kinder, einen erfolgreichen Mann, einen anspruchsvollen Job und ein gutes Kindermädchen –, hat immer noch ein Problem. Dies ist die Kernaussage des neuen Films «I Dont Know How She Does It» mit Sarah Jessica Parker. Beruhend auf dem gleichnamigen Essay, den die britischen Autorin Allison Pearson vor zehn Jahren schrieb, erzählt der Film die Geschichte von Kate Reddy, Mutter zweier Kinder, Ehefrau eines erfolgreichen Architekten und selber erfolgreiche Fondsmanagerin mit besten Karriereaussichten. Alles, was man sich wünschen kann, nur dass Reddy vor lauter Jonglieren mit ihren mütterlichen Gefühlen, den Anforderungen im Job, ihrem schlechten Gewissen und den Ansprüchen ihres Mannes an die Beziehung kaum dazu kommt, nach Luft zu schnappen.

Der Film erntete in den USA vernichtende Kritiken. Er sei ein Stelldichein von Gender-Klischees, dazu trotz des humoristischen Zugangs beschämend unlustig und langweilig und ausserdem ein Affront für jede weniger privilegierte, allein erziehende Mutter, die mit wirklichen Problemen zu kämpfen habe, so der Tenor.

Ganz so schlimm ist es aber nicht. Filme haben nicht die Aufgabe, die Realität zu zeigen, wie sie für die meisten von uns ist. Vielmehr führen sie uns Helden vor, die Probleme meistern müssen, die wir alle kennen. Sie harmonisieren Widersprüche, die in der Praxis oft unlösbar sind. Bemerkenswert an diesem Film ist zunächst, dass Hollywood begriffen hat, dass man das Thema Mutterschaft nicht mehr länger so stiefmütterlich behandeln kann, dass es hier vielleicht Heldensagas zu entdecken gibt, die noch nicht erzählt wurden. So zumindest die Hoffnung. Tatsache ist jedenfalls, dass noch nie zuvor ein Hollywood-Film so explizit versucht hat, die Widersprüche und lebensweltlichen Konsequenzen darzustellen, welche die emanzipatorischen Bewegungen der letzten Jahre auf das Leben der Frauen zeitigten.

Das ist denn auch die grosse Schwäche des Films. Denn Reddys Kampf ist einzig und allein ihr Kampf. Sie macht nachts Listen im Kopf, damit das Familienleben reibungslos funktionieren kann, sie bekommt das SMS von der Nanny und erfährt mitten in der Sitzung mit ihrem neuen Boss, dass die Kinder krank sind oder Läuse haben, sie muss sich schuldig fühlen, wenn der Sohn sich verletzt, während sie auf Geschäftsreise ist. Und sie muss sich auch schuldig fühlen, dass sie abends zu müde ist, um mit ihrem Mann Sex zu haben. Denn wie würde sie das ohne ihn alles nur schaffen? Aber mit Humor, Ernsthaftigkeit und dem Versprechen, beim nächsten Schneefall zu Hause zu sein, um mit der Tochter einen Schneemann zu basteln, lässt sich auch das bewältigen.

Tatsächlich könnte man, wie es der Guardian vorschlägt, dasselbe zu Kate Reddy sagen, was Audrey Hepburn im Film «Charade» zu Cary Grant meint: «You know what’s wrong with you? Nothing.» Oder man könnte es mit Madonna sagen, die kürzlich in einem Interview über Mutterschaft, Karriere und Beziehung sprach. Auf die Frage, ob man alles haben kann, sagte sie: Ja, aber man könne nicht erwarten, nachts gut zu schlafen. Und es gehe eben nur mit Kompromissen.

Wer Kind und Karriere bewerkstelligen will, kann nicht damit rechnen, ein gemütliches Leben zu führen, das sollte inzwischen jedem bekannt sein. Und er sollte auch nicht auf Versöhnung der Widersprüche hoffen, denn die bleiben bestehen – sie verändern sich höchstens, so wie die Kinder wachsen. Worauf sich aber hoffen lässt, ist, dass die Einstellungen sich verändern. Dass Mütter sich nicht mehr als Rabenmütter fühlen müssen, wenn sie arbeiten gehen, dass Männer ihren Beitrag zum Ganzen zu leisten beginnen. Weshalb das Thema eigentlich eher Stoff für eine neue Serie wäre, als für einen Film. In dieser Serie würde hoffentlich ausgearbeitet werden, dass Vereinbarkeit von Beruf und Familie eben nicht nur das Problem der Mütter ist, sondern ein Problem der Gesellschaft, der Arbeitsstrukturen und, ja, auch der Männer, sofern sie ihren Platz in der Familie weiterhin beanspruchen wollen.

Der Film «I Dont Know How She Does It» läuft ab 13. Oktober 2011 im Kino.

Der alte Mann ist eine Zeitbombe

Michèle Binswanger am Donnerstag den 8. September 2011
Die neuen Väter - sind sie mehr als bloss eine Chimäre?

Sind die neuen Väter mehr als bloss eine Chimäre? – Szene aus Dany Levys «Väter», 2002.

Wir haben schon viel von ihnen gehört: die neuen Väter. Seit der Jahrtausendwende geistern sie durch die Medienlandschaft, schreiben Artikel und Bücher und mittwochs hier den Papablog. Das ist schön und soll hier nicht kleingeredet werden. Doch angesichts der Begeisterung über den Aufbruch des Mannes aus seiner selbstverschuldeten Familienentfremdung, über die Rückkehr des Mannes aus dem Exil der Arbeitswelt zurück zu Heim und Herd, verliert man leicht den Blick auf die sozialen Realitäten.

Denn der Fallout des neuen Vaters findet vor allem in den Medien statt, sein Niederschlag in den Arbeitszeitstatistiken bleibt hingegen bescheiden. Laut Bundesamt für Statistik sind in der Schweiz nach wie vor rund 89 Prozent der Väter vollzeiterwerbstätig – der Anteil ist seit den Neunzigerjahren praktisch gleich geblieben: In einem Bericht aus dem Jahr 2008 steht, der Anteil der Teilzeit arbeitenden Väter habe seit 1990 um nur rund 3 Prozent zugenommen. Im Gegensatz zu den Frauen, bei denen die Teilzeitquote um fast das doppelte auf 78 Prozent gestiegen ist, wobei die hohen Teilzeitpensen stärker zunahmen als die tiefen. Das Gleichstellungsbüro hält denn auch lapidar fest: «Die differenzierte Darstellung der Verteilung der Erwerbsbeteiligung von Frauen und Männern (…) ergibt keine direkten Hinweise auf die ‹neuen Männer›, die durch Teilzeitarbeit versuchen, Beruf und Familie besser zu vereinbaren.»

Es ist schwierig bis unmöglich, hinter Zahlen die Wahrheit zu sehen, dennoch darf man sie als Indikator für soziale Realitäten lesen. Man könnte daraus zum Beispiel nun schliessen, dass die «neuen Männer» eine Chimäre sind, eine Ausgeburt der männlichen Eitelkeit, die ihren ersten Griff zum Staubsauger als Revolution in der Verteilung der Hausarbeit feiern, ihre vier Stunden Spielen pro Woche als Umwälzung in der Kinderbetreuung, wo sich doch gegenüber früher nur ganz wenig verändert hat.

Aber das kann es nicht sein. Denn Statistiken hin oder her: Ich weiss, dass es die neuen Männer gibt, ich habe einen an meiner Seite und in meinem Freundeskreis wimmelt es davon. Und als ich neulich an einem Familien-Party-Wochenende bei meinem Freund Mc Queen eingeladen war, tummelten sich da tatsächlich auffallend viele Väter mit Nachwuchs. Auch wenn sie auf Nachfrage bestätigten, nicht mehr als einen Tag pro Woche für die Kinder zuständig zu sein, entspricht dies doch einem deutlich anderen Bild als noch vor zwanzig Jahren und spricht für einen markanten Bewusstseinswandel gegenüber der Familie – auch bei Männern, die gewillt scheinen, ihre Männlichkeitskompetenz um den familiären Fürsorgeaspekt zu ergänzen.

Die Frage ist: Warum zeigt sich das nicht in den Statistiken? Meine Vermutung: Weil die neuen Väter ein Phänomen der Mittelschicht sind und die Mittelschicht schrumpft. It’s the economy, stupid. Der Graben der Machtkonstellationen zwischen den Familien- und den Erwerbsarbeitern verläuft nicht in erster Linie zwischen den Geschlechtern, sondern zwischen den Schichten. In den Statistiken schlägt sich vor allem die Verschiebung der ökonomischen Verhältnisse nieder und nicht der Wunsch der Mittelschicht nach einer gerechteren Arbeitsteilung an der Geschlechterfront.

Das Lamento der Geschlechter hat eine gewisse Berechtigung. Die Männer bringen sich mehr zuhause ein und arbeiten dabei gleich viel im Job. Die Frauen arbeiten öfters ausser Haus für Geld und übernehmen dabei immer noch den Löwenanteil im eigenen Haushalt. Alle arbeiten mehr – und verdienen dabei weniger.

Trotzdem darf man die Diskussion um die neuen Väter nicht geringschätzen, zumal es dabei nicht nur um Väter geht. Denn der traditionelle Männlichkeitsbegriff wurde nicht nur von der Emanzipation der Frau herausgefordert, sondern vielmehr durch die ökonomische Entwicklung, die inzwischen traditionell «weibliche» Erwerbsarbeits-Muster befördert: Teilzeit-Jobs mit geringerer Sicherheit und geringerem Lohn. Damit ist eine grosse Verunsicherung verbunden, die auch gefährlich werden kann.

So zitiert ein sehr lesenswerter Artikel zu den neuen Vätern im «Tagesspiegel» eine neue, noch unveröffentlichte Studie zu Frauen als Haupternährerinnen: «Zwar steigt die Zahl von Ernährerinnen an», heisst es, «aber erstens ist ein sehr grosser Teil von ihnen alleinerziehend und zweitens geraten die Frauen oft in diese Rolle, weil der Mann arbeitslos geworden ist oder in seinem Job zu wenig verdient.» Frauen arbeiten also vor allem aus ökonomischen Zwängen mehr ausser Haus. Und verdienen auch als Haupternährerinnen meist weniger, als ihre Männer zuvor – zudem bleibt die ganze Haushalt trotzdem an ihnen hängen, wie verschiedene Studien ebenfalls ergeben haben. Die Frage ist: Was passiert mit diesen Männern? Wie verkraften sie den Wegfall einer Hauptstütze im männlichen Selbstverständnis, nämlich der Fähigkeit, eine Familie zu ernähren?

Die hoffnungsvolle Perspektive ist, dass sie die Freude an der Familie entdecken und darin Erfüllung finden. Dieser wird im Diskurs über den neuen Mann Ausdruck gegeben. Die pessimistischere Variante lautet hingegen, dass diese «alten Männer», die daheim sitzen und Trübsal blasen, eine Zeitbombe sind. Weil sie sich ihrer «gefährdeten» Männlichkeit auf anderen Wegen versichern müssen. Zum Beispiel, indem sie Autos oder ganze Quartiere anzünden. Angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung sollte uns dies zu denken geben.

Arbeitende Mütter, glückliche Kinder

Michèle Binswanger am Donnerstag den 28. Juli 2011
Das ätzend schlechte Gewissen ist jeder berufstätigen Mutter wohl bekannt.

Das ätzend schlechte Gewissen ist jeder berufstätigen Mutter wohl bekannt.

Als ich gestern mit umnachtetem Geist und eingeschaltetem Autopilot frühmorgens aufs Büro zutrottete, stiess ich beinahe mit einer Kollegin zusammen, beziehungsweise mit ihrem Bauch. Besagte Kollegin erwartet nämlich in wenigen Wochen ihr zweites Kind, was inzwischen gut sichtbar ist. Das finde ich nicht nur deswegen toll, weil es ein freudiges Ereignis ist, sondern auch weil die bald zweifache Mutter bei uns in einer Leitungsfunktion arbeitet und trotz erneutem Kindersegen nicht vorhat, etwas daran zu ändern.

Meine Begeisterung für Mütter in Führungspositionen teilen jedoch nicht alle. Meine Kollegin, die in ihrer Laufbahn mit Drogenkönigen, Rebellen und Kriegsopfern zu tun hatte, erzählte mir seufzend, dass die Kämpfe an der Familienfront manchmal beinahe erschöpfender seien, als alles, was sie im Beruf erlebt hat. Heute Morgen zum Beispiel habe sie erst das sich an ihrem Bein festklammernde Kind durch die halbe Wohnung geschleift, bevor es ihr gelang, es an der Haustüre von ihrer Garderobe zu lösen. Doch kaum aus der Haustüre getreten, höre sie vom geöffneten Fenster her ein herzzerreissendes «Mami, Mami» durchs Quartier hallen. Die Kollegin kommentierte ihre Gefühle nicht weiter, aber jede berufstätige Mutter kennt das ätzend schlechte Gewissen, das nach solchen Szenen nagt und und flüstert, was für eine schlechte Mutter man doch sei, egoistisch und karrieregeil, weil man darauf besteht, dass das Leben sich in der Mutterschaft nicht erschöpft.

Es gibt diesbezüglich zwei gute Nachrichten: Das Problem legt sich mit dem Heranwachsen der Kinder. Und was in jungen Jahren zu den oben beschriebenen Weinkrämpfen führte, kann später gar Gegenstand unverhohlener Bewunderung werden. Ich beispielsweise erinnere mich, dass ich es als Fünfjährige alles andere als toll fand, als meine Mutter wieder ins Berufsleben einstieg. Aber als ich selber Kinder bekam, wurde sie mir zur Inspiration – und heute bin ich nicht nur glücklich, dass ich trotz Kindern weiter gearbeitet habe, ich merke auch, dass die Kinder meinem beruflichen Engagement Verständnis entgegen bringen.

Die zweite Entwarnung kommt aus der Wissenschaft. Arbeitende Mütter schaden ihren Kindern weder emotional noch sozial, so ergab eine Langzeitstudie des University College in London. Das ideale familiäre Szenario ist demnach ein Haushalt, in dem beide Elternteile sowohl Betreuungsaufgaben übernehmen, als auch einem Job ausser Haus nachgehen. Es gebe, sagte die Leiterin der Studie gegenüber dem Guardian, keinerlei Anzeichen dafür, dass Mütter ihren Kindern in irgendeiner Weise schaden, auch wenn sie bereits im ersten Lebensjahr der Kinder wieder arbeiten.

Als hätten wir es nicht bereits geahnt. Bleibt nur die Frage, warum das schlechte Gewissen sich dieser in der Ratio längst verankerten Weisheit verweigert. Handelt es sich um ein innerpsychisches Autoritätsproblem? Ist es die Biologie, die uns mittels tropfender Still-Brüste auch nach der Niederkunft noch eng an das Kleine bindet? Wichtiger als diese Fragen ist aber eine weitere: Warum müssen berufstätige Mütter sich beim zweiten oder gar dritten Kind immer wieder die gut gemeinten Ratschläge anhören, dass sie aber dann jetzt sicher schon zu Hause bleiben würden, mit zwei Kindern? Ich habe schon von Fällen gehört, wo Chefs sich ihren Mitarbeiterinnen bei einer zweiten Schwangerschaft mit den Worten näherten, dass sie angesichts des neuerlichen Familienzuwachses doch sicher kündigen würden – was eine sexistische Frechheit ist, wer würde diese Frage einem Mann stellen? Und obendrein ist es feige, denn wenn ein Chef sich von einer Mitarbeiterin trennen will, soll er gefälligst die wahren Gründe für seine Unzufriedenheit nennen.

Renitent, wie es ist, wird das schlechte Gewissen uns berufstätige Mütter wohl noch länger plagen. Aber wenn mir das nächste Mal eine Mutter erzählt, dass der Chef sie aufgrund ihrer Schwangerschaft diskriminiert, werde ich ihr die Studie ausdrucken und überreichen mit der Empfehulung, diese ihrem Chef sonst wohin zu montieren.

Das Stigma der Alleinerziehenden

Michèle Binswanger am Donnerstag den 21. Juli 2011
Alleinerziehende sind besser als ihr Ruf.

Alleinerziehende sind besser als ihr Ruf.

Als berufstätige Mutter kann ich ein Lied davon singen, wie viel Stress es bedeutet, den Job am Familienleben vorbei zu organisieren – und ich gebe zu, ich singe dieses Lied gerne und mit Inbrunst. Nur: Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich mit der Mutter eines Schulkollegen meiner Kinder, die mir ein bisschen aus ihrem Leben erzählte. Sie hat zwei Kinder im Schulalter und arbeitet 100 Prozent in Zürich. Typisch Karrieremutter, denken Sie? Nein: Alleinerziehende. Seit ihr Mann sie verlassen hat, bleibt ihr schlicht keine andere Wahl. Wie sie das denn alles schaffe, wollte ich wissen. «Ich würde es meinem ärgsten Feind nicht wünschen», antwortete sie.

Dass es immer mehr allein erziehende Mütter gibt, ist bekannt, ebenso, dass dieses Los alles andere als einfach zu bewältigen ist. Neben einer immensen Arbeitsbelastung bei sehr geringer Freizeit, treffen sie auf zahlreiche Vorurteile, die auch in den Kommentarspalten dieses Blogs die üppigsten Blüten treiben: Vom Verdacht, diese Frauen hätten sich des Kindsvaters aus Egoismus entledigt bis zur Sorge um das Wohlergehen der Kinder, ist kein Verdacht zu abstrus, um nicht gegen die Alleinerziehenden gerichtet zu werden.

Zumindest in letztem Punkt gibt eine Studie der Universität Bielefeld jetzt aber Entwarnung. Alleinerziehende, so heisst es da, seien besser als ihr Ruf. Entgegen des weit verbreiteten Vorurteils leiden Kinder nämlich nicht per se darunter, wenn sie nur einen Elternteil um sich haben. Zwar stünden Alleinerziehende unter grosser Belastung, gäben diese aber nur in seltenen Fällen an die Kinder weiter. Dabei spiele es keine Rolle, ob die Eltern antiautoritär oder eher streng sind in der Erziehung – wichtig für die Kinder sei, dass jemand da ist, der sich um sie kümmert und ihnen zuhört. Dafür schüfen sich Alleinerziehende im Gegensatz zu «normalen» Eltern auch oft ein besseres Netzwerk, auf das sie zurückgreifen können.

Entscheidend für das Wohlergehen der Kinder ist viel mehr der soziale Faktor. Alleinerziehende haben bekanntlich ein grosses Armutsrisiko – und die soziale Stellung wirkt sich entscheidend auf die Entwicklung des Kindes aus. Dabei geht es nicht einmal nur direkt um Geld: Auch ob das Kind ein eigenes Zimmer hat, kann eine entscheidende Rolle spielen. Nicht nur die Alleinerziehenden selbst haben mit Problemen zu kämpfen, auch ihre Kinder sind benachteiligt. Sie trauen sich weniger zu und haben schlechtere Noten, und sie werden in der Schule häufiger gehänselt und stigmatisiert – nicht nur von Klassenkameraden, sondern auch von Lehrern, so heisst es.

Und noch ein Vorurteil bringt die Studie ins Wanken: Alleinerziehende lassen nicht automatisch die Erziehung schleifen, weil sie dafür keine Zeit haben, im Gegenteil. Zwar fühlen sich die Kinder allein erziehender Eltern genau so gut wenn nicht besser aufgehoben, als jene aus intakten Familien, ihre Eltern aber empfinden sie aber nicht als lascher, sondern tendenziell als strenger, als die ihrer Kollegen.

Aus welchen Gründen man auch immer sich als Alleinerziehende(r) wiederfindet: Wichtig ist, dass man weder die Kinder, noch die Eltern stigmatisiert. Sie haben es schliesslich schon schwer genug.