Leben


Nicole Althaus am Donnerstag den 18. Februar 2010

Unsere Tochter ist halt anspruchsvoll

Ihr Kind ist anspruchsvoll? Nein, es ist bloss eine Nervensäge!

Ihr Kind ist anspruchsvoll? Nein, es ist bloss eine Nervensäge!

Im Winter – und in diesem langen Winter ganz speziell – kommt man ja des Öfteren ganz nahe an andere Eltern ran. Weil es draussen sehr kalt ist. Weil es drinnen nach ein paar Stunden mit Kleinkindern nicht mehr auszuhalten ist. Weil die winterliche Kinderbeschäftigungsprogramme der meisten Eltern sich ähneln und man also die gute Idee Technorama/Tierlimuseum/Zoo/Mühlerama etc.  mit ganz vielen anderen Familien teilt. Da hört man dann die anderen Mütter und Väter am Nebentisch dem Nachwuchs das Schlürfen verbieten und glaubt sich selber reden zu hören.  Denn Eltern haben nicht nur dieselben Ideen zur Kinderbeschäftigung, sie haben im Grossen und Ganzen auch dieselben Erziehungsanliegen. Die meisten Eltern jedenfalls.

Es gibt nämlich auch Mütter und Väter, die sich um Erziehung  futieren. Selbstverständlich würden sie das nie so nennen.  In ihrer Sprache heisst das: «Die Kinder sollen sich frei entfalten können.» Oder: «Wir gehen mit der elterlichen Macht reflektiert um.» Das Resultat ist das gleiche: Der Nachwuchs tut, was er will. Mutter und Vater gehorchen.

Die Sozialverträglichkeit dieser Kinderaufzuchtsweise konnte man letztes Wochenende im Technorama geradezu modellhaft studieren: Das Haus war gut besucht, es  hatte viele Kinder. Und die vielen Kinder fanden naturgemäss die gleichen Experimente am spannendsten. Etwa den Pendel, der ein Kreis- oder Kurvenmuster zeichnet,  je nachdem wie man ihn anstösst. Brav stellten sich die Kinder auf Geheiss ihrer Eltern in die Schlange, warteten bis sie an der Reihe waren, stiessen das Pendel an und traten mit der Zeichnung wieder ab. Es ging lebhaft, aber ganz gesittet zu und her. Bis das blonde Mädchen auf der Bildfläche erschien.

«Ich will auch!», sagte die ungefähr Fünfjährige und drängte sich zum Pendel vor. Seine Mama  flötete: «Schau, da hats eine lange Schlange, das machen wir später.» «Nein jetzt», antwortete das Mädchen und schubste den zweijährigen Jungen, der gerade den Pendel anstossen wollte, weg. Der Junge weinte. Mädchenmama sagte: «Du musst den Jungen zuerst fragen, ob es ihm recht ist, wenn du zuerst pendelst.» Das Mädchen jedoch war sich gewohnt, dass allen alles recht war, was es tat. Es futiert sich um den Jungen, um die Mama, um die lange Kinderschlange und stiess das Pendel an. Mädchenmama lächelt und raunte Papa zu: «Sie weiss sich halt zu wehren.» Dem Papa war das nicht ganz recht aber er nickte. Das Mädchen packte den Pendel, verlangt nach einem neuen Blatt Papier und stiess ihn nochmals an. Mama lobte: «Schön machst du das, jetzt kommt dann aber das nächste Kind an die Reihe, gell?» Das Mädchen schüttelte den Kopf.

Jetzt stellte sich die Jungenmama vor das Mädchen und sagte: «Doch, jetzt ist er dran!» Ungerührt stiess das Mädchen das Pendel nochmals mit aller Kraft an. Der Junge brach erneut in Tränen aus, was die Mädchenmama veranlasste, ihn zu trösten: «Du möchtest doch auch einmal, gell. Aber das hat sie nicht absichtlich getan. Sie ist eben anspruchsvoll und  nie mit dem ersten Anlauf zufrieden.»

Ja, liebe Leserschaft, so klingen Eltern, die vom eigenen Nachwuchs regiert werden. Und falls Ihnen die Sprachregelung der Unterdrückten noch nicht geläufig ist, hier eine Übersetzungshilfe für die wichtigsten Interaktionen an öffentlichen Orten:

  • Mein Kind ist anspruchsvoll = Mein Kind ist eine Nervensäge und ich bin machtlos
  • Es hat besondere Bedürfnisse = Es hält sich an keine Regeln, und reagiert erst, wenn es von der Lehrerin vor die Tür gestellt wird
  • Es ist hochbegabt (in Kombination mit anspruchsvoll) = verhaltensauffällig, egozentrisch, stört den Unterricht
  • Es  ist halt ein offenes Kind =  Es lacht Kameraden aus, beschimpft Erwachsene und Respektspersonen, verweigert im Kindergarten das Tragen einer Unterhose, weil es die Zuhause auch nicht anziehen muss etc.
  • Es ist interessiert = Es betritt fremde Wohnungen ohne zu klingeln und  bedient sich von der Schokoladentorte ohne zu fragen
  • Es ist kreativ = Es spielt Tsunami in fremden Kinderzimmern. Es teilt nur, was ihm nicht gehört und spielt ganz grundsätzlich nur nach seinen eigenen  Regeln

300 Kommentare zu „Unsere Tochter ist halt anspruchsvoll“

  1. Auguste sagt:

    @ henri

    hmm…, wieder einmal zu spät gekommen und den höhepunkt der show verpasst – ich bewundere ihren gleichmut, mit dem sie dieses scheinbar unausweichliche schicksal ihres abspann-daseins im mamablog schultern. ihren titelvorschlag für meine nicht geplante biographie: “an officer and a clown” finde ich druckreif. disziplinierte disziplinlosigkeit oder disziplinlose diszipliniertheit – sie kleiner poet, sie. gefällt mir viel besser als girod’s: „grün hinter den ohren“.

  2. macho sagt:

    “männerlobby” haaaah ich muss gerade richtig lachen, und dass obwohl es 2 uhr nachts ist und ich gerade 6 stunden durchgearbeitet hab… :D

    jaja das männerhaus wurde ja auch von maskulinisten eröffnet und dahinter steckt schlussendlich die schildkröte von silvio berlusconi…

    chchch

  3. Pipi Langstrumpf sagt:

    @macho, nein von “Beziehungsgeschädigten”.

    Wenn man dieses Wort etwas hinterfragt, sind es die Frusthaufen, die ihre altmodischen Vorstellungen von Beziehung nicht durchsetzen konnten und dann strandeten. Du kannst schon lachen, aber diese Männerlobby gibt es tatsächlich, das Objekt ihres Hasses ist die emanzipierte Frau.

  4. Brunhild Steiner sagt:

    @Pipi Langstrumpf: beziehungsgeschädigte Frauen darf es geben inklusive Betreuung, Rechtsbeistand etc etc, beziehungsgeschädigte Männer aber nicht, und schon gar nicht haben diese Ansprüche zu stellen? Wirklich fortschrittlich… . Dass für Männer nicht diesselben Regeln gelten sollen wie für Frauen ist interessant. Bloss weil sich die Frauen zuerst gewehrt haben und Bewegungen ins Leben riefen, dürfen das die Männer nun ihrerseits nicht?
    Ich muss dankbar sein dass ich denken lernen durfte, dank aller Bemühungen aller emanzipatorisch aktiv gewesenen Frauen, aber wehe mir ich denke dann nicht schablonenhaft wie ein bestimmter Ausschnitt dieser Bewegung, dann ist frau nicht mehr unabhängig denkend , schon gar nicht emanzipiert sondern hat sich zur Komplizin der internationen Männerlobby gemacht?…
    Denken Sie nicht es würde auch den Frauen nützlich sein wenn die Männer Hilfestellungen und Unterstützung bekommen? Denken Sie wirklich Ihre Geschlechtsgenossinnen könnten niemals derart auf Abwege kommen dass ein Mann wortwörtlich mit dem Rücken zur Wand steht? Bloss weil Sie das noch nie miterlebt haben?
    Fortschrittlich wäre dass mensch sich für Frau UND Mann einsetzen dürfte, ohne Verurteilungen zu kassieren.
    Das wäre echte Emanzipation.

  5. Pipi Langstrumpf sagt:

    Frauen haben die Machtfrage gestellt und waren nicht bereit, die gesellschaftlich zugedachte Rolle der dienenden, unterwürfigen Frau weiter zu akzeptieren.

    Daraus ergaben sich Konflikte, die heute noch andauern, eben gerade, weil es um Macht/Ohnmacht, Selbstbestimmung/Fremdbestimmung geht.

    Im alten Rollenmodell wurden den Männern Privilegien zugedacht, die ihnen die Feministinnen dann streitig machten, weil es keine guten Gründe für diese Privilegien gibt. Schlussendlich ist es eine Frage der Gerechtigkeit. Das hatte übrigens auch die erste Frau im deutschen Verfassungsgerichtshof so begründet, als sie gefragt wurde, warum sie eine Feministin sei.

    Wenn ich von der internationalen Männerlobby spreche, meine ich damit diejenigen, die wider besseres Wissen auf ihren Privilegien bestehen und mit allen Mitteln versuchen, die Frauen, die sie ihnen streitig machen, zu verunglimpfen. Es ist ein Kampf an allen Fronten, es gibt darunter sehr prominente Vertreter wie Prof. Bock oder Matthias Matussek.

    Das alles heisst nun nicht, dass es nicht auch Furien gibt, oder Männer, die wirklich leiden. Aber mit einem Zurückdrehen der gesellschaftlichen Zustände wird diesen individuellen Leiden nicht abgeholfen. Und das männliche Gewalt gegen Frauen qualitativ wie quantitativ andere Dimensionen hat als das Umgekehrte, können Sie selber nachlesen, wenn Sie unabhängige Untersuchungen, wie z.B. die bereits erwähnten von Prof. Pfeiffer, lesen.

  6. Brunhild Steiner sagt:

    und wie sollen wir nun der anderen Gewaltausübung, die ebenfalls stattfindet, gerecht werden, ohne uns den Vorwurf zu holen wir wollten das Rad der Zeit zurückdrehen oder Männerprivilegien erhalten?
    Mir scheint nicht dass die hierin engagierten Männer diese Absicht hätten.
    Diejenigen, die Privilegien erhalten wollen, stemmen sich doch auch gegen ihre eigenen Mitkameraden, oder nicht?

  7. macho sagt:

    Brunhild vergessen sie es, sie sprechen an eine wand. Ich glaube, dass es einfach menschen gibt, die differenzieren können und jeden neuen input genügend emotionslos und objektiv annehmen können, um ihm gerecht zu werden, um der komplexität unserer gesellschaft gerecht zu werden. dann gibt es solche wie pipi, die zweifellos intelligent sind und mit offenen augen durchs leben gehen, aber nur für die hälfte der stimmen ein offenes ohr haben. die andern blocken sie ab, weil sie angst haben ihr bild der welt, welches sie sich aus erfahrungen geschaffen haben und ja auch seine berechtigung hat, auch nur ein wenig zu relativieren. ich z.B. könnte kotzen, wenn ich pipis posts lese, weil es mich wütend macht, dass eine intelligente frau allenernstes so denken kann. und damit meine ich nicht ihr blick für die fehlzustände unter denen frauen leiden, da hat sie einen super blick dafür und ihre meinung und ideen würden auch in der politik unseres verkommenen landes gutes bewirken für die frauen. aber leider ist sie auf einem auge blind. ich hab meinen letzten kleinen glauben in den feminismus verloren, als ich erfuhr, dass die meisten gegen ein männerhaus sind oder es belächeln. ich sag ja nicht, dass ein männerhaus soooo super wichtig sit und alles zum guten wenden wird, es ist eher ein detail, aber es hat mit gezeigt wie verlogen gewisse leute sind…

    bääm

  8. Brunhild Steiner sagt:

    @macho: dafür dass Sie kotzen könnten haben Sie das aber wertschätzend und besonnen formuliert…
    und ich kann mich Ihnen nur anschliessen.
    Ich finds übrigens toll dass Sie dabei sind und den Blick auf einen Teil Ihrer Altersgruppe öffnen!

  9. macho sagt:

    @ Brunhild

    Sie sind wohl eine der wenigen gemässigten Personen hier. Und danke für die Blumen.

    Ich werde den Blog aber verlassen, meine Nerven machen das nicht weiter mit. :D

    wünsche Ihnen alles Gute!

    byebye

  10. Auguste sagt:

    @ macho

    hmm…, wenn ihr rücktritt genau so lange dauert wie der einiger anderer, dann kann ich nur sagen – bis später!

    machen sie’s gut macho, sie waren ein erfrischend junger, mutiger streiter in der mitte, die heute mehr denn je leute braucht, die links und rechts paroli bieten. das letzte jahrhundert war ein schlimmes beispiel dafür, was passiert, wenn die eine oder andere seite ungehemmt an der macht ist. dann haben auch die christen nichts mehr zu beten, wenn berge von toten ihr “vater unser…” ad absurdum führen.

  11. Brunhild Steiner sagt:

    @macho: also, ich bin nun mal voller Hoffnung und setze auf Ihre jugendliche Unbekümmertheit welche Sie uns über kurz oder lang wieder reinspülen wird- lassen Sie uns ja nicht im Stich ich verlasse mich darauf! und alles Gute natürlich :-)

  12. Hotel Papa sagt:

    Pipi: “das Objekt ihres Hasses ist die emanzipierte Frau.”

    Wenn schon die Emanze (wenn auch nicht nur). Die zwei sind nicht das gleiche. Ich behaupte sogar, dass sich relativ wenig Überdeckung ergibt. Denn wer sich emanzipiert hat, hat es nicht nötig, ständig auf den Differenzen herumzuhacken sondern kann sich aufs Mensch Sein konzentrieren.

  13. Pipi Langstrumpf sagt:

    @Hotel Papa

    Von gewissen Leuten wird jede emanzipierte Frau als Emanze bezeichnet, mit einem “Schlämperlig” kann man auch jedes noch so gut begründete Anliegen verunglimpfen. Es ist mir egal, ob ich als Emanze, Blaustrumpf oder was auch immer bezeichnet werde, der jeweilige Ausdruck wirft höchstens ein Licht auf den, der in braucht. Steigern kann man das ganze mit zusätzlichen netten Wörtli wie “ältlich”, “säuerlich”, “frustriert” etc., so what…..

    Ich bin jedenfalls lieber die Emanze als das Tussilein, auch wenn ich auf mich selbst keinen der Begriffe anwenden würde.

    Als ich mein feministisches Bewusstsein entdeckte, war das für einige Männer höchst verwirrlich, weil die Verpackung so gar nicht in das vorgefertigte Schema passte, nix Latzhosen, nix rote Haare, nix fett und nach Patchuli riechend, aber so ziemlich passend in das allgemeine Beuteschema: Blond, gross, schlank, sportlich, ausserdem zwischendurch sogar mit “Stögeli”, was wiederum den Unmut einiger “Schwestern” erregte. Die unterstellten mir gerne fehlendes Bewusstsein, die Männer meinten oft “das hast Du doch gar nicht nötig”, als ob Bewusstsein etwas mit nötig haben zu tun hat.

    Ich setzte mich oft zwischen alle Stühle und habe nicht im Sinn, damit aufzuhören.

  14. Auguste sagt:

    @ pipi

    hmm…, dann wohl auch kein dressiertes äffchen auf der schulter? nun ja, dann wechsle ich halt jetzt das dia in meinem geistigen-auge-vorführraum aus.

  15. Pipi Langstrumpf sagt:

    @Auguste

    Nein kein Aeffchen, höchstens mal ein Kätzchen. Na, welches Dia kommt da….

  16. Auguste sagt:

    hmm…, können sie auch mit der nase wackeln?

  17. Pipi Langstrumpf sagt:

    @Auguste

    Mach ich immer, wenn ich Hänsels Fingerli kontrolliere…..

  18. Widerspenstige sagt:

    @Pipi Langstrumpf 16.43: das unterschreibe ich! Geht mir schon ewig so und es ist mir sowas von egal, was frau/mann von mir denkt. Aber mit Männern hatte ich nie grosse Probleme, eher mit der berüchtigten Stutenbissigkeit ;-)

  19. Pipi Langstrumpf sagt:

    @Widerspenstige

    Das bessert sich, wenn frau älter wird und nicht mehr als direkte Konkurrenz empfunden wird von jenen, die noch im “Rennen” sind. In den vierzigern sieht frau alles gelassener, sehr entspannend!

  20. Auguste sagt:

    @ brunhild steiner

    hmm…, können sie sich erklären, was hier los ist? nach dem donnerwetter vom letzten donnerstag gab es zwei tage lang zwar leicht gehemmte blogs, aber in abwesenheit von max und mit einem strasser unter beobachtung schien sich wieder so etwas wie normalität auszubreiten und auch gegenwind von anderer seite schien dann und wann aufzukommen. nur ein paar tage später geht das ganze wieder von vorne los – und zwar noch schlimmer. bin ich überempfindlich geworden oder sind allgemein gültige ethische minimal-standarts im cyber-space aufgehoben worden und ich hab’s nicht bemerkt.

    helfen sie mir bitte mal auf die sprünge, wenn sie zeit haben, brunhild.

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