
Meine Güte, dieses Östrogen! Meine Güte, dieses Testosteron! Auch Schlitteln ist eine Art Extremsport (Bild: Keystone)
Zum Glück gab es die Neunzigerjahre. Hätte es diese nicht gegeben, wäre ich vielleicht nie mit dem Dogma der Flexibilität in Berührung gekommen. Die Berührung entwickelte sich mit meiner Mutterschaft schnell zu einer Liebesbeziehung, die mir ermöglicht, auf vieles zu verzichten. Zum Beispiel auf den Verzicht selbst. Schliesslich kann man auch als Mutter fast alles machen, solange man flexibel genug ist. Letztlich ist alles nur eine Frage der Interpretation.
Zum Beispiel Wintersport. Die konventionelle Auffassung davon beinhaltet, sich vor majestätischer Bergkulisse unter Heerscharen von in bunte Schichten von Polyester gehüllten und mit Gleitutensilien aller Art bewehrten Wintersportophilen die Hänge runterzustürzen. Aber man kann auch anders. In unseren ersten Familien-Skiferien musste ich diesen Terminus ganz neu interpretieren. Denn der dreijährige Sohn war für die Skischule noch nicht reif, weshalb ich, die ich den Rummel auf den Pisten nicht sonderlich schätze, mit ihm das Kleinkindprogramm durchzog.
Es war ein wunderschöner Tag, die Sonne strahlte, vor dem gleissenden Schnee warfen sich verschneite Tannen, schmucke Hüttchen und bizarre Bergzinken in Pose. Ich stellte mir einen ruhigen Wandertag in der majestätischen Bergwelt abseits der Pisten mit einer langen Schlussabfahrt auf dem Schlitten vor und fuhr mit dem Sohn ins Skigebiet.
Zunächst suchten wir uns inmitten malerisch eingeschneiter Holzhütten ein stilles Plätzchen und machten es uns gemütlich. Allerdings verlor das Plätzchen viel von seiner Stille, als der Sohn zu spielen begann: Piraten! Speere! Kanonen! Messer! Flugzeuge! Peng Peng Peng!
Meine Güte, dieses Testosteron, dachte ich und versuchte, wenigstens die Landschaft zu würdigen, derweil ich das Spiel des Sohnes mit periodischen Rufen interpunktieren musste: «Achtung! Da geht es runter! Halt dich fest!» Meine Güte, dieses Östrogen, sagte ich mir und sah schliesslich ein, dass ich mehr Action bieten musste.
Also nahmen wir den Winterwanderweg zur Munggä-Hütte. Der Sohn auf dem Schlitten, ich an der Reissleine. Der Schlitten war schwer, der Weg steil, die Sonne brannte. Schweissgebadet stapfte ich gleichmässig durch die stille Berglandschaft. Als sich plötzlich ein Rentner an meine Fersen heftete, bewaffnet mit Wanderstöcken, einer bescheuerten Sonnenbrille und einem entschlossenen Grinsen. Seine Ehefrau lag bereits weit abgeschlagen im Feld, und Opa sah in der Mutter mit dem Dreijährigen im Schlepptau eine leichte Beute am Berg. Ich aber habe nicht nur eine Bergsteigerkondition, sondern auch einen bissigen Ehrgeiz. Ich nahm den Fehdehandschuh auf. Opa würde sich noch wundern.
Die anderen Winterwanderer warfen uns nachdenkliche Blicke zu, wie wir hochrot und mit fliegenden Lungen den Berg raufrannten. Leider war das nicht die Art von Action, die dem Sohn vorschwebte und von Teamsport hatte er auch noch nie gehört. Er rutschte ungeduldig auf dem Schlitten herum und schwächte so meine Position empfindlich. Dann begann er zu quengeln: «Ich will Pauseeeee! Runterfahren!»
Ich keuchte: «Später, wir sind noch nicht bei der Munggä-Hütte.» Aber man kann sich nicht ein Rennen liefern und gleichzeitig Abtrünnige überzeugen. Wohl oder übel musste ich Opa an uns vorbei schnaufen lassen und stürzte mit dem Sohn zähneknirschend zu Tal. Als wir unten ankamen, war der Kleine begeistert. Und weil er wahrhaft mein Sohn ist, musste es auch gleich Extrem-Schlitteln sein. Wir fuhren mit der Gondel wieder hinauf, mit dem Schlitten runter. Und dann gleich nochmals. Rauf, runter, rauf, runter, rauf, runter. «Mehr!» jauchzte der Sohn jedes Mal, wenn wir oben ankamen. «Ächz!», antwortete ich und das war in etwa alles, zu was ich noch fähig war, als die Bahnen endlich schlossen.
Abends in der Hütte wunderte sich mein Mann. «So kaputt, von dem bisschen Schlitteln?», fragte er. «Ich glaube, du musst mehr Sport treiben.»


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
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Habe mich schief gelacht, danke!!!
Danke für den Tipp, werde mich also fit halten in den nächtsen drei Jahren!
letzten sonntag, gleiche action (für den vater, die mama ging mit der kleinen wägelen
) gleiche erschöpfung, gleiche genugtuung nur ungleicher kommentar seitens der frau: hesch möge ? Ich: ha müesse, dr chline het geng gseit: Meh, meh!
Oh je! Wir gehen im Februar zum ersten Mal in den Schnee mit 3jaehrigem (hyperaktiven) Sohn!! Werde mich also noch ein bisschen fitter machen muessen!
Ich erinnere mich, dass ich als ich 8 war oft kalt hatte, oft in’s Restaurant wollte und ganz generell nicht immer (aber oft) Freude am Skifahren hatte, vor allem, wenn das Wetter schlecht war.
Mein Sohn heute mit 8: Unabhängig vom Wetter um 8:30 auf der Piste und dann wird gefahren, bis die Lifte abstellen. Eine Ovi und Zmittag müssen schon sein, aber dann schnell wieder auf die Piste.
Es bleibt mir gar nichts anderes übrig als auch Freude zu haben
@Bionic Hobbit: Hyperaktiv: pass mal auf Fruktose auf. Hatte so eine Tochter (Ritalin und das ganze Theater). Bis (nebst Laktoseintoleranz) Fruktoseintoleranz positiv getestet wurde. Man meint, man macht es gut, und stopft die Kids mit Obst & Co voll, und dann…
In manchen Skiorten gibt es diese Skikindergärten. Kann ich nur empfehlen. Mami und Papi gehen zwei, dreimal mal auf die Piste und die Kleinen amüsieren sich unterdessen mit den jugendlich-fitten Betreuerinnen beim Pneuschlitteln, Bobrennen, Iglubauen etc.
An alle Schweizer Männer die immer gerne an ihren Miteidgenossinen rummäkeln. Die Schweizerinnen gehören zu den sportlichsten Frauen Europas. Michèle Binswanger’s belegt das auf eine sehr humorvolle Art. Darum ein dreifaches Hurra
auf unsere schönen sportlichen Frauen!!!
Hihi, ja so geht’s, das nennt man ganzheitliches Körpertraining. Zum Trost: Pilates wäre teurer. Habe mich damals auch gefragt, ob’s wirklich MuKi-Turnen heisst oder KiMu…
lol
Herrlich! danke
haha, super text
alle 3-jährigen wirken auf erwachsene etwas hyperaktiv
schlitteln ist ja noch harmlos: mit den kleinen hundert mal die skipiste runtersausen und sie jeweils bei den steilen stellen zwischen die beine nehmen – da schmerzen dann plötzlich muskeln, von denen man vorher gar nicht wusste, dass es sie gibt!
@lisa: bin ich einverstanden. Wenn ich meinen Sohn hyperaktiv finde, ist das wohl eher meine Muedigkeit mit den 6 Monate alten Zwillingen (die bald auch hyperaktiv werden). Zur Fitness muss ich allerdings sagen, dass ich einmal pro Woche mit dem Zwillingswagen einen Buggy Workout mache (in einer Gruppe, mit Trainer) und generell recht in Form bin, um Gegensatz zum Vater, der seit mehr als einem Jahr nichts mehr in Sachen Sport gemacht hat! Vielleicht sollte ich ihn Schlitteln schicken.
@mia: das mit der Fruktoseintoleranz haben Sie glaube ich schon einmal vor ca 6 Wochen woanders erwaehnt, und ich habe die wissenschaftliche Evidenz dazu gesucht und nicht gefunden. Den einzigen halbwegs glaubhaften Zusammenhang zwischen Attention Deficit Hyperactivity Disorder und Ernaehrung, den ich gefunden habe, ist ein Mangel an Omega3 Fettsaeuren. Daraufhin habe ich meinem Sohn diese als Supplement gekauft und er hat jetzt einen Monat lang diese wiederlich fischigen Bonbons gegessen (Vitamine, ja!!). Ich sehe keinen Riesenunterschied. Er malt und schreibt jetzt ein bisschen mehr….und spielt auch mal 10 Minuten allein. Dies als ‘case report’ (n=1), d.h. niedrigste Stufe der Evidenz….
Also ich lese hier eigentlich dass es nur um’s Mami geht – und das Kind ? hoffentlich ist es nicht erfrohren im Fahrtwind der mütterlichen Ambitionen…
@karin imhof: ich glaube frau binswanger durchaus, dass sie fit ist – aber dass sie mit schlitten im schlepptau so schnell den berg raufrennt, dass sich der nachwuchs auf dem schlitten im fahrtwind erkältet, das kann ich mir nur schwer vorstellen…
Wir können schlicht nicht beurteilen, ob Frau Binswanger fit ist.
Lasst eure 3jährigen doch zwischendurch selber laufen und helfen den Schlitten ziehen. Dann sind auch sie am Abend müde nach einem schönen, anstrengenden Tag und ihr Eltern habt einen ruhigen Abend.
Den abendlichen Männer-Kommentar kann ich nicht empfehlen … autsch