
Über dem Nebel zu wohnen, macht gute Laune: Ein junger Mann posiert im Engadin vor einem Steinbockgeweih, 2006. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)
Da mein Partner selber Stadtzürcher ist, kenn ich all die hämischen Kommentare nur zu gut, was denn das für eine Idee ist, in Chur oben zu leben. Ich für meinen Teil, aufgewachsen in den Suburbs, kann da nur einen Hochgesang auf die Provinz anstimmen. Hier zu leben bringt unglaublich viele Vorteile, der einzige Nachteil: Es gibt ein zu wenig breit gefächertes Jobangebot. Darum gehört für viele Pendeln zum Alltag. Doch das Positive überwiegt diesen Aufwand bei weitem. Fangen wir mal beim Praktischen an.
- Ich bin schwanger und suche einen Krippenplatz. Im vierten Monat mach ich ein Telefonat und geh mir die Krippe anschauen. Sieht toll aus, ich melde das Ungeborene an und kann mir die Tage aussuchen. Im Sommer möchte ich gerne auf einen anderen Tag switchen: Kein Problem!
- Die Kinderzulage beträgt im Kanton Graubünden 20 Franken im Monat mehr als etwa in Zürich. Nicht schlecht, oder?
- Der Weg zum Frauenspital beträgt allerhöchstens 20 Minuten. Inklusive Stossverkehr. Für Schwangere ein Umstand, der ziemlich zur Sicherheit in den letzten Tagen der Schwangerschaft beiträgt.
- Im Herbst oder Winter, wann immer der Sohnemann zu sprechen beliebt, wird er mich fragen «Du Mami, was ist das eigentlich für eine graue Wand da bei Landquart?» «Das ist Nebel», werd ich ihm dann sagen. Dort unten ist die Zwischenwelt, wo im Winter alles grau und düster ist, während wir hier Sonnencrème auftragen müssen.
- Wenige Schritte von unserer Wohnung entfernt geht das Brambrüeschbähnli auf den Churer Hausberg. Bereits als kleines Baby ist der Sohn da jeweils mit uns in die Höhe gegangen, mit dem Schlitten in den Schnee. In wenigen Jahren wird er dort seine ersten Skifahrversuche machen, einfach so, an einem Nachmittag zum Beispiel.
- Ich hab noch kein einziges Mal meinen Kinderwagen in ein Verkehrsmittel hieven müssen. In Chur selber kann ich alles per Pedes machen, hab den Bus noch nicht ein Mal gebraucht und mein Sohn ist bereits Allwetterfest.
- Mein Kind wird wissen, dass die Milch nicht vom Tetrapak kommt, sondern von der Kuh. Und nicht nur das, er wird Kühe bereits gestreichelt haben und sich vielleicht sogar bei ihnen bedankt haben für die Nahrung.
- Wenn wir schon bei den Tieren sind: Mein Sohn wird die Steinböcke in der Calanda-Wand über dem Rhein kennen, Murmeltiere und Hirsche ohne Schranken gesehen haben und er wird ebenso wie seine Mama damals, mit vor Staunen offenem Mund da stehen, wenn er erstmals einen kapitalen Hirschstier mit Bruch im Äser im Gras liegen sieht. Das Verständnis, dass das Fleisch nicht in der Metzgerei produziert wird, sondern von lebenden Tieren kommt, wird ihn auf seinem Weg begleiten.
- In Sachen In-Mütter: In Chur wird auf dem Spielplatz kein Blick auf die Wagenmarke oder die Kleidung der Kids verschwendet. Hier zählt noch die Person, begeisterte Besucher aus Zürich können es fast nicht glauben, dass wir kein Vermögen ausgeben müssen für Kleidung und Accessoires.
- Das Wichtigste überhaupt: Mein Sohn wird Bündnerdialekt sprechen. Das wird ihm viele Türen und Herzen öffnen, auf allen Ebenen.
Darum bleibt hier nur zu sagen: Viva la Grischa!





*Simone Munsch ist Ordinaria am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Fribourg und Mitautorin des Buches: «
*Andrea Wyssen ist Doktorandin und Assistentin am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Fribourg.
Rinaldo Dieziger (36) ist Gründer und Geschäftsführer von Supertext, der ersten 
Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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