Leben


Michèle Binswanger am Freitag den 19. Februar 2010

Kinderlärm, amtl. bewilligt

Dürfen sich Kinder auch im urbanen Raum verhalten wie Kinder?

Dürfen sich Kinder auch im urbanen Raum verhalten wie Kinder?

In Berlin ist es nun offiziell. «Geräusche, die von Kindern ausgehen», so ist seit Mittwoch im Landes-Immissionsschutzgesetz festgeschrieben, sind «sozial adäquat und damit zumutbar.» Das ist ein erfreulicher, aber auch kurioser Entscheid. Nicht so sehr, weil die Berliner Kinder scheinbar Lärm machen und das nun offiziell auch dürfen. Sondern weil tatsächlich ein Gericht bemüht werden musste, um diese Tatsache amtlich zu machen.

Kinderlärm nervt, in dem Punkt sind sich Eltern und Kinderlose einig, auch in der Schweiz. Das ist aber auch so ziemlich der einzige Punkt, in dem sie sich einig sind. Jenseits davon klafft ein tiefer Graben, von dessen Ränder aus die beiden Parteien sich gegenseitig angiften -auch hier im Blog, wo sich ein Kommentator jüngst zu der Äusserung hinreissen liess: «Rauch- und kinderfreie Restaurants – das wäre das Paradies.» Als wären Kinder eine Art Umweltverschmutzung.

Seltsam ist, dass gerade die Stadtbevölkerung auf Emissionen von Kindern besonders empfindlich zu reagieren scheint – obschon sie ansonsten in Kauf nimmt, mit unterschiedlichsten Menschen auf relativ engem Raum zusammenzuleben und dabei Stress, Lärm und Dreck stoisch aushält. Eine Diskussion um die Nutzung des öffentlichen Raums ist selbstverständlich legitim, aber darauf beschränkt sich die urbane Idiosynkrasie nicht. Ich kenne Geschichten von Kinderkrippen, die neue Räumlichkeiten suchen müssen, weil das Kindergeschrei das Nervenkostüm der Anwohner zu sehr belastete. Auch dass Familien aus ihren Wohnungen vergrault werden, weil der Lärm ihrer Kinder den Nachbarn zu sehr zusetzt, ist keine Seltenheit. Stellt sich die Frage: Warum sind gerade Kinder für die urbane Bevölkerung eine solche Zumutung?

Vielleicht liegt es daran, dass Kinder in den Stadtzentren nur in homöopathischen Dosen vorkommen, dass vom Kinderlärm genervte Bürger mit ihrer Jugend auch jegliche Erinnerungen an ihre frühere Existenzform verloren haben. Von der sie auch nichts mehr wissen wollen, weil sie die Stadt für einen exklusiven Spielplatz nur für Erwachsene halten. Vielleicht liegt es auch daran, dass Kinder, die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft, sich ideal als Sündenböcke eignen für alles, was einen an der Gesellschaft im Allgemeinen stört.

Und ja: es gibt Eltern mit irritierenden Erziehungskonzepten, die ihre Kinder wie Godzilla durch den öffentlichen Raum stampfen und alles niederreissen lassen, weil sie meinen, die Kleinen in ihrer kreativen Entfaltung nicht behindern zu dürfen. Die denken, der Kleine hat immer recht und sei es noch so schlecht. Aber so zahlreich, wie immer behauptet wird, sind diese Eltern nicht. Gerade im Mamablog lässt sich ablesen, dass die meisten Eltern und Nichteltern ähnliche Vorstellungen richtiger Erziehung teilen und sich grundsätzlich einig sind, dass es zu den Aufgaben der Eltern gehört, ihre Kinder zu sozialverträglichen Wesen zu erziehen.

Die Frage ist nur, wie. Und ob es möglich ist, dieses Geschäft in aller Stille und Unauffälligkeit abzuwickeln, wie es sich viele Kinderlose zu wünschen scheinen. Auch guterzogene Kinder sind Kinder und keine Roboter. Sie leben im Moment, bewegen sich, interagieren mit anderen und sondern Geräusche ab. Sozialverträglichkeit ist in dieser Frage also vor allem von der Gegenseite gefordert, die immerhin den Vorteil hat zu wissen, was gute Manieren sind. Und auch mal etwas ertragen können sollte, ohne gleich selbst herumzuschreien. Und falls sie das nicht kann, hat sie immer noch die Freiheit, sich zurückzuziehen. Schliesslich sind Kinder nicht einfach ein exklusives Hobby einiger Verschrobener. Sie gehören zur Gesellschaft und haben das Recht, Kinder zu sein und sich wie Kinder zu benehmen. Eine Zumutung? Vielleicht. Aber sie ist, wie das Berliner Gericht festhielt, zumutbar.

138 Kommentare zu „Kinderlärm, amtl. bewilligt“

  1. Lisa (die zweite) sagt:

    @Georg: Vielen Dank. Vielleicht stimmt ja der Spruch: “Die Erinnerung malt mit goldenem Pinsel” tatsächlich.

  2. Pipi Langstrumpf sagt:

    @Lisa (die zweite)

    Ich weiss genau, was Sie meinen, es gibt Kinder, die sehr aufwendig sind, mein jüngster Sohn war auch so ein Kind. Sie brauchen Strategien, um damit klarzukommen und sich nicht aufzureiben. Suchen Sie sich Unterstützung, es gibt in jeder Stadt eine Erziehungsberatung, die ist kostenlos. Dort können Sie mit Fachleuten Ihre Situation besprechen. Es kann eine echte Entlastung sein, mal mit etwas Abstand die Konfllikte, die sich oft wiederholen und trotzdem nicht aufzulösen sind, zu beleuchten. Ich habe das damals auch gemacht, es hat mir sehr geholfen.

  3. Lisa (die zweite) sagt:

    @Pipi:
    Danke für den Ratschlag, den ich befolgen werde, und Ihr Verständnis! Es tröstet mich, dass Sie die gleiche Erfahrung gemacht haben, denn die meisten Mütter verstehen mich nicht. Mangels Vergleichsmöglichkeiten habe ich immer gemeint, kleine Kinder seien halt mühsam und ich sei dem einfach nicht gewachsen – aber irgendwann merkte ich: Es gibt tatsächlich auch ruhige, zufriedene Kinder, die weniger aufwendig sind.

  4. lisa sagt:

    von lisa zu lisa ;-) : ja, geh zur eb, das ist eine sehr gute idee!

  5. Danilo Weber sagt:

    Lärm nervt, aus welcher Quelle auch immer. Ich habe nichts gegen Kinder, aber wohl gegen exzessiven Kinderlärm. Heutige Kinder sind deutlich aggressiver und lauter (kein Wunder bei den TV-Programmen, DVDs und Games) als früher, vor allem die Jungs, aber das eigentlich Problem ist die Erziehungsunfähigkeit und -unwilligkeit vieler Eltern. Kaum einem Kind wird noch beigebracht, dass es nicht allein und nicht Mittelpunkt auf der Welt ist, sondern umgeben von anderen Lebewesen, die andere Bedürfnisse haben. Es herrscht die totale Egomanie vom Babyalter bis zum Erwachsenen. Jeder, der Eltern – vor allem die sich selbstbeweiräuchernden Neomütter – mit einer entsprechenden Bemerkung darauf hinzuweisen wagt, dass es noch anderes gibt als ihre heiligen Nachwuchs, gilt pauschal als Kinderfeind. Mich stört auch Autolärm, obwohl ich selbst fahre, und Hundegebell, obwohl ich Hunde mag, und Fluglärm, obwohl auch ich hin und wieder fliege. Es kommt eben alles aufs Mass an – spielen, lachen, auch mal kreischen – klar, haben wir auch gemacht, aber der aggressive Unterton der kleinen Macker war früher nicht, und der nervt gewaltig. Eltern, ihr vernachlässigt eure Erziehungsaufgaben und delegiert alles an den Staat. Kinder sind eine persönliche Entscheidung, dafür müsst ihr auch persönlich Verantwortung übernehmen!

    • Francesco sagt:

      betreffend aggressivem Unterton …

      Dazu kann ich nur beipflichten!

      Wohne neben einer Schulanlage, die die ganze Woche vom Morgen bis in den Abend (und da sie keinen Respekt haben auch öfters bis morgens 1 Uhr) noch Fussballspielen. Das wäre kein Problem .. aber sie sind so egoistisch und rücksichtslos.

      Da wird geflucht und “hey Mann” ist Standard. Audrücke von Zehnjährigen die um Mitternacht von der “Muschi” ihrer Freundin herumprahlen .. und das ganze in einer Lautstärke, dass man sich bei geschlossenem Fenster alles anhören muss!

      Aber das Schlimmste sind die Aggressionen .. man hört sie schon unterschwellig aus den Betonungen heraus … wie z.B. “hey du wixxer” … und noch so viele schöne neue Worte, die man mit Multikulti erworben hat.

      Am häufigsten sind es die sogenannten “Schlüsselkinder” .. rein äusserlich scheint bei mir das Problem vor allem bei Ältern mit MIgrationshintergrund. Aber das darf man ja nicht sagen .. auch wenn man es sieht .. sehen darf man das nicht .. das ist politisch nicht korrekt und deshalb nicht wahr.

  6. berncat sagt:

    Wenn man die Politik Israels kritisiert, gilt man als antisemitisch. Wenn man sich gegen unverhältnismässigen Lärm von Kindern aus der Nachbarschaft wehrt, wird man als kinderfeindlich abgestempelt.

  7. PlainCitizen sagt:

    Mal ehrlich, Kinder sind saumässig laut, vor allem in Gruppen. Dies gehört nun mal zum Kindsein. Aber kritisieren mit Augenmass darf man das schon, sonst werden das saumässig laute Erwachsene.

  8. Hans sagt:

    Äähm, wieso kehrt dieser Blogeintrag seit Februar jedesmal wieder zurück auf die Homepage von tagesanzeiger.ch?? Gehört das so, oder ist das ein technischer Fehler?

  9. olga baumgartner sagt:

    Das habe ich mit grosser Genugtuung zur Kenntnis genommen!! – Mein Sohn und Partnerin , die im Herbst den ersten Nachwuchs
    empfangen werden, – ziehen im nächsten Winter für ein paar Jahre nach Berlin. – Sehr erfreut zu hören, dass es Gegenden gibt,
    wo Kinderlärm als etwas ” Normales” im Leben ist!- Glückliche Zukunft !! Bravo, Berlin !!!!

  10. Hutmaier sagt:

    ich hatte selbst ein unruhiges kind, trotzdem finde ich nachmittagelanges geschrei und gekreische der nachbarskinder eine zumutung. dabei geht es nicht um spielende kinder, die mal lachen, mal schreien und mal laut sind. das gehört dazu.
    manche kinder schreien allerdings stundenlang herum… nach der mutter, nach dem bruder, weil sie mit kameraden streiten. wenn dann fünf oder acht auf einem haufen sind, dann ist das nervtötend. wenn dann noch die schimpfenden mütter dazu kommen, die ihren kindern stundenlang schreienderweise strafe androhen, die sie nie umsetzen…. dann prost. das hat mit spielen nichts mehr zu tun…

  11. Armando sagt:

    Was bis jetzt nicht gesagt wurde, aber gesagt werden muss: Europäische Grossstädte, insbes. schweizerische, sind kinderfeindlich. Daran ändern auch Kindergärten und Kindertagesstätten nichts. Vgl. Bevölkerungsanteile nach Alter, z.B. in Zürich.

  12. “Kinderlärm nervt, da sind sich alle einig”. So ein Unsinn. Kinderlärm ist wohl der Lärm, der am wenigsten stört. Strassenlärm, Kirchenlärm, Baulärm etc. ist viel schlimmer.
    P.S. Ich bin ein kinderloser Single.

    • Edgar Schaad sagt:

      Da kann ich Herrn Sauter 100%ig beipflichten. Ich wohnte 15 Jahr lang vis-à-vis eines kleinen Quartier-Kindergartens. Dieser Lärm muss toleriert werden. Was den wirklich störenden Lärm betrifft: da gibt es die Rasenmäher (die Saison hat soeben begonnen), die Laubbläser und alle anderen motorisierte Gartengeräte. Auch müssen die Motorradraser, die stundenlang die Passstrassen volldröhnen, erwähnt werden.

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