
Absatzfrei, alkoholfrei, stressfrei: Das freie Leben einer Schwangeren gleicht einem Gefängnis.
Schwangerschaft ist der unfreiwillige Wiedereintritt in die Unmündigkeit. Diesen Satz habe ich letztes Frühjahr in einem Blogeintrag zum Thema «Minenfeld Mutterschaft» geschrieben. Ich habe ihn damals auf ungefragte und harmlose aber nichtsdestotrotz ärgerliche Angriffe auf die Selbstbestimmung einer Schwangeren bezogen. Auf die Tatsache, dass eine Frau, kaum zeigt der Schwangerschaftstest zwei Streifen, am besten sofort und in aller Freiwilligkeit auf koffeinfreien Kaffee, absatzfreie Schuhe und alkoholfreie Getränke umstellt. Denn sonst sind gewisse Mitmenschen ihrerseits so frei, sie darauf hinzuweisen, was sich in anderen Umständen gehört.
Niemals hätte ich damals gedacht, dass sich der Satz in Florida gerade zur selben Zeit auch rechtlich bewahrheiten könnte: Samantha Burton war 25 Wochen schwanger, als sie im März 2009 Wehen spürte. Ihr Arzt verschrieb ihr Bettruhe bis zum Geburtstermin. Als die zweifache Mutter ihn bat, eine Zweitmeinung einholen zu dürfen, weil 15 Wochen Bettruhe mit zwei kleinen Kindern und einem Job nicht so einfach zu bewerkstelligen seien, alarmierte er die Behörden. Umgehend wurde die Schwangere per Gerichtsbeschluss ins Tallahassee Memorial Spital eingewiesen und dort gegen ihren Willen festgehalten. Weiter wurde verfügt, dass Burton sämtliche angeordneten medizinischen Eingriffe über sich ergehen lassen müsse, die für «Leben und Gesundheit des ungeborenen Kindes» als nötig erachtet würden. Nach drei Tagen wurde die Schwangere per Notfallkaiserschnitt entbunden. Der Fötus war tot.
Das klingt wie ein Ausschnitt aus einem Horrorfilm. Wie es sich angefühlt hat, möchte Burton «jeder anderen Frau ersparen». Deshalb verklagte sie, kaum wurde sie aus dem Spital entlassen, mit Unterstützung der American Civil Liberties Union die Behörden und das Spital wegen Verletzung konstitutioneller Rechte. Das Urteil wird in den nächsten Tagen erwartet. Wird das Gericht für oder gegen die zweifache Mutter entscheiden? Samantha Burton hat immerhin zwei Kinder geboren und bisher erfolgreich aufgezogen. Sie wollte offensichtlich auch das dritte Kind, sonst hätte sie nicht fürsorglich einen Arzt aufgesucht, sondern abgetrieben. Schwangerschaftsabbrüche sind in Florida legal. Dass sie offenbar Mühe bekundete, mit dem Rauchen aufzuhören, ist ebenfalls kein Entmündigungsgrund. Genau das aber ist passiert. Die Frau wurde ihres verbrieften Rechts auf körperliche Autonomie und Unversehrtheit, auf Freiheit und damit auf die Möglichkeit, als mündige Person über medizinische Eingriffe zu entscheiden, beschnitten. Sie wurde behandelt wie ein Inkubator.
Nein, nur weil das in Amerika passiert ist und nicht bei uns, geht es uns noch lange nicht nichts an. Zwar ist es meines Wissens in der Schweiz noch nie vorgekommen, dass eine Frau auf ihre Funktion als Gebärmutter reduziert worden wäre, wohl aber gibt es auch hier die Tendenz, Schwangere, Gebärende, Stillende auf ihre Funktion als Mutter zu reduzieren und ihr Verhalten nach einem einzigen Aspekt zu bewerten: Gilt das, was sie tut, in unserer Gesellschaft gerade als gut, gesund, intelligenzfördernd für das Baby?
In Amerika konnte ich, die damals mit dem zweiten Kind schwanger war, nicht einmal einen Kaffee trinken, ohne permanent über die Wirkung des Koffeins auf den armen Fötus belehrt zu werden. Ganz so schlimm ist es hier nicht. Aber nach einem Glas Wein ist auch in der Schweiz die Mündigkeitsgrenze der Schwangeren erreicht. Ganz zu schweigen vom herrschenden Diktat in Sachen Stillen und Gebären. Ausserdem vergeht kaum ein Monat, an dem nicht irgendwo, irgendein Forscher irgendetwas findet, das das Ungeborene schon im Mutterleib traumatisiert. Mütterlicher Stress zum Beispiel, oder ein Zuwenig an gedanklicher, taktiler oder sprachlicher Zuwendung zum Babybauch.
Der moralische Handlungsspielraum einer Schwangeren und Neo-Mutter wird in der westlichen Welt je länger je mehr beschnitten. Ist daran tatsächlich bloss der Wissensfortschritt schuld? Oder hat der Überwachungs- und Optimierungswahn andere Gründe? Wo fängt die Pflicht einer (werdenden) Mutter an und wo hört ihre Freiheit als Frau auf?


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
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dieses dauernden gejammere über «verbote» in der schwangerschaft, oder über die gesellschaft, die müttern das «karriere-machen» schwer macht, dass es nicht genügend plätze und institutionen gibt, wo man die folgen unüberlegten handels – die kinder – abgeben kann, nervt mich. und zwar gewaltig!
ich bin selber mutter und kann von mir sagen, dass ich in meinem leben «die sau rasgelassen habe» und an keiner «hundsverlochete» fehlte, aber mir war immer klar: sollte ich schwanger werden ist «fertig lustig»!
doch vermutlich sind die gehirne der karrieresüchtigen damen schon so geschädigt, dass sie gar nicht mehr begreifen können, dass kinder haben, ein fulltime-job ist, der mit ganz viel verantwortung verbunden ist, die man nicht einfach delegieren kann.
die schwangerschaft ist nur der anfang!
aber die «moderne» frau ist ja der auffassung, sie muss genau gleich weitermachen, wie bisher. geht ja alles und wenns probleme gibt, delegiert man an die ärzte, an grosseltern, tagesstätten-angestellte, schule, nur NIE selber verantwortung für sein ureigenstens handeln und das leben eines menschen, der noch nicht selbst bestimmen kann, übernehmen.
ist rauchen wirklich so cool und so lebensnotwendig, dass man nicht mal im minimum 9 monate drauf verzichten kann?
oder kaffee?
es geht alles, wenn man es wirklich will, meine damen.
für ihre «karrieren» sind sie doch auch bereit, wasser dazu zu bringen bergaufwärts zu fliessen, wieso nicht für ihre kinder?
@luzie: ich fühle mich von ihnen persönlich beleidigt. immerhin mache ich karriere,ABER ICH RAUCHE NICHT UND MEIN ALKOHOL-KONSUM HÄLT SICH IN MASSEN. ich weis noch nicht, ob ich kinder will, aber wenn ich kinder habe werden die kiddies auch in den hort kommen. ich war auch in einem hort und es hat mir nicht geschadet. und übrigens wozu gibt es einen vater??? wenn sie das weibchen-schema von vor 50 jahren wirklich leben wollen, dann machen sie das doch. aber lassen sie leute wie mich DAMIT IN FRIEDEN!!!
@ luzie: diese worte grenzen an rassismus!
ich bin nicht arbeitstätig, weil ich karrieregeil bin, sondern weil ich NICHT VON DER SOZIALHILFE LEBEN WILL!!! für ein kind habe ich mich entschieden, weil ich genauso viel liebe geben kann wie eine 100%mama – oft sogar noch mehr, da ich nicht den ganzen tag durch mein unselbständiges kind gelangweilt bin wie viele meiner freundinnen, die ihr kind ins bett stecken, sobald es ein halbes mal gähnt, und dann die glotze anschalten – sondern die wertvolle zeit, die ich nach der arbeit habe, komplett meinem kind widme.
ja das passt ihnen wohl auch nicht, diese aussage, gell? aber sie sind wohl zu feige, um sich die antworten auf ihren kommentar durchzulesen.
ihre kinder tun mir leid, bei einer mutter, die sie wohl am liebsten daheim einsperren würde und 24/7 um sich hat. sorry, meine meinung. mein kind lernt im hort den umgang mit anderen kindern, ist oft beim papa und den grosseltern, wie es früher auch der fall war!! die grossfamilie war normal, jeder zog ein kind mit auf, dass die mutter wie eine glucke auf dem kind hockt, ist eine neuzeitliche erscheinung und nicht unbedingt gesund! ich kenne 5 mütter mit hortkindern und genauso viele mit daheimkindern, und die 5 daheimkinder lassen sich von niemandem halten als von der mutter – super sache, gell?! das werden mal super sozialisierte mitmenschen *ironie off*
sorry, da wird mir schlecht bei solchem mittelalterdenken.
zum thema.
ich habe während der frühschwangerschaft null alkohol getrunken, später ein halbes glas pro woche, nie geraucht, aber gegessen, auf was ich lust hatte.
was dem kind schadet, ist die dauernde panische angst der mutter, etwas falsch und gegen die regeln zu machen, nicht, dass sie sich mal ärgert oder gestresst ist. punkt.
@Sonja: gute Antwort die Du da geschrieben hasst!
Ich bin übrigens einer von den modernen Vätern die teilzeit arbeiten um auch positive Zeit mit meinen Kindern zu verbringen. Leider ist dies sehr schwierig und durch die Wirtschaftselite immer noch nicht gern gesehen. EIN ECHTER MANN MUSS 100% ARBEITEN. Hausarbeit und Erziehung ist ja nix.
@ Luzie: Will mich ja nicht als Mediziner aufspielen, bin es ja auch nicht. Gleichwohl solltest Du bedenken, dass es für die meisten nicht so einfach ist mit dem Rauchen von heute auf morgen aufzuhören: es sei denn, Du hasst nie richtig geraucht und immer nur getan als ob. RAUCHEN IST UND BLEIBT EINE SUCHT! Damit will ich sagen, dass die Entzugserscheinungen auf einen Fötus gravierenderen Einfluss haben als wenn Du mit dem Rauchen weitermachst, bis dass das Kind zur Welt gekommen ist!
Übrigens haben beide Elternteile die selbe Sorgfaltspflicht von Anbeginn eines neuen Lebens das sie gezeugt haben!
@ Dominik S. Gaberell
Sorry, dass das mit den Entzugserscheinungen nicht stimmt wissen Sie doch selber. Das Gegenteil ist der Fall: Kinder von Raucherinnen haben erst nach der Geburt Entzugserscheingen und nicht während der Schwangerschaft wenn die Mutter mit dem Rauchen aufhört.
@ Sonja
Natürlich sind Sie eine gute Mutter auch wenn Sie arbeiten, aber Sie können doch nicht alle Vollzeitmütter über einen Kamm scheren: Schliesslich kann ein Kind das Sozialverhalten auch auf dem Spielplatz und in der Spielgruppe lernen.
@luzie
danke für den guten beitrag, was die mütter betrifft die gerne ihre “kiddies” abgeben weil sie so unentbehrlich sind im geschäft, sind sie das nicht auch als eltern? kinder erziehen ist harte arbeit und anstregend vorallem wenn man es gut machen will, natürlich viel einfacher wenn man dies anderen leuten überlässt oder die kinder einfach vernachlässigt, dass resultat dieser kindererziehung kann man dann tagtäglich in den zeitungen lesen
@nicolas: sie sind also der ansicht,das nur mütter kinder richtig erziehen können?!? in welchem jahrhundert leben sie??? ich habe das alter von 13 bis 18 jahren bei meinem papa verbracht und aus mir ist was geworden.
Die Kernfrage ist doch die, wie will ich mich als Frau bzw. Mutter oder als Mann bzw. Vater in und durch meine ev. neue Rolle indentifizieren?
Wie will ich damit umgehen, welche Erwartungen und Ziele habe ich und was will ich diesem Leben mit auf den Weg geben?
Wie kann ich das jetzt, die Möglichkeiten, die Situation so drehen, formen und leben dass es für mich stimmt?
Die Antwort auf all diese Fragen wird sich so zahlreich wie Individuums geben da es vom Persönlichem Hintergrund und Kontext der Beteiligten Personen abhängt.
Meines Erachtens darf grundlegend der Gesundheitliche Aspekt des erwartenden Kindes gut an erster Stelle liegen.
Doch dass das Kind gesund wird, heisst auch sicherlich- aus meiner Sicht- dass die Eltern bzw. die Mutter glücklich ist und sich wohl fühlt. Von Beformundungen in jeglicher Art und Weise halte ich sehr wenig.
Gestehe dass es mich zuweilen extrem nerft und ich es persönlich als unschön finde wenn eine Erwartende Mutter weiterhin raucht oder trinkt. Dies jedoch ist meine Meinung, mein Kontext aus dem ich es sehe… bin nicht raucherin jedoch Tochter, Schwester von Rauchern, und somit sehr negatif dem gegenüber gestellt.
Jeder muss schlussendlich- und das betrifft auch die Entscheidungen über weiterabeiten, Hausfrau sein etc. mit ein- für sich selbst entscheiden was er will, kann und was er für sich in der kommenden Jahren und Zukunft vereinbaren kann.
Ich sage mir oft: was werde ich meinem Kind sagen können wenn er mich dies fragt? Was will ich ihm dann sagen können? was möchte ich dann empfinden? wie würde es aussehen?
Zuweilen so denke ich wären solche Reflektionen in die Zukunft in allen Lebensbereichen sehr hilfreich und würde so manche Fragen direkt einem selbst beantworten.
Kernfrage also: wie sehe ich mich als Mensch mit der Verantwortung eines kleinen Menschen? Wie will ich damit umgehen?
“a bon entendeur”…..
@Nadja: Da haben Sie recht,nur will man sich nicht beleidigen lassen, nur weil man gerne karriere macht.
ich kann dieser bedrohlichen Sicht der Angelegenheit leider nur zustimmen. Ein Verzicht auf alle “verbotenen” Dinge kann nur freiwillig aus eigenem Entschluss erfolgen, alles andere ist ein mit nichts zu rechtfertigender Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Frau. Es erinnert an die Zeiten, als Ehemänner gegen das Leben von Frau und für das des Kindes entscheiden durfte, wenn es unter der Geburt schwierig wurde.
Wenn das oder die Entmüngigung von Schwangeren gewünscht wird, braucht es nur ein Persönlickeitsrecht des ungeborenen Kindes im Gesetzbuch. Davon ist man in der gesellschaftlichen Meinung nicht weit entfernt, zumal wenn Tierschutz schon in Grundgesetzen festgeschrieben wird…
Damit wird aber nicht nur die Frau entmündigt und zur Brutmaschine degradiert, sondern ihr wird vor allem jegliche Kompetenz abgesprochen “korrekt” schwanger sein zu können. Leider ist auch diese Tendenz schon gut in der Gesellschaft vorbereitet, wie man an der Diskussion über die Erziehungskompetenzen von Eltern/Familien bzw deren Kontrollen/Einschränkungen durch den Staat erkennen kann
Wohin das alles führt können wir am Umgang mit unseren alten Menschen sehen: gesetzlich korrekte Verwahrung in Heimen.
Allerdings um den Preis der Menschlichkeit. Mein Großvater verstarb unter ärztlich korrekter Anweisung ohne einen einzigen guten tropfen Weines in seinen letzten 4 Lebensjahren. Nichts was ihm im Leben lieb war war ihm geblieben: Kein Reisen, Wandern (Schlaganfall –> Rollstuhl), kein Essen nach seinem Geschmack. Er starb qualvoll aus Mangel an Lebensfreude, aber nach medizinischer Anweisung. Die Therapien der Folgen seines Schlaganfalls sind nach heutigen Erkenntnissen übrigens völlig überholt und: kontraindiziert!!!
Menschlichkeit und traditionelle Umgangsweisen haben den Menschen weiter gebracht als die Moden der verschiedenenen Medizinschulen oder der jeweilig aktuellen “Forschungen”
Mensch Luzie! Dann muss ich ja in deinen Augen ein Super-GAU sein.
Alleinerziehend ( zugegeben unfreiwillig), schwanger und Studentin. UND ich studiere um später viele Batzeli zu verdienen, damit ich unabhängig von “Drittmittel” meine Kinder erziehen darf.
Weil, so bin ch überzeugt, ich so meinen zwei Buebe das beste Vorbild sein werde. Und stellt dir mal vor; vielleich mache ich ja tatsächlich etwas falsch, aber entweder macht man in den Augen der anderen alles richtig oder eben, alles falsch. Who cares?
Um dies zu erreichen genügt es nicht, so “weiterzumachen”, man gibt nochmals 200% dazu, aber all dieser Stress ist ein schöner Stress. Ich weiss warum und hab es in der Hand. Ich denke nicht, dass diese Einstellung irgendwas mit modern oder altmodisch zu tun hat, sondern mit einem selbstbewussten und eigenverantwortlichem Selbst- und Weltbild.
Meine Kaffees gönn ich mir übrigens auch weiterhin.
@Dominik S. Gaberell
Das ist ja wohl ein Witz. Die körperliche Abhängigkeit beim Rauchen ist nach ca. 3 Tagen gegessen, nach ner Woche spätesten der letzte Funke. Danach ist die Abhängigkeit nur im Kopf. Die Aussage von Eni stimmt, das Kind hat nach der Geburt den Entzug!