Leben


Nicole Althaus am Donnerstag den 7. Januar 2010

Der Tanz um das Kind

Lob verleiht Flügel: Aber wie lobt man richtig?

Lob verleiht Flügel: Aber wie lobt man richtig?

An den meisten Tagen steht man morgens nicht auf mit einer genauen Vorstellung von der Mutter im Kopf,die man gerne sein möchte. Meist ist man einfach die Mutter, die man halt ist und gibt sein Bestes in der Rolle, in der Hoffnung, dass das gut genug sein möge. Ausgereifte Erziehungskonzepte sind was für Bücher und Fachinterviews nicht für den Alltag. In dem steckt meist mehr Reflex als Reflexion. Doch es gibt Situationen, in denen man plötzlich den eigenen Masterplan erkennt und mitunter anzweifelt, was hinter den alltäglichen Erziehungsreflexen steht. Zum Beispiel, wenn man Zeit hat, den Masterplan anderer Eltern mit Kindern zu studieren. Dann bringen die Reflexe der anderen Eltern einen zur Reflexion.

So habe ich mich die letzte Woche fragen müssen, ob ich vielleicht meinen beiden Mädchen zu wenig Anerkennung und Bewunderung zolle. Ich habe mich das deshalb gefragt, weil der Nachwuchs der Bekannten, die wir in den Bergen besuchten, permanent in einen warmen Mantel elterlicher Bewunderung gehüllt wurde. Was die Kinder auch taten, sie wurden dafür gelobt. Die Tochter etwa, zweifellos ein äusserst smartes und belesenes Mädchen, gab gerne sein angesammeltes Wissen zum besten. Fragte man sie nach der Zeit, bekam man eine Einführung in die Mechanik des Uhrwerks mitgeliefert. Und ihre Eltern hörten ihr andächtig zu. Immer. Zugegebenermassen wusste die Zwölfjährige sehr viel mehr über die Gesetze, welche die Welt um sie herum zum drehen brachten, als meine eigene Tochter. Zuerst bewunderte ich die Vorträge, die ein weichgekochtes Ei schon zum Frühstück auslösen konnte. Nach ein paar Tagen begannen sie mich zu irritieren. Beziehungsweise mich irritierte, wie wenig Redezeit die Eltern beanspruchten und zuletzt langweilten die kindlichen Exkurse mich.

Gleichzeitig befiel mich der mulmige Gedanke, dass ich meine Mädchen vielleicht in ihrer natürlichen Neugier beschnitten habe, weil ich mich nicht immer begeistert auf jede ihrer Entdeckungen oder Fragen stürzte und sie durch den Alltag applaudierte wie eine Horde Cheerleader. Lob verleiht Flügel, heisst es. Habe ich meine Kinder nicht fliegen gelernt?

Während also die Eltern des Mädchens an seinen Lippen hingen und meine Töchter sich vom Vortrag über die Beschaffenheit der Eierschale ungerührt über ihre eigenen Frühstückseier hermachten, sinnierte ich über das Zuviel oder Zuwenig elterlicher Bewunderung nach. Würde meine Ältere sich ebenfalls für die unglaubliche Stabilität der dünnen Schale Gedanken machen, statt profan das Ei zu köpfen, wenn ich sie in den letzten zehn Jahren ihres Heranwachsens für ihre Entdeckungen und Interessen mehr bewundert hätte?

Ich gehöre nicht zu den Müttern, die ihrem Nachwuchs den ganze Tag mit einem «Bravo» oder «Super» auf den Lippen nachrennen. Ich höre meine Töchter gern erzählen, aber ich will am Tisch auch hören, was mein Mann zu sagen hat und beanspruche selber Redezeit. Ich gehe grundsätzlich mit der Psychologie einig, dass sich  Lob abnutzt wie jede  Form der Begeisterung, die überdosiert wird. Wenn meine Kleine, wie sie das in letzter Zeit oft tut, in ihrer Nonstopwortkaskade eine Kurznotiz zu schreiben versucht, dann find ich das toll und zeige das auch. Wenn sie aber, was auch nicht selten vorkommt, mal schnell eine Zeichnung hinpfuscht und mir erwartungsvoll unter die Nase reibt, dann sag ich schon mal, dass ich die jetzt nicht aufhängen mag, weil sie mir andere, schönere geschenkt hat. Und manchmal passiert es auch, dass ich ein kindliches Kunststück, das mit «Mami, lueg emal» eingeleitet wird, nur halbherzig wahrnehme und würdige, weil ich grad, was anderes tue. Loben war in meinem Alltag bisher mehr Reflex als Reflexion. Doch jetzt frag ich mich, ob ich den Masterplan, der dahintersteckt, überdenken muss: Wieviel elterliche Aufmerksamkeit brauchen Kinder? Und wann wird elterliche Begeisterung zum Tanz um das Kind? Wieviel Lob ist gesund und wann wird es kontraproduktiv?

49 Kommentare zu „Der Tanz um das Kind“

  1. Felix Haas sagt:

    Je älter das Kind wird, umso mehr bekommt folgende Frage viel mehr Bedeutung als das eigentliche Lob:
    Wie hast du das geschafft?

  2. Patrick Tigri sagt:

    Das hast Du guuut gesagt, Nicole!

  3. Maja sagt:

    Welche Mutter, welcher Vater freut sich nicht wenn sein Kind das erste Mal Papa, Mama sagt. Eltern freuen sich über das erste Lächeln. Wie gross ist die Freude wenn so ein kleiner Knirps den ersten freihändigen Schritt schaft. Ich könnte noch endlos aufzählen. Vielleicht wäre es Sinvoll das Gefühl der Freude über etwas gelungenes daran zu messen dann kommt es auch ehrlich rüber.

  4. Mia sagt:

    @Rahel: de gustibus… Ich darf das scheusslich finden, und ich muss nicht in einer Bastelausstellung leben, auch wenn das meine Kinder noch so freuen würde, respektive gefreut hätte, sie sind ja jetzt im Prinzip aus dem Alter draussen. Wir haben das Problem damals so gelöst, dass die Sachen auf einem bestimmten Regal stehen durften, und sie entschieden, was dorthin kam, und was “abgelaufen” war, weggeworfen wurde oder in eine Schachtel auf den Estrich kam. Das war für uns alle ok so. Im Gegensatz zu mir haben sie ja ihre Zimmer und dort durfte hängen und stehen, was immer sie wollten. Die allgemeinen Räumen müssen allen gefallen, nicht nur mir, aber auch mir. Man muss halt Kompromisse finden.

    Ich bin Zuhause nicht der Styling-Guru, sie sind sehr stolz auf unsere kreative Einrichtung und machen da auch mit. Bloss jetzt an Weihnachten haben sie mich ziemlich irritiert mit dieser Husch-Husch-Bastelei, aber auch meinen Mann, wir haben das inzwischen thematisiert.

    Aber das ist hier ja nicht das Thema, ich will nicht abschweifen. Vielleicht, Nicole Althaus, machen wir die Bastelattacken der Lehrkräfte einmal zum Thema? Am schlimmsten war, als sie in der Schule mal mit Abfall gebastelt haben, aus präventiven Anti-Littering-Gründen…. ok, ich schweige….

  5. Rahel sagt:

    @ Mia

    Klar darfst Du die Basteleien scheusslich finden ( ich nehme an, dass Du das Deine Kinder auch nicht direkt wissen liessest, oder? ) ! Ich wollte Dir nicht “In dä Charre fahre”! Jetzt wo Du das mit dem Extra-Regal und der Eigenbestimmung Deiner Kinder erwähnt hast und dass alle zufrieden mit dieser Lösung waren, verstehe ich das Ganze auch und sage gar nichts mehr dazu……….;-) Dass die von allen genutzten Räume allen gefallen müssen ist ganz klar! Ist bei uns nicht anders!

    Das mit dem “Abfall-Basteln” war auch so ein Thema bei uns, gerade in der vergangenen Vorweihnachtszeit. In der Klasse unserer älteren Tochter haben sie mit defekten Lampenbirnen Christbaumschmuck gebastelt- ich selber fand die Idee echt witzig und sie haben an unserem Tannenbaum auch wirklich gut ausgesehen! Die Frage ist halt schon wie und was man aus dem jeweiligen Bastelmaterial macht und manche Lehrer haben es in diese Richtung voll drauf, andere weniger, ist halt auch so eine Begabungs-Frage :-)

  6. kerstin sagt:

    liebe nicole dein beitrag hat mir aus dem herzen gesprochen. eigentlich ist man doch meist sehr zufrieden mit dem wahrnehmen der eigenen mutterrolle und dann trifft man auf irgendein supermami bei der immer alles so zwitscherzwitscherfröhlich ist und natürlich nie streng und deren kinder permanent perfekt gefördert sind und deren kinder immer alles ausdiskutiert bekommen und die aus eigener überzeugung gehorchen und und und… man fragt sich plötzlich, ob es vielleicht nicht besser wäre für alle beteiligten, man brächte die eigenen kinder ins kinderheim – nein, so krass natürlich nicht :-) . aber ich vermeide zu viel kontakt zu vollamtlichen supermamis, damit ich weiterhin glücklich bin mit mir – wir tun nämlich wirklich auch unser bestes und abgesehen davon bin ich der überzeugung, dass es ein grundrecht jedes kindes gibt auf elternfreie zeit!

  7. Mia sagt:

    @rahel: grins! NATÜRLICH habe ich im Moment nichts gesagt, aber als die Jüngste dann mal über 14 war, haben wir das Regal abgeschafft, einvernehmlich. Abfall: bei uns war es ein Schirm, mit dem eines dere Kinder einen unglaublichen Tinguely-Verschnitt hingekriegt hat. Witzig, kreativ, ist es ja alles, aber wohin damit?!? Sperrig für zwanzig, das Ding. Und was machst Du mit Deinen Glühbirnen nun? In Schachteln in den Keller, aber der Platz ist bei uns beschränkt, und bei mehreren Kindern…

  8. Rahel sagt:

    @ Mia

    :-)

    Hab Dich auch nicht anders eingeschätzt!

    Der Schirm sah sicher köstlich aus ;-)
    “Meine” Glühbirnen ( es sind nur zwei Stück) haben grade noch Platz beim restlichen Christbaumschmuck ( ja im Keller :-) )

    Unsere Kindi-Tochter ist grad im absoluten Bastelfieber, und sie macht auch wirklich lässige, kreative Sachen ( aus eigener Fantasie und Ideen ), ihrem Alter entsprechend halt. Klar hats da auch viele Sachen drunter die mir nicht gefallen und doch bring ichs nicht übers Herz, ihr das zu sagen ( weil ich dann weiss, wie enttäuscht sie ist, und ich auch wirklich sehe dass sie sich Mühe gegeben hat damit und selber Freude dran hat ) deshalb werden die Sachen bei uns prinzipiell aufgestellt und glücklicherweise merkt sie dann mit der Zeit ( zum Teil ziemlich schnell, manchmal dauerts aber auch etwas länger ) dass gewisse davon nicht so der Brüller sind und lässt sie so stillschweigend Stück für Stück verschwinden, somit stehen die Sachen eigentlich nie lange bei uns herum ( es sei denn, es sind wirklich themenbezogene Bastelarbeiten die mit der Kindergärtnerin zusammen gemacht wurden, aber davon werden dann auch schon die schönsten Stücke verschenkt, obwohl es mich als Mutter dann manchmal etwas reut, aber das sind ja bekanntlich die besten Geschenke, oder? Wenn es um mich ginge und ich die Möglichkeit sprich den Platz dazu hätte, würde ich alles behalten, schlicht und einfach aus sentimentalen Gründen )

    Ui, jetzt bin ich aber gewaltig vom Thema weggekommen……….:-)

  9. buddyguy sagt:

    Lob = Anerkennung einer Leistung.
    Der Wert der Anerkennung liegt jedoch in der Kompetenz des Lobenden.

    Ist das nur Wortklauberei? Ich denke das nicht. Sicherlich sprechen die Kinder den Eltern einige Jahre diese Kompetenz der Leistungsbeurteilung zu, aber das lässt schnell nach. So halten bereits 7 jährige ihren Fussballtrainer kompetenter als ihre Eltern (ausser sie heissen Gross oder Hitzfeld ;-) .

    Nicole Althaus fragt jedoch wie viel Aufmerksamkeit die Kinder brauchen… und das ist doch eine ganz andere Frage.

    Manchmal viel (und wir haben keine Zeit für sie) und manchmal keine (und wir wären in der Laune zu knuddeln). Da entstehen zwangsläufig gegenseitige Früste. Um jemanden Aufmerksamkeit geben zu können, muss man sich mit dieser Person aus einander setzen um zu erkennen, wonach sie dürstet.

    Lob ist ein schlechter Weg. Je früher wir lernen auf andere Weise Aufmerksamkeit zu geben, desto besser.

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