Leben


Nicole Althaus am Freitag den 8. Januar 2010

Tatort Teenager-Beziehung

MAMABLOG-TEENAGER-SEX-01

Jedes dritte Mädchen leidet laut einer britischen Studie an sexuellen Übergriffen in der Beziehung – Szene aus dem Film «Tiefer Wald»

An viel kann ich mich aus dem schulischen Sexualunterricht nicht erinnern. Das, was der Biologielehrer uns 13-Jährigen damals im Schulzimmer verraten hatte, wusste ich schon. Und das, was ich gern gewusst hätte, stand nicht im Lehrplan. Das suchte man sich auf dem Pausenplatz, von Freundinnen und aus dem Bravo zusammen. Andere Quellen waren sehr viel schwerer anzuzapfen, was nicht heisst, dass man es nicht versucht hätte. Aber das erste Gebot, das der Lehrer an die Tafel geschrieben hatte und das wir abschreiben mussten, das hab ich nicht vergessen: «Schön ist nur das, was beide wollen» hiess es in etwa, und ich kann mich deshalb noch so genau daran erinnern, weil auch Dr. Sommer im Bravo dieses Gebot immer wieder predigte. Und ich es von meinen Eltern eingeschärft bekam. Die Freiwilligkeit des Sexualkontakts und die körperliche Selbstbestimmung wurden hochgehalten in den 70er- und 80er-Jahren, in denen Frauen erst gerade gelernt hatten, dass ihr Bauch ihnen gehört. Und Pornografie gern in feministischer Manier PorNo geschrieben wurde.

Offenbar ist dieses erste Gebot heute aus dem «sexuellen Drehbuch» vieler jugendlicher Frauen und Männer verschwunden: Alarmiert über die steigende Zahl von minderjährigen Sexualstraftätern, arbeitet das Zürcher Kinderspital zur Zeit an einer Studie über die sexuelle Belästigungs- und Gewalterfahrung Jugendlicher, wie 20 Minuten gestern berichtete. Laut einer Erhebung der Uni Zürich aus dem Jahr 2007, ist die Zahl der Jugendlichen unter den Missbrauchstätern von 1,8% im Jahr 1999 auf 2,4% gestiegen. Es wird davon ausgegangen, dass rund ein Drittel der Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung von Minderjährigen auch von Minderjährigen begangen werden. (Die 57 Prozent, die «20 Minuten» gestern aufführte, konnte ich nicht verifizieren). Der Ort der Übergriffe ist in jedem dritten Fall die Beziehung.

Dass der Tatort der Übergriffe die Teenager-Beziehung ist, finde ich als Frau und Mutter die eigentlich schockierende Nachricht, und nicht die Zahlen, mit denen das Medium falschen Alarmismus betreibt. Zu meiner Jugendzeit war klar: Sexualstraftäter sind Erwachsene, gestörte Männer, die einen ins Auto locken oder im Dunkeln überfallen. Manchmal solche, die man kennt. Meine Eltern holten mich nach acht Uhr abends stets ab. Und meine Töchter? Es sieht ganz so aus, als ob ich sie vor ihren Schulkameraden und Peergroup-Freunden werde warnen müssen, vor Gleichaltrigen in der Disko, und vielleicht einst  gar vor ihrem Freund. Da taugt das nächtliche Abholen nach einer Party nicht mehr als Prävention.

Eine aktuelle Befragung Minderjähriger an der Universität Bristol jedenfalls scheint meine Befürchtung zu bestätigen: Jedes sechste Mädchen zwischen 13 und 17 gab an, bereits ein- oder mehrmals zum Sex gezwungen worden zu sein, eines von 16 Mädchen berichtete von einer Vergewaltigung durch den Freund oder Ex-Freund. Jede dritte junge Frau leidet an sexuellen Übergriffen in der Beziehung. Das Phänomen kennt man auch in Amerika und Deutschland. Und es kommt in allen sozialen Schichten vor. Als wichtigster Grund für diese Gewalt sieht Barbara Krahé, Sozialpsychologin an der Universität Potsdam,  ein «sexuelles Drehbuch», das unter anderem aus pornografischen Darstellungen erstellt worden und in den Köpfen vieler junger Menschen eingeschrieben sei: Jugendliche Männer wollen mit Eroberungen und Erfahrungen punkten und setzen ihre Wünsche notfalls gegen den Willen ihrer Partnerin durch. Junge Frauen fänden das zunehmend normal. Schliesslich hat die Freundin auch schon gegen ihren Willen mit ihrem Freund rumgemacht.

Es ist ganz offensichtlich an der Zeit, solche Verhaltensdrehbücher zu korrigieren. Nur ist das sehr viel einfacher gesagt als getan. Klar: Eltern müssen den Internetkonsum ihrer Kinder überwachen, ihnen  beibringen, pornografische Informationen, die sie ganz bestimmt irgendwo erhalten,  richtig einzuordnen. Sie tun auch gut daran, das Gebot der körperlichen Selbstbestimmung zu predigen. Aber wie sieht heute elterliche Vorsicht aus, wenn nächtliches Abholen am Bahnhof nichts mehr nützt? Und wie unbeschwert können Teenager sich an ihre ersten sexuellen Erfahrungen herantasten, die sie ja hoffentlich mit ungefähr Gleichaltrigen haben, wenn Mütter und Väter sie genau vor diesen warnen müssen?

Zum Thema Jugend und Sexualität lesen Sie auch:
- Generation XXX
- Wenn die Kindheit schrumpft

234 Kommentare zu „Tatort Teenager-Beziehung“

  1. Stefan Haller sagt:

    Es gibt vieles was man zu dieser Thematik sagen kann. Fakt ist es ist historisch gewachsen. Gewachsen durch viele Veränderungen die man durchgeführt hat. Die Frauenbewegung hat das ihrige dazu beigetragen. Die allerseits präsenten erotischen Darstellungen das weitere. Die Vernachlässigung des Familienlebens und der damit verbundenen konstanten im Leben eines Kindes ein weiteres.
    Es sind nur drei Faktoren und ich bin sicher es gibt noch mehr. Die Rebellion der jungen Mädchen gegen die Generation der Eltern ist sicherlich da, aber die gab es auch schon vor 30 Jahren und mehr. Genauso bei den Jungs, ich höre da den Song “Junge Spinner” von den Schürzenjägern im Ohr.
    Wenn wir wollen, dass unsere Zukunft zivilisiert bleibt und das Gegenüber sowie die Umwelt generell mit Anstand behandelt, dann müssen wir wieder für mehr “Erziehung” aber auch “Bindung” sorgen.
    Die meisten der zufällig gelesenen Fotostories in Bravo, Mädchen Mädchen und weitere waren mir schon immer ein Unding, obschon ich erst vor kurzem die 30er Grenze überschritten habe und die Teenager Zeit noch nicht so lange her ist.
    Auch diese Gschichten tragen zur “V”Erziehung bei. Aber niemand nahm meine damaligen Teenager Kommentare wirklich ernst.

    Man kann die Porno Sachen an eine Altersgrenze binden (TV, Teletext, Inserate, etc.) Aber selbst dann hat ein jugendlicher heute kein Problem an entsprechendes Material zu kommen. Das Problem liegt aber nicht gernerell am rankommen sondern am Umgang damit und dieser wiederum hängt wie verschiedentlich erwähnt eindeutig an der Erziehung selbst.

    Die Mädels am Bahnhof abholen nach dem Ausgang, oder Direkt bei der Disco, hat aber nichts mit Erziehung zu tun, sondern mit Überängstlichkeit es könnte ja was passieren (und irgendwann wird es wahrscheinlich auch). Erziehung hat damit zu tun da zu sein wenn Fragen sind, Grenzen zu setzen und zu erklären was geht und warum was nicht geht. In schlichten einfachen Worten beschrieben. In Wahrheit ist es noch viel mehr und dies wiederum ist nicht ein ob den man mal an 3 Tagen mal 8 Stunden wahrnehmen muss sondern 7×24 an 365 Tagen im Jahr oder so.

  2. Ren sagt:

    @Stefan: Wie wahr. 7xd24 an 365 Tage. Aber sagen sie das mal den erwerbs- und selbstverwirklichungssüchtigen Eltern. Die schaffen das wohl kaum in ihrer Quality Time, an den Gschpüürsch-mi-Besprechungen und indem sie sie mit Gadgets vollstopfen. Wir werden böse Blicke ernten.

  3. Nina sagt:

    @Stefan Haller: Könnten SIe genauer erklären, wie Sie zur – in meinen Augen die Tatsachen pervertierenden – Schlussfolgerung gelangen, dass an erster Stelle die feministischen Bewegungen als Ursache zu bestimmen seien, wenn es darum geht zu erklären, warum Mädchen und in geringerer Zahl wahrscheinlich auch Knaben vermehrt Opfer von sexueller Gewalt in ihren ersten Liebesbeziehungen werden? Fakt ist, dass wir hier an dieser Stelle in erster Linie wegen der Frauenbewegung überhaupt über das Thema der sexuellen Gewalt sprechen. U.a. waren es im deutschen Sprachraum Kampagnen wie die von EMMA um 1980 rum, die das gesellschaftliche Tabu gebrochen haben sexuelle Gewalt in Beziehungen zu thematisieren und anzuprangern. Und ja, insofern diese Debatten dazu geführt haben, dass heute weniger Menschen bereit sind in gewalttätigen Beziehungen zu leben, ist unser Fetisch des Hetero-Familienidylls etwas in Mitleidenschaft gezogen worden. Wieso tut Ihnen das so weh?

  4. Stefan Haller sagt:

    @Nina,

    Die Frauenbewegung hat sicher dazu beigetragen, dass heute mehr über sexuelle Probleme gesprochen wird. Sie hat aber in der Folge auch dazu geführt, dass Hausfrau und Mutter sein, bei vielen zu einem Unding wurde und damit einhergehend die Erziehung auch und gerade in sexuellen Dingen bei vielen vernachlässigt wurde. Damit meine ich nicht “wie man’s macht” sondern was die moralisch, ethischen Grundsätze dahinter sind.
    Praktisch niemand unserer Generation hatte wohl das Privileg wirklich im Elternhaus aufgeklärt worden zu sein. Das Thema Sexualität wurde umschifft ud bestenfalls der Schule oder eben Der “Bravo” überlassen.

    Pervertierenden Schlussfolgerungen? Häää ? Das sind doch schlichte Tatsachen. Oder wie kommt es, dass ein Lehrer in meinem Umfeld sagt, dass sich an gewissen Orten die Mädchen selbst den wilden Jungs direkt an den Hals werfen. Ob da immer alles gewollt ist was da passiert ist eine andere Geschichte – Enttäuschung und Frust die direkte Folge. etc. etc.

  5. Anna Biondi sagt:

    @ Haller
    Die männlichen Mehrheit der Politiker (über 60%) tun gar nichts. Man könnte schon lange Pornoinhalte auf Handys und im TV verbieten. Die Verantwortung für die Kinder haben nicht allein die Mütter. Die GANZE Gesellschaft ist gefragt. Unsere global Leaders nützen leider die Frauen genauso aus. (Prostitution, Porno, keine Berufschancen). Fragt sich nur, wie der Stefan Haller die Frauenbewegung ausgerechnet!!!! als Schuldige darstellen wird. Mangelnde Verantwortung ist GENAU das Problem. Die Frauenbewegung, wäre sie nicht brutal abgewürgt worden, will genau das: Selbstbewusste Sexualität.

    • teslanova sagt:

      Man beschwert sich über den geringen Prozentsatz weiblicher Politiker, verschweigt jedoch, daß Frauen mit ihrer absoluten Stimmenmehrheit von einundfünfzig bis zweiundfünfzig Prozent jeden weiblichen Politiker nominieren und wählen könnten, den sie nominieren und wählen wollen.

  6. Tina sagt:

    so wie ich Stephan Haller verstehe, macht er nicht in erster Linie die Frauenbewegung dafür verantwortlich, sondern es ist, wie er auch sagt, einer der vielen Faktoren für dieses Problem. Ich persönlich bis so erzogen worden, dass es zwischen Jungs und Mädchen zwar biologisch Unterschiede und auch verschiedene Neigungen gibt, wir jedoch alle die gleichen Chancen haben. Ich war relativ geschockt, als in der Schule von der systematischen Unterdrückung der Frauen gesprochen wurde. Gut, damit konnte ich noch leben, passiert ja nicht hier in der Schweiz. Aber als es zur Berufswahl kam und mir gesagt wurde, das heuzutage noch Frauen für die gleiche Arbeit weniger Geld bekommen, da kam ich aber wirklich gehörig auf die Welt gekommen. Ich finde die Frauenbewegung wichtig und auch absolut nötig. Die Unterdrückung der Frauen, wie es in teils Ländern durchgeführt wird, ist unerhört. Aber ich muss Stephan recht geben. Die Frauenbewegung hat z.T. leider das Gegenteil bewegt. Viele Frauen haben gemerk, dass man mit Schönheit und Erotik viel Geld verdienen können, seis mit Mode, mit Schauspielerei, im Playboy oder mit “sich nach oben poppen”. Bei einigen Frauen hats auch geklappt, verdienen nun viel und können ein freies Leben leben. Aber den jungen Mädchen suggeriert das leider, dass sie hübsch sein müssen, dass sie sexy sein müssen, dass sie Sex haben müssen. Und genau das trägt einen Beitrag zu diesem Problem.

    Aber wie gesagt, die Frauenbewegung ist nicht das einzige Problem. Entgegen der allgemeinen Meinung, werden Jugendliche nicht genügend aufgeklärt. Für die meisten Eltern ist das immer noch peinlich oder ein Tabuthema. Hinzu kommt, dass viele Eltern ihre Kinder vernachlässigen. Wenn ich Sätze höre wie “Mini Muetter isch en huere Schlamppe” da muss ich mich ja schon fragen, wie diese Eltern ihr Kind aufgezogen haben, wenn überhaupt. Auch ich habe gegen meine Eltern rebeliert, aber niemals hätte ich solch üble Schimpfwörter verwendet.

  7. Daniel Sulzberger sagt:

    Uebergriffe gehören zu ersten sexuellen Erfahrungen dazu und sind ganz normal. Es geht genau darum heraus zu finden, wie viel Druck braucht es um sie/ihn herum zu kriegen, wann ist ein Nein ein Nein und sind Grenzen fest oder kann noch ein bisschen geschoben werden und wo sind sie wirklich?
    Wie immer wenn sich Erwachsene in die Belange Jugendlicher einmischen, projizieren sie ihre eigenen Perversionen und haben das Gefühl ihre “Lebenserfahrung” habe irgendeinen Nutzen.
    Eltern sollen sich an die eigene Jugend errinnern, und aufhören sich einzumischen.
    Wie mein Sohn (16) sagt : “Papi, heb d’Frässi!”
    Klar und wahr?

    • Robert Hauser sagt:

      Armer Papi, da hast du wohl sehr vieles falsch gemacht. Mein Sohn auch (16) ist mit solchen Ausdrücken vorsichtiger, er kennt die Konsequenzen. Und diese sind hart, da bin ich kompromisslos!

    • René sagt:

      Komische Einstellung, die eigene Lebenserfahrung habe keinen Nutzen. Natürlich hat sie einen! Einen solchen Ausdrück liesse ich mir von meinem Sohn nicht bieten.

  8. teslanova sagt:

    ist jemandem außer mir aufgefallen, das das hier im artikel wie auch beim standard die weiblichen opfer wahrgenommen und bedauert aber die männlichen marginalisisert werden?!

    “Jedes sechste Mädchen gab an, bereits ein- oder mehrmals zum Sex gezwungen worden zu sein, eines von 16 Mädchen berichtete über eine Vergewaltigung vom Freund oder Ex-Freund. Jedes vierte ist körperlicher Gewalt ausgeliefert”

    “Bei den Burschen war der Anteil derer, die durch Druck oder Zwang zu sexuellen Handlungen gedrängt wurden, deutlich geringer. Nur jeder Fünfte berichtete von körperlicher Gewaltanwendung in der Beziehung.”

    weshalb mussmanhier noch unterschiede machen?! jeder betroffene hat hilfe und mitgefühl verdient.

  9. jens sagt:

    @teslanova:
    “weshalb mussmanhier noch unterschiede machen?! jeder betroffene hat hilfe und mitgefühl verdient.”

    Weil das feministische Weltbild der Autorin das leider nich zulässt…

  10. der andere Jens sagt:

    @Jens

    wenn es so weitergeht, wird es eine männliche Emanzipationsbewegung geben müssen um den “Gegenpol” zu bilden.
    Und in Hundert Jahren wird man dann ernüchternd feststellen, dass man beidseitg vor hundert Jahren auch nur Opfer von Manipulationen gewesen ist. Es sei denn, die entfremdeten individuellen Individuen (boah, was für eine Wortschöpfung) sind gar nicht mehr in der Lage miteinander zu reden um dieses Defizit zu erkennen!
    >Make and feel Love, not endless Discussions< der is von mir :)

  11. Pippi Langstrumpf sagt:

    Von wegen, Frauenbewegung ist verantwortlich – bildet euch mal ein wenig, bevor ihr solchen Stuss verzapft!

    http://www.aliceschwarzer.de/publikationen/texte-von-alice/wie-es-geschehen-kann-22010/

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