
Prototyp Mutter, die heilige Junfrau Maria, das neue Feindbild. Aber ist es wirklich nötig, dass Mütter und kinderlose Frauen sich in einem neuen ideologischen Kleinkrieg zerfleischen?
Hurra, wir haben ein neues Feindbild. Genährt wird es durch kleine Worte, die, wie gestern an dieser Stelle zu erfahren war, zuweilen gewaltige Wirkung entfalten können. Das gilt auch für Texte, wie jener der Autorin Bettina Weber eindrücklich bewies. Mit ihrem fies aber durchaus Regelkonform auf die Mutter gespielten Rundumschlag, hat Weber eine Flut von Kommentaren ausgelöst, die ihre These bestätigten. Der Nuggigraben existiert, so war aus den Kommentaren zu lesen, ja, da draussen scheint ein Krieg zu toben, dessen Front mitten durch das weibliche Geschlecht läuft. «Danke! Endlich redet eine Klartext!», jubelte das eine Lager. «Skandal! Mütter werden pauschal diffamiert!», brüllte es aus den andern Schützengräben.
Ich finde das einigermassen erstaunlich. Als Mutter und Frau habe ich den Text mit Interesse gelesen: Mütter sind also alles hinterhältige Glucken, das neue Feindbild? Interessanter Dreh, dachte ich, spülte das Geschirr und ging zur Arbeit. Und jetzt müsste man behaupten: kinderlose Frauen, alles Schlampen. Aber das ist natürlich Schwachsinn.
In der Multioptionsgesellschaft, wo Glück als individuelle Leistung verstanden wird, stehen alle, Kinderlose und Mütter, unter demselben Stress zu beweisen, dass sie die richtige Option gewählt haben, dass sie glücklich sind. In der Kinderfrage geht es zudem um einen einigermassen umfassenden Lebensentwurf, weshalb es hier zu einem gewissen Konkurrenzverhalten kommt.
Allerdings scheint mir das eher von der kinderlosen Gesellschaft auszugehen, die sich von jener plötzlich auftauchenden, fremden Spezies Familie bedrängt sieht, die sie nicht versteht. Sie sehen anders aus, reden über andere Dinge, sind fremd und damit suspekt. Und was tut der verunsicherte Kinderlose? Er reagiert aggressiv, macht daraus eine Territorialfrage (Kinderwagen verstopfen unser Tram) und eine moralische Frage (sie halten sich für was Besseres).
Ich persönlich kenne keine Mütter näher, die Frauen ohne Kinder missbilligen und ich möchte auch keine kennen lernen. Hingegen bin ich vertraut mit dem Phänomen der Frau Mitte dreissig, die zunehmend gereizt auf das Thema reagiert, sowohl auf einem gesellschaftlichen wie auf einem persönlichen Level. Vielleicht hat es damit zu tun, dass sich Frauen in dem Alter in einer Shift befinden. Gehörten sie als kinderlose Frauen lange zur Mehrheit, werden sie nun plötzlich zu einer von Müttern umzingelten Minderheit. Bis zur Menopause Mitte vierzig sind gerade noch etwas weniger als dreissig Prozent der Frauen kinderlos. Dieser Umstand entspricht heutzutage dank der Pille in den meisten Fällen einem bewussten Entscheid, was wohl zur ideologischen Verschärfung der Sachlage beiträgt.
Aber ist das nötig? Mutieren Frauen mit der Mutterschaft automatisch zu missgünstigen, arroganten Wesen? Gewisse Beobachtungen Webers treffen tatsächlich zu. Ja, die Erfahrung der Mutterschaft ist total und ja, einige Frauen lassen sich davon völlig vereinnahmen. Das wiederum kann zu dramatischen Veränderungen im Freundeskreis führen. Und ja, es mag auch missgünstige Mütter geben, genauso wie es aller Arten seltsame Menschen gibt. Aber das scheint mir kein ideologisches, sondern ein individuelles Problem zu sein. Wenn man sich mässig für Babytalk interessiert, sollte man ein anderes Thema suchen. Wenn sich die andere für kein anderes Thema interessiert, sollte man sich eine andere Freundin suchen.
Auf der anderen Seite kann ich nicht verstehen, warum die Frage nach Kindern ein solcher Affront sein soll. Mütter interessieren sich nun mal dafür, wie andere Frauen sich zur Frage stellen – wieso wird dahinter sofort moralische Missbilligung vermutet? Irgendwie habe ich den Verdacht, dass es hier gar nicht so sehr um die Frage Mütter/Kinderfreie geht, sondern um jene Empfindlichkeitskultur, die sich überall Bahn bricht. Statt nach individuellen Lösungen für seine Probleme zu suchen, stilisiert man sie zu allgemeinen Übeln hoch und sucht den Fehler bei den andern.
Man könnte auch sagen, dass dies alles in allem ein erfreuliches Zeichen ist, denn der Konflikt zeigt, dass die Wahlfreiheit für Frauen für oder gegen Kinder gegeben ist. Wenn aber genau diese Freiheit der Wahl dazu führt, dass Frauen nun ihre ihre Energien in den moralischen Kleinkrieg um die Frage stecken, welcher Lebensentwurf der richtige ist, dann ist das doch einigermassen ernüchternd.


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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Unglaublich, wieso kann Frau nicht einfach Frau und Mutter sein, ohne dass alles und jedes das sie tut, setziert, ins feinste Stäubchen kritisiert und auf die Goldwage gelget wird? Währendessen Mann die Welt beherrscht und zerstört. Darüber regt sich selten einer auf.
Europäische Männer werden bestimmt nicht wegen der Feminisierung unfruchtbar, sondern eher wegen unsere unnatürlichen und von umweltgiften belastetetn Lebensweise! Zudem existiert die Feminisierung in meinen Augen gar nicht wirklich, wir leben weder in einer speziell weiblichen noch männlichen Welt sondern grundsätzlich in einer sehr kranken Welt! Fernab von gesunder Natürlichkeit. (Dafür ist jeder gleich verantwortlich!) Wäre dies nämlich nicht so, würde man sich nicht über das Natürlichste der Welt wie das Muttersein so hohl unterhalten. Weder Mann ist Mann noch Frau ist Frau. Frau ist Püppchen oder Karierretussi und Mann ist Macho oder profitkranker Junkie. Ich wette, die Urmenschen waren emanzipierter als wir heute, und zwar Mann wie Frau. Emanzipation funktioniert nur wenn beide sich weiterentwickeln.
Emanzipation ist nach wie vor weder passiert noch verstanden worden. Wir habens uns eher davon weg bewegt im Zeitrahmen der Urmenschen bis heute gemessen, tief davon abgetriftet. Würde ums Muttersein nicht so ein unnatürliches Tamtam gemacht werden und der Vater auch miteinbezogen werden, würden auch die Kinderlosen ihren Frieden haben, und umgekehrt. Dieses ewige Geschlechterthema ist so überdrüssig. Ich finde, wir könnten schon so weit sein, dass wir harmonisch und jeder mit sich selber und dem anderen im Reinen leben könnte, wo Toleranz gross geschrieben wird, leben und leben lassen, Und zwar auf beiden Seiten! Zwischen Frau und Mann, und zwischen Kinderlosen und Eltern, zwischen den Religionen den Pinguinen, Eisbären, Schockowaffeln und Vanillepuddings. Aber irgendwie ist der Mensch als Masse ziemlich schwerfällig. Vorher schaffen es wohl eher ein Gummibärchen und einen Bananaspilt mit einem humanen natürlichen Umgang untereinander(-;