
Jetzt hör mal gut zu! Bill Murray erzählt Scarlett Johansson im Film «Lost in Translation» (2003) die Wahrheit übers Kinderhaben.
Über Geschmack lässt sich nicht streiten, so heisst es, denn Geschmack ist eine persönliche und emotionale Frage, an der sachliche Argumente abprallen. Dennoch verliert sich alle Welt in Diskussionen darüber. Bei der Kinderfrage ist es ähnlich. Abhängig von den Variablen persönliche Geschichte, Umfeld, Partner und Zufall sind die Argumente dafür oder dagegen zahllos und meistens gruppieren sich ganze Glaubenssysteme darum. Doch letztlich sind Kinder ein Axiom, eine Setzung.
Warum also habe ich Kinder? Das weiss ich auch nicht so genau. Die Antwort muss eine Spurensuche sein. Als radikaler Teenager fand ich die Welt viel zu böse, um sie Kindern zuzumuten. Als Studentin überraschte mich die Welt positiv, allerdings fragte ich mich nun, ob ich selber gut genug war, mich einem Kind zuzumuten. Aber die Frage blieb abstrakt, Kinder und Babys fand ich intellektuell uninteressant und nervlich anstrengend.
Und dann gab es da in den Neunzigerjahren in Basel dieses Kunstprojekt namens @home. Es war ein grosses, offenes Atelier auf einem stillgelegten Areal, in dem eine Handvoll Künstler das Wohnen zur Kunstform erhoben, ein Projekt zwischen sozialer Plastik und Spiel, zwischen Factory Life und Kommunenexperiment. Ich war damals Mitte zwanzig, wohnte ebenfalls auf dem Areal und war häufig zu Gast. @home war der Knotenpunkt eines kreativen Netzwerks, Leute jeden Alters und jeder Konvenienz gingen ein und aus, Künstler, Kuratoren, Theoretiker, Randexistenzen, es gab Essen und Partys und Happenings, manchmal mit, manchmal ohne Kinder.
Ich weiss nicht mehr wann, wie und wo es passierte. Aber nachdem ich zahlreiche Partys ohne und Happenings mit Kindern erlebt hatte, ging mir eines Tages auf, wie Kinder ein soziales Gebilde verändern. Es ging nicht um ein spezielles Kind, ein spezielles Elternpaar oder ein spezielles Erlebnis. Die Anwesenheit der Kinder hatte eine ganz allgemeine Wirkung, wie der Kiel eines Boots, der es stabil hält. Oder eine konkave Linse, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bündelt. Gegenwart, weil man sich um ihre Bedürfnisse kümmern muss. Vergangenheit, weil man dazu auf seine eigenen Erfahrungen zurückgreift und sie reflektiert. Zukunft, weil sie uns überleben werden. Es war eine abstrakte, etwas diffuse Erkenntnis. Das mag ihnen banal vorkommen, aber in meinem Fall bereitete dieses allgemeine, vom individuellen Murks befreite Gefühl den Boden vor, auf dem der später von meinem Mann vorgebrachte Wunsch, mit 25 spätestens Vater zu werden, Früchte trug.
Seither habe ich zahlreichen Debatten über die Kinderfrage gelauscht, hörte Freundinnen darüber klagen, dass sie gerne Kinder hätten, andere darüber, dass die Gesellschaft kinderlose Frauen diskriminiere, wieder andere monierten, wie sehr eine Familie Frauen verändere und andere, dass es keinen idealen Zeitpunkt gibt, Kinder zu haben, dass die Tatsache, sich bewusst dafür oder dagegen entscheiden zu müssen grausam, ein Ding der Unmöglichkeit sei. Und alle haben irgendwie recht.
Richtig ist aber auch, dass Kinderlose die Grösse dieser Erfahrung nie werden verstehen können. Sie ist «bigger than Life». Für Frauen, so meine Theorie, ist sie gar transzendent, denn ein Kind zu gebären heisst, selbst als Mutter geboren zu werden, die eigene Persönlichkeit in eine zuvor unbekannte Richtung zu überschreiten.
Man kann es auch nüchterner ausdrücken, wie Bill Murray im Film Lost in Translation. «Wenn dein erstes Kind geboren wird, ist das der erschreckendste Tag deines Lebens. Dein bisheriges Leben ist vorbei und es wird nie mehr so sein, wie zuvor. Aber dann lernen sie zu gehen und sie lernen zu sprechen und du willst mit ihnen sein. Und sie erweisen sich als die wundervollsten Menschen, denen du in deinem Leben je begegnen wirst.» Diese Erfahrung, meine ich, ist alle Opfer wert.


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
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hafenkäse, herr girardet. mit getreide hat der gar nichts zu tun…
Also ich will auf jeden Fall Kinder haben. Eine Frage des “ob” stellte sich mir nie, ich halte das einfach fuer einen relevanten Teil im Spiel des Lebens. Frueher wollte ich zwei Exemplare, weil ich das fuer ausgewogen und ausreichend hielt. Sicherer waeren drei, falls mal eines abhanden kommt – die Natur ist voller Gefahren und so kommen netto immer noch zwei heraus. Aber diese Einstellung hat sich seit wenigen Jahren geaendert. Ich bin mal so ehrlich und sage, warum ich nun vier Kinder haben will. Mindestens vier. Das liegt an der demographischen Veraenderung, die Geburtenrate der urspruenglichen Bevoelkerung ist sehr niedrig, die unserer (hauptsaechlich muslimischen) Zuwanderer sehr hoch. In Berlin haben 40% der Neugeborenen einen “Migrationshintergrund”, in Westeuropas Staedten allgemein sieht es aehnlich aus. Von zwei auf mindestens vier Kinder hochzuschrauben halte ich schlicht fuer ein Gebot der Stunde. Klingt das komisch? Ich halte das fuer einen legitimen Grund.
@gargamel
Ich weiss, ich weiss. Aber die kleine Verfremdung musste beim übtragen in die Schriftsprache sein. Wie Lichtenberg sagte: “Ein Esel ist eine ins Holländische übersetztes Pferd”. Und sie werden auch hier mich korrigieren, weil ich aus dem Gedächtnis zitiere.
werd’ ich nicht, da mein holländisch doch arg eingerostet ist. aber der haferkäse (oder auch haberkäse) ist auf dem vormarsch und muss an allen fronten bekämpft werden!
Es steht übrigens 1010 (Haferkäse) zu 2390 (Hafenkäse). Kurze Google-Treffer-Statistik.
@Marc
Denken Sie auch, dass Laufen/Sprechen/Sehen substantielle Erfahrungen im Leben sind? Werden diese Erfahrungen eingeschränkt, nur weil es Beinlose/Stumme/Blinde gibt? Natürlich nicht. Unfruchtbare Frauen haben eine Fehlfunkion im biologischen Körper und können deswegen gewisse substantielle Erfahrungen nicht machen. Natürlich ist das hart, aber niemand hat gesagt, dass die Natur fair ist.
@Berliner
Sehr rational! Lesen Sie mal von susann Gaschke “Die Emanzipationsfalle: erfolgreich, kinderlos, einsam”. Die Frau räsonniert darin, wie toll es war, dass sie doch noch schwanger wurde (weil sie einem männlichen Gynäkologen misstrauend, lieber das Diaphragma von einer Gesinnungsschwester montieren liess (brüllende Ironie der Geschichte!)). Nun macht Sie mit dieser Einkind-Mutterschaft Theorie: Frauen in ihrem Alter müssten doch jetzt verantwortung übernehmen, und zweite und dritte Kinder zeugen. Ich nehme an, Frau Gaschke wird noch manche Zeitungsseite mit Räsonnements füllen, aber ihre Lenden bleiben lahm.
Darum Go for it, Berliner! Allerdings ist die Mission erst erfüllt, wenn es dir gelingt eine Muslima zu kriegen und sie konvertieren zu lassen. Ist sowieso spannender, weil Sie dann ihre Beschützermännlichkeit angesichts der Verwandtschaft ihrer Kinder unter Beweis stellen können. Eine echte Challenge!
danke für den text. ja, alle haben irgendwie recht. und es ist doch einfach so: you’ll never know unless you get there. darum kann man kinder gar nicht NICHT wollen. wenn sie da sind gibt man sie nicht mehr her, egal wie das leben sich verändert hat mit ihnen. man will nie mehr zurück. vielleicht vermisst man dies und das aus dem kinderlosen leben manchmal. verpasst hat man aber eben auch das ‘bigger than life’, wenn man keine kinder hat. und: es ist auch nie eine rationale entscheidung (für oder gegen kinder), weil es kein rationales sondern ein höchst emotionales thema ist.
@ mira
Die Natur ist nicht gerecht, das ist wahr. Früher war Gebären eine Sache auf Leben und Tod. Es war hart, an einer Geburt zu sterben. Die Natur macht keine Unterschiede. Heute ist es vielleicht hart, keine Kinder bekommen zu können. Mich stört an der Argumentation von Frau Binswanger die Absolutheit, mit der Sie Ihre Mutterschaft verteidigt. Sie setzt sich über die “Kinderlosen” (ein Wort, das impliziert, dass diesen Leuten etwas Substanzielles fehlt). Aber nicht jede Frau kann wählen, auch in Zeiten der künstlichen Befruchtung nicht. Das gilt auch für Männer, die in dieser Debatte nur am Rand vorkommen. Dass die “Setzung” nicht für alle gilt, sondern dass es verschiedene Setzungen der Natur gibt, sollte uns doch zu denken geben. Es ist auch eine substanzielle Erfahrung, keine Kinder bekommen zu können.
Und es gibt eine substanzielle Erfahrung, keine Kinder haben zu wollen. Tage mit 40 oder 50 in trauter Zweisamkeit, ohne nervende Kinder. Auch transzendent. Die eigene Persönlichkeit endlich in eine Richtung zu verändern, die in jungen Jahren unmöglich war und die Eltern für immer verwehrt bleibt: die abolute Freiheit! Was mir dieses Glück heute bedeutet, können Eltern gar nicht nachvollziehen!
zu erleben, dass das ego plötzlich nicht mehr das absolut zentrale im eigenen leben ist, das ist eine wirklich existentielle erfahrung… nicht das eigene ego auf einen sockel stellen und anbeten…
@girgamel
Das muss doch nichts mit Kinderhaben oder -nichthaben zu tun haben!!
@gargamel: …sondern das Kind, d.h. einen Götzen durch einen anderen austauschen? Manchmal kommen mir Eltern tatsächlich so vor, als drehe sich die Welt nur noch um ihre Kinder. Wichtig scheint mir, die richtige Balance des Weltbildes zu behalten.
Das besteigen einen Bergs birgt Schweiss und Anstrengung. Trotzdem tut man es, weil die Leistung mit einem Ausblick und einem Gefuehl der Befriedigung belohnt wird. Genauso verhaelt es mit vielen Dingen nach denen wir streben und so ist es wohl auch mit Kindern. Wobei die Leistung jeden Tag erbracht werden muss, aber auch jeden Tag die Belohnung winkt. Somit nichts neues. Man kann sich dafuer entscheiden oder eben dagegen.
Bei allem was wir in unserem Leben tun, formen die gemachten Erfahrung den Charakter auf eine ihr eigene Art und Weise. Bei Kindern ist es wohl ebenso. Nur mit dem Unterschied, dass die gewonnen Erfahrungen fuer eine funktionierend Gesellschaft essentiell sind.
Denn anders als viele meiner Mitmenschen, sehe ich Kinder, genauso wie Jugendliche oder junge, reife und alte Erwachse, als wichtigen Bestandteil einer Gesellschaft. Denn, ob wir wollen oder nicht, sie werden spaeter entscheiden, wie wir Leben werden. Ihr Erfolg ist unser Schicksal. Somit tragen wir alle, ob Eltern oder nicht, als Teil einer Gesellschaft eine Verantwortung gegenueber unseren Kindern, die uns direkt betrifft.
@ Mooth
Kinder nur als nervend darzustellen finde ich äusserst diskriminierend!!
@Mooth
Ich kann das nachvollziehen, nun, ich hab auch bald die absolute Freiheit, kann mich in Richtungen verändern, die mir lange verwehrt waren, nur vor einem habe ich ehrlich gesagt etwas Angst vor der Einsamkeit mit 60 oder 70, wenn man “too old to rock’n roll and to young to die” ist. Weil die Bande, die man als Eltern knüpfen kann halt stärker sind, als wenn man Bande nur auf eine Zweierbeziehung knüpft. Ich rede da aus Erfahrung!
@Michele Binswanger – einer Ihrer besten Artikel im mamablog. hat mich sehr beruehrt und zudem einfach gut geschrieben!
@Mooth: momol, es gibt auch ein leben vor, neben und nach dem elternsein.
Warum ich kinder habe? des hab ich mich im voraus nie gefragt. das kam irgendwie so natuerlich wie sich zu verlieben oder zu essen oder zu schlafen. da fragt man sich ja auch nicht, soll ich mich nun verlieben oder nicht. das passiert halt einfach. so auch mit dem herzlen. und dann gibts kinder. das hat die natur schon recht gebastelt! und ich hatte halt das glueck, mich dann auch in einen guten bzw. den richtigen zu verlieben.
Sie wollen Kinder, weil ihre Gene darauf programmiert sind, dass sie sich fortpflanzen. Sie bonden mit ihrem Kind, weil sie Hormone produzieren, die die Liebe zu dem Kind foerdern. Ansonsten wuerden sie sich kaum Jahre damit beschaeftigen, das Gebruell mitanzuhoeren. Brutal, aber wahr. in der Schweiz scheint Kinderproduktion gerade hoch in Mode, weil die Leute inmitten des Konsumrausches unbefriedigt sind und nach etwas Neuem suchen, das ihrem Leben Wert gibt. Mein Meinung. Im uebrigen ist es ja wohl Privatsache, ob jemand Kinder will oder nicht oder Kinder ueberhaupt “herzig” findet. In anderen Laendern sind Kinder immer noch eher Arbeitskraft und AHV Ersatz. Die Fokussierung auf Kinder als unbedingte Voraussetzung zum Glueck, wie es in diesem Blog hervortritt, ist auch nur in einem Land moeglich, dass einen gewissen Lebensstandart bietet. Aka Kind= neues Luxusobjekt.
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Richtig ist aber auch, dass Kinderlose die Grösse dieser Erfahrung nie werden verstehen können. Sie ist «bigger than Life». Für Frauen, so meine Theorie, ist sie gar transzendent, denn ein Kind zu gebären heisst, selbst als Mutter geboren zu werden, die eigene Persönlichkeit in eine zuvor unbekannte Richtung zu überschreiten.
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Na ich denke, das ist wohl wie Bungee-Jumping.
Davor hat man eine Scheissangst.
Bei manchen ist das Seil zu lang.
Die übrigen finden es und sich danach grossartig und erzählen allen, auch jenen, welche es gar nicht wissen wollen, wie grossartig es und sie waren und sind.
** Spott Ende **
Das Problem dabei: Wer so denkt, reduziert meist seine Welt und der Horizont kommt in Griffnähe – kann man hier ja auch oft so mitlesen.
Und reduziert auch zugleich das Leben und die Bedeutung derjenigen, welche keine Kinder haben – ein Synonym für diese Einstellung wäre Hochmut.
gargamel 12. Januar 2010 um 16:17
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zu erleben, dass das ego plötzlich nicht mehr das absolut zentrale im eigenen leben ist, das ist eine wirklich existentielle erfahrung… nicht das eigene ego auf einen sockel stellen und anbeten…
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Es gibt Leute, die werden bescheiden auch ohne Kinder – und manche werden es trotz Kinder nicht.
Tut mir beinahe leid, hier so den groben Spielverderber zu spielen, aber dieser ganze Beitrag ist wohl kaum der Beste denkbare.
ich denke nicht, dass kinder voraussetzung für glück sind. dazu sind immer noch wir selber zuständig. wieviele hier im blog haben ein gespaltenes, entfremdetes oder gar kein verhältnis mehr zu ihren eltern? was für ein trauriges gefühl muss es sein, wenn kaum mehr kontakt zu kinder und enkel besteht, da hoffnungslos verfahren und zerstritten. das sind doch die wahren tragödien, und nicht diejenigen eines kinderlosen lebens.