
Die heutige Eltern-Generation von gendersensiblen Männern und Frauen kann man am besten aus der Fassung bringen, wenn man das aufreizende Püppchen gibt: Tavi Gewinson, 13, fashionkundige Lolita-Bloggerin (Bild: AP)
Zwar haben wir im Mamablog bereits über die textile Zwangserotisierung unserer Kinder geschrieben, wir haben uns darüber aufgeregt, dass der Modemarkt die Dekolletés von Mädchen entblösst, deren Brüste erst gerade knospen, dass statt Unterhosen Dessous auf den Kinderhintern geschneidert werden. Und wir haben unser Befremden über die kleinen Mädchen auf hohen Hacken kundgetan. Aber im Blog «Tatort Teenager-Beziehung» wurde so viel über die «nuttige Aufmachung» von jungen Frauen diskutiert, dass ich das Thema dennoch nochmals aufgreifen möchte. Denn es gibt neben dem Angebot auch die Nachfrage: Warum lassen Mütter und Väter es zu, dass ihre Girls ihren Körper ausstellen, noch bevor sie richtig hineingewachsen sind? Und warum finden Teens und zunehmend auch Twens es so scharf, mit ihren Reizen zu spielen?
Es ist paradox: Auf der einen Seite wird die Kindheit in unserer Gesellschaft heute als kuscheliges Teletubby-Land und Disney-Paradies sentimentalisiert, umzäunt und jede Ecke oder Kante darin entschärft. Auf der anderen Seite aber stilisieren erwachsene Menschen 14-jährige Pubertierende wie Andrina aus Rümlang zur nächsten grossen Pop-Hoffnung der Schweiz empor und finden nichts dabei, wenn Tavi Gevinson, ein 13-jähriges Mädchen aus Chicago, an die New York Fashion Week eingeladen wird und als neue grosse Fashion-Expertin auch in Europa Furore macht. Konkret sieht das dann so aus: Papa Gevinson begleitet seinen Teen nach New York bis vor den Eingang des Zeltes im Bryant Park, wie sich das für Eltern gehört, die jeden Schritt ihrer Kinder überwachen, und wartet dort, bis Töchterchen aus dem Fashion-Zirkus wieder auftaucht, wo sie mit Hollywoodstar Gwyneth Paltrow und Designer Marc Jacobs posiert, um später darüber zu bloggen und in renommierten Modezeitschriften wie Harper’s Bazaar bezahlt darüber zu schreiben. Der Papa beschützt das Töchterchen und missachtet gleichzeitig dessen Schutzalter.
Früher hätte man das Kinderarbeit genannt, heute nennt man das Phänomen «Kidults». Das tönt nicht so moralinsauer und lässt sich besser vermarkten. Denn längst hat die Wirtschaft erkannt, dass der Jugendwahn auch dazu führt, dass immer jüngere Menschen diktieren, was als cool zu gelten hat. Das Ergebnis ist dasselbe: Die Mädchen werden um ihre Kindheit betrogen, auch wenn sie freiwillig arbeiten und sogar noch Spass dabei haben. Das wirklich Erschreckende aber ist, dass erwachsene Menschen diese heranwachsenden Mädchen als Vorbilder setzen können, weil sie offenbar von erwachsenen Frauen akzeptiert werden. So sehr haben sich die Frauen im mittleren Alter bemüht jung zu bleiben und in die Grösse 34 hineinzupassen, dass es ihnen gar nicht mehr besonders auffällt, wenn Modelabels nun den staksigen und flachbrüstigen Teenagerkörper zur neuen Norm erheben: Die 19-jährige Emma Watson ist das Gesicht der Burberry-Kampagne und Julia Saner, die 17-jährige Elite-Model-Gewinnerin aus Bern, darf sich demnächst bei Chanel vorstellen. Teenager-Sexappeal ist trendy. Neuerdings auch in der High-Fashion und nicht nur bei Tally Weijl. Da muss man sich nicht mehr wundern, wenn Kinder, die erst gerade aus ihrer Disney-Welt gestolpert sind, die Erotisierung ihres Körpers ganz normal finden und nicht mehr so genau wissen, wer sie jetzt sind: Zwölfjährige Schülerinnen, die im Auto nach den neusten Sicherheitsnormen beinahe noch einen Kindersitz brauchen, oder kleine Nympchen?
Dermassen Kult ist diese Teen-Sexyness, dass sich die heranwachsenen Mädchen längst einen Sport daraus gemacht haben, möglichst schnell durch ihre Kindheit zu sprinten. Befreundete Mütter beklagen sich, dass ihre 14-jährigen Töchter am Wochenende in Clubs abhängen wollen, in denen man erst ab 18 Eintritt erhält. Für die Girls, so höre ich aus erster Hand, gibt es offenbar kein grösseres Kompliment, als wenn sie Samstag abends genug Sex-Appeal versprühen, um an den Türstehern der Clubs vorbei zu kommen. Natürlich probieren die jungen Frauen ihren Körper aus, das haben ihre Mütter auch gemacht. Nur bestand damals die optische Rebellion eher in der Anti-Sexyness: Wir waren Popper oder Punks. Und vorab letztere provozierten nicht mit entblösster Haut, sondern mit angeschminkter Hässlichkeit.
Das heutige Establishment, das aus einer ewigjungen Generation von gendersensiblen Männern und Frauen besteht, kann man als Teenager am besten aus der Fassung bringen, wenn man das aufreizende Püppchen gibt oder den einsilbigen Macho. Pornos sind interessant. Aber viel interessanter noch ist deren Provokationspotenzial: Nichts regt die feministisch geprägte Mama, für die das Ausleben der Weiblichkeit schon beinahe als Verstoss gegen die Emanzipation galt, so auf, wie wenn die Tochter scheinbar das Hirn tot stellt und den Hintern bloss. Nichts lockt den Papa, der gelernt hat, sich beim Pinkeln zu setzen, stärker aus der Reserve, als wenn der Sohn den Gang eines Silberrückens einstudiert und die Mädchen nur noch als Super-Tussen taxiert.
Ist das «Ich-Macho-Du-Tussi»-Spiel vieler Jugendlicher vielleicht mehr Provokation und Auflehnung als Rückfall in alte Geschlechtermuster? Und was heisst das für die Eltern? Meiner Meinung nach ist die Emanzipation noch lange nicht abgeschlossen. Die Jugendlichen sind gerade daran sie weiterzuschreiben. Es ist unserer Aufgabe, Spielregeln zu setzen, die es ihnen ermöglichen, sich in Menschen zu verwandeln, die trotz des herrschenden Körperkults nicht vergessen, das Hirn einzuschalten. Aber die es auch nicht zulassen, dass das Hirn die Freude an ihrem Körper und dem anderen Geschlecht zensuriert.
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Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und erwartet ihr erstes eigenes Kind.
Jeanette Kuster ist Redaktorin bei einem Fachmagazin, freie Journalistin und Mutter eines zweijährigen Mädchens. Vor der Geburt ihrer Tochter war sie bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Jeanette Kuster lebt mit ihrer Familie in Zürich.
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Tztztz,die Erwachsenen sollen mal nicht so harmlos tun,immerhin sind die es doch,die all die Filme mit diesen Modepüppchen groß raus bringen.Klar,das wir das dann als Vorbild nehmen,wenn uns zb ständig so ne Miley Cyrus vor der Nase baumelt.
Außerdem sind wir inzwischen im 20 Jahrhundert angekommen,und in dieser Zeit zieht man halt keine langen Strümpfe und Röcke an,außer man will Mobbingopfer werden.