Leben


Michèle Binswanger am Dienstag den 16. März 2010

Das Neiden der jungen Eltern

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Ein beneidenswerter Kerl, frei von allen Bindungen: George Clooney in «Up in the Air» (2009).

Dem heutigen Blogpost muss ich eine Warnung vorausschicken. Das Thema könnte ihre emotionale Stabilität gefährden. Oder sie nerven. Aber es muss mal gesagt sein. Manchmal ödet es an, eine Familie zu haben und man fragt sich, ob die Entscheidung dafür richtig war. Mir ging es so am Samstagnachmittag. Ich stand im Zoo vor dem Schimpansenkäfig und betrachtete die Tiere dabei, wie sie sich gegenseitig mit Bananen bewarfen, dazu der Soundtrack meiner Kinder, die zu wissen verlangten, warum die Affen so komische Hintern haben. Statt einen Exkurs über die Evolutionstheorie zu halten, dachte ich an ganz andere Hintern. Jene, die jetzt gerade bei der einzigen Basler Fashionshow der Modeklasse über einen Laufsteg defilierten, behängt mit den Kreationen dieser jungen, hoffnungsvollen neuen Generation junger Modetalente. Lieber als über Schimpansen und das anstehende Zvieri hätte ich mich darüber unterhalten, welche Kollektion jetzt State of the art ist und welche nicht.

Das kam so. Jüngst rief meine schöne Freundin, Mutter und Single, mich an. Sie ist frisch verliebt in einen kinderlosen Mann, erzählte mir von einem Nachtessen mit ihm. «Wir redeten über unsere Träume, Wünsche und Pläne. Und ich musste mich zusammennehmen. Manchmal macht mich das so neidisch.» «Inwiefern?», fragte ich vorsichtig. «Er hat sein Leben, seinen Job, kann auf Reisen gehen, tun, was er will. Diese Freiheit.»

In solchen Situationen fühle ich mich jeweils wie das Ehepaar Roth aus Woody Allens «Husbands and Wives». Als ihre besten Freunde ihnen mitteilen, dass sie sich trennen wollen, wollen die Roths davon nichts hören und sind schliesslich so aus dem Häuschen, dass am Ende ihre Ehe dabei draufgeht. So geht es mir, wenn andere die Frage stellen, ob es nicht doch bessere Lebensformen als die familiäre gibt.

Also bellte ich wie ein pawlowscher Hund mein «Ja, aber!» ins Telefon und leierte etwas über die Tiefe der Erfahrung des Kinderhabens herunter und dass Freiheit eben auch nicht alles ist. Dann fragte mich meine Freundin, ob ich mit ihr zur Diplom-Modeschau der Basler Modefachklasse kommen wollte. Ich wollte, konnte aber nicht, weil ich meine Nichte zu Besuch hatte.

Neid ist kein besonders edles Gefühl und deshalb steht man auch nicht gern dazu. Besonders nicht vor sich selber. Aber es gibt ihn. Er nährt sich an der Vorstellung all der freien Menschen da draussen, die ihre Nachmittage nicht im Zoo verbringen, lange Reisen planen, sich spontan für irgendwelchen Unsinn entscheiden, und man argwöhnt, dass man in eine stupide biologische Falle getappt ist, welche die smarteren Freunde elegant umschifft haben. Als ich die wirklich hässlichen Schimpansenhintern studierte, mich dann umdrehte und der versammelten Elternschaft in ihrem gelangweilten Trott zusah, dachte ich, dass ihnen wie wahrscheinlich auch allen andern der Eltern hier die Tiefe dieser Erfahrung manchmal, nun ja, am Arsch vorbeigeht.

Abends sah ich mir den Film «Up in the Air» an. George Clooney spielt darin einen Downsizing-Experten, Prototyp des überzeugten Bindungslosen, der durchs Land jettet, aus dem Koffer lebt und Vorträge darüber hält, wie viel besser ein Leben ohne materiellen und emotionalen Ballast ist. Die Frauen um ihn missbilligen seinen Lifestyle mehrheitlich. Ausser der Geschäftsfrau Alex, die genauso selbstbewusst und smart wie er das bindungsfreie Leben zelebriert und mit der er eine unverbindliche Affäre beginnt.

Der Film hat ein paar schöne Momente. In einer Szene muss Clooney seinen zukünftigen Schwager, der in der Nacht vor der Hochzeit kalte Füsse gekriegt hat, dazu bringen, doch noch vor den Traualtar zu treten. «Ich sah schon alles vor mir, wie ich heirate, ein Haus kaufe, ein Kind kriege, dann ein zweites, Weihnachten, Thanksgiving, Schulabschluss, Enkelkinder. Ich sagte mir: das kann es doch nicht gewesen sein!», meint der Schwager. Das spricht Clooney natürlich aus dem Herzen, aber weil er den Schwager überzeugen muss, sagt er: «Sie haben recht. Aber denken Sie mal an die wichtigsten Momente in ihrem Leben. In wie vielen davon waren sie alleine?»

Das stimmt versöhnlich, denn natürlich ist der Neid auf die Kinderlosen ziemlich kindisch. Niemand, den ich kenne, möchte zurück und missen, was die eigenen Kinder ihm geben. Freiheit mag schön sein, aber neues Leben zu begleiten, ist down to earth. George Clooney überzeugt im Film übrigens nicht nur den Schwager, sondern auch sich selbst. Er realisiert, dass er Alex liebt, dass er Verbindlichkeit möchte und wartet ihr auf, um ihr das zu gestehen. Als als er vor ihrer Haustür steht, erweist sich, dass sie einen Mann und eine Familie hat. Der arme Clooney steht also alleine da, kann nicht landen und ist zu seinem Dasein in der Luft verdammt. Aber der poetischen Gerechtigkeit sei hier versichert: es gibt auch wichtige Momente im Leben, in denen man alleine ist.

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152 Kommentare zu „Das Neiden der jungen Eltern“

  1. Cara Mia sagt:

    Ach Eni, ignorier den doch. Was soll das, Männer haben dafür anderes, was hängt.

  2. max sagt:

    @Eni

    Nein, nicht schade, aber sehr lustig. Nur dass ich die Personen hier nicht blosstellen darf.

  3. suha sagt:

    Das Gefühl kenne ich gut, oft war mir “die Family” auch einfach zuviel – ein immer wiederkehrender Alptraum als meine Kinder klein waren:” ich bin an einer Mega-Party geniesse es und habe es lustig und plötzlich kommt mir in den Sinn, dass ich noch ein paar Kinder zuhause habe, die seit Tagen unversorgt sind – Schock, Angst, schlechtes Gewissen -nach Hause rennen mit letzer Kraft” – mit kleinen Kindern ist man wirklich sehr eingespannt für einige Jahre, nicht immer einfach! – jetzt wo sie gross sind und ich selber so ziemlich machen kann was ich will – endlich – geniesse ich das (die Freiheit des Alters ;-) ) – (und warte langsam auf Enkelkinder die ich wohldosiert betüteln kann)

  4. max sagt:

    @Cara Mia

    Ich habe bereits darüber geschrieben. Ich meine es nicht männerfeindlich, wenn ich mit einem anderen Mann über dessen Hängebauch rede. Ich selber habe einen Ranzen, den ich als solchen bezeichne. Aber der hängt nicht herunter. Die Frauen lachen, wenn ich von meinem Ranzen rede und eher finden sie, sie hätten schlimmeres gesehen.

    Die Frage war, ob man in der Öffentlichkeit das Wort “Hängebrust” benutzen darf.

    Konkret ging es um ein Fotomodell um die 30. Objektiv sichtbar neben einem sehr tiefen Decolleté hingen ihre Brüste 2/3 der Distanz zwischen Brustansatz bis zu Bauchnabel.

    Der Vorwurf war, ich sei frauenfeindlich und täte das Modell diffamieren.

  5. max sagt:

    @suha

    Aber der Teil ist nicht ernst gemeint?
    ” die seit Tagen unversorgt”

  6. Cara Mia sagt:

    @max: das hat nichts mit dem Thema zu tun, das interessiert mich wirklich nicht.

  7. Roland Strasser sagt:

    @Max: nun komm aber, bring die story! geschichten aus dem wahren leben!

  8. max sagt:

    @alle

    Ich setze mich jetzt vor die Glotze. Aber in den Werbepausen schaue ich vorbei. Das mit den Hängebrüsten habe ich nicht aus Jux gefragt. Es ist mir ehrlich wichtig.

  9. max sagt:

    @Roland Strasser

    Welche Geschichte, die vom Handy auf dem meine Telefonnummer gespeichert war, oder die vom Fotomodell mit den Hängebrüsten?

  10. Cara Mia sagt:

    @max: na dann, also: wenn Du erzogen worden bist, dann weisst Du, wen man wie beleidigt oder eben nicht. Über Unzulänglichkeiten im Erscheinungsbild eines andern Menschen schweigt man. Punkt. Alles andere ist oberschlechter Stil.

  11. max sagt:

    @Cara Mia

    Ok, Unzulänglichkeiten. Das wäre dann “schlechter Stil” aber nicht das gleiche wie Frauenfeindlichkeit.

    Ich habe es über ein Foto in einem Katalog gesagt, nicht persönlich zu einem anwesenden Modell.

    Der Vorwurf lautete auf Frauenfeindlichkeit, nicht auf Taktlosigkeit.

  12. max sagt:

    @Cara Mia

    Was ist eigentlich das Thema: Schimpansenhirn, Schimpansenkäfig, Schimpansenhintern?

  13. Lea sagt:

    @max. das Thema ist “das Gegenteil von Penisneid”

    Betreffend den statisch herausgeforderten Busen würde ich die hängenden Gärten der Semiramis als politisch korrekt bezeichnen.

  14. Philip sagt:

    Singles wie ich fragen sich mitte Dreissig andersrum: “Genug Geld und die Freiheit zu tun was immer man will – das kann es doch nicht gewesen sein?” Mensch wünscht sich halt immer das, was er/sie nicht hat. Aber ich halte es diesbezüglich eher mit Beverley Knight: “I shoulda woulda coulda are the last words of a fool”.

  15. Manuela S. sagt:

    @suha
    Ein anscheinend verbreitetes Traumphänomen, auch ich hatte diesen, bzw. einem dem Ihren sehr ähnlichen, Alptraum wiederkehrenderweise, kurz vor Arbeitswiedereinstieg,

    Und ja, auch ich neide gelegentlich, selten, aber wenn, dann inbrünstig.

  16. heidi reiff sagt:

    Gute Mütter, schlechte Mütter

    Ich hab etwas Mühe mit diesen Wertungen gut – schlecht. In der hochmodernen Welt ist ja fast alles möglich, Männer die sich umwandeln lassen zu Frauen und auch Kinder gebären. Wenn ich jetzt die Theorie von S. Freud ausgrabe – Penisneid – gibt es ev. bei
    der Spezies Mann ein anderer Neid – im Bauch ein Kind 9 oder 7 Monate auszutragen, das Thema Symbiose ist recht komplex, jeder Mensch entwickelt sich langsam im Fruchtwasser, die Trennung der Geburt beginnt immer mit Schnitt, Nabelschnur…….. Das Buch von Leboyer : -die sanfte Geburt hat mich echt beeindruckt- das grelle Licht im Gebärsaal kann Schäden für ein Neugeborenes verursachen, es gibt auch Mütter, die ihre Kinder im Meer gebären, scheint mir noch etwa die natürlichste Art. Das Gehirn des Menschen ist bei der Geburt nicht vollentwickelt, kein Mensch kommt als Genie auf die Welt die Chance eine sanfte Geburt, kein Mensch kann das Rad zurückdrehen, jede Geburt ist einmalig. Klonen gibts ja auch, das berühmte Schaf Dolly. Tussies die ihre Brüste verkleinern oder vergrössern lassen interessieren mich nicht, Voyeurismus lässt grüssen brrrrrrrrrrrrrrrrr. Ich schütze mich selbst, mit Religion hab ich Null und Nichts am Hut.

    Kinder die liebevoll begleitet werden schaffen es, normal mit Konflikten umzugehen, meine Grosskinder sind SELBSTBEWUSST, ich beziehe das nicht auf mich persönlich, ich habe meine Tochter nie bedrängt, ich will jetzt endlich Grossmutter werden, es ist einfach passiert. Der freie Wille, eine gute Entscheidung, frei, frei, frei, frei, frei

  17. Lea sagt:

    @heidi: ich verstehe nicht ganz was Sie uns sagen wollen.

  18. Rafael sagt:

    Die Leute haben nix richtiges zu tun heute.

  19. Roland Strasser sagt:

    @Lea: haben sie noch nie angesäuselt gebloggt? ah sie dürfen nicht, wegen der medis? :-(

  20. Lea sagt:

    worauf spielst du an, Strasser?

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