Leben


Michèle Binswanger am Montag den 4. Januar 2010

Wenn Eltern sich zu sehr lieben

Auch als Eltern möchte man sich gegenseitig begehren können, wie dieses Paar auf einem Bild von

Auch als Eltern möchte man sich gegenseitig begehren können, wie dieses Paar auf einem Bild von Brassaï

Mein Jahr begann mit einem Weckruf. Er erscholl in Form eines jämmerlichen Schluchzens aus dem Kinderzimmer. Dort sass meine Tochter auf dem Bett und fasste sich ans Herz, wo sie ein Stechen verspürt und aus dem Schlaf gerissen hatte. Und weil sie die Geschichte meines Vaters kennt, der auf einer Reise in Indien an einem Herzfehler gestorben ist, glaubte sie sich nun ebenfalls dem Ende nahe. Nach einer Weile beruhigte sich zwar ihr Herz, nur um einer Attacke von Hypochondrie Platz zu machen. Ängstlich lauscht sie seither auf potenzielle Krankheitssymptome, vermutet hinter jedem Grollen in der Bauchgegend einen Brechdurchfall und pflastert sich mit Verbänden zu, sobald sie irgendwo im Körper ein Zwicken verspürt.

Es war dann zum Glück nichts. Abgesehen von meinem schlechten Gewissen, das mich mit Haut und Haaren als Katerfrühstück zum Neujahr verspeiste. Um meinen guten Ruf zu schonen, kann ich Ihnen jetzt leider nicht den genauen Verlauf meines Silvesterabends erörtern, der sehr, sehr spät wurde. Sagen wir einfach, es war ein Tanz auf dem Vulkan, aufregend und vielfältig und entsprach kaum der konventionellen Art für Eltern, das neue Jahr begrüssen.

Schon während der Festtage hatte ich im kontemplativen Rückblick auf das Jahr Bilanz gezogen und musste dabei feststellen, dass mein Mann und ich uns dieses Jahr so ziemlich um die Ohren gehauen haben. Im Jahr 2009 haben wir unsere Beziehung neu zusammengesetzt, wie mein Sohn den Lego-Drachen, den er seit Weihnachten zu immer neuen Monstern und Robotern umbaut. Dergestalt, um den Vintage-Ausdruck wieder mal in Umlauf zu bringen, dass kein Stein auf dem andern bleibt. Für uns ist das schön. Andere Paare trennen sich. Meine Tochter aber kann der erstarkten Bande zwischen uns nicht viel Positives abgewinnen. Für sie scheint es eine Bedrohung zu sein, und es macht ihr Angst.

Fürwahr, eine Partnerschaft und eine Familie auf die Reihe zu kriegen, ist schwer genug. Und ich verstehe, dass Kinder, deren Eltern an einer Scheidung herummachen, sich verunsichert fühlen. Nie aber hätte ich mir träumen lassen, dass das Gegenteil eine ähnliche Wirkung haben könnte. Aber Kinder mögen es nunmal nicht, wenn Eltern auf dem Vulkan tanzen. Auf der andern Seite sollte eine Paarbeziehung meines Erachtens lebendig bleiben und deshalb verändert sie sich notwendigerweise. Aber die Frage bleibt: Was ist gut und was ist richtig? Bleibt einem als Paar mit Kindern, sofern man Probleme vermeiden möchte, nur betonharte Stabilität und somit eine Beziehung, die sozusagen im Koma liegt? Sind Eltern ihren Kindern zuliebe dazu verpflichtet? Oder sollen die Kinder halt einfach zurückstecken, damit die Eltern eine lebendige Beziehung leben und geniessen können?

82 Kommentare zu „Wenn Eltern sich zu sehr lieben“

  1. gargamel sagt:

    @zysi: sie glauben frau binswanger hat unter dem pseudonym “lina” die ganze sache etwas angestossen? hoffe nicht, das würde mich auf alle fälle sehr irritieren…

    das problem von frau binswangers text war, dass er im absolut unkonkreten verblieb, und man nur erahnen kann, um was es wirklich geht… wie will man da diskutieren? das war erst möglich, als linas sehr konkreter beitrag kam.
    (bin noch jetzt nicht sicher, ob frau binswanger etwas ähnliches meinte…)

  2. gargamel sagt:

    @lina: ich kann nicht anders.

    nein, den spruch lasse ich nicht gelten! damit stehlen sie sich sehr billig aus der verantwortung. sie wollen nicht anders. soviel ehrlichkeit muss schon sein!

  3. gargamel sagt:

    aaarg, nur wollen sollte bold sein.

    wo bleibt die verd… edit funktion!!!

  4. zysi sagt:

    @gargamel

    ich vermute, dass nachgewürzt wurde – gerade weil aus dem unkonkreten der bekannten autorin nun etwas konkretes einer unbekannten wurde UND zwischen meine gedanken und ihrer antwort lina’s schlusspunkt folgte, den sie logischerweise nicht durchgehen lassen können, weil banal und ausflüchtig (=fiktiv)

    nun gut, geschehe nichts schlimmers (katharina…..)

  5. zysi sagt:

    @binswanger

    sorry, wenn ich sie verunglimpfe, aber das können sie ja mit überzeugung widerlegen….. ;-)

    • Michèle Binswanger sagt:

      @zysi. Sie haben falsch geraten, ich bin nicht Lina. Und glauben Sie mir, ich weiss, wie man Blogs schreibt, die laufen, dazu muss ich nicht anonym schreiben. Und wenn ich konkret über meine Silvesternacht schreiben wollte, hätte ich das getan. Mir ging es mehr um den Punkt, wie Kinder mit den Veränderungen in der Beziehung der Eltern umgehen. Aber wie zu erwarten war, interessieren sich die Herren hier mal wieder nur für das Eine.

  6. Lina sagt:

    Frau Binswanger, die ich definitiv nicht bin, hat kokettiert und sehr diffus, aber recht interessant, über bestimmte Erelebnisse in der Sylvesternacht berichtet (, obwohl sie lieber konkret geworden wäre, aber das ist nicht der Ort dazu), denn sie ist sehr stolz auf ihre Erfahrung, das merkt man, und es ist vielleicht verständlich (ich würde niemals so etwas unter meinem vollständigen Namen publizieren!).

    Frau Binswanger und Herr Binswanger haben eine wilde Nacht hinter sich gebracht, wahrscheinlich krud durchgevögelt und gesoffen, eine Nacht, die bis zum Morgen dauerte und die sie hier – noch davon verwirrt – verarbeitet hat. Ihre Frage im Blog: Was sagen bloss die Kinderchen? Ich fühlte mich angesprochen, weil ich Ähnliches erlebt habe. Und meine Antwort ist: Die Kinderchen? Die sagen gar nichts. Weil es sie nicht das Geringste angeht. Anderes geht sie an, das nicht.

  7. Lina sagt:

    Ein Letztes, Gargamel, Sie elender Polizist: Ich will nicht anders. Es lohnt sich zu sehr, es ist zu schön, es ist göttlich!

  8. Rahel sagt:

    Lasst doch jetzt endlich mal die Lina in Ruhe! Ihr habt sie jetzt schon genug auseinandergenommen! Jedem das Seine, oder?

  9. zysi sagt:

    aha

    danke lina, haben sie’s für frau binswanger beantwortet ?!?

  10. gargamel sagt:

    polizist!? als ich noch jung war, war das eine ganz üble beleidigung die sofort nach satisfaktion verlangt hätte!

    im morgengrauen, hinter dem friedhof. papierkeulen. bis zum tod! bringen sie ihre sekundanten mit… ;)

  11. Sam sagt:

    @gargamel
    wieso sollte der von Lina geschilderte Weg nicht funktionieren? Wieso muss es zwangsläufig wohin kippen?
    Wäre es besser die Beziehung direkt zu beenden oder unerfüllt und unzufrieden in der Beziehung zu verharren?

  12. Laura sagt:

    Ich habe bis jetzt die Erfahrung gemacht, dass Kinder immer mitziehen, wenn ich als Mutter etwas völlig vertreten kann, wenn ich sicher hinter einer Sache stehe und mich nicht hinterfrage, ob es denn das richtige sei. Zwar sind Kinder durchaus kritisch, aber vor allem wollen sie doch Stabilität und Sicherheit, Geborgenheit. Kann ich als Mutter/ Eltern das vermitteln, dann können sie auch mit Veränderungen umgehen. Vielleicht wird es anfangs etwas “holperig” werden, weil sich alle mit der neuen Situation auseinander setzen müssen , sie neu einleben müssen, sich vielleicht auch neu definiere müssen, aber letztendliche wird ausschlaggebend sein, ob ich als Mutter/ Eltern mich dadurch beirren lasse auf dem eingeschlagenen Weg oder nicht.

    @Michèle Binswanger
    naja, Sie tun da einigen Herren unrecht, finde ich. Es ist halt immer schwer, sich in Situationen hinein zu denken und sich auch in Kinder hinein zu denken, viele haben in ihrem Leben kaum Veränderungen und können von daher auch nicht nachvollziehen, wie es Kindern dabei ergehen könnte.

  13. Vesuvio sagt:

    @Binswanger : indem sie die Männern mit dem einen bedienen an das sie denken?

    • Michèle Binswanger sagt:

      @Vesuvio: Das habe ich ja eben genau nicht getan und das wird mir, vielleicht zu Recht, vorgeworfen. Naja, nicht mein bester Blog, ich gebs zu, das Silvester steckte mir tatsächlich noch in den Knochen, beziehungsweise Hirnwindungen. Aber ich nehme mir fürs neue Jahr Besserung vor :-) .

  14. Brunhild Steiner sagt:

    @Michèle Binswanger: das stimmt nun aber nicht ganz, oder? Ich mein, Formulierungen wie “Tanz auf dem Vulkan, aufregend und vielfältig und entsprach kaum der konventionellen Art für Eltern, das neue Jahr begrüssen.”,
    das klingt nicht mal für mich nach Schneespaziergang eingepackt in dicke Mantelhüllen oder teetrinkend aufs Neue Jahr anstossend oder sonstige “konventionelle Tätigkeiten” verrichtend, Sie haben nicht den Weg ausgemalt, das stimmt, aber der eine oder andere Wegweiser wurde wohl nicht unabsichtlich gesetzt?…

  15. soso sagt:

    @ alle
    Jetzt sind wir doch einfach mal ehrlich: eigentlich sind wir doch einfach nur alle unglaublich neugierig, was da genau gelaufen ist in dieser Silvesternacht… ;o)
    wünsche ein schönes Wochenende allerseits!

  16. zysi sagt:

    @soso

    soviel bigbrother-veranlagung braucht es gar nicht, wenn tabuthemen angehaucht und nicht ausgeschrieben sind; zudem hilft ja die lina-story

    es wäre insofern eine nutzbringede info um den impact auf die tochter einordnen zu können

  17. Amélie sagt:

    @Soso

    Neugierig? Höchstens neugierig auf die Frage, warum es dafür eine Silvesternacht braucht. Das erinnert weniger an das spontane, phantasievolle Umfunktionieren der Lego-Steine in neue Gebilde als vielmehr an Lego-Bauplan B und C. Auch in diesem Fall würde mich wenn denn überhaupt interessieren, welcher Bauplan in 10 Jahren in Gebrauch ist. Ob die beiden dann immer noch auf dem Schlot tanzen oder vielleicht resigniert auf der Caldera rumlümmeln oder gar sang- und klanglos in der Subduktioszone untergegangen sind. Aber wer weiss das schon so genau. Eins aber weiss ich: Ein Ausflug auf den Vulkan tönt prickelnd, aber mein Haus würde ich niemals in seiner Nähe bauen.

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