Leben


Nicole Althaus am Dienstag den 23. Februar 2010

Das therapierte Kind

Der Balanceakt auf dem schmalen Grat der Noramlität

Der Balanceakt auf dem schmalen Grat der Normalität

Obwohl man bessere Startchancen kaum haben könnte im Leben, geht es dem Bub meiner Kollegin wie vielen anderen Kindern im Land, quer durch alle Schichten: Er bekam neben der Logopädie nun auch noch Psychomotoriklektionen verschrieben. Noch keine sechs Jahre ist er alt und schon wird er dreimal wöchentlich therapiert. Weil er den “Sch” noch nicht richtig formen kann. Noch keinen einzigen Tag lang hat er die Schulbank gedrückt und muss doch bereits  an drei von sieben Wochentagen seine Defizite aufarbeiten. Weil er im Turnen noch Koordinationsschwierigkeiten zeigt. Und Zuhause vor dem Spiegel, malt die Korrigiermühle weiter. Dreimal täglich, vor oder nach dem Zähneputzen. Schon der kleine Mensch wird gemessen und verglichen. Schon der kleine Mensch muss funktionieren.

Der Junge tut mir leid. Nicht nur weil er schon als Kindergärtler kaum mehr Zeit hat, in seinem liebevoll eingerichteten Kinderzimmer zu spielen. Er tut mir leid, weil er in einer Welt aufwächst, in der Normalität zu einem Grat geworden ist, der so schmal ist, dass man schon fast seiltänzerische Qualitäten aufbringen muss, um nicht links oder rechts davon in die Therapieauffangnetze abzustürzen. Vor allem Buben stürzen ab, wie Fachleute festhalten. Nicht weil Mädchen besser Seiltanzen, sondern weil der Grat so angelegt ist, dass er ihrer Natur entgegenkommt.

Blickt man auf die Statistik, wächst an unseren Schulen eine Generation von Kranken und Gestörten heran: 2006 wurden im Kanton Zürich  je 100 Lernende 48,6 sonderpädagogische Massnahmen durchgeführt. Jedes dritte Kind wurde also zusätzlich zur Schule speziell gefördert. Seit Jahren steigt der Anteil der Kinder, bei denen Sprech- und Sprachfehler oder psychische, sensorische oder motorische Störungen diagnostiziert werden. Bei 10 bis 11 Prozent eines Jahrgangs wird ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom festgestellt. Forscher sagen ausserdem eine Welle von Autismus- und Depressionsdiagnosen voraus, wie sie in den USA zunehmend bei Kindern gestellt werden.

Was ist passiert? Warum wurde die Normalität von der vierspurigen Autobahn auf einen schmalen Bergpfad verengt?  Liegt es am steigenden Angebot eines lukrativen Therapiemarkts, der befriedigt werden will? Ist die Verstädterung der Umgebung schuld und die Tatsache, dass man Kinder immer an der Leine nehmen muss? Oder sind wir es, die überkritischen Erwachsenen, die vor lauter Bildungsangst in unseren Kindern überall nur noch Makel sehen, die man früher nicht als solche wahrgenommen hat?

231 Kommentare zu „Das therapierte Kind“

  1. Swetlana sagt:

    Liebe @pipi & @eni
    ein freund absolvierte erfolgreich ein eth studium und ein uni-studium. und das mit einem getesteten IQ von 80…. ich glaube nicht an IQ-tests. sie können jetzt natürlich argumentieren, sie glauben nicht an die hochschulen und eth-absolventen seine eh alle joghurts, intellektuell gesehen ;-)
    Ich kann verstandesmässig nicht nachvollziehen, weshalb auf einmal hochbegabte wie pilze aus dem boden schiessen. und das ist nichts gegen eure/die kinder von denen ihr erzählt habt. für mich gibt es weder dumme noch hässliche kinder.
    ich denke, wenn man denn an iq-tests glaubt, dass die tests nicht mehr zeit-/gesellschaftsgemäss sind. es kann einfach nicht sein, dass es heute mehr hochbegabte gibt als noch vor 40 jahren oder so. interessant ist, dass sie beide @eni und @pipi von buben sprechen, die probleme haben/hatten und als hochbegabt abgestempelt wurden.. ich denke , dass die schule nicht mehr für (alle) buben gemacht ist. die probleme sind nicht in hochbegabt zu suchen, sondern sind strukturell und gesellschaftsbedingt.

  2. Eni sagt:

    @ Swetlana

    Ich weiss nicht, ob Hochbegabte wie Pilze aus dem Boden schiessen, kenne nur diesen einen und wenn er mit 5 Jahren an einem Albert-Einstein-Vortrag für Erwachsene mithalten konnte, ist es so wie es ist.

    Uebrigens: mein Grosser bringt zwar gute Noten nach Hause, ist aber Gottseidank nicht Hochbegabt

  3. Pipi Langstrumpf sagt:

    @Swetlana, ja das glaube ich eigentlich auch. Ausserdem haben sie Recht mit Ihrer Kritik an IQ-Tests. Es gibt offenbar die unterschiedlichsten Formen von Intelligenz, hier eine Wertung vorzunehmen, führt zu nichts. Ein aussagekräftiger IQ-Test müsste genauso auf den Bildungsbürger wie auf den Buschbewohner anzuwenden sein und ein objektives Ergebnis liefern, was er klar nicht ist und tut.

    Aber wenn man mittendrin im Elend steckt, nutzt das alles nichts. Mein Sohn ist inzwischen erwachsen, für mich war seine Schulzeit ein Tal der Tränen und endete in einer Erschöpfungsdepression, habe ich alles überwunden. Bin wirklich froh, dass ich da nicht mehr drinstecke.

  4. Mia sagt:

    @ Pipi Langstrumpf: Genau, ich muss aber noch mit Mia rein, Cara Mia ist nicht freigeschalten, oder mache ich was falsch???

    Laktasetabletten: die in der Schweiz erhältlichen sind problematisch, die sind in einer Dose, die dauernd ausleert, und nimm die mal diskret an einem Anlass… zudem sind sie zu niedrig dosiert und nur eine Notfallvariante. In DE gibt es hochdosierte in Blisterpackungen, die sind besser. Ich bin aber sehr “intolerant” und kann auch mit denen keine Dinge wie Milch, Rahm oder so essen. Es nützt bloss für die versteckten Milchproteine, in Bouillons etc., wenn man beispielsweise eingeladen ist. Aber wie gesagt, man lernt damit zu leben ;) .

  5. Pipi Langstrumpf sagt:

    @Mia

    Ich habe auch welche aus DE, Lactrase, die kosten einen Drittel von denen in CH. Wie heissen die Blisterpackungen?

  6. Mia sagt:

    @ Pipi Langstrumpf: Einfach “Laktase”, von Biolabor. Bestelle ich bei Frusano. Wie auch Fructosin. Es IST schweineteuer. Drum nur für auswärts…

  7. Pipi Langstrumpf sagt:

    @Mia, merci

  8. Catherine Moeller sagt:

    @ Nicole Althaus

    VIELEN DANK für diesen Artikel. Er spricht mir aus dem Herzen!!!! Unsere Normgesellschaft gibt mir nicht nur im Zusammenhang mit meinem Sohn zu denken. Schön wenn es innerhalb von Leistung, Druck, Norm und Massstäben auch noch differenzierte, tolerante und freie Menschen und Denkarten gibt.
    Catherine Moeller

  9. Swetlana sagt:

    @pipi – das tut mir leid, das zu hören. bin froh für sie, dass sie es zur vergangenheit zählen dürfen. ich kenne jemanden, bei dem endete die hochbegabung des kindes leider ganz anders.

    @eni mit dem aus dem boden schiessen, sind nicht die beispiele, die sie mir jetzt näher geschildert haben, gemeint. ich wollte niemanden zu nahe treten, der solch eine geschichte wie @pipi oder ihre freundin hat. es gibt sicher fälle wie ihre aber sicher auch solche, die unnötig pathologisiert werden. in gewissen fällen, wäre es wohl vernünftiger, keine grosse sache daraus zu machen – nicht auffallen und normal sein wollen doch kinder. wenn sie aber wegen verhaltensauffälligkeiten leiden, dann ist hilfe sicher angesagt. und natürlich beginnt man den verdacht zu hegen, dass sich alle diese neu geschaffenen stellen in den schulen, auch rechtfertigen müssen. das liegt in der natur der sache. wenn man niemanden therapieren kann, dann ist die stelle überflüssig. ist menschlich. leider.

  10. Eni sagt:

    @ Swetlana

    Natürlich weiss ich auch dass viele Eltern ihr Kind für hochbegabt erklären nur weil es in einem bestimmten Ton pupst oder mit 2 Jahren keine windeln mehr braucht, aber ich kann ja auch nur aus meinem Umfeld berichten und nicht aus der ganzen Welt

  11. Marc sagt:

    Bedenket liebe Eltern: Ritalin ist in Bezug auf Wirkstoff und Wirkung nichts weiter als Kokain. Ist auf kompendium.ch gut ersichtlich. Ich finde die Vorstellung haarsträubend, meiner kleinen mit 6 Jahren Ritalin zu futtern und ihr dann zehn Jahre später
    das Kokain zu verbieten.

  12. Pipi Langstrumpf sagt:

    @Marc

    Da muss ich widersprechen, Ritalin ist dem Kokain zwar sehr verwandt, dockt aber nicht bei den selben Rezeptoren an und macht nicht süchtig, habe ich mir von Fachleuten erklären lassen. Trotzdem verstehe und teile ich Ihre Skrupel bezüglich Ritalin, es hat genug Nebenwirkungen, die zum Teil gravierend sind wie Schlafstörungen, Appetitstörungen. Wenn die Wirkung nachlässt, treten die Symptome von ADD oft verstärkt hervor, hier die richtige Dosierung zu finden, ist die Kunst.

  13. Marc sagt:

    @Pipi Langstrumpf

    Tut mir leid, ich weiss dass dies häufig von Fachpersonen als Abschwächung angeführt wird. Ich möchte sie hier nicht mit Fachenglisch langweilen. Aber es ist nun mal so, dass Ritalin wie Kokain auch die Wiederaufnahme der “Turbobooster” unter den Hormonen (Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin) an den Rezeptoren hemmt und so die Konzentration derselben im Synaptischen Spalt erhöht.

    Auch Langzeitstudien fehlen natürlich noch vollständig.

  14. Pipi Langstrumpf sagt:

    @Marc

    Ich bin nicht Chemikerin und kann das deshalb zuwenig beurteilen. Allerdings weiss ich, dass Ritalin zu den am besten erforschten Medikamenten gehört, es wird bereits seit den dreissiger Jahren eingesetzt (Amerika). Bisher konnte keine Abhängigkeit entdeckt werden.

  15. Ich glaube, es liegt daran, dass irgendwann alle -wir und unsere Umwelt – etwas wichtiges durcheinander gebracht, nämlich: Was das “Beste” ist: Das Beste fürs Kind? Oder das beste Kind?
    Was uns Eltern höchst anfällig für Nepper, Schlepper, Bauernfänger macht. Und unsere Umwelt höchst anfällig für vermeintliche Erwartungen der Eltern.
    Es ist allerdings müßig, zu fragen, wer schuld ist. Das Beste an dieser Stelle? Uns zu helfen, da wieder rauszukommen. Und daher auch die Mama von Nebenan zu beruhigen, dass es vollkommen in Ordnung ist, wenn der Nachwuchs mit 5 Jahren zur Ergo oder mit 8 Jahren zur Logopädie befördert werden soll. Weil eben jedes Kind in der ein oder andern Form vom absoluten Mittelkurs abweicht. Weil wir nämlich alle Individuen sind! Gott sei Dank!
    PS: Mein Nachwuchs ist übrigens in einer integrativen Kindergartengruppe und ich bin heilsfroh, dass er auf diese Weise lernt, dass auch Menschen mit einer sogenannten “Behinderung” nicht nur normal sondern auch beste Freunde sind. Schade, dass es nach dem Kindergarten damit vorbei sein wird!

  16. Cara Mia sagt:

    Mir war einfach höchst unwohl dabei, meine Tochter, die ich einfach anders kannte und deren Veränderung ich mir nicht erklären konnte, mit Ritalin und Analyse therapieren zu lassen. Drum suchte ich weiter und kam auf die Fruktose. Natürlich hörte ich oft, ich wolle halt einfach nicht wahrhaben, dass sie ein psychisches Problem hat und so weiter, und ich konnte das ja auch nicht ausschliessen, aber mein Gefühl sprach eine andere Sprache. Nach drei Monaten Diät waren die “psychischen Probleme” dann wie weggeblasen und die Krankenkasse hat viel Geld gespart.

    Man braucht als Mutter manchmal wirklich eine Elefantenhaut, um all diesen Anwürfen standzuhalten und auf sein Gefühl zu vertrauen.

  17. Alberto Fonseca sagt:

    Wie Aldous Huxley schon sagte: “die Medizin hat derartige Fortschritte gemacht, dass es kaum noch gesunde Menschen gibt”. @Cara Mia: wie recht Sie haben! Aber natürlich brauchen auch Väter diese Elefantenhaut, um den Mut aufzubringen, den Therapierterroristen zu resistieren, und das zu tun, was dar Herz uns sagt.

  18. Mirjam sagt:

    ETH- und Unistudium als Sonderschüler – auch das gibts. Der Götti meines Mannes ist das beste Beispiel, dass auch “hoffnungslose Kinder” und Schulversager ihren Weg machen – dieser Weg ist halt vielleicht nicht so schnurgerade wie der Weg eines “normalen” oder sogar eines hochbegabten Kindes. Aber wenn jemand die Sonderschule besucht hat, stottert und als Schulversager gestempelt ist – es gibt immer noch solche Kinder welche dann plötzlich eine Matura machen, studieren und erfolgreich zwei Hochschulabschlüsse machen. Also: nicht verzweifeln wenn das eigene Kind nicht den Weg macht welcher erwünscht ist – es kann noch alles anders kommen.

  19. Cara Mia sagt:

    @mirjam: den mit dem schnurgeraden Weg bei Hochbegabten kannst Du umgehend wieder vergessen… In unserer Gesellschaft hat es nur der einfach, der in der breiten Masse versinken kann. Wer nicht in diese Schublade passt, leidet.

  20. Sarah Roth sagt:

    23. Februar 2010 um 11:24
    > Der deutsche Hirnforscher Manfred Spitzer hat dazu interessante Bücher geschrieben. Laut ihm sollte man kleine Kinder völlig vom Fernsehen fernhalten.

    Einen ausführlichen und sehebswerten Vortrag von Herrn Spitzer kann man auch online ansehen:

    Vorsicht Bildschirm! Die Gefahren von Computer und Fernsehen
    http://www.gesundheitlicheaufklaerung.de/vorsicht-bildschirm-die-gefahren-von-computer-und-fernsehen

    Eventuell schliesst sich dann auch der Kreis zum vermehrten Auftreten von Hochbegabungen (IQ-Test) und paralleles Auftreten von AD(S)H. Der Aufbau von IQ Tests kommt einem Bildschirm geprägten Geist nahe, das Leben abseits des Bildschirms aber ist nicht richtig erlernt worden.

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