
Die Nachfrage nach Gynäkologinnen steigt stetig an: Eine Frau auf dem Untersuchungsstuhl.
Warnung des Gesundheitsamts: Patienten mit bekannten Idiosynkrasien gegen Polemik wird vom Lesen dieses Blogs abgeraten.
Ich habe Sie gewarnt. Aber wenn Sie nicht anders wollen, gut. Heute geht es um ein Thema, dem ich meinerseits einige Überempfindlichkeiten entgegen bringe: Frauenärzte. Ich habe die Vorstellung immer schon seltsam gefunden, dass Männer sich in der Frauenheilkunde betätigen. Und die privaten Bekanntschaften mit Frauenärzten trugen nicht dazu bei, diese Vorurteile abzubauen. Vergangene Woche vermeldete nun der «Spiegel» den Fall eines Gynäkologen, der den Intimbereich seiner Patientinnen heimlich fotografiert hat. 3000 Frauen sollen davon betroffen sein, 700 davon haben den Mediziner angezeigt. Worauf ich mich fragte, ob an meiner These nicht vielleicht etwas dran ist, dass es keinem Mann gut tut, beruflich ein Mösenflüsterer zu sein.
Bevor Sie mir jetzt vorwerfen, ich würde einen ganzen Berufsstand verunglimpfen und könnte genau so gut behaupten, jeder Kinderarzt sei pädophil veranlagt, möchte ich etwas klarstellen. Es liegt mir fern, vom bedauernswerten Einzelfall Rückschlüsse auf die Gynäkologengilde in toto zu ziehen. Ich komme aus einer Ärztefamilie. Ich weiss, dass Ärzte allgemein über einen hohen Abstraktionsgrad verfügen und abgrenzen müssen, um ihren Beruf auszuüben. Und ich zweifle im Allgemeinen nicht daran, dass Gynäkologen das genau so gut können, wie Chirurgen oder Allgemeinmediziner. Und dennoch. Ich kenne die Männer. Und wenn Sie jetzt denken, aber es gibt doch auch Urologinnen, dann möchte ich Sie fragen: Ist es das dasselbe? Wie viele Frauen kennen Sie, die regelmässig Pornographie mit männlichen Geschlechtsteilen konsumieren? Und wie viele Männer kennen Sie, die sich gerne nackte Frauen anschauen? Eben. Und da frage ich mich: Wie lässt es sich mit einer normalen männlichen Sexualität vereinbaren, wenn man den ganzen Tag Frauen zwischen die Beine zu guckt? Das muss doch so ähnlich sein, wie wenn ein Fettsüchtiger in einer Konditorei arbeitet. Oder wie für einen Koch. Die haben nach Feierabend auch keine Lust mehr, für ihre Frauen zu kochen.
Um der Sache auf den Grund zu gehen, habe ich einen jungen Gynäkologen nach diesen Dingen gefragt. Warum hat er dieses Fachgebiet gewählt? Und kompromittiert ihn das nicht als Mann? Er habe, sagte er mir, sich diese Dinge im Vorfeld sehr gut überlegt und auch mit der Freundin diskutiert. Und tatsächlich brauche man als Gynäkologe vielleicht einen noch höheren Abstraktionsgrad, als in anderen Fachgebieten. Es sei ihm aber noch nie ansatzweise passiert, dass eine Situation ihn erregt hätte, obschon man durchaus auch ästhetische Dinge zu Gesicht bekomme. Vielleicht, sinnierte er weiter, weil Erotik ja eben aus anderen Quellen gespiesen werde, als aus plumper Nacktheit. Mit einer Verführungssituation aber habe man in einer Praxis gar nicht zu tun. Ganz allgemein gäbe es bei allen Ärzten Situationen, in denen eine Intimität und Nähe entstehen könne. Auch als Anästhesist oder Hausarzt müsse man sich diesen Themen stellen.
Die andere Frage ist, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass die Gynäkologie bis vor wenigen Jahren eine solche Männerdomäne war und, zumindest auf Führungsebene, immer noch ist. Als meine Mutter mich mit 16 zum ersten mal zum Frauenarzt schickte, wäre es für mich undenkbar gewesen, zu einem Mann zu gehen. Und zwar nicht wegen allfälligen Befürchtungen, der Gynäkologe könnte sich als Perverser herausstellen. Vielmehr konnte ich mir schlicht nicht vorstellen, mich mit gespreizten Beinen vor einen älteren Herrn zu legen, der mit einem Spekulum von der Grösse einer Grillzange an mir herumhantieren und mir danach womöglich noch väterliche Ratschläge geben würde. Nein Danke.
Ich glaube keineswegs, dass Frauen per se die besseren Gynäkologen sind. Und als ich mir in der Frauenpraxis eine Spirale einsetzen liess, fand ich es auch etwas seltsam, dass da eigens eine Frau zu Hilfe gerufen wurde, die mir dazu beruhigend den Bauch streichelte. Trotzdem möchte ich mich lieber mit einer Frau über meine Unterleibsbeschwerden unterhalten, weil die nämlich aus eigener Erfahrung weiss, wie sich das anfühlt. Dies gilt meiner Meinung nach noch mehr für die Geburtshilfe. Während meiner Schwangerschaft fand ich es erschreckend, wie technisch man an das Ganze herangeht, als ob Schwangerschaft eine schwere Krankheit sei. Auch das dürfte damit zu tun haben, dass die Geburtshilfe so lange von Männern geprägt worden war.
Man kann allerdings davon ausgehen, dass die Frauenmedizin bald auch in Frauenhand ist. In den letzten zehn Jahren ist die Nachfrage nach Gynäkologinnen gestiegen und entsprechend ist der Anteil so gewachsen, dass die Männer bereits den Gender-Bonus beklagen und eine Quote fordern. (Warum machen sie das eigentlich immer nur bei den lukrativen Berufen?) Allerdings arbeiten Frauen eher in der eigenen Praxis, während die Männer in die Kliniken gehen und dort Karriere machen – so dass also die institutionalisierte Geburtshilfe nach wie vor in Männerhand ist.
Was meinen Sie? Braucht es eine Männerquote in der Gynäkologie? Und wenn Sie eine Frau sind: Gehen Sie lieber zur Gynäkologin oder zum Gynäkologen?






Rinaldo Dieziger (36) ist Gründer und Geschäftsführer von Supertext, der ersten Textagentur im Internet. Er ist dieses Jahr Papa einer Tochter geworden und lebt mit seiner Familie in der Stadt Zürich.
Lukas Egli ist Redaktor bei 20 Minuten Online. Er hat am 12. Juli eine Tochter bekommen.
Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
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