
Kate Winslet alias Sarah langweilt sich im Film «Little Children» auf dem Spielplatz zu Tode.
Gestern traffen wir uns zum ersten Weiberabend seit Leo’s Niederkunft und stiessen auf den kleinen Jungen an, der neben uns im Wagen friedlich vor sich hinschlummerte. Er sah sehr viel glücklicher aus als seine Mutter, die ihren Prosecco so gierig herunterspülte als sehnte sie sich nach einer Lobotomie. «Entschuldigt, aber ich habe die letzten sechs Wochen die Mama auf Wolke sieben gegeben», sagte sie, «einmal stürzt jeder ab.» Wir nickten im Chor, schliesslich waren fast alle unter uns auch mal dort, in der Woche sieben post partum, in der Schlaf nur mehr ein leeres Wort ist und das Leben mehr oder weniger aus Stillen besteht. Auch wir haben vor Fremden und Verwandten tapfer die Erschöpfung mit Babyentzücken zugedeckt und die Angst, dass das, was mal unser Leben war, nun immer so weitergehen könnte. Wir haben Leo getröstet, den ganzen Abend lang, und als wir uns verabschiedeten, verunglückte ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht.
Erst zuhause, als ich das uralte Polaroid sah, welches seit fast zehn Jahren an meiner Pinwand hängt, erinnerte ich mich an das, was in Leo gerade vorging: Das verblichenen Bild zeigt mich am Boden, in beiden Wortsinnen. Im Pyjama hocke ich da, wühle im ungekämmten kurzen Haar und erzähle meiner damals rund achtmonatigen Erstgeborenen ein Bilderbuch. Genauer das Buch vom Flohmarkt, welches sie liebte, so sehr, dass ich bis heute die 15 Reime auf den Seiten auswendig herunterspulen kann. Ich schoss das Bild, um den Moment festzuhalten, an dem in meinem Empfinden die Zeit tatsächlich stillstand. Ich fühlte eine so erdrückende und ganz und gar trostlose Langeweile damals, dass ich noch heute beim Betrachten des Bildes spüren kann, wie mein Hirn das Denken langsam auf den Stand-by-Modus herunterfuhr.
Es ist eines der letzten Tabus der modernen Gesellschaft: Zu sagen, dass man sich mit dem eigenen Kind langweilt. Mutter darf heute zugeben, dass der Nachwuchs mitunter nervt, dass das Mutterdasein anstrengend ist und manchmal undankbar. Aber das Wort «Langeweile» hat auf dem kollektiv akzeptierten Beichtkatalog mütterlicher Empfindungen keinen Platz. Es gilt noch immer als unverzeihbarer Verstoss gegen unser Bild der Mutter als selbstlose Lichtgestalt, wenn eine Frau im neuen Millenium ihre Kinder nicht ununterbrochen absolut faszinierend findet. Dass das Glück, nicht mal das ganz grosse frische Babyglück, nicht jederzeit dafür entschädigt, sein Hirn vorab zu gebrauchen um sechs mal täglich 180 Mililiter Wasser abzumessen und vier Löffel Folgemilchpulver abzuzählen. Dass für manche Mutter der Gang auf den nächstgelegenen Spielplatz, wo sie stundenlang hinter der Rutschbahn steht, ein Narkotikum ist und kein Abenteuer. Und sei es nur an manchen Tagen. Und in den ersten paar Jahren.
Als ich Leo heute Morgen anrief und sie um Erlaubnis für den Blogeintrag bat, seufzte sie hörbar auf und sagte, was sie sich am Weiberabend bloss dachte: «Die Einsamkeit und Langeweile machen mich fertig. Manchmal schaue ich auf meine Uhr, nur um mich zu vergewissern, dass sich die Welt um mich dreht. »
Jetzt, wo ich das schreibe, bereite ich mich geistig schon mal auf die Egoismusvorwürfe vor und auf die «Warum-haben-Sie-denn-Kinder-wenn-Sie-nicht-mal-zurückstecken-können»-Attacken. Aber es geht nicht ums Zurückstecken. Zurückstecken ist total in Ordnung und ich tat und tue es noch immer gern und freiwillig für meine Kinder. Und ich weiss, dass das auch auf Leo zutrifft. Ich kenne das grösste Privileg einer Mutter und würde es um nichts in der Welt tauschen. Aber muss ich deswegen die Erinnerung an das Gefühl amputieren, dass sich nicht immer aber zuweilen einstellte, wenn meine Gesprächspartner tagelang aus einem vierjährigen Mädchen und einem monatigen Baby bestanden? Das Gefühl mich intellektuell auf Diät zu befinden. Das beängstigende Gefühl der Selbstverlorenheit, das es neben dem beglückenden Gefühl der Selbstvergessenheit auch gibt. Zumindest in meinem Gefühlshaushalt.
Es geht nicht ums Zurückstecken. Es geht mir in diesem Beitrag, ja im Mamablog überhaupt, ums Abstecken. Ums Abstecken eines Mutterbildes, das die Vermenschlichung der Lichtfigur anstrebt, die in den letzten Jahrzehnten entworfen worden ist. Denn wer im Licht steht, wirft immer einen Schatten. Warum muss mütterliche Fürsorge und Liebe eine mindere Qualität haben, wenn sie das unbestrittene Kinderglück nicht mit Selbstzensur verbindet?


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
auf Facebook






















@Sonja: “… ich glaube sie einfach nicht und wenn man seinem “vermeintlichen” Gegenüber nicht traut, ist auch keine sinnvolle Diskussion möglich. (meiner Ansicht nach)” da haben Sie recht, aber irgendwas muss auch Ihnen hier wichtig sein, sonst würden Sie nicht immer noch mitlesen und schreiben, oder?
@Sonja Somit hab ich ein Recht, eine Kampagne gegen Dich zu starten, weil ich vermute Du seist eine Sockenpuppe? Insbesondere, da der eine Sonja Beitrag auf freischaltung wartete.
Ich (männlich) finde das total legitim und v.a. ehrlich, wenn eine Frau sagt, dass sie sich hin und wieder in Gesellschaft ihres Kindes langweilt. Das liegt ja nicht daran, dass sie das Kind nicht liebt, sondern viel mehr im Vermissen sozialer Kontakte anderer Art. All diejenigen, die eine solche Aussage einer Mutter verwerflich finden, sollten sich mal ehrlich beantworten, ob sie sich in der alleinigen Gesellschaft der Grossmutter noch nie gelangweilt haben. Und trotzdem mögen sie (zumindest die meisten) ihre Grossmutter!
Ich langweile mich übrigens auch manchmal- vor allem dann, wenn der letzte Popel aus der Nase gebohrt worden ist.
Dann ganz speziell.
@Marcel: und um dieser letzten Langeweile ein bisschen die Ödheit zu nehmen, gibts ja dann diesen Blog hier,
mit echten und falschen Mitspielern, mit echten und falschen Beiträgen,
aber immer der Möglichkeit mit dabei, sich selber echt be-ein-drucken zu lassen oder betroffen zu fühlen, je nach dem.
Ich ignoriere jetzt einfach mal den vorangegangenen Blog-Diskurs. Also: Dankedankedanke, Nicole Althaus, für diesen wunderbaren Artikel, der mir (wieder einmal) aus der Seele sprach!
Wenn ich mir neben den Schweizer(innen) noch andere Menschen dieser Erde anschaue und neben dem Menschen noch andere Primaten, so bekomme ich den Eindruck, dass es nicht natürlich ist, ausschliesslich für eine einzelne Aufgabe verantwortlich zu sein. Das gilt genauso für die Kinderbetreuung wie fürs Arbeiten. Dass sich eine Mutter oder ein Vater langweilen, wenn sie nichts anderes als Kinderbetreuung ausüben dürfen (müssen?), ist doch naheliegend. Umgekehrt kann auch das Ausüben eines 100%-Jobs ganz schön öd sein. Wenn sich beide Elternteile in der Kinderbetreuung abwechseln und keiner weder von dieser noch vom Arbeiten ausgeschlossen wird, so ist ein interessantes und erfülltes Leben für beide möglich.
Besten dank für den interessanten Gedankengang in dem Blog. In der Tat bin ich schon lange der Meinung dass die Mütter ein Anrecht haben öffentlich zu ihrem Anschiss zu stehen und zu sagen: “Mich kotzt das Kind einfach an und ich brauche Distanz. Nehmt mir das Balg aus dem Sichtfeld, weil auch bei all der Liebe die ich empfinde, so bin ich das Kind an gewissen Tagen einfach Leid.” Für sowas hat man dann meistens Eltern, Grosseltern oder aber eben auch mal eine gute Freundschaft, die einem etwas Luft verschafft.
Ich finde, dass JEDEM Mensch ein Gegenstand, Lebewesen oder Tätigkeit langweilig werden können. Klar, das ist ein Wechselbad von Faszination und Gewohnheiten, dennoch verstehe ich die Mutter in dem Blog sehr gut, bzw auch all die anderen Mütter, die an gewissen Tagen einfach so gar keine Freude an ihrem Nachwuchs haben können.
Wie immer ist jegliche Diskussion um das Thema für jedermann/frau reine Auslegungssache und Interpretation bzw Erfahrung, und differenziert sich. (was mir hier die meisten Beiträge zeigen)
Danke Nicole, ehrlicher Beitrag.
Ich bin auch eine der wenigen Mamas, die ehrlich mit Freunden über die Probleme, Langeweile usw. spricht, welche der Mamaberuf halt – wie andere Jobs auch, nur anders – mit sich bringt. (werde oft auch schief angeschaut, wenn ich nicht immer nur strahle, sondern auch mal ernstere Diskussionen anbringe)
Der Mamaberuf bringt alle Extreme in mir auf: Glück, Freude, Spass, Erfüllung, Langeweile, Frust, Stress.
Geht es euch auch so?
Meine Gedanken:
Zum Artikel: Ja. Es ist langweilig. Langweilig, mühsam-alltäglich, und eben, vergessen wir nicht: Die Überforderung, das Aufgerieben-sein, die Hormonumstellung, das Aufgewühlt-sein, die Lebensumstellung, das Ausgesetzt-sein, zum Beispiel dem Geschrei, das Stillen.. Es darf kein Tabu sein, denn es ist einfach so. Mit einem Baby sollte man (Mann, Frau…) mit anderen Leuten zusammen sein. Und Schluss. Es spielt auch keine Rolle, ob es ein Jammern auf hohen Niveau ist oder ob Menschen mit wahren/echten/existenziellen Problemen davon nur träumen können. Solche Diskussionen führen zu nichts. Ob es nicht zum Thema “Zurückstecken” gehört, weiss ich aber nicht so genau. Vielleicht doch. Es ist ein Zurückstecken des eigenen Wesens, ein richtig festes Zurückstecken.
Aber es ist nicht lange so furchtbar langweilig. Nicht mehr, wenn ein Kind drei Jahre alt ist oder zwei. Ein Erwachsener in der Freizeit ohne ein Kind, DAS ist langweilig. Ich früher im Zoo: Musste die Schilder lesen, weil ich dachte, ich müsse etwas über die Tiere lernen, musste Gedanken denken wie ” der Zürcher Zoo ist bestimmt einer der renommiertesten der Welt” oder “wozu haben wir eigentlich Zoos?” oder “ich müsste wohl wieder mal etwas dem WWF spenden”. Jetzt aber, mit den kleinen Rackern, ist es spannend, und sowohl die Spiele, wie auch die Gedanken sind frei. Was man interessant finden muss und was nicht.
Auf’s Tram warten als Erwachsener allein: Langweilig. Deshalb rauchen ja die meisten. Mit den Kindern aber geht es. Ich betrachtete dabei mit meinem Sohn (3 1/2) immer mal wieder das Plakat über die Ausstellung “Körperwelten”, und wir konnten sagen, dass dieser Mann keine Haut habe, und dazu konnten wir viele Kommentare abgeben. Unter Erwachsenen müsste man das Plakat entweder ignorieren oder darüber diskutieren, ob diese Ausstellung pervers sei oder was das über eine Gesellschaft aussagt, wenn sie Leichen ausstellen muss, oder man müsste sagen, das ist sicher eine interessante Ausstellung.
Es ist egal, wo man mit Kinder hingeht, ob in’s Museum oder im Sauwetter ein paarmal um den Block, denn es ist immer spannend und es tun sich immer Welten auf. Man muss das Museum weder ernst nehmen noch den Weg zum nächsten Laden geringschätzen. Alles ist verspielt, auch die Rede, auch das Erklären, alles ist assoziativ. Das gefällt mir, das ist genau mein Niveau
. Ich sage auch gerne Sätze wie “nein, wenn du das Stäckli mal abenang gebrochen hast, kannst du es nicht mehr zusammensetzen”
. Erwachsenengespräche finde ich nur dann wirklich interessanter, wenn sie sachbezogen und sehr fokussiert sind. Es gibt aber unendlich viele Arten von Small-talk und unendlich viele Gespräche, egal auf welchem Niveau, welche nur aus Klischees zusammengesetzt sind. Nicht aber mit Kindern!