
Lob verleiht Flügel: Aber wie lobt man richtig?
An den meisten Tagen steht man morgens nicht auf mit einer genauen Vorstellung von der Mutter im Kopf,die man gerne sein möchte. Meist ist man einfach die Mutter, die man halt ist und gibt sein Bestes in der Rolle, in der Hoffnung, dass das gut genug sein möge. Ausgereifte Erziehungskonzepte sind was für Bücher und Fachinterviews nicht für den Alltag. In dem steckt meist mehr Reflex als Reflexion. Doch es gibt Situationen, in denen man plötzlich den eigenen Masterplan erkennt und mitunter anzweifelt, was hinter den alltäglichen Erziehungsreflexen steht. Zum Beispiel, wenn man Zeit hat, den Masterplan anderer Eltern mit Kindern zu studieren. Dann bringen die Reflexe der anderen Eltern einen zur Reflexion.
So habe ich mich die letzte Woche fragen müssen, ob ich vielleicht meinen beiden Mädchen zu wenig Anerkennung und Bewunderung zolle. Ich habe mich das deshalb gefragt, weil der Nachwuchs der Bekannten, die wir in den Bergen besuchten, permanent in einen warmen Mantel elterlicher Bewunderung gehüllt wurde. Was die Kinder auch taten, sie wurden dafür gelobt. Die Tochter etwa, zweifellos ein äusserst smartes und belesenes Mädchen, gab gerne sein angesammeltes Wissen zum besten. Fragte man sie nach der Zeit, bekam man eine Einführung in die Mechanik des Uhrwerks mitgeliefert. Und ihre Eltern hörten ihr andächtig zu. Immer. Zugegebenermassen wusste die Zwölfjährige sehr viel mehr über die Gesetze, welche die Welt um sie herum zum drehen brachten, als meine eigene Tochter. Zuerst bewunderte ich die Vorträge, die ein weichgekochtes Ei schon zum Frühstück auslösen konnte. Nach ein paar Tagen begannen sie mich zu irritieren. Beziehungsweise mich irritierte, wie wenig Redezeit die Eltern beanspruchten und zuletzt langweilten die kindlichen Exkurse mich.
Gleichzeitig befiel mich der mulmige Gedanke, dass ich meine Mädchen vielleicht in ihrer natürlichen Neugier beschnitten habe, weil ich mich nicht immer begeistert auf jede ihrer Entdeckungen oder Fragen stürzte und sie durch den Alltag applaudierte wie eine Horde Cheerleader. Lob verleiht Flügel, heisst es. Habe ich meine Kinder nicht fliegen gelernt?
Während also die Eltern des Mädchens an seinen Lippen hingen und meine Töchter sich vom Vortrag über die Beschaffenheit der Eierschale ungerührt über ihre eigenen Frühstückseier hermachten, sinnierte ich über das Zuviel oder Zuwenig elterlicher Bewunderung nach. Würde meine Ältere sich ebenfalls für die unglaubliche Stabilität der dünnen Schale Gedanken machen, statt profan das Ei zu köpfen, wenn ich sie in den letzten zehn Jahren ihres Heranwachsens für ihre Entdeckungen und Interessen mehr bewundert hätte?
Ich gehöre nicht zu den Müttern, die ihrem Nachwuchs den ganze Tag mit einem «Bravo» oder «Super» auf den Lippen nachrennen. Ich höre meine Töchter gern erzählen, aber ich will am Tisch auch hören, was mein Mann zu sagen hat und beanspruche selber Redezeit. Ich gehe grundsätzlich mit der Psychologie einig, dass sich Lob abnutzt wie jede Form der Begeisterung, die überdosiert wird. Wenn meine Kleine, wie sie das in letzter Zeit oft tut, in ihrer Nonstopwortkaskade eine Kurznotiz zu schreiben versucht, dann find ich das toll und zeige das auch. Wenn sie aber, was auch nicht selten vorkommt, mal schnell eine Zeichnung hinpfuscht und mir erwartungsvoll unter die Nase reibt, dann sag ich schon mal, dass ich die jetzt nicht aufhängen mag, weil sie mir andere, schönere geschenkt hat. Und manchmal passiert es auch, dass ich ein kindliches Kunststück, das mit «Mami, lueg emal» eingeleitet wird, nur halbherzig wahrnehme und würdige, weil ich grad, was anderes tue. Loben war in meinem Alltag bisher mehr Reflex als Reflexion. Doch jetzt frag ich mich, ob ich den Masterplan, der dahintersteckt, überdenken muss: Wieviel elterliche Aufmerksamkeit brauchen Kinder? Und wann wird elterliche Begeisterung zum Tanz um das Kind? Wieviel Lob ist gesund und wann wird es kontraproduktiv?


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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@maiabee: ich denke jeder Mensch ist auf eine Grundportion Lob/Anerkennung angwiesen, wie auch auf eine Grundportion Zweisamkeit/Hilfsbereitschaft/körperliche Nähe/Geschenke. Möchte man den inneren Tank aber wirklich füllen ist es gut zu wissen auf welche dieser 5 Sprachen mein Kind (oder Gegenüber) am meisten reagiert, am meisten damit anfangen kann. Denn eigentlich will ich ja mein Kind aufbauen/stärken und nicht mich selber… .
Mein Göttibub (3) wird ständig gelobt, auch wenn das “Kunststück” noch so normal/banal war und von den Anwesenden wird stets ein Applaus verlangt. So werden interessante Gespräche abrupt beendet, wenn der Kleine eines seiner Lieblingslieder singen will, oder wieder einmal alleine das Spielzeug aufgeräumt hat. Ich befürchte, dass der Kleine so nicht mehr unterscheiden kann, was nun wirklich eine gute Leistung war und was normal ist und so auch nicht mehr Stolz sein kann auf wirkliche Herausforderungen.
@Maiabee: Das Buch kenne ich sehr gut
Wollte mich einfach ein wenig deutlicher ausdrücken…
@n. althaus
ja, habe es so gemeint; denn hier haben sie einerseits ihre reflexion, die sie so ständig betreiben und zusätzlich auch noch feedback von lesern nebst dem der kinder erhalten
habe jeweils gleiche weisungen von meinen eltern erhalten bezüglich dem verdanken von glückwünschen und geschenken => kinderstube, die gut tat und tut, weil verantwortung und auch demut vermittelt wird
@Eva: ich befürchte vorallem dieser junge Mann lernt nicht gerade viel über Respekt, denn Vergöttertwerden und alles hinwerfen wenn er wieder mit was auftaucht, ist dem Respektlernen nicht gerade dienlich…, setzen Sie da ruhig Zeichen wenn Sie mit ihm alleine unterwegs sind (dass er z.Bsp. weiss, er muss bei Ihnen mit einem Zeichen auf sich aufmerksam machen und darf Ihnen nicht einfach in ein Drittgespräch reinbrechen)
Liebevolle Eltern müssen ihre Kinder nicht ständig und für jede Kleinigkeit loben. Lob verdient sich für mich jemand wenn er ewas spezielles geleistet oder gemacht hat. Wenn man ständig lobt, was sagt man dann, wenn ein Kind mal etwas besonders schönes gezeichnet, besonders hart gearbeitet hat? Und Kinder, die sich geliebt wissen können auch gut dann und wann mit Kriik umgehen.
Was nicht wirklich echt gemeint ist, kommt nicht an. Aber Eltern, die von ihren Kindern begeistert sind, geben denen schon eine gute Portion Selbstvertrauen mit. Eltern, die immer meckern bestimmt nicht. Wenn aber Lob nur Manipulation ist, dann wird das durchschaut und widert auch ein Kind an. So wie es bei dauernder Kritik nicht mehr hinhört.
@nicole althaus: ich finde es richtig, auf eine schlampig gemachte Dankeskarte hinzuweisen. An Weihnachten erhielt ich von meinen nun doch dem Ende der Pubertät zustrebenden Töchtern eine gemeinsame Bastelarbeit, reines Husch-husch, im letzten Moment, am 24.12., noch rasch hingepfuscht. Das hat mich sehr enttäuscht. Ich habe aber nichts gesagt – es geht ja nicht um den Götti, sondern um mich – aber vor dem nächsten Geschenk-Anlass werde ich sagen, sie sollen mir lieber nichts schenken als eine derartige reine Alibiübung. Von mir erwarten sie schliesslich auch, dass ich mir etwas einfallen lasse.
Das Problem war wohl, dass ihr Vater derart gerne bebastelt wird, oder das jedenfalls immer so kommuniziert. Ob das sehr ehrlich ist, ist fraglich. Aber sein Büro wimmelt vor Staubfängern dieser Art, er wirft nichts weg. Ich bin allerdings exakt andersrum gestrickt und habe immer unter den Bastelattacken der Kindergärtnerinnen, Lehrer etc. gelitten. Ich richte unser Haus gerne sorgfältig und ästhetisch ein und mag nicht überall gelaubsägelte, liebe Scheusslichkeiten stehen haben. Und in der Schublade darf das Zeug ja nicht verschwinden, wenn es denn überhaupt reinpasst…
Aus diesem Artikel hier:
http://www.zeit.de/2007/19/Kindersprache
kann man zwei Dinge lernen, die wichtig sind:
1.) Dass überhaupt und intensiv mit Kindern gesprochen wird.
2.) Dass das Verhältnis von Ermutigungen zu Entmutigungen einen hohen Einfluss auf die Entwicklung hat.
Was ich “meinen” beiden Kleinen (3&1) ab und zu intuitiv und von Herzen sage:
- “Schön, dass es Dich gibt.”
- “Schön, dass Du da bist.”
- “Schön, dass Du zu uns gekommen bist.”
- “Schön, dass ich für Dich da sein kann.”
Das ist mehr eine Bestärkung im “Sein” als im “Tun” – der 3jährige seufzt dann manchmal und atmet kräftig durch. Nur “so sein dürfen” ist in dieser Zeit, die sehr auf Tun & Machen gerichtet, etwas Kostbares.
Angemessenes Lob und Bestärkung im “Tun” sind für die Entwicklung selbstverständlich ebenso wertvoll – s. Artikel oben.
Ja, ich denke auch, es geht um das Thema Glaubwürdigkeit. Oder glauben einem Kinder noch nach dem 10′000-sten Mal, wenn man sie für eine Trivialität lobt? Das Verhalten der Eltern müsste geeignet sein, in den Kindern eine gewisse Skepsis wachsen zu lassen – also müsste es wohl schon ganz einfach “differenziert” sein inklusive dass es ab und zu ganz einfach auch mal falsch sein sollte. Geht ja in dieselbe Richtung, ob man sein Kind, wenn es etwas gebosget hat, schnell oder praktisch gar nie bestrafen soll. Und zuletzt muss ein Kind ja auch damit umgehen können, wenn es von jemand anders anders behandelt wird.
Aber, Frau Althaus, was ich noch sagen wollte: Das haben sie ganz fein gemacht, wie sie diesen Artikel geschrieben haben – und besonders loben will ich sie für die tiefsinnige Betrachtung über Reflex und Reflexion! Einfach super!
@ Mia
Ich bewahre die von meinen Kindern gelaubsägelten oder sonstwie gebastelten Scheusslichkeiten ( wie Du es nennst ) gerne einfach zur Erinnerung auf! Wir haben das Glück, dass beide einen Lehrer resp. Kindergärtnerin haben, die sich nicht mit einem schnellen Husch-Husch begnügen und auch wirklich jeweils tolle und einfallsreiche Sachen mit den Kindern basteln! So haben unsere Kinder auch selber Freude daran, diese Bastelarbeiten zu Hause aufzustellen ( schliesslich haben sie eine Weile daran gearbeitet) ! Wurden dabei auch schon vom Besuch für das ein oder andere Werk gelobt was sie dann zusätzlich freut!
Dass Du die Bastelsachen Deiner Kinder nicht aufstellst nur weil sie nicht zu Deinem Einrichtungsstil passen gibt mir zu denken! Probier das Ganze doch mal aus der Sicht Deiner Kinder zu sehen: Die sehen das noch nicht ganz so wie Du mit dem praktisch und ästhetisch einrichten ( und alles muss zu allem passen ) und freuen sich bestimmt wenn Du ihre Sachen aufstellst ( auch wenn sie nicht gerade Deinem Geschmack entsprechen, muss ja auch nicht für immer sein )!
Zuerst mal allen alles Gute im neuen Jahr.
Meine Kinder wollen gelobt werden, wenn sie etwas gut gemacht haben, aber sie wollen auch Kritik, sie halten nichts von der Mutter, die alles einfach toll findet, weil es ihr Kind gemacht oder gesagt hat. Gut, meine Kinder sind schon ziemlich gross, aber eigentlich waren sie immer so, die wussten ganz genau, wann sie ein Lob verdient haben und wann nicht.
Zu den Bastelarbeiten, nun, meine Kinder sind eher kopflastig und haben da keine grossen Werke vollbringen können, wir haben die Exemplare denn auch stets gewürdigt und dann halt verstaut, aber ein paar Bilder oder Zeichnungen sind sehr gelungen, die hängen jetzt bei uns an den Wänden . Ein Kunstkritiker, der zufällig mal bei uns zu Gast war, wollte für ein “Frühwerk” von meinem Sohn ( er malte das Bild mit 5 ) gar eine beträchtliche Summe bezahlen, weil er es genial fand. Das Bild ist natürlich unverkäuflich aber es hat die Lust am Zeichnen bei meinem Sohn geförtert und heute zeichnet er Cartoons und seine Schwester verfasst die Texte dazu.
Ich finde halt, dass sich Kinder in einer Wohnung auch wohlfühlen sollen und wenn sie gerne ihre Werke ausstellen, dann sollte ihnen auch ein Platz dazu zur Verfügung gestellt werden.
was mich am meisten nervt sind Eltern die ihre Kinder für jede noch so selbstverständliche Kleinigkeit loben (oh, das Gagi hast du aber gut gemacht etc.). Ich denke Lob muss einfach von Herzen kommen. Und Kritik sauber auf eine konkrete Sache bezogen sein. Wir sagen unseren Kindern zwischendurch auch mal wie lieb wir sie haben und meinen es ehrlich. Wenn die Kinder dann uns Eltern ein Lob zurückgeben (ja, auch das kommt zuweilen vor) dann schmelze ich jeweils fast dahin
Unsere Tochter (3J.) kann weder besonders gut zeichnen noch musizieren. Sie ist kreativ ein totaler Ausfall aber sie kann von unserem Fernsehmöbel runtergumpen, was immerhin ca. 50 cm hoch ist. Mit Beihilfe schafft sie sogar über 80 cm! Darf ich sie dafür loben? Auch wenn sie möglicherweise dadurch an die Belastungsgrenze ihrer zarten Fussgelenke kommt?
Es ist schön, Kinder zu loben und zu sehen, wie sie dabei strahlen, ich habe meine Kinder immer gerne gelobt, aber auch versucht, die Verhältnismässigkeit zu wahren. Eine Freundin von mir macht dermassen einen Tanz um die goldenen Kälber, dass es manchmal nur noch peinlich ist, wenn wir gemeinsam unterwegs sind, komme ich mir oft nur noch als Staffage vor. Ich kann nichts sagen, die Frau ist ausgebildete
@Julia Camenzin: natürlich loben! ich habe auch so einen gumpesel zuhause, wir bauen dann halt mit matrazen u.ä. ein gumpischloss zum gefahrlos(er)em runterspringen aus grösseren höhen…
ich finde die kletterei/springerei cool…
Mein Beitrag ist versehentlich gesendet worden, hier die Fortsetzung:
die Frau ist ausgebildete Kindertherapeutin, also kann ich ihr einfach nicht am Zeug flicken, ich ziehe mich dann einfach etwas zurück.
Ich vermute, dass einige Eltern eigentlich sich selbst meinen, wenn sie die lieben Kleinen über den grünen Klee loben, nach der Devise: seht alle her, was für Prachtsexemplare ich produziert habe. Ihnen allen müsste man zwischendurch sagen, Bescheidenheit ist eine Zier….
@Julia Camenzind: Das ist jetzt nicht ihr ernst, oder?
@Ben: den Vergleich mit dem “Gaggi” finde ich super, gott sei dank ist meine Tochter ja schon etwas
grösser (11) und ich habe sie auch noch vor 30 bekommen und muss mich nicht mit solchen Problemen
rumplagen..mir scheint einige Erwachsene verlieren völlig den Hang zur Realität wenn es um ihre
Kinder geht! Was ist denn mit dem Instinkt der Mütter bitte passiert???
Die Frage ist ja wohl nicht, ob man loben soll oder nicht. Das man seine Kinder ausreichend lobt stell ich mal für liebevolle Eltern als gegeben hin. Das das leider nicht in allen Familien auch so gesehen wird, ist aber wohl eine traurige Wahrheit.
Vielmehr ist ja die Frage wieoft, wie intensiv lobe ich meine Kinder – die richtige Balance zu finden zwischen Lob, Motivation aber auch eine gewisse Bescheidenheit und Bodenhaftung.
@Tina: Wer weiss schon, ob Roggi Federer so toll Tennisbälle malen konnte und deshalb später Wimbledon gewann?
Die Lobhudeleien sollten sich auf tatsächlich erbrachte Grosstaten, die ausserhalb der Norm beziehen. Schliesslich leben wir in einer Leistungsgesellschaft. D.h. für den Gump von der 80 cm-Schanze kriegt unsere Kleine jetzt ein Lob und wenn sie noch von höher als die Kinder von Gargamel springt sogar ein Extralob!
gut gegeben, julia
und übrigens ist bewegung in dem alter noch viel wichtiger als singen und basteln. deine tochter als totalen ausfall zu bezeichnen, finde ich etwas übertrieben. mit 3 können kinder noch fast nichts in der richtung ausser krähen und chriblen…