Nicole Althaus am Donnerstag den 26. März 2009

Minenfeld Mutterschaft

Gesund genug?

Gesund genug?

Warum darf eine Blogleserin im Kaiserschnitt keine Errungenschaft sehen, ohne unter Missionierungsverdacht zu geraten? Warum wird einer Kommentatorin die Orgasmuskompetenz abgesprochen, weil Sie das Gebären als lustvollen Akt empfunden hat? Warum konnte die ehemalige französische Justizministerin  Rachida Dati ihren Babyurlaub nicht nach fünf Tagen abbrechen, ohne dafür in der ganzen Welt kritisiert zu werden? Warum ist eine Narkose beim Zahnarzt eine medizinische Selbstverständlichkeit, eine Päriduralanästhesie  unter der Geburt aber eine medizinische Störung?

Die Diskussion um den Dokumentarfilm «Orgasmic Birth» hat etwas wieder einmal deutlich gemacht: Der privateste und vielleicht intimste Moment im Leben jeder Mutter, ist gesellschaftlich eines der am stärksten ideologisierten Themen. Diesbezüglich ist die Geburt unbestritten ein Höhepunkt. Der Höhepunkt eines beschwerlichen Wegs durch ein Minenfeld namens Mutterschaft, bei dem jeder Schritt den Sprengstoff auslösen kann.  Kaum zeigt der Schwangerschaftstest zwei Streifen, beginnt für die Frau die Zeit des Dauerbeschusses: Im Schuhgeschäft wird man ungefragt in die Gesundheitsecke befördert, im Restaurant heissts: «In Ihrem Zustand koffeinfrei, oder?» und auf der Party kriegt man selbstredend nur noch Mineralwasser nachgeschenkt, als wär man wieder Sechzehn. Schwangerschaft ist ein unfreiwilliger Wiedereintritt in die Unmündigkeit -  ohne Beistand.  Oder anders gesagt: Zweimal zehn Monate wusste jeder, was für mich und mein Baby das Beste war, aber kaum einer räumte den Sitz im Tram.

Hier ein paar Stationen vor und nach der Geburt, die ideologisch ebenfalls vermint sind:

  • Pränataldiagnostik ja oder nein? Wenn ja, wieviel? (Achtung! Dieser Sprengstoff ist altersabhängig. Bis 35 gilt möglichst wenig, ab 40 möglichst alles)
  • Stillen ja oder nein?  Wenn ja, wie lange? (Unter sechs Monaten gilt das Soll als nicht erfüllt, bis etwa ein Jahr ist brav, mehr als ein Jahr wird fragwürdig)
  • Co-Sleeping ja oder nein?  Wenn ja, wie lange? (Bis zum Abstillen darf man mit Verständnis rechnen, danach  nur noch als Skandinavierin)
  • Nuggi ja oder nein? Wenn ja, wie lange? (Wer es ohne schafft, darf mit meiner Bewunderung rechnen, wer den Nuggi bereits ins Spital mitnimmt, rechne mit mehrmaligem Besuch der Stillberaterin, wer ihn bis zum vierten Geburtstag des Kindes nicht los wird mit hohen Zahnkorrekturkosten)
  • Arbeiten ja oder nein? wenn ja, wieviel? (Gar nicht gilt schon fast als Verrat an der Emanzipation, ein bisschen ist nett, ab 80 Prozent endet man in der Schublade Rabenmutter)

(na)

30 Kommentare zu „Minenfeld Mutterschaft“

  1. sam sagt:

    @Max Meier

    von wegen zurr Schau gestellten dicken Bäuche??? das ist so ziemlich das natürlichste der Welt!! aber die dicken Bierbäuche stören dann nicht?? Vor allem sind die dann nicht einfach nach 10 Monaten so gut wie weg……

  2. c-moon sagt:

    @ max meier: ja, und wahrscheinlich sind Sie vom Storch gebracht worden…! naja, solche männer mit dieser einstellung werden wohl auch kaum eine frau finden…

  3. Jean-Claude sagt:

    @ Leva: Danke für den einzig wirklich vernünftigen Beitrag. Es liegt irgendwie in der Natur des Schweizers bzw. der Schweizerin, stets zu schauen, was die Anderen tun, sich über deren Kommentare/Empfehlungen zu ärgern oder zu empören, aber selber auch stets mit eigenen Erfahrungen/Empfehlungen zu hausieren. Dazu scheinen hier sehr viele furchtbare Angst zu haben, was andere denken mögen. Wichtig ist doch nur, dass das eigene Kind zufrieden ist.
    @gargamel: Natürlich können Männer keine Kinder kriegen und sehen insofern auch nicht in die Seele einer Frau hinein. Sie rundweg als Gesprächspartner bei solchen Themen auszuschliessen ist allerdings ziemlich doof. Es geht ja nicht um die Frage des “Expertentums”, sondern um Austausch und Hilfe.

  4. Stina sagt:

    @olivia: Respekt, das hat gesessen. Nun ja, jeder sieht seine Situation in seinem Umfeld subjektiv. Offensichtlich bin ich hauptsächlich von privilegierten Mami-Kolleginnen umgeben, (dem Fall die restl. 5%, aber nicht wohnhaft am Züriberg, wohlgemerkt!) welche kinderhütende Grosis oder Gottis haben, welche dann zur Stelle sind, wenn ein Arztbesuch oder andere Sachen anstehen, welche sich nicht mit Kind erledigen lassen.
    Aber grundsätzlich stimme ich dir zu, mir gehts gut ….und ich bin sehr dankbar!
    Übrigens die, die da schnöden, sind gar nicht von den 95%, sondern kinderlos oder Mamis, die Putzfrauen haben, kinderhütende Omas und gut verdienende Männer.

  5. Mirjam sagt:

    @Maja: Es gibt auch viele Frauenärztinnen, und viele von denen haben trotz arbeitsreichem Beruf selber Kinder (also wissen sie, von was sie sprechen)…
    und übrigens: muss ein Arzt/eine Ärztin jede Krankheit durchgemacht haben, um PatientInnen kompetent zu beraten? Wenn ich Krebs hätt, möchte ich einen Arzt, der mich nach neusten Richtlininen und Erkentnissen berät und behandelt (und mir das ganze verständlich erklärt), und wenn ich einen Herzinfarkt habe, will ich schnell und richtig behandelt werden, da muss der Arzt oder Rettungssani nicht schon selber herzkrank sein.

  6. SoS wald sagt:

    @leva & jean-claude: ja leben und leben lassen. auf sich hören und danach leben. nur ist es eben doch komplizierter. kein mensch kann sich frei von meinungen/inputs anderer (positiven wie auch negativen) definieren. ich glaube, beim thema mutter ist frau speziel sensibel, da jede das beste für ihr kind will. und wenn ihr unterstellt wird, dass sie das nicht tut …!!! oft ist aber nicht klar, was jetzt das beste für ein kind ist. und was für ein kind gilt, gilt bekanntlich nicht unbedingt für ein anderes. es gilt also die richtige balance zu finden, welche aber zwischendruch schon mal wieder ins schwanken geraten kann.

  7. lilo sagt:

    Aldo scheint es aber echt zu wissen.
    Freut uns, dass er allgemein gültige Ratschläge geben kann. Leider ist das alles Quatsch und er hat eine-bisher noch?-ergebene Frau gefunden die mit 4 Kindern alle Hände und Busen voll zu tun hat.
    Mütter, die über 50% arbeiten, werden nur noch in der Schweiz als Rabenmütter betitelt.. überall sonst auf der Welt ist volle Arbeit normal oder schlichtweg finanziell zwingend…ausserdem gibts auch in der Schweiz Frauen, die mit Kindern voll arbeiten müssen, nur haben die ws. keine Zeit, im Blog mitzureden!

  8. Jasmina sagt:

    tja ich bin so ein Mami, welches aus finanziellen Gründen wieder 80% arbeiten gehen muss. Und das nicht, weil wir einen unsagbar aufwendigen Lebensstil führen, sondern weil mein Mann grosse finanzielle Verpflichtungen hat und wir beide verdienen müssen, um diesen und unserem Kind gerecht zu werden.
    Und schadet es einem Kind wirklich, wenn es in der Krippe mit anderen Kindern zu tun hat und ab und an bei den Grosseltern ist – dazu 5 Tage am Stück beim Vater, da dieser Schicht arbeitet und alle 5 Tage für eine ebensolche Zeitspanne frei hat? Ich denke nicht.
    Früher wurden Kinder auch von der ganzen Grossfamilie erzogen, und nicht nur von der Mutter.
    Mein Sohn bekam von Geburt an den Schnuller – na und? Jetzt ist er 2 Monate alt und will ihn schon nicht mehr. Geschadet hats ihm nicht. Besser als Daumenlutschen.
    Aber es ist durchaus erstaunlich, wie viele Menschen alles besser wissen. Weint mein Sohn, heisst es, er habe Krämpfe, Hunger, er zahne.. dabei weiss ich, dass er einfach übermüdet ist, weil er partout nicht schlafen will. Aber eben, was weiss ich schon? Ich bin ja nur 24h pro Tag um ihn herum..
    habe ich ihn im Tragetuch, soll er sich eingeengt vorkommen und Schmerzen haben (genau, deshalb schläft er friedlich, bis ich ihn rausnehme..).
    Gearbeitet hab ich so lange wie möglich – es gibt leider genug Schwangere, die sich wegen klitzekleiner Beschwerden krank schreiben lassen, was ein schlechtes Licht auf alle wirft, welche echte Beschwerden haben. Ich war aber fit und sehe schwanger sein auch nicht als Krankheit an.
    Das Baby hab ich nach 3 Wochen ins eigene Zimmer ausquartiert. Hui, ich Rabenmutter! Ich hätte lieber jede Nacht hellwach im Zimmer liegen sollen, da der Kleine pausenlos plappert und nürzt im Schlaf und mich der Mamiinstinkt da wach hält, als jetzt nur noch wach zu werden, wenn er wirklich Hunger hat, und den Tag über schön ausgeruht zu sein.
    Am liebsten sind mir Ratschläge von kinderlosen Frauen oder Männern, denn da ist ja wohl glasklar, dass die aus Erfahrung sprechen.. ://

  9. Anja N. sagt:

    Treffender habe ich noch nie über die bewegenden 9 Monate gelesen!
    Auch ich bin in meiner ersten Schwangerschaft durch zahlreiche Minenfelder
    gegangen, um diese jetzt bei der zweiten Schwangerschaft; wohlweislich zu umgehen.
    Tatsache ist;
    Arbeitnehmerin *und* Mutter zu sein, ist eine Gratwanderung,
    die den Ansprüchen der Gesellschaft unmöglich gerecht werden kann.
    Dabei gilt es, eine gesunde Portion Selbstbewusstsein zu entwickeln,
    um die eigene Einstellung zu vertreten, ohne dabei viele Kompromisse eingehen zu müssen.

  10. Emanzo sagt:

    @ Anja

    Wie die Mitleuferschaft bei der Globalisierung zur Abteufung der Loehne auf chinesisches und Anhebung der Preise auf japanisches Nivo mit offenen Lohndoempergrenzen, fallen auch die nach den lohnabhaengigen Maennern jetzt auch den dito Muettern neokolonial in unheiliger Allianz mit “christlichsozial” gegen ihre natuerlichen Grundbeduerfnisse gelegten Minienfelder nicht vom Himmel!, weder die in der Oeffentlichkeit, noch in oeffentlichen Lokalen, noch die in den LohnsklavInnengaleeren,

    sondern sie werden von Geldadel, Politik, Juxtiz und Massenverbildung in Schulen und Medien gelegt.

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