Leben


Michèle Binswanger am Mittwoch den 6. Januar 2010

Das Geheimnis der Natural Born Nervensägen

Wenn Kinder spielen, gibt es kein Halten. So will es die Evolution.

Wenn Kinder spielen, gibt es kein Halten. So will es die Evolution.

Es geschah auf dem Heimweg von Freunden. Als es Zeit wurde zu gehen, sah die damals zweijährige Tochter das partout anders; zu jung sei der Abend noch, so meinte sie, die Puppen sollten noch ordentlich tanzen. Was auf dem Heimweg im Tram dann tanzte, waren unsere Nerven. Die Tochter warf sich auf den Boden wie ein Epileptiker, schrie herzzerreissend und verspritzte Tränen nach allen Seiten. Volle dreissig Minuten gab sie dieses Drama, vor einem abwechselnd stoisch oder mitleidig blickenden Publikum und kopfschüttelnden alten Damen.

Ich dachte immer, die Trotzphase ist eine Art Hochintensivtraining, um das elterliche Gemüt auf das Kommende vorzubereiten. Denn zwar wälzen sich meine Kinder inzwischen glücklicherweise nicht mehr im Staub, wenn ihnen etwas verwehrt wird. Trotzdem treiben sie mich mit ihrem impulsiven Verhalten oft zur Weissglut. So kann ich beispielsweise meinen Sohn bitten, nicht im Gang herumzutrampeln, wenn der Vater schläft, doch nach fünf Minuten dröhnt er bereits wieder als Sturzkampfbomber durch die Wohnung und inszeniert eine Neuauflage der Luftschlacht um England. Und obschon ich die Tochter täglich bitten muss, ihren Thek nicht einfach im Gang hinzuschmeissen, kommt sie nicht auf die Idee, ihn von Anfang an richtig zu versorgen.

An geduldigen Tagen ist das kein Problem. Manchmal aber schon. Dann schimpfe ich und argwöhne, die Kinder untergrüben meine Autorität systematisch. Denn wie, so frage ich mich, können Kinder sich die absurdesten Dinge merken oder messerscharf kombinieren, um dann an den simpelsten Regeln zu scheitern?

Seit gestern weiss ich die Antwort. Die Evolution ist schuld, wieder mal. Bei Kindern ist jene Region des Gehirns unterentwickelt, die das Verhalten steuert und Gefühle in Schach hält. Und warum galoppiert das Kinderhirn so ungezügelt über die Felder der unmittelbaren Triebbefriedigung? Im Dienste der Kreativität. Denn je mehr neue Information das Gehirn aufnimmt und vernetzt, desto lernfähiger und kreativer wird es letztlich, so haben Forscher der Universität Pennsylvania herausgefunden.

In der Trotzphase ist das noch einfach. Aber je älter die Kinder werden, desto mehr neigen wir dazu, sie als kleine Erwachsene anzusehen. Weil man sie auf die Erwachsenenwelt vorbereiten will. Und weil es für uns so bequemer ist. Nur vielleicht ist der Wunsch nach Bequemlichkeit nicht unbedingt der Vater des richtigen Verhaltens. Villeicht sollten wir Erwachsene generell geduldiger sein, einsehen, dass Kinder nicht einfach Natural Born Nervensägen sind, sondern gar nicht anders können. Dass vielleicht eher wir die Nervensägen sind, mit unseren erwachsenen Wünschen nach Ruhe und Ordnung. Beziehungsweise, dass man diesen Wunsch so umsetzen sollte, indem man selber ruhig bleibt, auch wenn man das Kind ein weiteres Mal aus der Luftschlacht um England holen muss. Natürlich ist das schwierig. Aber ich denke, mein erwachsenes, voll entwickeltes Gehirn sollte mich dazu befähigen.

149 Kommentare zu „Das Geheimnis der Natural Born Nervensägen“

  1. gargamel sagt:

    @strasser: haben wir zusammen schweine gehütet? bleiben wir doch beim “sie”…

    und wenn hier jemand in ideologien gefangen ist, so sind das wohl eher sie, nicht wahr? oder haben sie zufällig lust zur abwechslung mal eine ihrer haltlosen behauptungen argumentativ zu untermauern? nicht das ich glaube, dass sie das können…

  2. Laura sagt:

    @Roland
    bei uns war das nicht so, im Gegenteil, da haben die Grösseren sich eher vor die Kleineren gestellt, wenn die etwas ausgefressen hatten.
    Interessant finde ich, dass du Mädchen von körperlicher Züchtigung ausnehmen würdest. Meine Tochter wäre da extrem beleidigt, wenn sie das lesen würde, die ist in allen Belangen für Gleichbehandlung. Nur so als Einschub.
    Mach dich bitte nicht lustig über andere, die einen anderen Erziehungsstil haben, meiner ist auch anders als deiner, trotzdem habe ich keine ängstliche und duckmäuserische Kinder, im Gegenteil. Wir wollen alle, dass aus unseren Kindern verantwortungsvolle Erwachsene werden, die sich selber und ihr Umfeld respektieren,nur der Weg dorthin ist halt verschieden.

  3. Roland Strasser sagt:

    dein schlusssatz klingt für mich etwas zynisch, nachdem ich allerlei schlämperlig an den kopf geworfen bekam.
    aber eben: toleranz fordern diese leute immer auschliesslich von den anderen.
    amen.

  4. Rahel sagt:

    @ Roland Strasser

    Wie war das mit der Toleranz? Schau da mal ganz schön für Dich selber!!

  5. Laura sagt:

    @Roland
    ich glaube nicht, dass ich Schlämperlige ausgeteilt habe, wenn, dann tut es mir leid. Ich will auch nicht zynisch sein. Ich bin auch nicht immer einer Meinung mit dem Mainstream, finde man darf ruhig anders denken und auch anders handeln. Was ich bei dir erreichen möchte, dass du vielleicht mal darüber nachdenkst, ob es jetzt eine Ohrfeige setzt oder ob du ein anderes Mittel einsetzen kannst, das ebenso wirksam ist. Kinder, insbesondere auch Buben, die nicht geschlagen werden müssen nicht Weichlinge werden und auch nicht alle, die geschlagen werden, werden “richtige Männer” wie max das hier im Blog zu sagen pflegt.

  6. Rahel sagt:

    @ Laura

    Ich finde Deinen Friedensversuch ja absolut nobel ( obwohl ich selber das nie könnte, bei einem der so denkt wie Roland Strasser ) aber mach Dir bloss keine Illusionen, ich glaube der schlägt fehl! Dieser Mann ist einfach zu arrogant als dass er auf sowas einsteigen würde!

    Liebe Grüsse :-)

  7. Laura sagt:

    @Rahel
    das kommt mit dem Alter, das man nachsichtiger wird und andere Meinungen, die man eh nicht ändern kann, auch mal stehen lassen kann :-)
    ich denke, der Roland ist recht unter die Räder geraten, eigentlich macht er nur das, was er von sich selber kennt und was er als ok für sich einstuft. Dagegen kann man ja eigentlich nicht viel sagen, klar heute hat man andere Erkenntnisse, denkt man anders aber trotzdem gibt es uns nicht das Recht anders denkende zu verurteilen. Wir können versuchen ihnen zu zeigen, dass es einen anderen Weg geben könnte, aber wer das nicht annehmen will, den kann man nicht zwingen. Zudem denke ich, dass der Roland gar nicht so böse ist, wie er da rüber gekommen ist. Ich trau ihm nicht zu, dass er seinen 5-Jährigen weichklopft, so wie das manchmal rüber gekommen ist, ich denke vielmehr, dass er ein guter Vater ist und sein bestes gibt, so wie wir alle hier.

  8. auweja sagt:

    ja roland, hör gut zu: frau hat gesprochen. punkt.

  9. Rahel sagt:

    @ Laura

    Ich schätze ja sonst Deine Meinungen und bin meistens auch mit Dir einig! Aber was den Roland angeht hab ich so meine liebe Mühe! Ich kann nicht glauben dass er sein Bestes gibt, sonst würde er die Warnungen bezüglich der Ohrfeigen und der Schläge an sich ernst nehmen und probieren ohne auszukommen!

  10. Roland Strasser sagt:

    nein, Rahel, die “Warnungen” kann ich nicht ernst nehmen. Das habe ich hier “gelernt”.
    Ich konzediere, dass die fanatischen Ideologen, die nach irgend einem Handbuch erziehen, ihre Gründe haben, selber keinen Fuditätsch zu geben. So what, mir egal. Aber bekanntlich gibt es verschiedene Erziehungsmodelle, darunter eben auch autoritäre und solche die eine Ohrfeige und eine Strublete beinhalten.
    Und wer mich deswegen an den Pranger stellt oder kastrieren will, ja der der verrät seine totalitäre Einstellung und missionarischen Eifer. Und seine tiefsitzende Gewaltbereitschaft.

  11. gargamel sagt:

    wieder ein wunderschönes beispiel für strassers teletubbie-logik: wer seine kinder nicht schlägt verrät, seine tiefsitzende gewaltbereitschaft. was für ein pausenclown…

  12. Rahel sagt:

    @ Roland Strasser

    Deine absolut unverschämten Behauptungen entbehren jeglicher Logik und gesundem Menschenverstand! Aber eben, wenn einem die Argumente ausgehen wirds unsachlich, oder wie war das schon wieder? ;-)

  13. Roland Strasser sagt:

    @gargamel: oje, sie sind offenbar wirklich nicht der hellste. also nochmal, ganz langsam: “kastrieren”, “wegsperren” und “zusammenschlagen” – das sind ziemlich gewalttätige phantasien. Ging’s jetzt? Bitte jeweils zuerst genau lesen, dann denken, dann schreiben, merci.

  14. Rahel sagt:

    Das beste Beispiel dafür, dass Gewalt aus Gewalt entsteht!!!!

  15. Philipp sagt:

    das hört sich ja schon fast wie im Kindergarten an.. bleibt doch mal beim Thema..

  16. Rahel sagt:

    @ Philipp

    Irgendwie schon, aber der Herr Strasser verstehts nicht anders :-) !
    Wir sind absolut beim Thema, diese laufende Diskussion hat sich allmählich daraus ergeben!

  17. Shlomo Grünbaum sagt:

    In ein paar Monaten werd ich mich auch mit dem Thema beschäftigen … Gibts da nicht grosse kulturelle Unterschiede? Habe mal gelesen, das afrikanische und asiatische Kinder weniger bis gar nicht quängeln oder rumtoben. Habe bei meiner Asien-Reise auch keine rumschreienden Kinder gesehen. Führe subito den Budhismus bei uns ein ;-)

  18. Shlomo Grünbaum sagt:

    noch was: wie bremst man ein Kind/Jugendlicher der/die will, dass es knallt?

  19. zysi sagt:

    @shlomo

    solche situationen gibt es nicht, da politisch unkorrekt

    ansonsten sind Spr 13,24 / 29,15+17 eine variante

  20. René Baron sagt:

    Der Schlüsselsatz hier ist “An guten Tagen ist das kein Problem”.
    Erstens ist ein rumliegender Thek kein “Problem” sondern ein Regelverstoss – so Frau denn diese Regel auch explizit kommuniziert hat. Und wenn dem so wäre, dann gibt es für Regeln weder gute noch schlechte Tage, sondern sie werden einfach eingehalten – und zwar immer – Punkt.
    Wer an guten Tagen Regelbruch auch nur einmal toleriert, hat in der Regel verloren – und zwar auch für immer.
    Dumm gelaufen Frau Binswanger. Aber macht nichts. Bei uns auch. Im nächsten Leben alles besser.

    • Michèle Binswanger sagt:

      @baron: sie haben es falsch verstanden. ich toleriere auch an guten tagen keine regelbrüche. an schlechten nerv ich mich einfach mehr drüber, das heisst, es ist wesentlich anstrengender.

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