
Romeo und Julia (Leonardo di Caprio und Claire Danes in «Romeo und Juliet», 1996). Am Anfang verleiht die Liebe Flügel, aber wie erklimmt man den Gipfel der Partnerschaft?
Liebe verleiht Flügel. Zumindest am Anfang. Aber eine langjährige Liebesbeziehung zu führen ist kein Spaziergang im Park. Wenn sich die Schwerkraft zurückmeldet, findet man sich eher im Gebirge wieder. Wer den Gipfel der Partnerschaft erreichen möchte, muss klettern. In den vielen Stunden, die ich am Fels verbracht habe, dachte ich oft darüber nach, dass eine Zweierseilschaft eine passende Metapher für eine Beziehung ist: Verbunden durch sein Seil erklimmt man schwindelerregende Höhen, jeder für sich selbst verantwortlich. Man muss in beengten Platzverhältnissen, in Krisensituationen und unter Stress funktionieren. Zusammen ist man alleine unterwegs. Zusammen scheitert man. Oder hat Erfolg. Dazu müssen allerdings einige Grundsätze beherzigt werden:
Klettertouren werden geplant, Beziehungen passieren einfach. In beiden Fällen aber sieht man sich mit demselben Problem konfrontiert: Die angetroffenen Bedingungen entsprechen bei einem ersten Augenschein selten den Vorstellungen, die man sich davon gemacht hat. Rollende Planung ist gefragt, sie müssen sich anpassen, die Route nach den Gegebenheiten und ihren Möglichkeiten ausrichten. Die Frage ist nur: Was ist überhaupt Sache? Was ist möglich? Und wie finden wir uns, damit wir zusammen weitergehen können?
Wir haben nie alle Informationen. Und jene, die uns zugänglich sind, filtern wir so, dass sie in unser Bild der Wirklichkeit passen. In Partnerschaften wachsen diese Wirklichkeiten zusammen, aber es gibt immer aufständische Gebiete, die autonom bleiben wollen, Konfliktherde, die das ganze System durcheinanderbringen können. Aber Eskalationen kosten Energie. Deshalb sollte man sich auf Lösungen konzentrieren. Auf Ziele zurückkommen, die eigenen Voraussetzungen thematisieren, sich fragen: Was könnte ich anders machen?
Nun kommt die Schlüsselstelle der Beziehungstour: Kommunikation. Sie sieht einfach aus, ist es aber nicht. Denn es reicht nicht, sich bloss Wörter zuzuwerfen. Man muss sie in die Hand nehmen und mit ihnen an der eigenen Wirklichkeit arbeiten, versuchen, einen Blick auf die Welt, die sie hervorgebracht hat, zu erhaschen. Wenn zwei in einer Beziehung interagieren, gleicht das einem chemischen Experiment, in der Reaktion entsteht alles mögliche, Hitze, Rauch, Feuer. Aber ohne Kommunikation entsteht niemals ein brauchbares Produkt.
Gute Bergsteiger können eine Sachlage analysieren und einschätzen. Die Meister der Disziplin haben dazu ein Bauchgefühl, eine Art siebter Sinn, der immer wieder unmögliches vollbringen lässt. In der Beziehung entspricht das vielleicht der Kunst des Paradoxen: sich auf den andern verlassen, ohne sich auf ihn zu stützen; sich binden, ohne sich zu fesseln; stolz sein, zu sich stehen und zugleich demütig, auch mal nachgeben, Dinge loslassen.
Hab ich noch was vergessen? Ach ja, man muss es natürlich wollen. Nennen wir es Liebe. Wer dazu nicht bereit ist, der kann die ganze Klettertour auch am Fernsehen verfolgen. Aber letztlich guckt man dabei in die Röhre.


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
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@Zysi, wie meinen Sie das mit eine “Beziehung oder eine Partnerschaft einer Ehe nicht das Wasser reichen können”?
@urs luescher
analog zu ihrem treffendem beitrag 22:54 – mit der zusätzlichen stufe ehe, da auch partnerschaften mit allen menschlichen lebensformen sattfinden können; nur die ehe (nach meinem verständnis eine natürliche ehe mit mann und frau, einmalig) grnezt sich da deutlicher ab und verlangt eben auch mehr; wie bspw. ein kühlschrank oder eine lebensabschnittpartnerschaft
@Zysi: sehe ich nicht so. Warum sollte eine Ehe mehr verlangen als eine Partnerschaft. Die Formalität der Ehe ist doch eher ein Hilfsmittel um die Partnerschaft in Schwierigkeiten zu erhalten. Und Stützräder am Tandem sind sicherlich ganz nett, aber eine schwierige Strecke ohne diese Hilfsmittel zu schaffen ist ja eigentlich ein Reifezeugnis. Im Kontext zu M. Binswangers Text wäre dies free climbing gegen technisches Klettern.
Wie viele menschliche Lebensformen kennen Sie?
@urs (sofern dies aus zensure gründen noch ein letztes mal durchgeht….)
dann viel glück in ihrem verantwortungsvollen klettern….die rega ist allzeit bereit
rhetorisch geantwortet: alle möglichen
Aktueller Artikel der zum Thema passt:
http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Adieu-Traumprinz/story/17036283
Egal ob Partnerschaft oder Ehe, beides wäre für mich der grösste Albtraum den ich mir vorstellen kann. Vielleicht bin ich nicht ganz normal, keine Ahnung. Aber ich meistere mein Leben seit 35 Jahren alleine, und dies mit Erfolg und auch (wichtig!) Zufriedenheit. Eine Partnerin würde mich einengen, mich meiner Freiheiten berauben, von mir verlangen gewisse Kompromisse einzugehen. Okay, natürlich muss man mit dieser Einstellung auf einige unbestrittene Verlockungen verzichten; wenn man diesen aber nie ernsthaft nachgegangen ist vermisst man auch nichts. Geht mir jedenfalls so. Der einzige echte Nachteil meines Lebensstils ist, sich andauernd rechtfertigen zu müssen, weil 99,9% der Leute diesen überhaupt noch nachvollziehen können bzw. wollen. Dies nervt oft gewaltig…
Interessant, wenn es einer einfach mal umkehrt. Wieso eigentlich die Mühen um eine gute Partnerschaft?
Ich muss zugeben, dass ich es auch nicht so recht nachvollziehen kann – dennoch interessiert mich, wieso das Streben nach monogamer Zweisamkeit eigentlich so naturgegeben erscheint. Ist es ein Hormon, das einem auch einfach fehlen kann?
Falls Claude H hier nochmals vorbeikommt: Würden Sie sagen, dass sich das so einfach ergeben hat oder haben Sie das ganz bewusst so eingerichtet? Ist es eher ein gefühlsmässiger Entscheid oder eher ein rationaler?
Würde mich interessieren, ob Claude H. diese Haltung auch noch 15 Jahre später teilt….sicherlich auch ein Lebensweg. Frage mich nur, was unterwegs mit dem Bindungsverhalten passiert ist. Sind wir Menschen nicht Beziehungsmenschen? Ja sicher, wieso sich schwerggewichtig auf eine Beziehung konzentrieren…
Eine endlose Gedankenschleife……
Hallo nochmal,
natürlich habe auch ich mich während der Pubertät und noch eine Zeit lang später nach dem andern Geschlecht gesehnt. Irgendwie hat es aber nie geklappt. Anfangs war ich darüber verbittert, später nahm ich es dann immer gelassener und schliesslich habe ich beschlossen, die Suche abzubrechen. Das war mit ca. 24. Seither lebe ich völlig entspannt und geniesse mein Leben mit all seinen Vorteilen. Körperliche Nähe habe ich nie gross kennen gelernt, von einem kurzen Ferienflirt mal abgesehen. Und nach trauter Zweisamkeit war mir irgendwie noch nie zumute – keine Ahnung ob es auch damit zusammenhängt, dass ich als Einzelkind aufgewachsen bin und mich stets alleine zu beschäftigen wusste.
Jedenfalls bin ich vollends zufrieden und brauche mich nicht unter Druck zu setzen. Und wenn ich mir jeweils all die wehklagenden Kommentare meiner Freunde (m+w!) betreffend ihrer Beziehungsprobleme so anhöre, dann glaube ich nicht wirklich etwas zu verpassen…
Da kann ich Claude H. nur zustimmen. Wenn man seit jeher eher ein Einzelgänger ist, stört einen das solo-sein nicht. Auch nach einigen Jahren nicht.
Ähnlich wie bei Claude hat mich das in meiner Teeniezeit sehr gestört (war ein starker stotterer–also keinerlei Chancen vorhanden). Anfangs ist man sehr verbittert, wenn einem auch x-te Liebe abschmettert ohne Chance (die letzte, grösste, mit ca 25). Irgendwann mitte bis ende 20er gibt man es einfach auf. Von da an geht es immer besser (bin jetzt 31) und der Wunsch nach Zweisamkeit verschwindet.
Jetzt bin ich vollauf zufrieden mit meinem Leben und könnte mir nicht mehr vorstellen,meine Unabhängigkeit einzuschränken. Das Thema Beziehung etc. ist durchaus interessant (sonst würde ich hier nicht lesen), aber es istdoch eher ein akademisches Interesse mit dem Thema: “was es sonst noch alles gibt”
Hallo Boris,
Deine Zeilen könnten genausogut von mir stammen. Schön, dass es jemand da draussen gibt, der mich vollends versteht. Je älter ich werde und je länger ich mich alleine durchs Leben kämpfe, umso weniger kann ich das ewige Gestürme der Leute nach Liebe, Partnerschaft und Familie nachvollziehen. Diese Lebensform ist für mich mittlerweile nicht mehr denkbar, weil ich meine Freiheiten über alles stelle. Viele Freunde beneiden mich manchmal um diese, auch wenn sie es niemals öffentlich zugeben würden.
Viele Grüsse, Claude H.
commodore79@gmx.net