Leben


Nicole Althaus am Montag den 11. Januar 2010

Warum ich keine Kinder möchte

«Ich habe durchaus eine Vision von mir als Mutter. Darin kommt das erwachsene Kind zu Besuch. Was ich mir nicht vorstellen kann, sind die Jahre davor.»

«Ich habe durchaus eine Vision von mir als Mutter. Darin kommt das erwachsene Kind zu Besuch. Was ich mir nicht vorstellen kann, sind die Jahre davor.»

Unter den Leserinnen und Lesern des Mamablogs gibt es neben sehr vielen Vätern, vielen Müttern, einigen Omas und Opas auch ein paar Kinderlose. Ich finde das gut. Offenbar riecht es hier nicht nach Windeln und nur selten wird verbal das elterliche Revier mit Duftnoten markiert, die Menschen ohne Nachwuchs vertreiben. Vielleicht kann man sich im Mamablog sogar virtuell an eine mögliche Elternrolle herantasten, wie das Kommentatorin Noch-nicht-Mami tut oder nach Entscheidungshilfen suchen, wie Nia, am Montag im Blog «Ausdauer statt Aufbruch». Deshalb widmet sich der Mamablog heute und morgen der grossen Frage nach dem Kinderwunsch.

Meine Büropartnerin Barbara Klingbacher, Journalistin und überzeugte Kinderlose, liest den Mamablog regelmässig (auch aus Freunschaft und beruflichen Gründen natürlich) und das regelmässige Lesen hat sie zur Geschichte «Brauch ich für mein Glück ein Kind?» in der NZZ am Sonntag angeregt. Ich finde den Text interessant und diskussionswürdig (zugegeben auch aus Freundschaft und weil Barabara einige der wenigen Frauen ist, die ich kenne, die seit 10 Jahren standhaft keine Kinder will), hauptsächlich aber weil es einer der seltenen Texte über die Entscheidung gegen die Mutterrolle ist, welche diese nicht ex negativo fällt.  Das Kinderglück wird nicht kleingeredet, sondern die Autorin tastet sich der Frage entlang, warum sie trotz einer Ahnung um dieses Glück keinen Kinderwunsch verspürt:

Wir sind seit fast zehn Jahren ein Paar, ausreichend Zeit also, sich vorzustellen, wie es mit einem Kind wäre, ob es seine schwarzen Locken und meine grünen Augen hätte, wie wir unser leben darumherum organisieren könnten. Aber das Kind im Konjunktiv war immer eine Möglichkeit von vielen und sobald es konkret wurde, fielen uns stets deutlich mehr Argumente dagegen als dafür ein. Nicht, dass wir zweimal im Jahr auf die Malediven fliegen, jeden Samstag auf eine Party gehen oder Kinder das Wohnzimmerstyling stören würden. Sondern: Dass wir unsere Energie lieber auf andere Ziele richten wollen. Und dass wir mehr Zeit als Paar verbringen möchten als nur jene, die ein Kind uns übriglässt.

Sie redet mit Wissenschaftlern und Anthropologen, lässt sich darüber aufklären, dass mangelnder Kinderwunsch und Evolution nicht in einem antagonistischen Verhälnis stehen, dass es unter den Frauen auch «cooperative breeders» gäbe, die ihre Fürsorge nicht via Fortpflanzung auslebten. Und sie sinniert bei einer Psychoanalytikerin über ihren nicht vorhandenen Kinderwunsch nach:

Welche Bilder habe ich eigentlich vom Mutter-Sein? Ich bin in einem Dorf aufgewachesn, in dem dies automatisch bedeutete, Hausfrau zu sein. Es waren die Siebzigerjahre, die Mütter in meiner Kindheit waren liebevoll, aber sie wussten schon um die Möglichkeit, die sie ihren Kindern zuliebe aufgegeben hatten. Und obwohl sie noch in der klassischen Rollenteilung lebten, wünschten sie sich für uns Töchter etwas anderes, zumindest eine Wahl: «Mach dich nie abhängig», sagte meine Mutter, sagten viele Mütter damals, «werde nicht zu früh schwanger, lerne einen guten Beruf, folge deinen Träumen.» Es war ein guter Rat, aber vielleicht lässt sich damit erklären, warum mich der Gedanke an ein Baby eher beklemmt, denn beglückt. Es schien mir, als hätten die Frauen damals ihr eigenes Leben den Kindern, nun ja: geopfert. Möglicherweise scheinen mir deshalb alle anderen Lebensentwürfe verlockender als jener, über Jahre hinweg Kinder zu betreuen. Dabei habe ich durchaus eine Vision von mir als Mutter: Darin kommt das erwachsene Kind zu Besuch, vielleicht ist es eine Tochter, wir sitzen am Küchentisch, sie berichtet aus ihrem Leben. Keine süssliche Harmonie, es ist eher eine Szene wie aus einer Kurzgeschichte von Alice Munro: eine Art liebevoller Waffenstillstand. Das ist ein Bild, in dem ich mir wünschen würde, Mutter zu sein. Was ich mir nicht vorstellen kann, sind die Jahre davor.

Sie schliesst den Text mit einem Mail ab, von einer Freundin, die ihr beschreibt, wie ein Kinderwunsch sich anfühlt und schreibt:

Ich blicke in keinen Kinderwagen, die Vorstellung, mit meinem Partner in den nächsten 30 Jahren viel Zeit zu verbringen und abends von der Arbeit zu erzählen, fühlt sich kein bisschen nach Leere an. Und trotzdem. Nach diesem Mail dachte ich: Es muss etwas Schönes sein, einen Kinderwunsch zu haben. Aber man kann es sich nicht aussuchen.

Was glauben Sie? Kann man es sich aussuchen? Welchen Einfluss haben die Mutter- und Vaterbilder für die Entscheidung, selber Mutter oder Vater zu werden?

Lesen Sie morgen von Michèle Binswanger: Warum ich Kinder habe

106 Kommentare zu „Warum ich keine Kinder möchte“

  1. (mira-)moira sagt:

    mich wundert, dass zum thema kinderwunsch “nur” gedankengänge und für-und widerabwägungen zu wort kommen.
    wenn ich das wort kinderwunsch lese, so kommt mir immer zuerst ein gefühl, ein empfinden in den sinn. eines, das nicht nach argumenten fragt sondern sich aus untiefen emporwindet und ganz laut wird. eines, das sich im erleben der sexualität entfaltet und erst dann argumente, gedanken und entscheidungen fordert, nachdem es schon brennend heiss ist. es hat so nichts mit logik oder realität, möglichkeiten etc zu tun…es entfaltet sich bei tiefempfundener nähe, macht mich fliegen und weinen gleichzeitig. von vernunft keine spur. ein wortloses, treibendes gefühl, das längst vor dem ersten kind und nun sogar noch nach der unterbindung sich immer noch raum verschafft. ( ja, ich hab “dem” mit der unterbindung ein schnippchen geschlagen. das musste sein, der venunft und realität zu ehren.)

  2. Mamamia sagt:

    @ Lisa die 2.

    muss ich total recht geben! Ich empfinde es genau gleich wie du. Habe Respekt vor Menschen die sich gegen das Elternsein entscheiden. Und es würde mir nie in den Sinn kommen ihren Entscheid in Frage zu stellen oder zu kritisieren.
    Dagegen Menschen die 4+ Kinder haben oder wollen, finde ich Asozial für die heutige Zeit! (sorry für meine grobe Sprache)

  3. lisi sagt:

    @mamamia
    Wieso bin ich Asozial? Wir haben fünf Kinder, schauen ihnen selber, erziehen sie anständig und bezahlen trotz allem noch genügend Steuern. Hätten wir “nur” zwei oder gar keine, würden wir ev. 2-4 mal pro Jahr fliegen, würden mehr Geld für Luxus ausgeben und unsere Umwelt mehr belasten. Nun vermögen wir aber diese Kinder und fahren dafür etwas weniger in Urlaub, fliegen nur noch etwa alle 2-3 Jahre irgendwo hin. Es ist so einfach pauschal einen Angriff auf eine gewisse Lebensform zu starten, etwa gleich billig wie wenn ich behaupten würde, alle Menschen ohne Kinder seien Egoisten.

  4. inês sagt:

    Eigentlich wollte ich keinen Kommentar schreiben (so viele Aspekte wurden schon erwähnt und ausgiebig diskutiert) doch kürzlich kam das Thema im Gespräch mit einem Freund wieder zur Sprache. Er ist seit vielen Jahren Pädagoge, Familien- und Paartherapeut und er berichtete aus seinem Klienten- aber auch Freundeskreis, dass das Thema “keine Kinder” (ganz gleich ob gewollt oder ungewollt) fast alle Frauen, aber auch Männer, viel später im Leben wieder einholt, und dass fast alle sagen, dass sie es aus der Blick zurück Perspektive sehr bedauern, keine Kinder gehabt zu haben und dass sie die ganzen Argumente, die damals dagegen sprachen, aus heutiger Sicht nicht gelten lassen würden. Und dass sie häufig versuchen, dieses Fehlen durch andere Beziehungen zu jüngeren Menschen oder Kindern zu kompensieren. Dass dieses “keine Kinder haben” auch für beruflich erfolgreiche Menschen mit einem erfülltem Leben trotz allem viel später noch zu einem Lebensthema wird, ging mir nach, denn ich fand diesem Aspekt wurde im Hier und Jetzt nicht genug Achtung geschenkt.

  5. Froggy sagt:

    Für alle ist es besser, wenn ich keine Kinder auf die Welt setze. Für die Welt sowieso, denn wir sind bald 7 Milliarden. Für mich auch, denn ich bin unabhängiger, freier und auf die körperlichen Veränderungen im Rahmen von Schwangerschaft und Geburt bin ich auch nicht erpicht. Für meine Kinder ist es besser, nicht geboren zu werden, die Konkurrenz in dieser Gesellschaft wird immer härter. Für die Gesellschaft ist es besser, da die Konkurrenz durch meine Kinder ausbleibt. Ich bin 43 Jahre alt und sehr froh darüber, keine Kinder in die Welt gesetzt zu haben.

  6. Annie sagt:

    Endlich einmal eine erwachsene Diskussion zum Thema gewollte Kinderlosigkeit.
    Ich selbst will keine Kinder und habe bis jetzt nie wirklichen Respekt für diese Entscheidung in solchen Blogs und Foren empfunden.
    Danke für niveauvolles und anregendes Argumentieren und faire Ansichten… von Müttern sowohl als auch Nicht-Müttern!!!

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