Leben


Nicole Althaus am Freitag den 15. Januar 2010

Eltern mit Handycap

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Wann behindert eine Behinderung der Eltern die Entwicklung eines Kindes? Die Tetraplegikerin Kaney O'Neill mit ihrem Baby.

Vor ein paar Jahren habe ich für eine Reportage eine blinde Mutter durch ihren Alltag begleitet, bin mit ihr einkaufen gegangen und habe ihr beim Kochen geholfen. Ich habe zugesehen, wie sie das Kind, einen viermonatigen Jungen, wickelte und anzog, wie sie problemlos mit dem Ohr ortete, wohin der Nuggi gefallen war, wie sie dem Baby mit den  Händen über die Wangen strich und feststellte, dass die eine Seite etwas röter war als die andere, ihr Söhnchen wahrscheinlich am Zahnen.  Wenn man sie fragte, wie ihr Sohn aussah, sagte sie: «Seine Haare sind braun, wie ihr sagt, für mich aber fühlen sie sich an wie Moos nach dem Regen und  die Haut ist zart wie der Frühlingswind. Nur seine Augen, die blau sind, wie ihr sagt, die würde ich wirklich gerne sehen.»

Die Mutter war Anfangs Dreissig, damals, arbeitete Teilzeit als Anwaltsassistentin und teilte sich Haushalt und Betreuung des Sohnes mit dem Mann. Sie liess sich durch scheinbar gar nichts behindern, aber sie kannte durchaus ihre Grenzen: «Jetzt ist es noch einfach. Jetzt braucht der Kleine nur Milch und Kleider und Liebe. Bald aber wird er sich alles in den Mund stopfen und später auf Bäume klettern wollen. Ich will nicht, dass meine Behinderung ihn behindert. Wohl kann ich mit ihm den ersten Schneemann bauen, aber das Klettern und vieles andere werde ich dem Papa überlassen müssen.»

Ihr Sohn müsste jetzt ungefähr vier sein, ein kleines Energiebündel also, das gerade seine körperlichen Grenzen am Ausloten ist. Was, wenn dieser Papa nicht mehr da ist? Wenn sich die Eltern, wie jedes zweite Paar, getrennt haben oder trennen wollen? Ich musste an die blinde Mutter denken, als ich auf einem Elternforum die Diskussion verfolgte, die ein Gerichtsfall, der zur Zeit in Chicago verhandelt wird, auslöste: Dort streiten sich Kaney O’Neill und David Trais um das Sorgerecht für ihren fünfmonatigen Sohn Aiden. Die Mutter ist Tetraplegikerin, seit ein Hurrikan sie vor zehn Jahren vom Balkon riss. Der Richter wird entscheiden müssen, ob der Vater Recht bekommt, der argumentiert, das Handycap seiner Ex schränke sie als Mutter so sehr ein, dass sie Aiden keine sichere und glückliche Kindheit garantieren könne. Oder ob er das Sorgerecht der Mutter überlässt, die auf gleiche Rechte für Behinderte pocht und glaubt, eine gute Mutter zu sein, auch wenn sie mit dem Bub nicht Fussball spielen könne.

Ich bin froh, diese Entscheidung nicht fällen zu müssen. Denn das Kindswohl, das bei solchen Fällen zur Anwendung kommt, ist ein weites Feld mit unscharfen Grenzen. Und eine Entscheidung zugunsten des Vaters wird wohl schnell als Diskriminierung ausgelegt. Ich finde aber, dass der Fall diskussionswürdig ist, weil er zum Kern der Frage führt, wie wir heute das Kindeswohl definieren. Dass mütterliche Taxidienste und Skikurse nicht entscheidend sein dürfen, ob O’Neil das Sorgerecht für ihr Baby bekommt, darin gehen wohl die meisten einig. Was aber muss eine Mutter können, ausser Lieben und Dasein, um das Kindswohl nicht zu gefährden? Reicht es, wenn sie ihre Grenzen kennt und genügend Hilfe beansprucht? Wann  behindert eine Behinderung die Entwicklung eines Kindes? Und  – die etwas ketzerische, aber entlarvende Frage  – wie sähen die Chancen eines behinderten Vaters aus im Kampf um das Sorgerecht?

63 Kommentare zu „Eltern mit Handycap“

  1. marcel sagt:

    Wer ist den da behindert?

    vielleicht wäre es hilfreich, wenn sich manche Forenschreiber mal mit Tetraplegie genauer auseinandersetzten würde. Keine Rückenmarksverletzung gleicht einer anderen. so wisse wir im Fall von Frau Kaney relativ wenig über Läsionshöhe, ist sie komplett/inkomplett gelähmt? Hat Sie motorisch und oder sensorische Einschränkungen? Erst wenn diese Fragen klar sind, kann man über die motorischen Fähigkeiten von Frau Kaney eine Aussage machen.
    Persönlich sind mir behinderte Eltern, die für ihren Nachwuchs da sind, lieber, als solche die zwar äusserlich Intakt aber innerlich ein Wrack sind.

  2. Thorsten sagt:

    Ich finde auch um ein Komantar abzugeben sollten schon mehr Hintergrundinformationen da sein. Ich miene wenn eine Behinderung so weitreichend ist das z.B. der Elternteil über seinem Kind unkontrolliert zusammen brechen kann und es unter sich begraben kann oder ob man seine Beine nicht bewegen und dabei eine gewisse Kontrolle behält ist dann schon ein sehr grosser Unterschied. Das Gericht sollte auch beiden das Sorgerecht zuteilen können. Ob sie nun miteinander auskommen oder nicht. Klar da gibt es Grenzen aber ich finde schon das man als Eltern oder besser als Erwachsene Menschen sich soweit fangen muss um das zu ermöglichen. Und wenn man nicht will dann sollte auch das Gericht soweit gehen dürfen und beiden Elternteile gewisse Pfilchtren auferlegen dürfen. Bis hin sich vor dem Kind entsprechend zu benehmen. Ich kann da aber auch Marcel zusprechen und bin auch der Meinung lieber Eltern mit motorischen Schwächen dafür liebevoll und fürsorglich als ein Intakter Mensch der nur Gewalt kennt und innerlich kaputt ist. Bei Frau Kaney kommt finde ich hinzu, das ist das was wir wissen, erst ein schrecklichen Unfall ertragen zu müssen und dann auch noch das Kind zu verlieren ist dann doch sehr kalt vom Vater welches ein Richter auch sehen müsste.

  3. Sandra sagt:

    Ich bin selbst eine Mutter von einem 3-Jährigen Kind. Da keine genaueren Informationen über die Einschränkungen im Alltag dieser Frau bekannt sind, gehe ich mal davon aus, dass die Frau querschnittgelähmt ist.
    Und dann ergibt sich folgendes Problem: Klar, Liebe und Fürsorge sind wichtig. Aber auch der körperliche Schutz. Und ich bezweifle dass es Frau O’Neil wirklich möglich ist, ihr Kind in einer sehr alltäglichen Situation zu beschützen. Besonders kleine Kinder hören nicht auf die Eltern, egal wie gut sie erzogen sind. Sie rennen weg, spazieren an Mauern entlang, fallen fast beim Spaziergang in den See, weil sie Enten nachgerannt sind etc. Die Liste ist unendlich, und JEDE MUTTER musste sicherlich mehrmals ihr Kind vor körperlichem Schaden bewahren. Da hilft meist nur noch ein wegziehen mit ganzem Körpereinsatz.

    Nun meine Zweifel: Kann Frau O’Neil das? Kann Frau O’Neil ihr Kind davon abhalten, auf die Strasse in Autos zu rennen? Kann sie ihr Kind unbeschadet von einer Treppe holen, wenn das Kleinkind raufläuft und dann droht das Gleichgewicht zu verlieren?
    Ich BEZWEIFLE dies sehr. Es wäre eine riesige Tragödie wenn dem Kind ein Unfall zustösst, und Frau O’Neil dies nicht verhindern konnte aufgrund ihrer körperlichen Einschränkungen.
    EINE RIESiGE TRAGÖDIE.

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