
Auch die Mütter, die zu Mörderinnen werden, tragen oft ein idealisiertes Bild des trauten Familienlebens in sich: Das Mehrfamilienhaus (rechts), in dem in der Nacht auf Heiligabend zwei siebenjährige Kinder getötet wurden, aufgenommen am Dienstag, 25. Dezember 2007, in Horgen ZH. (Bild: Keystone)
Es gibt keine schlimmere Tat als die Tötung oder brutale Misshandlung von wehrlosen Kindern. Und das traurigste daran ist: Sie hat Konjunktur. Der Mord am eigenen Nachwuchs ist zum alltäglichen Verbrechen geworden. So alltäglich, dass ein Maskulinist einen ganzen Blog mit den tragischen Fällen von Kindsmörderinnen in Deutschland füllen kann. So alltäglich, dass in der Schweiz zwischen 1980 und 2004 jedes 11. Tötungsopfer ein Kind war. Letzte Woche noch war die Tötung eines fünfjährigen Buben in einem Hotelzimmer in Winterthur das Hauptgesprächsthema. Diese Woche bereits werden zwei Fälle von Kindstötung, die vor Gericht verhandelt werden, das tragische Ereignis von letzter Woche aus dem medialen Radar verdrängen: Am Montag beurteilte das Bundesgericht das Strafmass der Mutter aus Dietikon, die 2003 ihren Freund nicht daran hinderte, das gemeinsame Kind zu Tode zu quälen. Heute, Mittwoch, steht die mutmassliche Kindsmörderin von Horgen vor dem Zürcher Geschworenengericht, die in der Nacht auf den Heiligen Abend 2007 ihre achtjährigen Zwillinge erstickt haben soll. Die Frau bestreitet die Tat.
Zwar wird Kindstötung laut Bericht der NZZ in Schweizer Kriminalstatistiken nicht ausgewiesen, doch dank der Datenbank über Schweizer Tötungsdelikte kennt man heute einige wichtige Fakten: Jedes elfte Tötungsopfer ist ein Kind im Alter bis 15 Jahre, jedes dritte Opfer ist ein Säugling, 9 von 10 Tötungsdelikte werden innerhalb der Familie begangen, zu 94 Prozent ist ein Elternteil Täter, in der klaren Mehrheit (63 Prozent) wird die Mutter zur Mörderin.
Damit unterscheidet sich der Kindsmord stark von allen anderen Morden, wo nur 10 Prozent auf das Konto einer Täterin gehen. Dass Kindsmörderinnen häufiger sind als Kindsmörder, gilt auch für Deutschland und Amerika, ja wahrscheinlich für die meisten Länder. Eine Tatsache, die in den letzten Jahren von Männer- und Vätergruppen gerne als Beweis dafür genommen wird, dass es falsch sei, den Frauen automatisch die engere und damit schützendere Verbindung zu unterstellen. Tatsächlich bröselt der hartnäckige Mythos, Mutterliebe sei eine naturgegebene Kraft, die ein Baby automatisch vor Bösem bewahrt. Am Tag der Geburt ist das Risiko eines Säuglings, von der Mutter getötet zu werden, am höchsten. Erst nach der Geburt wächst die mütterliche Bindung. Diese Erkenntnis war überfällig. Der nüchterne Blick auf mordende Mütter hilft gängige Mythen zu zerlegen.
Nur reicht es nicht, zwar das Bild der Mutter als Inkarnation des Guten zu beerdigen und dafür das Gegenstück der Monster-Mutter zu exhumieren. Die altertümliche Medea also oder die mittelalterliche Hexe. Eine Verlockung, die im Fall der Horgener Kindstötung besonders gross ist, da der zuständige Gerichtspsychiater ihr eine nur leichtgradig eingeschränkte Schuldfähigkeit attestiert. Eine Verlockung auch, weil die Frau sich offenbar zwei Liebhaber gehalten und sich damit sowieso schon von der gesellschaftlichen Vorstellung einer guten Mutter verabschiedet hatte. Zu gern möchte man den Fall einordnen und damit weit von sich schieben. Die Forschung allerdings zeigt, dass solchen Fällen weder mit der Kategorie «asoziales Milieu» noch mit der Schublade «Geisteskrank» beizukommen ist. Kindsmörderinnen kommen in den besten Kreisen vor und nur etwa 10 bis 15 Prozent der Täterinnen töten in psychischen Krisen. Die Gefühle, die Frauen in der Mutterrolle in Abgründe führen, sind sehr viel komplexer.
Vor Gericht zeigt sich dann oft das Drama von Frauen, die von der Mutterschaft eine Lösung ihrer Identitätsprobleme erwartet hatten. Sie hofften auf Nähe und Bestätigung. Und fühlten sich einsam und zurückgewiesen. Die Mutterschaft erweist sich in diesen Fällen als tragisches Missverständnis. Aus dem es kein Entrinnen gibt. Zwar müssen Väter heute sehr viel mehr leisten als früher, um als gute Väter gelabelt zu werden. Aber: Rabenväter und Gluckenvatis, Schlampenpapas und Teilzeitdaddys gibt es nicht. Die Vaterrolle kennt viele individuelle Ausgestaltungsmöglichkeiten. Zum Glück. Die Mutterrolle dagegen ist auch heute noch weniger individuelle Kür als vielmehr kollektive Pflicht. Wie kaum eine andere Rolle in dieser Gesellschaft wird sie moralisch überwacht und bewertet. Und auch die Mütter, die zu Mörderinnen werden, tragen oft ein idealisiertes Bild des trauten Familienlebens in sich.

Zeichen der Trauer am Tag nach dem Tod der Kinder in Horgen ZH.
Nicht umsonst teilen fast alle Kindsmörderinnen laut Forschung das Gefühl des radikalen Alleingelassenseins, der Entwurzelung, der Auswegslosigkeit. Auffällig häufig steht hinter der Schreckenstat die Absicht, das Kind vor etwas vermeintlich Bösem zu bewahren. Vor dem Vater. Vor einer Pflegefamilie. Vor der Vormundschaftsbehörde. Dieses Missverständnis der Mutterschaft verstehen und ergründen zu wollen, heisst nicht, die Täterinnen von der Verantwortung freizusprechen. Die Gesellschaft muss die Verantwortung bei den Mörderinnen belassen und sie angemessen bestrafen.
Aber sie sollte dafür sorgen, dass Mutterschaft nicht mehr so häufig mit Auswegslosigkeit verbunden wird. Indem sie zulässt, dass über zwiespältige Muttergefühle gesprochen wird. Indem sie postnatale Depression enttabuisiert und Mutterschaft nicht als strahlendes Schaulaufen mit Baby inszeniert. Dann nämlich wäre es für die verzweifelten Mütter am Abgrund einfacher, sich einzugestehen, dass sie am Abgrund stehen, Hilfe brauchen und sich diese auch zu suchen. Oder was denken Sie?
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Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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@Max:??? wie meinen??? ich schreibe schon, was ich will. Ob Sie ein richtiger Mann sind, kann ich auf Grund Ihres Schreibens nicht beurteilen, das zeigt sich ja nicht nur an Worten. Ich bin nicht sicher, ob richtige Männer, so wie ich sie sehe, derart viel Zeit online verbringen auf der Suche nach ein wenig Beachtung. Im übrigen mag ich mich nicht erinnern, Strasser einen Vorwurf vorgetragen zu haben, da er mich nicht wirklich interessiert.
@Brunhild
So nehme ich das auch wahr. Gut beschrieben.
@ Lehrzeit
Es war das 2. mal dass Sie mich irgend welcher rassistischen Aeusserungen verdächtigen, das 1. ml wars bei dem Thema Kondomen.
Und dass es mit der Scharia nicht so genau genommen wird sobald es um die Rechte der Frauen geht ist auch nicht auf meienm Mist gewachsen.
@ Max
Wann bitte habe ich auf Herr Strasser eingeprügelt???????????????
@ max
Vielleicht haben Sie mich jetzt mit Lea verwechselt
@Eni
Nein, Sie haben nicht auf den Roland Strasser eingeprügelt. Also, den Vorwurf mache ich nicht. Ich war eher ein bisschen überfordert, dass auf einmal die Frauen einander ***gegenseitig*** das Pauschalisieren vorwerfen. Vorher haben der Strasser und ich abwechselnd den Vorwurf abbekommen.
Ich wollte nur sagen, dass diese Dingsbums von wegen der andere täte “pauschalisieren” offensichtlich ein Selbstläufer ist und jedenfalls nichts damit zu tun hat, wer grad mitmacht.
@ Max
Habe nicht pauschalisiert, lasse mir nur nicht gerne die Worte im Mund herum drehen.
Hoffe, dass Roland Strasser sich nicht endgültig hat vertreiben lassen, die Diskussionen mit ihm waren immer sehr spannend, aber vielleicht macht er sich ja einfach ein paa schöne Tage.
@ Laura TI
Sie waren auch schon länger nicht mehr da. Sind Sie in den Ferien?
@Eni: Aha, das war mir nicht mehr in Erinnerung. Wie auch immer: es soll Friede zwischen uns sein.
@ Lehrzeit
Warum, hatten wir Streit?
Am heutigen Prozesstag noch der Gerichtspsychiater Frank Urbaniok (zitiert aus sf.tv, Tagesschau)
“Zwanghafte Ordnung und striktes Festhalten an Details prägten das Leben der 36-Jährigen, die an Weihnachten 2007 in Horgen (ZH) ihre siebenjährigen Zwillinge erstickt haben soll. Gleichzeitig engten diese Zwänge ihr Leben enorm ein. Damit verbunden sei die Tendenz, subjektiv stressige Situationen durch rigide Abbrüche aus der Welt zu schaffen.”
Sowie:
“Laut Urbaniok handelt es sich um einen aussergewöhnlichen Fall, bei dem man nicht auf Ähnliches zurückgreifen könne.”