Leben


Michèle Binswanger am Montag den 25. Januar 2010

Babys Superkräfte

MAMABLOG-BABYFACE-01

Was geht wohl im Babykopf vor? Skulptur von Ron Mueck in der National Gallery.

Als junge Mutter war ich fasziniert von der Vorstellung, wie sich vom Moment an, da Same und Eizelle zu einem Zellhaufen verschmelzen, mit unabänderlicher Konsequenz ein menschliches Bewusstsein entwickelt. Plötzlich ist es da, taucht irgendwo auf an der Schnellstrasse, die vom Embryo, der in utero mit seiner Mutter koexistiert, zum saugenden und schreienden Baby führt, zum brabbelnden und herumwankenden Dreikäsehoch, bis zum ernst in die Welt blickenden Kind, das alle Grundlagen des Verstandes hat und bereits die grossen Fragen der Menschheit stellt.

Die grossen Frager der Menschheit hingegen, die Philosophen, interessierten sich umgekehrt bislang kaum dafür, was in so einem kleinen Babykopf passiert. Babys, so nahm man einfach an, hätten noch kein Bewusstsein, oder es liesse sich philosphisch nicht analysieren, weil es, wie Pragmatist William James formulierte, nichts weiter als eine grosse, blühende, geschäftige Verwirrung sei.

Verwirrung spielt auch im neuen Buch «The Philosophical Baby» der amerikanischen Entwicklungspsychologin und dreifachen Mutter Alison Gopnik eine grosse Rolle. Allerdings sieht sie darin keinen Mangel, sondern die Grundlage für höhere kognitive Leistungen, ein Potenzial, das Erwachsene oft versiegen lassen.

Ungefiltert stürzt die Welt auf Babys ein, chaotisch und ungeordnet. Im Hier und Jetzt gefangen, ohne Begriff für Zeit, Raum, Ursache und Wirkung, ohne Instrumente, das Erlebte zu filtern, fehlt Babys gewissermassen die Verstandesmatrix. Um sich in den Kopf eines Babys zu versetzen, müsse man sich vorstellen, man werde in einer fremden, geschäftigen Stadt abgeworfen, ohne Plan und Ziel, bombardiert von neuartigen Eindrücken, weder der Sprache noch der Gebräuche mächtig. Was würde der Erwachsene an so einem Ort anfangen? Er müsste sich etwas einfallen lassen. Die Leute beobachten, sie imitieren, versuchen zu verstehen. Er würde komische Laute ausstossen, um mit ihnen zu sprechen. Er würde sich etwas seltsam benehmen, aber mit kreativen Strategien irgendwann seinen Platz finden. Genau das tun auch Babys. Nur in extremis, denn wo ein Erwachsener immer schon einen Plan hat, eine Sprache, Begriffe, auf die er aufbauen kann, fängt das Baby buchstäblich bei Null an.

Dafür umso eifriger! Sobald Umwelt da ist, experimentiert es damit, analysiert und passt seine Ergebnisse konstant an. Derweil es heranwächst, ist es gezwungen, sein Verständnis der Welt immer wieder vollkommen umzukrempeln, alles, was es bislang zu wissen glaubte, muss es hinter sich lassen, um eine immer wieder neue Existenz und neue Identität mit ihren Möglichkeiten zu umarmen. Als innovativer und flexibler Erwachsener gelingt einem eine solche Neuerfindung vielleicht zwei, drei Mal im Leben. Das Kind wälzt sein Leben all paar Monate vollkommen um. Und deshalb sind Babys und Kinder, so Gopniks These, so etwas wie ein Superwissenschaftler. Wie die grossen Künstler und Ingenieure beobachten sie die Welt nicht nur um herauszufinden, wie sie ist, sondern sie sehen auch, wie sie sein könnte. Sie gehören, was unsere Spezies betrifft, in die Abteilung «Forschung und Entwicklung», wo wilde Visionen und Innovationen entworfen werden. Als Erwachsener wechselt man dann in die Abteilung Produktion und Marketing, wo auf Ziele und Abläufe fokussiert wird.

Immerhin gibt es laut Gopnik Möglichkeiten, das verschüttete Babypotenzial wieder zu erreichen. Reisen zum Beispiel, weil man da mit fremden Eindrücken überschwemmt wird und sich so die Welt neu erfahren lässt. Oder Meditation, die einen die Gleichzeitigkeit alles Möglichen erfahren lässt. Oder Elternschaft, so sehr diese uns an die Produktionsabteilung zu fesseln scheint. Sie gibt die Struktur vor, in der ein neuer Superwissenschaftler heranreifen kann. Ein faszinierendes Forschungsexperiment.

49 Kommentare zu „Babys Superkräfte“

  1. Jan Holler sagt:

    @ Michèle B. : Nun wirds aber wissenschaftlich. ;-) Ja, bin mit dieser Darstellung einverstanden. Der Sprachforscher hat aber schon Möglichkeiten, die Plausibilität seiner Annahmen zu überprüfen. Er könnte die Erkenntnisse der Linguistik anwenden. Noam Chomsky u.a. haben nachgewiesen, dass (menschliche) Grammatik universalen Regeln folgt. Vgl. dazu Universalgrammatik.
    Wir könnten uns einigen, dass dort die wahren Superkräfte der Babys liegen. “The Philosophical Baby”, das ist doch hanebüchen.

    Etwas würde ich gerne von Ihnen wissen. Warum wehren sich Frauen einerseits (zu recht!), in Klischees gedrängt zu werden und andererseits wird auch z.B. von Ihnen für erwähnenswert gehalten, dass Gopnik dreifache Mutter ist? – Ich würde doch auch umgekehrt nie auf die Idee kommen, hier mehr Gewicht in meine Argumente mit der Bemerkung zu legen, ich sei zweifacher Vater.

  2. max sagt:

    @Michèle Binswanger. Es gibt reale Beispiele, wo erfolgreiche Kommunikation zwischen völlig Fremden zustande kommt. Diese ist abhängig von gemeinsamen Konventionen.

    Märkte funktionieren erstaunlicherweise auf der ganzen Welt fast gleich. Markt in archaischen Gesellschaften konnte nur funktionieren, weil ein Minimum von Konvention vorhanden war. Dieses Minimum macht die Märkte zu dem was sie sind.

    Spiele ermöglichen ebenfalls die erfolgreiche Aufnahme von Kommunikation zwischen Fremden. Man muss dann nur die Regeln des Spiels durchschauen und ist schon dabei.

    Gemeinsame Erfahrungen können ebenfalls solche Kommunikation ermöglichen. Beispiel wäre der Entdecker und Angestellte der Hudson Bay Company John Rae. Er legte in der Arktis tausende Kilometer zu Fuss zurück und konnte als erster vom Land aus die Nordwestpassage kartieren. Er kommunizierte erfolgreich mit den Eskimo und konnte sie befragen über die letzten Überlebenden der Franklin Expedition. Solche Befragungen mit vollkommen Fremden wurden mit Sicherheit erleichtert durch die gemeinsame Erfahrung der Härte und Entbehrungen des Lebens in der Arktis.

    Ein anderes Beispiel aus der Zeit der spanischen Eroberungen Mittelamerikas, das sowohl Erfolg wie Misserfolg zeigt muss ich noch hervorsuchen.

    Gregory Bateson in “Mind and Nature” beschreibt, wie ein Gibbon und ein Hund miteinander spielen. Beide interpretieren das Verhalten des anderen im Kontext des eigenen Instinktverhaltens. Es herrschen in Bezug auf die Kommunikation, Absichten, Taten und Tatfolgen lauter Missverständnisse. Dennoch haben sich die beiden Tiere darauf geeinigt, dass sie SPIELEN miteinander.

  3. Lea sagt:

    @Jan Holler 25. Januar 2010 um 21:22 “@ Lea: EOT.”

    wtf? Was ist Ihr Problem?

  4. Jan Holler sagt:

    @ Lea: Kein Problem. Habe einfach keine Lust auf sinnentleerte Debatten. Sie haben mit persönlichen Unterstellungen angefangen, verstehen etliche Begriffe bspw. ad hominem ganz offensichtlich nicht richtig, reiten trotz Absage weiter darauf herum, drehen die Argumente um, werfen mit irgendwelchen Begriffen um sich, verwechseln Aktion und Reaktion und darum beende ich es. Ist mir zu kindisch. Sorry.

  5. Lea sagt:

    Genau genommen ist es ja genau umgekehrt. Aber Sie spielen den überheblichen Gockel, der es besser weiss und können sich nicht anders behelfen als die reductio ad absurdum. oder war es nun reductio at stupiditatem.

    Sie sind hier, wie auch in anderen Foren auf einem Missionarstrip. So, das war eine Unterstellung, allerdings eine fundierte.

    Subunternehmer wie sie kenne ich in meinen Projekten usque ad nauseam.

    wie heisst es dann: “NEXT!”

  6. Mia sagt:

    @max: selber reizüberflutet? ooooohhhhhhmmmmm….

  7. zysi sagt:

    ich befolge nun mal gopnik und teste die reisemöglichkeit gleich mit meinen kindern, dann bin nicht nur ich potenziert sondern meine kinder vorsorglich gleich auch noch, für das bevorstehende verkümmerte erwachsenensein…..

    was man alles lernen kann, wenn man will

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