Leben


Michael Marti am Dienstag den 26. Januar 2010

Kevin und der Kevinismus

MAMABLOG-MICHAEL-MARTI-NAMEN

Kinder unserer Zeit (von oben nach unten): Kevin, Mia-Sophie, Seraphin Raziel Rodrigo, Yara-Faye, Milan Samuel, Lakesha Zoe Joana und Klara Marie (Bilder: baby-vornamen.de)

Eltern, so heisst es, wollen für ihre Kinder nur das Beste. Bloss, manchmal gehts trotzdem schief. Schon von allem Anfang an. Dann nämlich, wenn sich Mama und Papa den Kopf darüber zerbrechen, wie ihr Kind heissen soll – und dabei auf Namen kommen, die dem Kind eine Prüfung fürs Leben sind.

Kennen Sie das? Eine Geburtsanzeige flattert ins Haus, Sie lesen die Namen des neuen, so ganz unschuldigen Erdenbürgers, zum Beispiel Tula Lulu Josephine (ein Name allein reicht ja lange schon nicht mehr) und Sie denken sich dann: Mein Gott, wird dieses Kind, wird diese Tulalulujosephineabermitpeehaa, den Eltern je verzeihen können?

Und damit wären wir beim Kevinismus. Der Kevinismus ist eine Art Krankheit, eine Volkskrankheit gar. Kevinismus steht für die «Unfähigkeit vieler Eltern, ihrem Nachwuchs einen sozialverträglichen Namen zu geben». Und Kevinismus, das muss man wissen, führt bei den Erkrankten und vor allem bei deren Nachwuchs «zur sozialen Isolation». Auch wenn der Terminus erstmals auf einer satirischen Internetseite verwendet wurde, er machte schnell Karriere – weil er eben so treffend ein Phänomen beschreibt, das nicht nur wir Eltern alle kennen.

Die wichtigsten Symptome, die auf Kevinismus hinweisen, sind die folgenden:

  • die favorisierten Namen sind ausnahmslos Doppel- oder Dreifachnamen
  • mindestens einer der Vornamen endet auf -ia, beinhaltet ein y oder beginnt mit Ch oder J
  • und die Namen zeigen eine ungewöhnliche Verwendung diakritischer Zeichen wie í, ë oder ŷ

Der Zufall wollte es, dass ich mich in diesen Tagen auf die neu gestaltete Website der «Schweizer Illustrierten» verirrte, um dort die endgültige Bestätigung dafür zu finden, dass es sich beim Kevinismus nicht um einen schlechten Witz handelt.  In der Rubrik «Starcheck – Welcher Kindername ist am herzigsten», wo die Vornamen der Lendenfrüchte hiesiger Prominenter wie einer Sandra Studer oder eines Renzo Blumenthals aufgelistet sind, springt einem der pathologische Originalitätszwang in der heutigen Namensgebung geradezu ins Auge: Wir finden dort Noël, Niccolò, Elfèn, Enea, Alyssa, Nylas, Himalaya, Shenay, Cosmo und Moreno und damit alle Symptome des Kevinismus mehrfach bestätigt.

Früher – also vor der Zeit von Alina, Anna, David, Elena, Jan, Lara, Laura, Lena, Leon, Leonie, Luca, Lukas, Nico, Nina, Noah, Sara, Simon und Tim – sollte und wollte der Vorname häufig ein Hinweis auf die Abstammung sein, auf eine Tradition. Der Vorname war eine Referenz an einen Vorfahren, womöglich an einen Taufpaten, an einen Heiligen oder an eine biblische Figur. Der Vorname sollte das Kind in ein grosses Ganzen einbetten, sei es in den religiösen Kosmos, sei es in die Geschichte der eigenen Familien.

MAMABLOG-MICHAEL-MARTI-NAMEN-02

Was er wohl zum Kevinismus zu sagen hätte? Kevin Costner auf einer Autogrammkarte.

Heute hingegen, da alles einzigartig, unique zu sein hat, ist oft gerade das Gegenteil der Fall: Der Vorname reisst seinen Träger aus jeglichem Kontext, eben weil er dermassen exotisch, so selten – oder auch nur ein Zungenbrecher ist. Es gehörte verboten, dass Eltern ihr Kind mit einem Namen strafen, den es ein Leben lang wird buchstabieren müssen: Shenay, heisse ich, ja Shenay. Samuelheinrichemilnordpolantonypsilon. So tönt das Schicksal eines Zeitgeistkindes.

Manchmal befällt einen das Gefühl, dass Eltern eben gerade am Anfang, in der Namenswahl, das Wichtigste vergessen: das Wohl des Kindes. Psychologen jedenfalls empfehlen mittlerweile werdenden Eltern, zeitlose Vornamen, nicht Trendnamen zu verwenden. Namen wie Alexander, Michael, Claudia. Oder Barbara.

MICHAEL-MARTI_100Michael Marti, 43, ist Stellvertretender Chefredaktor von Newsnetz und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

Lesen Sie auch: La Vie en Rose

176 Kommentare zu „Kevin und der Kevinismus“

  1. Eni sagt:

    @ Anastasia C.

    Ja, sein Vater muss ihn gehasst haben. Zum Glück dürfen die Mütter heute mitbestimmen; schade war das nicht schon zu seiner Zeit so, dann hätte er keine solche Komplexe :-) Ein Kind ‘Winnie Puuh’ zu nennen ist ein Verbrechen

  2. Anastasia C. sagt:

    @Eni: Da schliesse ich mich Ihnen an.

  3. Kizzle sagt:

    ohh.. das beliebte Thema.. ich hab hier auch was gaanz Tolles: http://wp.me/pBFLf-5q

  4. Christoph mit "ph" sagt:

    Amüsanter Artikel über Kindernamen, wie heissen eigentlich die beiden Kinder des Autors (…) Michael Marti, 43, ist Stellvertretender Chefredaktor von Newsnetz und Vater von zwei Töchtern (…)

  5. lilly sagt:

    Ich heisse Lilly Angelina, meine Schwester Ella Valentina, ist das ausgefallen? Denke schon, hatte aber damit nie Probleme. Ella und Lilly sind kurz, prägnant. Molto bene. Jeder soll doch sein Kind nennen wie es möchte, irgendwann sind wir sowieso alle eine multikulturelle Mischung und dann wird der Name halt nicht mehr für die Herkunft oder was auch immer stehen…

  6. p. teslanová sagt:

    Alina, Anna, David, Elena, Jan, Lara, Laura, Lena, Leon, Leonie, Luca, Lukas, Nico, Nina, Noah, Sara, Simon und Tim
    sind wohl nicht dem Kevinismus sondern dem Emilismus zuzurechnen…

    und ich geb zu bedenken, dass zwei,drei – gar vier vornamen keinesfalls kevinistisch sein müssen …

    meine eltern und großeltern hatten auch 3 oder vier vornamen. und im alltag trägt man eh nur einen.

    Lilly Angelina und Ella Valentina ? – das ist doch Musik …. schön.

    außerdem kann man dann oft Namenstag feiern.

    Pavlína Emílie Božena Alžběta

  7. gargamel sagt:

    ist mir eben noch eingefallen: da war doch diese neunjährige neuseeländerin, die ihre eltern für den ihr verpassten vornamen verklagte. erfolgreich. den eltern wurde sogar das sorgerecht entzogen. zu recht, wie ich finde, wenn man seiner tochter den namen talula does the hula from hawaii verabreicht.

    auch der kleine adolf hitler campbell und seine schwestern joycelynn aryan nation und honszlynn hinler jeannie aus den usa werden ihren eltern wohl dereinst nicht nur dankbar sein…

  8. “kevin ist kein name, sondern eine diagnose”.

    dank für diesen aufschlussreichen artikel zu einem thema, das im zuge der master-arbeit einer lehramtsabsolventin den obigen titel hat. mehr dazu unter: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,649421,00.html

    grüße aus oldenburg

    michael olsen

  9. simone sagt:

    in meiner familie haben alle seit generationen drei namen: den eigenen und den der grossmuetter/grossvaeter. ist das nun kevinismus? fuer mich ist es eher liebende ehrbietung an die aeltere generation. und da die familie auch franzoesische zweige hat heisst nun meine tochter julie – welch graeuel mit j wird herr marti nun sagen – obwohl meine grosstante (um 1910 geboren) schon so hiess.

    was sollen all diese “was machen die anderen immer falsch” in dieser rubrik, die sie so haeufig in reines provinzblabla verwandelt.

    leben und leben lassen.

    ps: meine drei vornamen habe ich immer mit stolz getragen, in erinnerung an starke und wundervolle grossmuetter.

  10. Some time ago, I did need to buy a car for my corporation but I didn’t have enough money and couldn’t order something. Thank goodness my mother adviced to get the home loans at trustworthy bank. So, I acted that and was satisfied with my collateral loan.

  11. Emily sagt:

    Was nicht zu vergessen ist: Menschen mit ausländischen Wurzeln, wohnhaft in schweizerischen Landen (von denen es ja einige gibt), möchten auch ihre Traditionen weitergeben.
    Aus diesem Grund bin ich schon vor der Zeit von Alina, Anna, David, Elena etc. auf die Vornamen Elina Taina getauft worden: Sie erinnern mich an meine Abstammung; Doppelnamen sind seit Generationen Tradition. Meine Mutter hat Elina als zweiten, ich trage ihn nun wieder als ersten Vornamen – wie etliche meiner Vorfahrinnen.
    Das hat nichts mit Originalität oder Einzigartigkeit zu tun. Es macht mir auch nichts aus, die Namen ab und zu zu buchstabieren oder die Aussprache zu korrigieren.
    Ich trage meine zwei Vornamen genau so gern wie Simone.

  12. Eni sagt:

    @ Emily

    Ist doch ok. Monika, Petra, Brigitte, Andreas und Roger gibt es mehr als genug. Wenn Sie Elina heissen gibt es wenigstens keine Verwechslungen.

  13. stef sagt:

    Ich heisse Stefan Christian. Stefan ist kein Name, sondern ein Zustand. Ich war mal auf einer Baustelle, da hiessen alle ausnahmslos Stefan. Soll das gut sein? Bei unseren Kindern war meine Bedingung, dass es kein biblischer Name sein darf. Als Atheist ist Christian schon fast mehr als ein Witz. Bei der Namensuche sind wir auf ner Mütterseite über den Namen Benito gestolpert, da habe ich mich auch gefragt, wann der Adolf auftaucht.
    Mit der Suche nach Originalität wird es ja schon übertrieben, aber in der Schweiz ist es doch sehr harmlos.
    PS mein Grossvater hiess Toni, sein älterster Sohn, Toni, dessen Frau Antoinette, deren Sohn Toni.
    Da hätte ein Kevin nicht geschadet

  14. Justin Robin Marvin Kevin sagt:

    Der Artikel hilft leider keinem weiter:
    Das Präkariat, das seine Kinder Liam, Noel und Robin nennt, liest keine Zeitung.
    Und die bemitleidenswerten Kinder, die leider gar nichts für ihre Vornamen können, werden nur noch mehr stigmatisiert.

  15. heidi reiff sagt:

    Denn die Freude die ihr gebet, kehrt ins eigne Herz zurück ist auch eine Haltung. Meine Fenster sind offen, ununterbrochen höre ich das Vogelgezwitscher, ich hab ev. eine Vogelphobie, der Auerhahn kräht, hat so seine eigenen Töne, hab da viel von Kindern gelernt, Kinder sind spontan und nicht berechnend, ich habe viel von Kindern gelernt, ev. relativiert das etwas die fanatischen Typologien aus Klugheitsecken , Sanguiniker, Choleriker etc.

Kommentieren

Verbleibende Anzahl Zeichen:

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.