Leben


Archiv für die Kategorie „Carte Blache“

Essen, Essen, Essen – wenn aus Hunger Anfälle werden

Mamablog-Redaktion am Freitag den 18. Mai 2012

Eine Carte Blanche Prof. Dr. Simone Munsch und Andrea Wyssen*.

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Auch normalgewichtige Kinder können eine Essstörung haben: Ein Mädchen isst vor dem Fernseher.

Dass mittlerweile rund jedes fünfte Kind übergewichtig ist, ist eine bekannte Tatsache. Was jedoch nur wenige wissen: Etwa sechs von hundert normalgewichtigen und bis zu vierzig von hundert übergewichtigen Kindern haben regelmässig Anfälle von übermässigem und unkontrolliertem Essen, «Essanfallsstörung» oder auch «Binge-Eating-Störung (BES)» genannt. Es ist die häufigste Essstörung und tritt auch bei rund vier bis fünf pro hundert Erwachsenen auf. Die BES ist eine schwerwiegende, aber behandelbare Störung. Das folgende Beispiel aus der Praxis (Name geändert) zeigt, wie sich eine solche Störung entwickeln kann und welche Möglichkeiten zur Behandlung es gibt.

Seit einiger Zeit geht die 10-jährige Eva nicht mehr gerne zur Schule und ist oft reizbar. Sie verkriecht sich in ihrem Zimmer und will allein sein. Die Eltern sind beunruhigt und beschliessen, mit der Lehrerin Kontakt aufzunehmen. Von ihr erfahren sie, dass Eva seit ein paar Wochen oft geärgert und ausgelacht wird. Die Lehrerin vermutet, dass die Hänseleien etwas mit dem Gewicht des Mädchens zu tun haben und damit, dass sie mit körperlichen Aktivitäten Mühe hat. Eva war zwar immer schon etwas «pummelig», aber in letzter Zeit hatte sich das verstärkt.

Die Eltern sprechen mit ihrer Tochter und möchten mehr über ihre Schwierigkeiten und die Gewichtszunahme erfahren. Eva wird wütend und zieht sich in ihr Zimmer zurück. Schliesslich aber erzählt sie schluchzend, dass sie gar nicht so viel essen wolle, es aber manchmal einfach passiere, vor allem, wenn sie sich zurückgewiesen fühle. Eva erzählt auch von ihrem Versteck mit Süssigkeiten in ihrem Zimmer und dass sie heimlich isst, wenn sie traurig ist. Oft kann sie dann kaum mehr aufhören damit und hat danach ein schlechtes Gewissen. Ständig sucht sie irgendwo etwas Essbares und schämt sich dafür.

Eva leidet unter einer «Binge-Eating Störung (BES)». Das Hauptmerkmal dieser Störung besteht in Essanfällen, die vom Betroffenen nicht kontrolliert werden können. Im Unterschied zur Bulimia Nervosa versucht das Kind danach nicht, die Kalorien durch exzessiven Sport oder Fasten loszuwerden. Deshalb nehmen betroffene Kinder zu und leiden häufig unter teils krankhaftem Übergewicht (Adipositas). Vordergründig leiden sie vor allem unter ihrem Gewicht und den Hänseleien, weshalb die Notwendigkeit der Behandlung der BES erst spät oder gar nicht erkannt wird.

Menschen mit einer BES haben eine beeinträchtigte Regulation der Hunger- und Sättigungsgefühle und Grübeln ständig über Nahrung und ihre Figur nach. Das ist ein Teufelskreis: Häufig werden sie wegen ihres Gewichts ausgelacht, was sich negativ auf den Selbstwert und das Körperbild auswirkt. Dies führt zu unkontrollierten Essanfällen, was wiederum die psychische Befindlichkeit beeinträchtigt. Oft kommt es mit der Zeit zu weiteren psychischen Störungen.

Viele Kinder mit BES haben Schwierigkeiten, mit belastenden Gefühlen umzugehen. Sie greifen auf Strategien wie Rückzug, Selbstabwertung oder auch aggressives Verhalten zurück, auch bei zwischenmenschlichen Schwierigkeiten. Obwohl Eva nicht will, so steuert doch der starke Drang zu essen ihr Verhalten. Einige Kinder zeigen diese Impulsregulationsstörungen auch in anderen Bereichen, wie in der Schule oder zu Hause. Eine entsprechende Behandlung ist daher für sie enorm wichtig. Da Eltern die wichtigsten Rollenmodelle ihrer Kinder sind, sollten sie unbedingt mit einbezogen werden.

Im Rahmen einer psychologischen Behandlung lernt Eva nun, mit der Hilfe eines Tagebuchs, Zusammenhänge zwischen ihrem Essverhalten, ihren Gefühlen und Gedanken zu erkennen. Sie lernt, wie sie sich ablenken oder abreagieren kann, wenn der Drang zu essen auftritt. Am wichtigsten ist jedoch, dass Eva mit ihren Eltern herausfindet, wie sie sich gegen Hänseleien wehren kann. Im Rollenspiel übt sie geeignete Vorgehensweisen ein. Erst wenn Eva das anfallsartige Essen selbst regulieren kann, wird ein gemeinsames Ziel zur Gewichtsstabilisierung definiert.

Am Zentrum für Psychotherapie des Departements für Psychologie (Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie) an der Universität Fribourg werden regelmässig Behandlungen für Kinder mit BES und ihre Eltern angeboten.

munsch100*Simone Munsch ist Ordinaria am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Fribourg und Mitautorin des Buches: «Binge Eating bei Kindern» Behandlungsempfehlungen, erschienen im Verlag Beltz & Gelberg.

wyssen100*Andrea Wyssen ist Doktorandin und Assistentin am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Fribourg.

Der letzte Schrei: Schreienlassen

Mamablog-Redaktion am Freitag den 11. Mai 2012

Eine Carte Blanche von Ines Vogel*.

Mamablog

(Bild: Flickr/sdminor81)

Mein Baby weint. Es liegt in meinen Armen und brüllt sich die Seele aus dem Leib. Es spannt seinen kleinen heissen Körper an und streckt seinen puterroten Kopf in den Nacken. Auf Nase und Oberlippe glänzen Schweissperlen. Sein Atem stockt, dann schreit es noch lauter. «Hilf mir doch endlich!», scheint es zu brüllen. Doch ich halte es, sehe ihm in die panischen Augen, und tue: nichts.

So soll ich das machen, hat die Kursleiterin gesagt. Ich bin mit meiner elf Wochen alten Tochter in einer PEKiP-Stunde. Das so genannte Prager Eltern-Kind-Programm bietet Bewegungsanregungen für Babys im ersten Lebensjahr. Wir sind zum ersten Mal da.

Normalerweise nehme ich die Kleine an meine Schulter, wenn sie weint. Ich tröste, singe, trage sie herum – das beruhigt sie. Doch die Kursleiterin erklärt mir, das sei ganz, ganz schlecht für ihre Entwicklung. Ich soll mein Baby «ausschreien» lassen. Nicht, um die Lungen zu stärken, sondern die Emotionsfähigkeit. Ich soll es beim Weinen «liebevoll begleiten», jedoch keinesfalls trösten. Sonst blockierte ich das Kind, verböte ihm zu schreien, kappte die Kommunikation. Und mit Herumtragen würde ich gar einen hyperaktiven Zappelphilip kreieren.

Die Leiterin gibt mir ein Infoblatt. Die Idee stammt aus dem Buch «Auch kleine Kinder haben grossen Kummer» von Aletha Solter. Die schweizerisch-amerikanische Entwicklungspsychologin schreibt: «Säuglinge haben sehr grossen emotionalen Schmerz, der sich aus einer Ansammlung von stressigen Erlebnissen ergibt.» Weinen sei das «Reparaturwerkzeug» dafür. So weit, so einleuchtend. Doch weiter behauptet sie: Wenn man das Baby «liebevoll begleitete», fühle es sich sicher genug, mir seine Gefühle zu zeigen. Beim Schaukeln und Herumtragen nicht. Aha.

Die Kursleiterin fördert in der Gruppe ein exzessives Schreienlassen. Baby quäkt? – Ab in die Wiegehaltung, in die Augen starren und brüllen lassen. Der Lärmpegel ist enorm. Meine Tochter reagiert auf das Weinen der anderen und übertrumpft sie alle mit ihrem Gebrüll.

Mir tun die Ohren weh und das Herz. Was tue ich meiner Tochter an! Mir kommt dieses Schreienlassen rückschrittig und falsch vor. Oder habe ich, wie Aletha Solter schreibt, einfach eine negative Einstellung zum Weinen, weil meine Eltern mich durch Schaukeln vom Weinen abhielten? Verbiete ich meiner Tochter, ihren Kummer auszudrücken und ihren Stress abzubauen?

Meine Freundinnen mit Babys sind gespaltener Meinung. «Wenn man ein weinendes Baby nicht tröstet, lässt man es doch erst recht mit seinem Schmerz alleine,» findet die eine. Eine andere macht bei derselben Leiterin PEKiP und ist überzeugt: «Das Ausweinen tut meinem Sohn gut, er ist anschliessend entspannt.» Ein dritte sieht darin auch eine Entlastung für sich als Mutter.

Remo Largo, der renommierte Schweizer Kinderarzt, widerspricht in seinem Klassiker «Babyjahre» der Theorie von Aletha Solter entschieden. Beim unspezifischen Schreien sollen die Eltern das Baby trösten, und zwar sofort (zumindest bis zum sechsten Lebensmonat). Herumtragen sei die wirksamste Methode. Babys, denen man über ihren Kummer hinweghelfe, weinten im Schnitt weniger.

Als die Leiterin nicht schaut, nehme ich die Kleine doch an meine Schulter und wiege sie. Sie vergräbt das Gesicht an meinem Hals – und entspannt sich.

ines150x150*Ines Vogel ist freie Journalistin und Mutter einer kleinen Tochter. Bis zu deren Geburt war sie Redaktorin bei der Zeitschrift «Gesundheitstipp». Sie lebt mit ihrer Familie in Winterthur ZH.

Es braucht nicht Frauen – sondern Mutterförderung

Mamablog-Redaktion am Freitag den 4. Mai 2012

Eine Carte Blanche von Michèle Binswanger*.

SCHWEIZ CAROLINA MUELLER-MOEHL

Wenn die gesellschaftlichen Strukturen Familie und Karriere nicht von vornherein ausschliessen würden, gäbe es sicher mehr Frauen wie die Unternehmerin Carolina Müller-Möhl. (Bild: Keystone)

Ich weiss nicht genau, was unsere Justizministerin sich überlegt hat, als sie am Tag der Arbeit die Zuwanderungsfrage mit der Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie verknüpfte. Doch Frauenförderung als Einwanderungsprävention zu verkaufen, um das Migrationsthema ein bisschen zu bewirtschaften, ist in dieser Frage definitiv der falsche Weg und führt, wie sich inzwischen gezeigt hat, zu unnötigen Stellvertreterdebatten über schlecht integrierte ausländische Spitzenkräfte. Sollten denn nicht die Leute Spitzenpositionen besetzen, die am besten qualifiziert sind, ungeachtet dessen, ob es sich um einen Mann, eine Frau, einen Türken oder einen Deutschen handelt? Was direkt zur Frage führt, warum die gut ausgebildeten Schweizerinnen in den Führungsspitzen immer noch untervertreten sind. Könnte es daran liegen, dass wir uns viele Gedanken darüber machen, wie man Frauen fördert aber keine darüber, dass nicht das Geschlecht, sondern die Mutterschaft Frauen aus dem Arbeitsleben reisst? Könnte es daran liegen, dass sich viele Unternehmer sagen, die einzelne Mutter sei nicht das Problem, sondern erst die Masse der Mütter, da zu teuer?

Es gibt ein paar Tatsachen, denen wir uns stellen müssen. Frauen haben heute die gleichen Chancen im Arbeitsleben, wie die Männer. Bis sie Kinder bekommen. Ebenfalls eine Tatsache ist, dass die meisten Frauen Kinder wollen und dass dies der Grund ist, warum sie im Arbeitsleben zurückstecken. Frauen haben also die Wahl, entweder auf Kinder oder auf die Karriere zu verzichten. Wenn der Staat aber beides will, nämlich die gut qualifizierten weiblichen Arbeitskräfte und die Kinder, dann müssen die Strukturen angepasst werden – für Männer wie für Frauen. Und zwar sowohl in den Unternehmen, wie auch in den Familien. Und das heisst: vor allem in den Köpfen.

Auf diese Forderungen folgt meistens eine hoch moralische Diskussion. Dass Kinder zu haben doch etwas Wunderbares sei und man den Frauen das bitte nicht schlechtreden solle. Und man ihnen gefälligst auch nicht vorschreiben solle, wie sie ihre Mutterschaft zu leben hätten. Es ist das Kristina-Schröder-Argument: Wir sind längst emanzipiert, gebt doch endlich Ruhe. Mag sein – aber es ist nur die halbe Wahrheit.

Wirtschaftlich gesehen gibt es nämlich nur zwei Lösungen: keine Frauen mehr auszubilden, weil sich das letztlich nicht lohnt. Oder die Strukturen zu ändern und zu schauen, ob sich dann vielleicht nicht doch mehr Frauen wie Carolina Müller-Möhl oder Andrea Degen und viele andere finden, die ebenso verantwortungsbewusste Mütter wie Unternehmerinnen sind. Auch wenn ihnen das Thema zum Hals raus hängt, weil immer nur sie die Vereinbarkeitsfrage beantworten müssen – und nicht ihre Männer.

Ich behaupte, dass Frauen ihre Mutterschaft liebend gern auch anders leben würden, wenn die Rahmenbedingungen von Anfang an anders wären. Wenn Familie und Karriere sich nicht von vornherein ausschliessen würde, wenn nicht sofort als Ego-Mutter verschrien würde, wer die Kosten des Nachwuchses auf alle Beteiligten verteilen will.

Es geht eben genau nicht darum, dass es jetzt noch mehr Leistung braucht und deshalb die armen Kinder zu Hause verwaisen, sondern die Bewegung muss in beide Richtungen stattfinden. Es muss selbstverständlich werden, dass Mütter ihre Ambitionen nicht mit der Niederkunft begraben. Und ebenso muss klar werden, dass auch hochqualifizierte Väter sich um die Familie kümmern und Zeit darin investieren.

Natürlich gibt es Stimmen, die sagen, das würde nichts bringen. Das Bildungsprofil von Frauen entspreche oft nicht den Qualifikationsanforderungen jener Branchen, die dann ausländische Spitzenkräfte anheuern, sagte der Ökonom Beat Kappeler dem «Tages-Anzeiger». Als ob die Frauen von Natur aus zum Dienstleistungssektor neigen. Aber vielleicht drängen die Schweizer Frauen ja auch deshalb mehr in soziale als in ökonomische Fächer, weil die Vereinbarkeit von Beruf und Familie dort eher gegeben ist?

Will man mit Frauenförderung Ernst machen, braucht es mehr als bloss Krippenplätze. Es braucht ein gründliches Umdenken in der Wirtschaft. Es braucht Arbeitszeiten und Karrierestrukturen, die den Bedürfnissen von Familien angepasst werden. Es braucht steuerliche Anreize, damit es attraktiv wird, auch nach der Geburt im Job zu bleiben – und man den Teilzeitlohn nicht gleich wieder an Krippe und Staat abgeben muss. Es braucht einen anständigen Vaterschaftsurlaub, der Vätern ermöglicht, unter gleichen Bedingungen in ihre Vaterschaft zu starten. Darüber hinaus würde ein solcher die Frauen vom Stigma befreien, dass nur sie zum Kostenfaktor werden, wenn sie eine Familie gründen. Und vor allem braucht es die Einsicht, dass arbeitende Mütter keine Rabenmütter und Teilzeiter-Väter keine Weicheier sind.

Nicht zuletzt braucht es Ausbildungs- und Networking-Programme für Mütter, damit diese lernen, dass es viele verschiedene Wege gibt, Kind und Karriere zu vereinen. Und Zuversicht fassen, dass sie das nicht nur können, sondern ihnen das auch zusteht. Denn so lange es einfacher ist Männer zu finden, die den Frauen den Job zutrauen, als Frauen, die sich selbst einer solchen Position gewachsen fühlen, wird das nichts mit der Frauenförderung.

michele150x150 Kopie*Michèle Binswanger ist Autorin, Redaktorin, Mutter zweier Kinder und Mamabloggerin der ersten Stunde. Sie hat gerade ihr erstes Buch zusammen mit Nicole Althaus veröffentlicht: «Macho Mamas – Warum Frauen im Job mehr wollen sollen.» Nagel & Kimche, 176 Seiten, 25.90 sFR

Raus aus den Wellness-Oasen, rein in die Wildnis!

Mamablog-Redaktion am Freitag den 27. April 2012

Eine Carte Blanche von Regula Jaeger*.

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«Was machst Du eigentlich?», werde ich manchmal gefragt, wenn ich mit Kindern oder Müttern und Vätern im Wald unterwegs bin. «Ich begleite Leute hinaus in die Natur», antworte ich. Oft muss ich dann meine Geschichte erzählen. Es scheint, dass ich viele Leute mit dem, was ich tue, berühre, weil sie davon träumen, selbst etwas Ähnliches zu tun.

Ich bin damals einfach gegangen, vor fast zehn Jahren. Nach fünfundzwanzig Jahren als Coiffeuse, davon dreizehn in meinem eigenen Geschäft «Frou Frou» in Stäfa. Es war sozusagen mein Kind. Ich pflegte es und zog es gross, und als es quasi erwachsen wurde, entdeckte auch ich die Freiheit. Ich wollte etwas Neues, ganz anderes anpacken. Aber wie? – Ich musste das Geschäft verkaufen. Nur eine Schere behielt ich. Und den Kontakt zu meinen Kunden.

Als ich den Schlüssel abgab und das Auto gegen ein Generalabonnement tauschte, nahm ich mir vor, ein Jahr ohne Arbeit zu bleiben. Keine Reise, keine Kurse, kein Plan für die Zukunft. Das ist gar nicht so einfach. Bloss keine Verpflichtung eingehen, ausser der einen: Mich in die Leere stürzen, sie aushalten und sehen, was mit mir geschieht. Die Stadt mit ihren Schätzen wie Museen, Theatern und Konzerten hätte ich mir vorstellen können. Aber es ist anders gekommen.

Es zog mich aufs Land in die Wiesen und Wälder hinaus. «Veruse», wie wir als Kinder sagten. Vor allem zu Fuss. Es zog mich von meiner Haustüre weg an die Orte, die ich von meinem Geschäft von Ferne gesehen hatte, und die mir unerreichbar erschienen waren am Horizont.

Jeden Morgen fuhr ich los mit Bus oder Bahn, mit Brot und Wurst oder Käse im Rucksack und mit einer Karte. Jedes Mal, wenn ich auf einer Krete oder auf einer Anhöhe stand, entdeckte ich Neuland auf der anderen Seite, bloss einen Katzensprung weiter als das, was ich kannte – und abends hatte sich meine innere Landkarte wieder um ein Blatt erweitert.

Im Laufe eines Jahres hatte ich nicht nur das Land um Stäfa herum, sondern auch Frühling, Sommer, Herbst und Winter durchwandert. Und unversehens wusste ich, wofür ich mir den Kopf leer gemacht hatte. Ich wollte erfahren: Wie heisst diese Pflanze, wie schmeckt sie, kann man sie essen? Sind das Lerchen, die so schön singen, und was erzählen die Wolken am Himmel über das Wetter von morgen…?

Jeden Abend brachte ich geistige Schätze nach Hause, und je nachdem auch Steinpilze, wilden Thymian oder ein Stück Harz, das die Stube mit dem Duft des Waldes erfüllte. Ich lernte Dinge, wie mit nassem Holz im Regen ein Feuer zu entfachen. Meine schönsten Augenblicke ganz allein im Freien führten mich zu meinen liebsten Kindheitserlebnissen zurück.

Als die Lust auf Arbeit wieder erwachte, stellte sich die Frage, ob ich meine neuen Erfahrungen zum Beruf machen konnte. Ob genügend andere ihr Verlangen mit mir teilten, und mich aus ihren Wellnessoasen hinaus zum Wechsel in die Wildheit ihrer Kindheit begleiten. Die Antwort war «Ja!». So entstand «Wildwechsel».

Seit gut sieben Jahren kann ich nun in meinem neuen Beruf meiner Leidenschaft folgen, indem ich Menschen in die Natur begleite. Nächstes Mal, Anfang Juni, werde ich mit Mädchen mit ihren Müttern, Grossmüttern, Gotten und Tanten eine Nacht im Wald unter dem Sternenzelt übernachten. Auf so einem Nährboden wachsen Kinder im Vertrauen auf ihre eigenen Kräfte heran, und die Eltern dürfen stolz auf sie sein.

Letzthin war da wieder so ein Kind. Es hiess: «Pass auf, Regula, die Kleine ist so schusselig, da musst du mit allem rechnen.» Von wegen. Wenn ein sogenanntes ADHS-Kind ganz selbstverständlich und allein ein Feuer hütet, während die anderen neues Holz herbeibringen, wird es um einiges ruhiger und selbstbewusster heimgehen.

Im Spiel vergessen sich Kinder auch bei Regen und Sturm – oder sie spielen mit den Elementen, als wären sie darin schon immer zu Hause gewesen. Sie springen in Pfützen, sind dreckig von Kopf bis Fuss und abends zum Umfallen müde. Ein Stadtwäldchen reicht, um Glückseligkeit zu erreichen. Wann haben wir Erwachsene das letztmals so genossen? Wir suchen immer zu weit: die ideale Landschaft, die es nicht mehr gibt, die unbegrenzte, ungestörte Natur. Von den Kindern lernen wir, worauf es ankommt, wenn uns die Sehnsucht zurück ins Neuland treibt.

mbRegulaRegula Jaeger lebt in Uerikon am Zürichsee und begleitet Einzelpersonen und Gruppen in die Natur. www.wildwechsel.ch

Die Mommywars

Mamablog-Redaktion am Freitag den 20. April 2012

Eine Carte Blanche von Nicole Althaus und Michèle Binswanger.

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Wer sich als Frau gegen die traditionelle Definition des Weiblichen stemmt, wird angegriffen: Die Autorinnen Nicole Althaus und Michèle Binswanger. (Bild: Reto Oeschger)

Wer sich in der Öffentlichkeit exponiert, bietet Angriffsfläche – das gilt für beide Geschlechter. Frauen müssen jedoch zusätzlich in Kauf nehmen, dass die Kritik fast immer auch auf ihre Person, ihre Weiblichkeit, ihre Attraktivität oder ihre Intelligenz zielt. Diese Art der Kritik hat eine lange Tradition. Bereits die ersten Frauenrechtlerinnen, die im Zuge der Französischen Revolution gleiche Rechte beanspruchten, wurden von den damaligen Karikaturisten als Megären verspottet. Wer sich als Frau gegen die traditionelle Definition des Weiblichen stemmt und Geschlechterhierarchien in Frage stellt, wird als hässlich und unweiblich beschimpft. Und machthungrige Frauen sowieso.

In ihrem einflussreichen Buch «Backlash» aus dem Jahr 1991 beschrieb die US-Journalistin Susan Faludi, wie in der konservativen Reagan-Ära der Achtzigerjahre misogyne Stereotypen gegen den Feminismus in Stellung gebracht wurden: Die Medien brachten Horrorstorys über beruflich erfolgreiche Frauen, die unweigerlich an Burn-out, unfreiwilliger Kinder- und Ehelosigkeit, an Depressionen, Alkoholismus, Haarausfall oder gleich an allem zusammen litten. Heute, da eine grosse Mehrheit der Frauen berufstätig ist, hat sich der Fokus dieser Diskussion hin zu den Müttern verschoben. Es scheint, als hätten sich die ganzen konservativen Vorstellungen darüber, was eine «richtige» Frau ist und wie sie sich benehmen sollte, in unserem Ideal der guten Mutter abgelagert und, vom Feminismus unbeleckt, die Jahrzehnte überdauert.

Noch nie gingen die Vorstellungen darüber, wie eine gute Mutter zu sein hat, so weit auseinander wie heute. Noch nie wurde heftiger darüber diskutiert. Und noch nie haben Mütter sich dabei schlechter gefühlt: 425′000 Treffer bekommt, wer bei Google «Mutter und schlechtes Gewissen» eingibt. 1,5 Millionen Treffer, wer dasselbe auf Englisch eintippt. Eine gute Mutter hat nicht nur ihre Ansprüche, Bedürfnisse und Interessen ganz auf ihre Kinder auszurichten, sondern sie muss dies auch gern tun und volle Befriedigung darin finden. Aber selbst Mütter, die diesem Ideal zu entsprechen versuchen, sind vor Kritik nicht gefeit. Sie ist dann vielleicht eine gute Mutter, aber eine schlechte Frau, weil sie sich freiwillig in ein Abhängigkeitsverhältnis hineinbegeben hat und dem Mann die Rolle des Alleinernährers aufbürdet, der im Scheidungsfall für sie und die Kinder sorgen muss. Im englischen Sprachraum hat sich für den Begriff Zickenkrieg Mommywar, Mamikrieg, durchgesetzt.

Seit kurzem klagen auch Männer öffentlich, dass sie unter einem starken gesellschaftlichen Druck stehen: Auch sie werden heute unablässig dazu aufgefordert, ihren Körper zu trainieren, die richtigen Anzüge zu tragen, Karriere zu machen und trotzdem ein leidenschaftlicher Ehemann zu bleiben und ein guter Vater zu werden. Und auch ihnen ist nicht klar, wie sie das alles unter einen Hut bringen sollen. Auch Männer haben schon seit je darunter gelitten, die finanzielle Alleinverantwortung für ihre Familie zu tragen. Nur reden sie kaum darüber. Väter führen keinen Krieg darum, was ein guter Vater ist.

Gleichberechtigung zu leben ist für beide Geschlechter schwierig. Doch im Umgang mit den neuen gesellschaftlichen Forderungen könnten Männer und Frauen durchaus voneinander
lernen: Wenn wir uns darauf einigen könnten, dass Männlichkeit nicht von der Höhe des Gehaltsschecks abhängt und Weiblichkeit sich nicht in der Mutterrolle erschöpft, sondern dass Frauen wie Männer gleichermassen fähig sind, für ihre Familie Geld zu verdienen und für ein Kind zu sorgen und es zu erziehen, wären wir schon einen grossen Schritt weiter.

Macho MamasDies ist ein Ausschnitt aus dem neuen Buch von Nicole Althaus und Michèle Binswanger: «Macho-Mamas. Warum Mütter im Job mehr wollen sollen». Nagel & Kimche Verlag, Zürich. 176 Seiten.