Leben


Susanne Taverna am Sonntag den 20. Mai 2012

Provinzleben: Ja, gerne!

Über dem Nebel zu wohnen, macht gute Laune: Ein junger Mann posiert im Engadin vor einem Steinbockgeweih, 2006. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

Da mein Partner selber Stadtzürcher ist, kenn ich all die hämischen Kommentare nur zu gut, was denn das für eine Idee ist, in Chur oben zu leben. Ich für meinen Teil, aufgewachsen in den Suburbs, kann da nur einen Hochgesang auf die Provinz anstimmen. Hier zu leben bringt unglaublich viele Vorteile, der einzige Nachteil: Es gibt ein zu wenig breit gefächertes Jobangebot. Darum gehört für viele Pendeln zum Alltag. Doch das Positive überwiegt diesen Aufwand bei weitem. Fangen wir mal beim Praktischen an.

  • Ich bin schwanger und suche einen Krippenplatz. Im vierten Monat mach ich ein Telefonat und geh mir die Krippe anschauen. Sieht toll aus, ich melde das Ungeborene an und kann mir die Tage aussuchen. Im Sommer möchte ich gerne auf einen anderen Tag switchen: Kein Problem!
  • Die Kinderzulage beträgt im Kanton Graubünden 20 Franken im Monat mehr als etwa in Zürich. Nicht schlecht, oder?
  • Der Weg zum Frauenspital beträgt allerhöchstens 20 Minuten. Inklusive Stossverkehr. Für Schwangere ein Umstand, der ziemlich zur Sicherheit in den letzten Tagen der Schwangerschaft beiträgt.
  • Im Herbst oder Winter, wann immer der Sohnemann zu sprechen beliebt, wird er mich fragen «Du Mami, was ist das eigentlich für eine graue Wand da bei Landquart?» «Das ist Nebel», werd ich ihm dann sagen. Dort unten ist die Zwischenwelt, wo im Winter alles grau und düster ist, während wir hier Sonnencrème auftragen müssen.

    Mädchen pflücken in Safien Alpenrosen. (Keystone)

  • Wenige Schritte von unserer Wohnung entfernt geht das Brambrüeschbähnli auf  den Churer Hausberg. Bereits als kleines Baby ist der Sohn da jeweils mit uns in die Höhe gegangen, mit dem Schlitten in den Schnee. In wenigen Jahren wird er dort seine ersten Skifahrversuche machen, einfach so, an einem Nachmittag zum Beispiel.
  • Ich hab noch kein einziges Mal meinen Kinderwagen in ein Verkehrsmittel hieven müssen. In Chur selber kann ich alles per Pedes machen, hab den Bus noch nicht ein Mal gebraucht und mein Sohn ist bereits Allwetterfest.
  • Mein Kind wird wissen, dass die Milch nicht vom Tetrapak kommt, sondern von der Kuh. Und nicht nur das, er wird Kühe bereits gestreichelt haben und sich vielleicht sogar bei ihnen bedankt haben für die Nahrung.
  • Wenn wir schon bei den Tieren sind: Mein Sohn wird die Steinböcke in der Calanda-Wand über dem Rhein kennen, Murmeltiere und Hirsche ohne Schranken gesehen haben und er wird ebenso wie seine Mama damals, mit vor Staunen offenem Mund da stehen, wenn er erstmals einen kapitalen Hirschstier mit Bruch im Äser im Gras liegen sieht. Das Verständnis, dass das Fleisch nicht in der Metzgerei produziert wird, sondern von lebenden Tieren kommt, wird ihn auf seinem Weg begleiten.
  • In Sachen In-Mütter: In Chur wird auf dem Spielplatz kein Blick auf die Wagenmarke oder die Kleidung der Kids verschwendet. Hier zählt noch die Person, begeisterte Besucher aus Zürich können es fast nicht glauben, dass wir kein Vermögen ausgeben müssen für Kleidung und Accessoires.
  • Das Wichtigste überhaupt: Mein Sohn wird Bündnerdialekt sprechen. Das wird ihm viele Türen und Herzen öffnen, auf allen Ebenen.

Darum bleibt hier nur zu sagen: Viva la Grischa!

Mamablog-Redaktion am Freitag den 18. Mai 2012

Essen, Essen, Essen – wenn aus Hunger Anfälle werden

Eine Carte Blanche Prof. Dr. Simone Munsch und Andrea Wyssen*.

mama1

Auch normalgewichtige Kinder können eine Essstörung haben: Ein Mädchen isst vor dem Fernseher.

Dass mittlerweile rund jedes fünfte Kind übergewichtig ist, ist eine bekannte Tatsache. Was jedoch nur wenige wissen: Etwa sechs von hundert normalgewichtigen und bis zu vierzig von hundert übergewichtigen Kindern haben regelmässig Anfälle von übermässigem und unkontrolliertem Essen, «Essanfallsstörung» oder auch «Binge-Eating-Störung (BES)» genannt. Es ist die häufigste Essstörung und tritt auch bei rund vier bis fünf pro hundert Erwachsenen auf. Die BES ist eine schwerwiegende, aber behandelbare Störung. Das folgende Beispiel aus der Praxis (Name geändert) zeigt, wie sich eine solche Störung entwickeln kann und welche Möglichkeiten zur Behandlung es gibt.

Seit einiger Zeit geht die 10-jährige Eva nicht mehr gerne zur Schule und ist oft reizbar. Sie verkriecht sich in ihrem Zimmer und will allein sein. Die Eltern sind beunruhigt und beschliessen, mit der Lehrerin Kontakt aufzunehmen. Von ihr erfahren sie, dass Eva seit ein paar Wochen oft geärgert und ausgelacht wird. Die Lehrerin vermutet, dass die Hänseleien etwas mit dem Gewicht des Mädchens zu tun haben und damit, dass sie mit körperlichen Aktivitäten Mühe hat. Eva war zwar immer schon etwas «pummelig», aber in letzter Zeit hatte sich das verstärkt.

Die Eltern sprechen mit ihrer Tochter und möchten mehr über ihre Schwierigkeiten und die Gewichtszunahme erfahren. Eva wird wütend und zieht sich in ihr Zimmer zurück. Schliesslich aber erzählt sie schluchzend, dass sie gar nicht so viel essen wolle, es aber manchmal einfach passiere, vor allem, wenn sie sich zurückgewiesen fühle. Eva erzählt auch von ihrem Versteck mit Süssigkeiten in ihrem Zimmer und dass sie heimlich isst, wenn sie traurig ist. Oft kann sie dann kaum mehr aufhören damit und hat danach ein schlechtes Gewissen. Ständig sucht sie irgendwo etwas Essbares und schämt sich dafür.

Eva leidet unter einer «Binge-Eating Störung (BES)». Das Hauptmerkmal dieser Störung besteht in Essanfällen, die vom Betroffenen nicht kontrolliert werden können. Im Unterschied zur Bulimia Nervosa versucht das Kind danach nicht, die Kalorien durch exzessiven Sport oder Fasten loszuwerden. Deshalb nehmen betroffene Kinder zu und leiden häufig unter teils krankhaftem Übergewicht (Adipositas). Vordergründig leiden sie vor allem unter ihrem Gewicht und den Hänseleien, weshalb die Notwendigkeit der Behandlung der BES erst spät oder gar nicht erkannt wird.

Menschen mit einer BES haben eine beeinträchtigte Regulation der Hunger- und Sättigungsgefühle und Grübeln ständig über Nahrung und ihre Figur nach. Das ist ein Teufelskreis: Häufig werden sie wegen ihres Gewichts ausgelacht, was sich negativ auf den Selbstwert und das Körperbild auswirkt. Dies führt zu unkontrollierten Essanfällen, was wiederum die psychische Befindlichkeit beeinträchtigt. Oft kommt es mit der Zeit zu weiteren psychischen Störungen.

Viele Kinder mit BES haben Schwierigkeiten, mit belastenden Gefühlen umzugehen. Sie greifen auf Strategien wie Rückzug, Selbstabwertung oder auch aggressives Verhalten zurück, auch bei zwischenmenschlichen Schwierigkeiten. Obwohl Eva nicht will, so steuert doch der starke Drang zu essen ihr Verhalten. Einige Kinder zeigen diese Impulsregulationsstörungen auch in anderen Bereichen, wie in der Schule oder zu Hause. Eine entsprechende Behandlung ist daher für sie enorm wichtig. Da Eltern die wichtigsten Rollenmodelle ihrer Kinder sind, sollten sie unbedingt mit einbezogen werden.

Im Rahmen einer psychologischen Behandlung lernt Eva nun, mit der Hilfe eines Tagebuchs, Zusammenhänge zwischen ihrem Essverhalten, ihren Gefühlen und Gedanken zu erkennen. Sie lernt, wie sie sich ablenken oder abreagieren kann, wenn der Drang zu essen auftritt. Am wichtigsten ist jedoch, dass Eva mit ihren Eltern herausfindet, wie sie sich gegen Hänseleien wehren kann. Im Rollenspiel übt sie geeignete Vorgehensweisen ein. Erst wenn Eva das anfallsartige Essen selbst regulieren kann, wird ein gemeinsames Ziel zur Gewichtsstabilisierung definiert.

Am Zentrum für Psychotherapie des Departements für Psychologie (Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie) an der Universität Fribourg werden regelmässig Behandlungen für Kinder mit BES und ihre Eltern angeboten.

munsch100*Simone Munsch ist Ordinaria am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Fribourg und Mitautorin des Buches: «Binge Eating bei Kindern» Behandlungsempfehlungen, erschienen im Verlag Beltz & Gelberg.

wyssen100*Andrea Wyssen ist Doktorandin und Assistentin am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Fribourg.

Mamablog-Redaktion am Donnerstag den 17. Mai 2012

Völlig losgelöst

Liebe Leserinnen und Leser

Heute ist Auffahrt. Damit Sie nicht auf dem Trockenen sitzen, gibt es eine Bildstrecke, die zum Feiertag passt. Viel Vergnügen!

Morgen Freitag geht es im Mamablog wieder weiter. Bis gleich. Die Redaktion.

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 16. Mai 2012

Huere Siech, wir haben ja ein Kind!

Ein Papablog von Rinaldo Dieziger.

Mamablog

Wie reagieren wir richtig auf Beleidigungen unserer Kinder? Zwei Mädchen tun ihre Meinung kund. (Bild: Flickr/edenpictures)

Von all den Versli, mit denen man als kleines Kind so aufwächst, ist mir eines bis heute gelieben. Ein verbotenes. Es stammt aus dem grünen Buch, das in Vaters Bibliothek neben den Fotoalben lag. Heimlich habe ich es rezitiert: «De Pfarrer vo Genf, de badet im Senf. Do chunnt es Krokodil und bisst en is Ventil.»

Ja, damals gab es noch keine Ventilklausel und auch noch nicht die Sendung von Läster-Frank Baumann. Für uns waren die Fakten genauso explosiv: ein Krokodil, ein Pfarrer und sein Pimmel – eine Bestie, Religion und Sex. Es war mein Einstieg in ein verborgenes Vokabular, das ich noch ausbauen sollte. In der Primarschule gaben wir die neu entdeckte Poesie im Versteckten an die Kameraden weiter: «In der Nacht, in der Nacht, wenn der Busenhalter kracht und der Seckel explodiert.»

U huere geil war das. Fluchwörter haben etwas Befreiendes. Und eine ungemein positive Kraft. Dampf ablassen tut verdammt gut. Auch der heutigen Jugend (welch grosse Schublade). Selbst wenn sich die Tonalität in den Augen mancher Eltern dramatisch verschärft haben mag. Der «dumme Sürmu» hat sich auch in Bern zu einem «verfiggten Wixer» gemogelt. Wohlwollende Sonntagsväter kaufen ihren Söhnen in der Badi das falsche Glacé: «Bisch es Arschloch». Lena (häufigster Vorname 2010) im rosa Kleidchen verflucht im Tram 14 das Schwesterherz, das ihre Maltesers nicht teilen mag: «Gib mer etz au eis, du verdammti Sau!»

Genau, wir verziehen möglichst keine Miene. Das motiviert die Kleinen ja bloss, einen Gang höher zu schalten. Stattdessen geben wir die Losung der Kleinkindpsychologen zum Besten: «Das ist kein nettes Wort, das sagt man nicht.» Oder: «So kannst du mit deinen Freunden reden, aber nicht zu Hause.» Oder wir kontern mit einem anderen aufregenden Wort? Gemäss Babycenter.ch sollen «Abrakadabra» und «Diedeldumdei» gut funktionieren. Bullenscheisse! Oder bewahren Sie wirklich ruhig Blut, wenn Ihr Kind den Nachbarsjungen mit «Jugo» oder «Möngi» betitelt und nach dem weihnächtlichen Flötensolo kichert: «Grosami, du bisch e blödi Fotze!»

Wohl kaum. Wie reagieren wir richtig auf Beleidigungen unserer Kinder und diskriminierende Kraftwörter? Wie viele Emotionen zeigen wir? Und wenn die Vorbildfunktion versagt? Was, wenn uns selbst ein «Tami» oder «Fuck» herausrutscht?

Richten wir dann daheim eine Schublade ein, in die wir alle bösen Wörter versorgen? Oder definieren wir täglich einen Slot von fünf Minuten, in denen alle fluchen dürfen? Was für ein verschissenes Rezept haben Sie?

rinaldoRinaldo Dieziger (36) ist Gründer und Geschäftsführer von Supertext, der ersten Textagentur im Internet. Er ist letztes Jahr Papa einer Tochter geworden und lebt mit seiner Familie in der Stadt Zürich.

Andrea Fischer am Dienstag den 15. Mai 2012

Ein Seitensprung zum Muttertag

mamablog

Lust auf Sex, nur nicht mit dem eigenen Ehemann: Jack Nicholson und Jessica Lange in «The Postman Always Rings Twice» (1981). (Bild: MGM)

Laut einer schön pünktlich zu Muttertag veröffentlichten Erhebung eines Fremdgehportals, sollen sich 70 Prozent der Mütter Sex zum Muttertag gewünscht haben, allerdings nicht mit dem eigenen Mann. Solche Umfragen und Studien zum Thema Sex und Ehe gibt’s zwar mittlerweile wie Sand am Meer. Aber Paare mit Sexfrust ja schliesslich auch. Passt also prima. Und verleitet zu einer kleinen Visualisierungsübung.

Zum Beispiel beim Spaziergang am See an einem sonnigen Sonntag, wie es dieser Muttertag einer war. Über sieben von zehn Müttern, die da vorbei spazieren und nett plaudern oder ihren Kindern die Glace-Resten aus den Mundwinkeln reiben, schwebt laut dem Fremdgehportal eine Denkblase mit eindeutigem Inhalt. Über Kinderwagen, Like-a-Bikes und Picknicks treibt eine gigantische Wolke aus Ballons voller anzüglicher Fantasien und verdunkelt den Familienhimmel. Unter dieser Decke trotten nichtsahnend liebe Kerle, lustige, langweilige und auch ein paar blöde. (Ihre Gedankenblasen lassen wir für heute mal weg.) Und sie sehen weder die Blase über dem Kopf ihrer Frauen, noch kommen sie darin vor.

Was so drastisch und übertrieben klingt, ist nicht sonderlich seltsam. Vorausgesetzt, man kann mit biologistischen Theorien etwas anfangen. Eine davon ist die Sexy-Son-Hypothese und ist mit achtzig Jahren relativ alt und logischerweise nicht unumstritten – aber auch nicht widerlegt. Sie will erklären, warum es strunznormal oder sogar sinnvoll ist, dass die Blasen und der Typ neben der Frau nicht immer deckungsgleich sind. Sie geht davon aus, dass wir alle nur eines im Kopf haben: Nämlich unsere Gene möglichst breit in der Weltgeschichte zu streuen (seid fruchtbar und mehret euch), um einen richtig fetten genetischen Fussabdruck zu hinterlassen, bevor wir zu Kompost werden.

Für Frauen ist das Weitergeben ihres Erbgutes jedes Mal mit neun mühseligen Monaten der Schwangerschaft verbunden, bei Männern im Prinzip nur mit einer kleinen Nummer. Blöd für die Frau. Zumindest genetisch. Aber es gibt Abhilfe: Sie kann sich einen Sohn zulegen, der das Genverteilen für sie übernimmt. Nun sind aber nicht alle Männer gleich, auch wenn die armen das von uns ständig zu hören kriegen: Es gibt gnadenlos vereinfacht gesagt das testosterongesteuerte Modell «plug-her-and-leave-her» und den treusorgenden Beziehungsmann. Beide dieser Extreme haben ihre Vorteile für die Frau: Der ruchlose Lover eignet sich als Spender für Ruchlose-Lover-Gene und damit als Vater für einen Sohn, der seine Mutter genetisch verewigt. Der Ehe-Typ wiederum empfiehlt sich als Partner, um gezeugte Kinder überhaupt bis ins Erwachsenenalter durchzubringen – Voraussetzung dafür, dass sie dereinst überhaupt Gene weitergeben können.

Das Fazit dieser Hypothese: Um langfristig biologisch erfolgreich zu sein, sollte sich eine Frau von einem Testosteron-Gorilla schwängern lassen. Im Idealfall jubelt sie das Kind dann als Kuckuckskind ihrem treuen und verantwortungsvollen Ehemann unter. Solches findet ja tatsächlich immer wieder statt. Laut dem Evolutionsbiologen Axel Meyer liegen die Häufigkeiten zwischen einem halben bis zu zwölf Prozent. Das alles klingt hart und wenn man es zu Ende denkt, versteht man, warum Männer stets in Sorge waren, was die Untreue ihrer Frauen anbelangt. Schliesslich ist Vaterschaft letztlich immer etwas Ungewisses.

Klar, ist die Sexy-Son-Hypothese nur eine Theorie von vielen, ein spannendes Modell. Für den Alltag als Paar ist sie kaum von Nutzen, egal ob sie stimmt oder nicht. Zum einen sind wir nicht nur biologische Wesen, zum anderen haben wir zumindest zu weiten Teilen einen freien Willen. Aber als anregende Brille, sich die Welt ab und zu aus einer anderen Perspektive zu betrachten und die Dinge mal in einem anderen Licht zu sehen, taugt sie alleweil. Und um einmal mehr Mani Matter zu bemühen: Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, haben die sich selber zuzuschreiben.