Leben


Nicole Althaus am Montag den 22. März 2010

Die grössten Erziehungs-Irrtümer

Kinder sind von Natur aus rassistisch

Sind Kinder von Natur aus rassistisch?

Haben Sie gewusst, dass Bildungprogramme am Fernsehen aus Kindern gewieftere Bullys machen? Dass ethnisch gemischte Schulklassen Rassismus in keiner Weise zu verhindern helfen? Oder dass sogenannt pädagogisch wertvolle Kinderbücher etwa über Geschwisterbeziehungen den ewigen Streit im Kinderzimmer nicht schlichten sondern eher verschärfen? Nein? Dann befinden Sie sich in guter Gesellschaft. Und das erklärt auch, warum das Buch «NurtureShock: Why everything we think about raising our kids is wrong» kaum auf dem Markt, zum Bestseller avanciert ist. Die beiden Autoren Po Bronson und Ashley Merryman stellen gängige Erziehungsweisheiten auf den Kopf, entlarven Sie als erwachsenes Wunschdenken und haben damit einen erheblichen Medienrummel ausgelöst.

Die Idee zum Buch entstand, als Journalist Po Bronson 2002 auf eine Reihe von Studien der Stanford Universität  stiess, welche aufzeigten, dass Studenten, die täglich mehrmals für ihre Intelligenz und Schulleistungen gelobt wurden, darauf mit Motivationsproblemen und Risikoscheuheit reagierten. Er fragte sich, ob er seine Kinder wohl auch zu oft und falsch lobe, nahm sich Besserung vor und entdeckte dabei Folgendes: «Meinem Sohn fehlte das häufige Lob überhaupt nicht, aber mir fehlte das Loben. Ich realisierte, dass ich via Lob nicht erzog sondern kommunizierte: Ich teilte dem Kind meine Liebe mit. Ich entkoppelte das Lob von seiner erzieherischen Funktion und missbrauchte es, um mich als guter Vater zu fühlen.» Daraufhin habe er  nach weiteren Erziehungsmythen gesucht und geschockt feststellen müssen, dass Erziehungsratgeber, Präventionsprogramme und die gutgemeinte Pädagogik  Kinderprobleme oft mit einer Medizin für Erwachsene lösten.

Die beiden Autoren haben sich für das Buch durch 200′000 Seiten wissenschaftliche Arbeiten geackert und die grössten Erziehungsirrtümer aufgelistet. Es soll demnächst in einer Übersetzung auf den deutschsprachigen Markt kommen. Hier die interessantesten Thesen schon mal vorweg:

  • Präventionsprogramme in Schulen zeigen oft nicht die gewünschte oder gar keine Wirkung: Eine Studie über den Wirkungsgrad eines der teuersten und langfristigsten amerikanischen Anti-Drogen-Programms in Highschools bewies, dass die Prävention überhaupt keine Langzeitwirkung zeitigte. Teenager schlucken Drogen unter anderem, um sich gegen Autoritäten aufzulehnen -  etwa gegen die Autorität, von der die Prävention kommt.
  • Freud liegt falsch, Shakespeare richtig: Geschwister streiten sich nicht um die elterliche Aufmerksamkeit, sondern schlicht und ergreifend um Dinge. Weder der Altersabstand noch das Geschlecht hat einen grossen Einfluss auf den Streitpegel im Kinderzimmer, sondern einzig und allein, ob das ältere Kind gern und gut mit Gleichaltrigen gespielt hat, bevor das Geschwister geboren wurde.
  • Kinderbücher, die Bullying und Mobbing im Kindergarten thematisieren, scheitern an ihrer didaktischen Vorlage. Die Kinder tendieren dazu, die gezeigten Mobbing-Strategien zu imitieren und nicht die Rezepte dagegen.
  • Die Annahme Kinder seien «farbenblind» und würden Kameraden anderer Ethnien und aus anderen Kulturen automatisch akzeptieren, wenn man sie nur gemeinsam in Schulklassen erzieht – ist nichts als Wunschdenken. Ebenso wenig stimmt laut Studien, dass Kinder keine Vorurteile gegen Andersartige entwickeln, wenn man sie nur möglichst multikulturell grosszieht. Im Gegenteil: Kinder haben eine inhärente Tendenz sich von andersartigen Kameraden zu distanzieren, weil sie durch Abgrenzung die eigene Identität suchen. Integration allein sei also keine wirkungsvolle Rassismusprävention. Wer Rassismus vermeiden will, müsse, so die Autoren, Kultur-, Religions- und ethnische Unterschiede möglichst früh herausstreichen und schon mit Dreijährigen darüber reden.
  • Gelegentliches Lügen und Schummeln ist kein Zeichen mangelnden Anstandes sondern ein Zeichen von emotionaler und sozialer Intelligenz.
  • Krach mit dem Teenager ist gesund: Eltern sollten dem Frieden zuliebe Auseinandersetzungen nicht meiden. Denn Auseinandersetzungen geben den Teens ein Gefühl der Selbständigkeit und sind eine willkommene Gelegenheit, den Eltern die Wahrheit zu sagen.
  • Jede verlorene Stunde Schlaf verschlechtert die Leistungskapazität von Schulkindern (siehe Blog vom 15. Februar). Ein Förderungskurs weniger zugunsten einer Stunde Schlaf mehr, ist billiger und wirkungsvoller.

Sind Sie jetzt geschockt? Oder überraschen Sie die neuen Erkenntnisse gar nicht so sehr?

262 Kommentare zu „Die grössten Erziehungs-Irrtümer“

  1. max sagt:

    Was ich schon immer wusste!

    Ist der Grund, warum unsere schweizerischen Gutmenschen versagen.
    Ist der Grund, warum die netten Fräuleins mit ihrer Nettseinpädagogik in den Kinderkrippen scheitern.
    Ist der Grund warum nur von den eigenen Eltern Buben zu richtigen Männern erzogen werden können.

    Multikulti wischiwaschi ist Chabis. Man löst die Konflikte nicht, indem man sie übertüncht.

  2. Heiner Müller sagt:

    Steht in dem gescheiten Buch nicht auch, dass ein rechter Tritt in den Hintern (metaphorisch!) zur rechten Zeit nützlich ist, wenn nicht gar Wunder wirkt?

  3. adlerauge sagt:

    RICHTIGE MÄNNER

    haben die Wahrheit für sich gepachtet
    müssen nicht argumentieren
    haben immer Recht
    essen die Weisheit löffelweise zum Frühstück
    sorgen dafür, das ihre Frau nicht arbeiten muss
    entscheiden für die ganze Familie, wie am Wochenende abgestimmt wird
    wählen nicht links

  4. Cara Mia sagt:

    Dass wundert mich keine Sekunde. Wir wollen den Kindern viel zu viel abnehmen, und trainieren sie so nicht fürs Leben. Meine Töchter fanden die Anti-Raucher-Sache spannend, ein gutes Mittel, um zu provozieren, manche hätten gerade nach dem Lager angefangen zu rauchen, sagten sie. Sie zum Glück bislang nicht, soviel ich weiss. Die dauernden Warnungen verfehlen ihre Wirkungen.

    Oder dass wir Mütter uns anders kleiden sollen, als wir es seit 20 oder 30 Jahren tun, nur damit die Jugend, die halt auch Jeans trägt, sich genügend abgegrenzt fühlt. Nie wäre es meiner Mutter in den Sinn gekommen, ihren gewohnten Stil zu ändern, nur weil ich den gleichen hatte, das wurde sogar gefordert. Es lag an mir, mich abzugrenzen, und das ist auch natürlich.

    Je weniger Möglichkeiten wir den Jugendlichen geben zu rebellieren, weil wir alles verstehen und durchlassen, desto mehr verlagert sich diese Rebellion in wirklich problematische Gefilde. Ist die Beziehung zu den Eltern (zu) eng, braucht es einen Kraftakt, um auf die jungen Erwachsenenfüsse zu kommen. Da ist man gefordert, deziert Grenzen zu definieren und Regeln durchzugeben, und nicht wie ein Camembert vor Verständnis zu vergehen.

  5. hansueli sagt:

    Interessanter Artikel. Gerade das mit dem Multikulti und dem Mobbing hätte ich nicht vermutet. Ich glaube aber nicht, dass Erwachsene auch nur ein Stück besser sind als Kinder. Sie können es nur besser verstecken!

    @Max: I lol’d

  6. Juhee sagt:

    @adlerauge und richtigen mann. genau so ist es! kommt noch dazu, dass sie trotz dem alleinernähren zeit haben, auf blogs rumzuhängen und andere mit ihrem allwissen zu tyrannisieren!

  7. zysi sagt:

    bezeichnende selbsterkenntnis, dass wenn nur die eine,nette seite der erziehungsmedaille gezeigt wird, dann eben die andere hälfte fehlt – über das wie kann und soll man disktuieren aber nicht über das was – hier gilt es die grundlegenden und errrungenen erkenntnisse trotz ungefragt geforderter standhaftigkeit zu bewahren

    @adlerauge

    wenn der montag morgen zu früh ist, um den denkappart aus dem schlaf zu zwingen, dann geben sie sich doch noch ein bisschen kaffee und ein glas wasser

  8. oliver sagt:

    @Adlerauge
    Herzlichen Dank:)

  9. studimutter sagt:

    Bei vielen erzieherischen Massnahmen gehen die Eltern davon aus, dass ihre (v.a. ihre) Kinder reflektiert und differenziert seien. Es wird interpretiert, was das Zeugs hält. Aber, unsere Kinder sind nicht so, wie wir es sind, da die Eltern i.d.R. von sich aus gehen und auf das Kind schliessen.
    Ich sags ja, keine Ratgeber lesen, sondern ainfach auf sich selber hören :-)

    Logisch?

  10. hansueli sagt:

    @Juhee & Zysi: Vielleicht selbst erstmal den eigenen Denkappart auf Trab bringen bevor man postet ;) Dann hätten Sie vielleicht auch den blanken Hohn entdeckt der in dem Post von Adlerauge steht. Er macht sich einzig und allein über Max lustig ;)

  11. zysi sagt:

    hohn und erziehung beschreiben die heutigen anerkannten erziehungsgepflogenheiten treffend, hansueli – danke für die aufklärung

  12. Cara Mia sagt:

    Multikulti: ein Jugendlicher aus der Nachbarschaft wurde als Schweizer verhöhnt von der zum grössten Teil aus Migrantenkindern zusammengesetzten Klasse, jetzt verkehrt er in der rechtsextremen Szene.

    Aber gehänselt wurde schon immer: weil man dick war, eine Brille hatte, schwarze Haut, zu klein (Zwerg), zu gross (Bohnenstange). Das ist keine neue Erfindung, leider. Wichtig ist deshalb, dass Kinder auch eine gewisse Frustrationstoleranz entwickeln, was nicht geschieht, wenn man sie dauernd in Watte packt und über den grünen Klee lobt.

  13. Wie gehänselt wurde konnte das Fernsepublikum im 1968 fertiggestellten Film von Franz Schnyder “Die Kummerbuben” sehen. Kein Film zeigt den Kulturbruch von 1968 krasser als dieser Film. Franz Schnyder, ein grosser Regiesseur, wurde dann von den “Jungtürken” aufs Abstellgleis geschoben. In einer Doku in den 1970er Jahren fragte ihn so ein bärtiger Jungfilmer, warum er in seinen Gotthelf-Verfilmungen so viel Gewalt zeige. Franz Schnyder schwieg und antwortete dann: “Ich habe nichts gegen Gewalt, ich weiss einfach, ich bin nicht der stärkste”. Und eigentlich sagt damit Franz Schnyder, was ich durch viele Voten hier auch vertrete: die Feminisierung des öffentlichen Raumes (Kindergarte und Schule bis zum Gymnasium), die Abwertung der soldatischen Tugenden hat uns sehr stark geschadet. Die Männer, die man sich hat vor Militärdienst und Verantwortung hat drücken lassen, die fehlen uns heute im Staat und sie sind nicht durch Corinne Mauchs oder Susi Guts zu ersetzen. Aus diesem sozialpsychologischen Vorgang erklärt sich auch ein Grossteil der Einwanderung von qualifizierten Kerlen aus dem Grossen Kanton. Die gehypten Quotenfräuleins arbeiten Teilzeit oder haben sich ins Private zurückgezogen. Die Leistungsträger müssen importiert werden.

  14. Cara Mia sagt:

    @giorgio girardet: es hat weniger damit zu tun, dass diese Mannen fehlen würden, denn genau wie Du schreibst haben die früher Gewalt und Mobbing ja auch nicht verhindert. Sowohl die männlichen als auch die weiblichen jugendlichen müssen ein starkes Selbstwertgefühl entwickeln können, und das tun sie nicht, wenn sie von Vätern, Lehrern, Müttern zu wenig in die Pflicht genommen werden.

    Dazu gehört natürlich der Leistungsanspruch: wer dem Kind alle Probleme aus dem Weg räumt, damit er ja im Unterricht mit Nachhilfe und allem nachkommt, die Klavierübungen, die Balletstunden, was weiss ich was alles absolvieren kann, der erzieht das Kind nicht, sondern dressiert einen Hund für die Hundeshow. Sorry für das böse Bild.

  15. “Ethnisch gemischte Schulklassen” sind doch nicht dafür da, “Rassismus (…) zu verhindern helfen”, sie entstehen halt da, wo die Bevölkerung ethnisch gemischt ist. Wenn man die Bevölkerung ethnisch zu entmischen versucht, ist das in der Regel keine gute Idee, jedenfalls kann man das nicht wirklich mit Aufklärung, Humanismus und Co. verbinden.
    Dass es für Rassismus aber ohnehin keine Ausländer braucht, ist altbekannt, es braucht ja auch keine Juden für Antisemitismus!

  16. studimutter sagt:

    @Girardet: sag mir wo die männer sind, wo sind sie gebliehieben, sag mir wo die männer sind, was ist geschehn……
    Mein lieber Scholli! Da geben sie den Männern eine etwas passive Rolle.

  17. Juhee sagt:

    @hansueli: gleichfalls!!! :-) satire-erkennungsgen aktivieren.

  18. Yves sagt:

    Beim lesen des Artikels habe ich mir schon vorgestellt, wie die Kommentare von Max, Strasser et al. aussehen würden. Max hat ja schon mal erfüllt. War aber einfach. Der Text ist ja eine Troll-Einladung par excellence.

    So zum Thema…

    1. Ich bin der Meinung, dass als Ratgeber gerade mal der Remo Largo was taugt. Der Rest kann getrost in der Tonne landen.

    2. Wird wohl auch diese Studie falsch liegen. Denn, niemand kennt die Wahrheit. Nicht mal annährend. Und das ist gut so.

  19. Urs sagt:

    Überrascht mich nicht. Lob ist Manipulation! Und dass wir gesellschaftlich, psychologisch, spirituell, politisch, wirtschaftlich, ökologisch, menschlich im Grossen Ganzen auf dem Holzweg sind, steht für mich ebenso fest.

    @max: richtige Männer? Was ist das nun schon wieder? Bist Du einer? Ich muss sagen, ich glaube, ich kenne keinen.

  20. Yves sagt:

    @Giorgio Girardet: Soldat sein, macht nicht automatisch einen guten Mann. Im Gegenteil.

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