
Dürfen sich Kinder auch im urbanen Raum verhalten wie Kinder?
In Berlin ist es nun offiziell. «Geräusche, die von Kindern ausgehen», so ist seit Mittwoch im Landes-Immissionsschutzgesetz festgeschrieben, sind «sozial adäquat und damit zumutbar.» Das ist ein erfreulicher, aber auch kurioser Entscheid. Nicht so sehr, weil die Berliner Kinder scheinbar Lärm machen und das nun offiziell auch dürfen. Sondern weil tatsächlich ein Gericht bemüht werden musste, um diese Tatsache amtlich zu machen.
Kinderlärm nervt, in dem Punkt sind sich Eltern und Kinderlose einig, auch in der Schweiz. Das ist aber auch so ziemlich der einzige Punkt, in dem sie sich einig sind. Jenseits davon klafft ein tiefer Graben, von dessen Ränder aus die beiden Parteien sich gegenseitig angiften -auch hier im Blog, wo sich ein Kommentator jüngst zu der Äusserung hinreissen liess: «Rauch- und kinderfreie Restaurants – das wäre das Paradies.» Als wären Kinder eine Art Umweltverschmutzung.
Seltsam ist, dass gerade die Stadtbevölkerung auf Emissionen von Kindern besonders empfindlich zu reagieren scheint – obschon sie ansonsten in Kauf nimmt, mit unterschiedlichsten Menschen auf relativ engem Raum zusammenzuleben und dabei Stress, Lärm und Dreck stoisch aushält. Eine Diskussion um die Nutzung des öffentlichen Raums ist selbstverständlich legitim, aber darauf beschränkt sich die urbane Idiosynkrasie nicht. Ich kenne Geschichten von Kinderkrippen, die neue Räumlichkeiten suchen müssen, weil das Kindergeschrei das Nervenkostüm der Anwohner zu sehr belastete. Auch dass Familien aus ihren Wohnungen vergrault werden, weil der Lärm ihrer Kinder den Nachbarn zu sehr zusetzt, ist keine Seltenheit. Stellt sich die Frage: Warum sind gerade Kinder für die urbane Bevölkerung eine solche Zumutung?
Vielleicht liegt es daran, dass Kinder in den Stadtzentren nur in homöopathischen Dosen vorkommen, dass vom Kinderlärm genervte Bürger mit ihrer Jugend auch jegliche Erinnerungen an ihre frühere Existenzform verloren haben. Von der sie auch nichts mehr wissen wollen, weil sie die Stadt für einen exklusiven Spielplatz nur für Erwachsene halten. Vielleicht liegt es auch daran, dass Kinder, die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft, sich ideal als Sündenböcke eignen für alles, was einen an der Gesellschaft im Allgemeinen stört.
Und ja: es gibt Eltern mit irritierenden Erziehungskonzepten, die ihre Kinder wie Godzilla durch den öffentlichen Raum stampfen und alles niederreissen lassen, weil sie meinen, die Kleinen in ihrer kreativen Entfaltung nicht behindern zu dürfen. Die denken, der Kleine hat immer recht und sei es noch so schlecht. Aber so zahlreich, wie immer behauptet wird, sind diese Eltern nicht. Gerade im Mamablog lässt sich ablesen, dass die meisten Eltern und Nichteltern ähnliche Vorstellungen richtiger Erziehung teilen und sich grundsätzlich einig sind, dass es zu den Aufgaben der Eltern gehört, ihre Kinder zu sozialverträglichen Wesen zu erziehen.
Die Frage ist nur, wie. Und ob es möglich ist, dieses Geschäft in aller Stille und Unauffälligkeit abzuwickeln, wie es sich viele Kinderlose zu wünschen scheinen. Auch guterzogene Kinder sind Kinder und keine Roboter. Sie leben im Moment, bewegen sich, interagieren mit anderen und sondern Geräusche ab. Sozialverträglichkeit ist in dieser Frage also vor allem von der Gegenseite gefordert, die immerhin den Vorteil hat zu wissen, was gute Manieren sind. Und auch mal etwas ertragen können sollte, ohne gleich selbst herumzuschreien. Und falls sie das nicht kann, hat sie immer noch die Freiheit, sich zurückzuziehen. Schliesslich sind Kinder nicht einfach ein exklusives Hobby einiger Verschrobener. Sie gehören zur Gesellschaft und haben das Recht, Kinder zu sein und sich wie Kinder zu benehmen. Eine Zumutung? Vielleicht. Aber sie ist, wie das Berliner Gericht festhielt, zumutbar.


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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@ Tanja
Ja, das sind die schlimmsten. Hatte mal eine Auseinandersetzung mit einem Nachbar der ob mir in der Attikawohnung wohnte. Die schöne Dachterasse wurde im Sommer rege benutzt für Grillpartys bis Nachts um 2 oder 3 oder 4. Habe nie reklamiert, wieso auch? Der Sommer ist jaweils kurz und mag jedem sein Vergnügen gönnen. Aber als ich mal meine Freundin mit ihrem Sohn zu besuch hatte und die kinder zu rangeln angefangen anfingen, da wars dann plötzlich nicht mehr gut. Ich dachte einfach,wenn es jamand stört würde derjenige dann schon kommen. Es war ca 22.30 als dann besagter Nachbar an meiner Türe und stauchte mich derartug zusammen, dass mir die Worte fehlten. Am morgen bin ich dann hingegangen und habe mar diesen Ton in Zukunft verbeten,ansonsten würde ich ab sofort bei ihm um 22.00h “Feierabend machen” kommen. Ab da war Ruhe.
@ Heiner Müller
Sie sind sehr ehrlich und das macht Sie Symphatisch
@ Roland Strasser
Glaube nicht, dass Heiner Müller das überheblich gemeint hat; denke er will uns damit sagen dass er es zu schätzen weiss dass es Ihm so gut geht, habe das nicht hämisch aufgefasst
@Eni: ich gönne ihm seinen status von herzen. aber auch er hat irgendwann einmal entscheidungen getroffen, eine wahlmöglichkeit gehabt, verantwortung für sein leben übernommen. wieso sollten das andere nicht auch können? stattdessen erhebt er sich über all diese und propagiert den umfassenden versorgungsstaat für das dumme volk. sowas macht mich sauer!
@ Roland Strasser
Es geht doch nicht darum, welche Wahlmöglichkeiten jemand in der Vergangenheit gehabt hat. Es geht darum, welche Wahlmöglichkeiten er oder sie jetzt hat.
Nach Ihrer Logik oder Philosophie verdient jeder, der in der Vergangenheit, vielleicht vor 10, 20 oder 30 Jahren eine Entscheidung getroffen hat, die sich in der Gegenwart nachteilig auswirkt, keine Rücksichtnahme durch den Arbeitgeber (in diesem Beispiel), denn schliesslich ist er ja selber Schuld daran, dass er jetzt nicht mehr Wahlmöglichkeiten hat, nicht einfach den Job wechseln kann.
Umfassender Versorgungsstaat nein, Rücksichtnahme ja.
@ Roland Strassser
Nein, denke nicht dass er den Versorgungsstaat propagiert sondern der arbeitenden Bevölkerung Recht zugesteht am Arbeitsplatz und da gehört auch das Recht dazu auf einen rauchfreien Arbeitsplatz auch im Gastgewerbe. Ansonsten hat ja auch Susi Aspekte geliefert die so falsch nicht sind.
Ich leibe selber im Existenzminimum (eine groosse Verbesserung gegenüber dem was ich in meiner Ehe hatte) und ich neide niemandem seinen Reichtum (habe aber öfters Probleme mit deren Ueberheblichkeit) aber wenn man mir Teilweise noch nicht mal mein Kopfweh gönnt habe ich Mühe
Ps Gemäss SUVA gibt es ja auch schon dieses “Rückenschutz-Gesetz” welches das heben von schweren Lasten verbietet.
Unglaublich, dass wegen des Kinderlärmurteils nun wieder gegen das kommende, IMO sinnvolle, Rauchverbot im Gastgewerbe getrötzlet wird. Dieses Verhalten scheint mir kindisch (sic!).
Das Kinderlärmurteil gefällt mir ebenfalls nicht. Ich bin zwar der Meinung, Kinder dürften Laut sein, aber nicht ständig und auch nicht überall. Wo und wie die Grenze meiner Ansicht nach zu fällen wäre, kann ich aber nicht allgemein definieren; da ist’s wohl nur im Einzelfall entscheidbar.
@ Eni
cc Roland Strasser
cc Heiner Müller
“Ansonsten hat ja auch Susi Aspekte geliefert die so falsch nicht sind…”
Na hören Sie mal, gute Frau, diese Aspekte sind wohl etwas mehr als nicht falsch, würde ich meinen
Mich haben die Zeilen von Heiner Müller gefreut. Es ist doch schön, dass es Unternehmer gibt, die sich für das Wohlergehen der Arbeitnehmer verantwortlich fühlen. Es gibt genug andere, welche die AHV-Beiträge nicht zahlen, die Arbeitnehmer ausnutzen, usw. Herr Müller ist ein Vorbild.
@ Susi
Ups, sorry, Sie haben mich falsch verstanden. Habe mit “so falsch nicht sind” natürlich gemeint dass Ihre Aspekte eben richtig sind. War wohl ein Missverständnis.
Habe selber vor vielen Jahren eine falsche Wahl getroffen, wofür ich noch jeden Tag büssen muss und finde das nicht immer lustig, aber besser als vorher ist es alleweil.
Mit dem Kommentar von Heiner Müller sind wir uns ebenfalls einig, gibt genug schlechte Beispiele die leider nicht so wie er denken und handeln
Vielleicht reagieren Menschen aus evolutionsbedingten Gründen empfindlicher auf Kinderlärm? Oder einfach weil der Kinderlärm selten eine gleichmässige Geräuschekulisse darstellt, wie z. B. der Lärm einer naheliegenden Autobahn oder einer Menschenmenge. Kommt dazu, dass Kinder ausserhalb eines Pausenhofes in kleineren Gruppen anzutreffen sind, welche gar keine gleichmässigen Geräuschekulissen entstehen lassen können.
Eigentlich ist es ja traurig, dass “Kinderlärm” gesetzlich geschützt werden muss, aber offensichtlich ist es leider nötig. Ich als zweifache Mutter bin froh, dass mit diesem Urteil ein Exempel statuiert worden ist. Kinder gehören zur Gesellschaft. Kinder dürfen laut sein, Kinder dürfen singen, schreien, spielen – und Kinder sein. In der heutigen Gesellschaft ist das Kinderhaben leider zu einem finanziellen Luxus und einer finanziellen Belastung geworden. Als Mutter wird man scharf beäugt. Geht sie nebenbei arbeiten, ist sie eine herzlose Emanze, eine Rabenmutter. Entscheidet sie sich dafür, nur für die Kinder da zu sein, ist sie eine “Nur-Mutter” welche sich hinter den drei “K”‘ versteckt. Kinder,Küche,Kirche… Wagt sie es, das Kind in ein Restaurant mitzunehmen heisst es: So eine Rabenmutter. Bleibt sie zuhause, fällt ihr die Decke auf den Kopf und irgendwann endet sie in einem Burnout (ist bei Müttern gar nicht so selten!). Kinder müssen heute fast unsicht- und unhörbar sein. Gerät ein Kind auf die schiefe Bahn wird unverzüglich mit dem Zeigefinger auf die Mutter gezeigt.
Es gibt ein afrikanisches Sprichwort: Für die Erziehung eines Kindes benötigt es das ganze Dorf. – und nicht nur eine Mutter – sondern die ganze Gesellschaft.
@Mirjam: Ich stimme Ihnen in allem zu, Mütter befinden sich in einem ständigen Spannungsfeld. Je weniger Kinder es in unserer Gesellschaft gibt, desto mehr sind die Mütter der wenigen unter ständiger Beobachtung.
@ Heiner Müller: mich würde wunder nehmen, was aus Ihrer Sicht “Unzeiten und ungeeignete Orte” sind.
@Pipi Langstrumpf, genau, wir Mütter sind immer unter scharfer Beobachtung. Egal was wir machen, es wird kritisiert. Stillen wir in der Offentlichkeit heisst es, wir seien sexuell aufreizend und würden den armen Männern den Kopf verdrehen. Kommen wir mit dem Schoppen daher, heisst es, ob wir es nicht wüssten dass Muttermilch das Beste sei für das Baby. Stillen ja, aber nur wenn es niemand merkt. Mutter sein, ja aber nur nicht in der Oeffentlichkeit. Kinder gehören offensichtlich nur noch in Haus, auf den Spielplatz, in die Kinderkrippe oder in die Krabbelgruppe. Nimmt eine Mutter ihr Kind zu einer Beerdigung mit (und sei es für die Beerdigung eines nahen Angehörigen) dann heisst es: das arme Kind und die verantwortungslose Mutter. Kinder dürfen nicht Lärm machen, Kinder dürfen nicht auf dem Rasen spielen (Rasen betreten verboten), Kinder dürfen nichts kosten, dürfen der Gesellschaft nicht zur Last fallen. Hey, unsere Kinder sind unsere Zukunft und unser Kapital. In die Ausbildung unserer Kinder zu investieren heisst: unserem Land eine Zukunft zu ermöglichen. Das heisst aber auch: die Kinder annehmen so wie sie sind, mit dem Kinder”lärm”, mit dem finanziellen Aufwand, mit der finanziellen Belastung und der gesellschaftlichen Verantwortung. Packen wir es an: unseren Kindern zuliebe.
Und wo bleibt die Verantwortung der Gesellschaft? Die Schweiz ist gehört zu den kinderfeindlichsten Ländern Europas.
Beispiel: Kinderzulage Fr. 200.–.
Ja Mirjam, Sie drücken sehr schön aus, was ich auch immer empfand. Inzwischen sind meine Kinder erwachsen und wenn ich zurückdenke, macht es mich manchmal traurig, wenn ich mir bewusst werde, wie schwer es einem oft gemacht wird, das Aufwachsen der Kinder unbeschwert zu geniessen. Woher kommt das, ist es Gedankenlosigkeit, Neid oder von einigen sogar Bösartigkeit?
Geniessen Sie die Kindheit Ihrer Kinder, sie ist schnell vorbei……
@Nastia: Ich wollte Dir noch sagen, dass ich keineswegs ein Problem mit Eingewanderten habe, einige meiner besten Freunde haben einen Migrationshintergrund, wenn auch zum Teil sehr lange zurückliegend. Ich möchte einfach zu bedenken geben, dass unser Lebensraum sehr beschränkt ist, wenn wir uns mit andern Ländern vergleichen, deshalb müssen wir die Einwanderungspolitik ändern, das ist auch im Interesse der bereits Eingewanderten. Findest Du nicht?
@Pipi: Richtig! Eine Afrikanerin sagt mir mal, sie lebt heute in Amerika: Europa resp. die Schweiz sollte sich mal entscheiden, ob sie diese Wohlfart sich noch leisten kann. Hier (USA) bin ich willkommen, muss aber selber schauen wie es vorwärts geht. In der Schweiz war ich nicht willkommen, aber es wurde geschaut wie es weiter geht. Ich musst dafür nichts tun.
@Pipi: Guten Tag.
Nein, da bin ich leider nicht Ihrer Meinung. In der Forschung hat es heute ja sehr viele Ausländer, zum Bsp. an der ETH. Das liegt daran, das Ausländer bereit sind die Arbeit zu machen, die Schweizer nicht können oder wollen. Aus welchen Gründen auch immer… Ohne jene Ausländer an der ETH ginge, glaube ich, der Schweiz nicht so gut. Im übrigen hat die Schweiz,denke ich, deshalb so viele Ausländer, weil es relativ schwer ist eingebürgert zu werden.
@Beno ich verstehe den Zusammenhang mit dem Kinderlärm nicht.
@Pipi Langstrumpf:
“Geniessen Sie die Kindheit Ihrer Kinder, sie ist schnell vorbei…”
Genau diesen Satz ertrage ich am allerwenigsten. Wenn ich ihn höre, fühle ich mich wie eine totale Versagerin. Das erste Lebensjahr mit meiner Tochter habe ich aus vollem Herzen genossen, sie war sehr pflegeleicht. Aber die Zeit danach (jetzt ist sie 3) empfand und empfinde ich aber vor allem als anstrengend: Im zweiten Lebensjahr war ich nonstop gefordert, weil sie mir immer und überall schnell wie der Wind davonrannte und früh zu trotzen anfing (mit Kopf an die Wand oder auf den Boden hämmern); mit zwei Jahren begann das Trommelfeuer der Fragen und Provokationen, sprich: das Grenzen Ausloten, das bis heute anhält. An den Tagen mit ihr bin ich von 7 bis 20 Uhr jede Minute herausgefordert. Natürlich gibt es rührende, schöne, wunderbare Momente, dennoch: die Erschöpfung ist gross und die Selbstzweifel auch, denn andere Mütter haben mehr als ein Kind und nicht so einen tollen Mann wie ich und schaffen es mit links…? Meinen (anspruchsvollen) Beruf empfinde ich mittlerweile als Wellnessoase. Wenn mir dann noch jemand sagt: Du musst deine Kleine mehr geniessen, sie ist so rasch erwachsen – dann, ja dann fühle ich mich als absolute Rabenmutter.
@Lisa (die zweite)
Nicht verzagen, in der Erinnerung wird das Positive dominant, man beginnt schön zu färben. In 20 Jahren sehnen sie sich auch nach dieser Zeit zurück, weil eben nur die rührenden, schönen und wunderbaren Momente im Gedächnis bleiben.