Leben


Zoe Jenny am Mittwoch den 30. Dezember 2009

Freuden der Schwangerschaft

Zoë Jenny

Zoë Jenny, 35, veröffentlichte mit 23 ihren Debütroman «Das Blütenstaubzimmer», der weltweit gefeiert und in 27 Sprachen übersetzt wurde. Seither hat sie zahlreiche Romane geschrieben und lebte unter anderem in Berlin und New York. Im Mai 2010 erscheint ihr erster in englischer Sprache geschriebener Roman «The Sky is Changing». Zoë Jenny lebt in London und erwartet ihr erstes Kind.

Lesen Sie auch die bereits erschienen Beiträge: «Das dreckige Dutzend» von Mona Vetsch, «Kränkung bei Kerzenschimmer» von Bänz Friedli und «Schenken und schenken lassen» von Christine Maier und «God bless the child, and the mother, too» von Chris von Rohr.

Die Wintermonate sind eine gute Zeit  schwanger zu sein – das sagen mir jedenfalls alle Mütter – und die müssen es ja  wissen. Der sogenannte «nesting instinct» werde in der kalten Zeit noch  zusätzlich angekurbelt. «Aber wenn du noch etwas Vernünftiges machen oder schreiben willst, mach es lieber jetzt», warnte mich eine Freundin und Mutter  von zwei Kleinkindern. «Denn», erklärte sie in sachlichem Ton, «in den ersten paar Monaten mit einem Baby gerät man in einen Zustand totaler Verblödung». «Baby Brain» heisst das Phänomen und soll mit der erhöhten Ausschüttung von Hormonen  zusammenhängen. Dies muss der Grund sein, warum ich plötzlich nicht nur alles  mögliche vergesse und verlege, sondern auch masslos fasziniert bin von der grossen neuen Welt der Babyprodukte. So habe ich mich beispielsweise in den  letzten Wochen eingehend mit so unglamourösen Dingen wie Brustpumpen, Sterilisiergeräten und  geruchlosen Windelentsorgungsmaschinen beschäftigt. Eine  geniale Erfindung, die Windeln automatisch geruchlos macht und zur leichten  Entsorgung in wurstförmige Tütchen verpackt.

Ein Produkt, von dem ich mir besonders viel versprach, ist das sogenannte Schwangerschaftskissen.  Nach gründlicher Nachforschung im Internet – ja, es gibt Foren,  die  sich ausschliesslich mit dem Thema Schwangerschaftskissen beschäftigen! -  entschied ich mich für ein U-förmiges Monstrum, das den Schlaf verbessern soll.   Das Problem ist, dass das Kissen mindesten zwei Drittel des Bettes in Beschlag  nahm – also eine Art Fort bildete – in dem ich auf Nimmerwiedersehen verschwand. Denn  einmal in dem Kissen versunken, ist es nur unter grossen Anstrengungen und  dank einigen Kletterkünsten wieder möglich, daraus hervorzusteigen. Mein Mann wurde an  die äusserste Kante des Bettes verdrängt und beklagte sich, dass er das Bett  jetzt nicht nur mit mir und meinem gigantischen Bauch, sondern auch noch mit  einem überproportionierten Kissen teilen müsse. Es hat nicht lange gedauert, da  ist das Kissen dann auch unter dem Bett gelandet, wo es jetzt von unserem Mops – unter den anfeuernden Rufen von meinem Mann – Abend für Abend als unerwünschter  Eindringling genüsslich zerfleischt wird.

Die Veränderungen in einer  Schwangerschaft sind beträchtlich. Nie und nimmer hätte ich es beispielsweise  für möglich gehalten, dass meine heissgeliebten Louboutins jemals zuammen mit all  den anderen glamourösen High Heels im Sibirien meines Schuhschranks verschwinden würden. Nachdem ich mich Winter für Winter gegen die unsägliche Mode der  Klumpschuhe resistent gehalten habe, watschle ich jetzt zu meinem eigenen  Entsetzen in herrlich bequemen Ugg-Boots durch die Gegend. Kürzlich habe ich  beim Weihnachtseinkauf in einem Schaufenster meine Silhouette gesehen. Vor  Schreck musste ich einen Moment stehen bleiben. Tatsächlich, von der Seite sehe  ich jetzt aus wie ein Pinguin, der einen Wal verschluckt hat. Kein Wunder keuche  ich schon bei der kleinsten Anstrengung wie ein nach Luft schnappender Fisch.  Auch beim Schwangerschaftsyoga gebe ich kein besseres Bild ab. Bewegungen, die ich einst als geriatrisch eingestuft hätte, sind  kaum mehr zu bewältigen. «Come on ladies!», ruft die Lehrerin aufmunternd in die Runde ,«get your legs up!»  Schön wärs.

37 Kommentare zu „Freuden der Schwangerschaft“

  1. Tamara sagt:

    Witzige Betrachtung, gut geschrieben, eine kleine Perle: Bravo! Ja, das Muttersein bringt schon perspektivische Veränderungen, mehr oder weniger freiwillig. Rückblickend bin ich eigentlich froh darum: Fokus auf wichtigere Dinge, auch Nichtmaterielles (tönt vielleicht etwas ausgelutscht, ist aber so), Schluss mit extravaganter Mode, zurück zum Praktischen, muss (bzw. kann: Budget wird drastisch reduziert) nicht mehr jeden Schnickschnack mitmachen. Und nach dem Schwangerschaftsturnen weiss ich, was mich auf der Geriatrie erwartet :-)

    NB: http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/medizin-und-psychologie/Das-Trauma-im-Mutterleib/story/11335433 ist nun online. Guter Artikel, passt zum Thema Schwangerschaft.

  2. Ashiro sagt:

    Die Schwangerschaft scheint fuer dich eine Kampfzone zu sein, die dein Leben aus den Fugen knallt. Ich hoffe jedoch fuer dich, dass du auch die schoenen Seiten des Mamawerdens kennst. Vielleicht schreibst du auch mal darueber.

  3. Lina sagt:

    Eine kleine Perle? Tamara, lesen Sie normalerweise Rosamunde Pilcher oder noch Schlimmeres?

    Das ist ein Text, der an Banalität nicht zu überbieten ist, die Metaphern sind schwach, stilistisch steckt Frau Jenny ebenfalls in der Krise. Ihr Baby Brain wird gültig illustriert. Grosse Enttäuschung.

  4. Tamara sagt:

    @Lina: Wir sind alle auf demselben Weg, vielleicht an einer anderen Stelle. Was hätten Sie denn mehr erwartet?

  5. alea sagt:

    schwangerschaft, geburt und kind haben auch meine perspektiven verändert… aber baby brain und geistige verblödung?… wie hab ich es dann bloss fertiggebracht, einen monat nach der geburt an einer konferenz einen wissenschaftlichen vortrag zu halten, den ich sogar nach der geburt geschrieben hatte… und das auch noch vollstillend…

  6. mira sagt:

    Wenn das Ihre einzigen Probleme sind, dann gratuliere ich Ihnen ganz herzlich: Ihre Schwangerschaft verläuft vorbildlich! Kann ich annehmen, dass sie vor der Schwangerschaft keinen Sport gemacht haben? Denn für sportliche Ladies ist das Schwangerschaftsturnen normalerweise kein Problem. Und seien Sie getröstet: der Babybrain muss nicht zwingend eintreten. Sie haben das zu einem grossen Teil auch selber in der Hand. Wünsche Ihnen noch alles Gute auf dem Weg zum grossen Tag!!

  7. Rahel sagt:

    Liebe Frau Jenny!

    Ich habe mich beim Lesen Ihres Textes köstlich amüsiert! Sie nehmen sich selber liebevoll und witzig auf die Schippe :-)

    Noch ganz viel Spass in Ihrer Schwangerschaft und alles Gute für die bevorstehende Geburt!

  8. Lina sagt:

    @Tamara

    Ja und nein. Ich erwarte von einer Schriftstellerin, die sich zuweilen ganz schön prätenziös gab, einen komplett anderen Reflexionsgrad als von Vreneli Müller, die schon immer alles hinnahm, wie es war.

    Ich konnte mich mit schlichten Gemütern noch nie solidarisieren, nur weil wir eine einzige Gemeinsamkeit haben: die benutzte Gebärmutter.

    Festzuhalten ist: eine Schwangerschaft, die Mutterschaft bringt viele Wahrheiten ans Licht. Und: Schwangerschaft und Mutterschaft tun nicht jedem Geist gut.

  9. Marcel sagt:

    Wie sähe denn das Thema Schwangerschaft auf einer intellektuell höheren Stufe aus- sofern es diese in diesem Kontext überhaupt gibt? Das Leben ist manchmal wirklich schrecklich normal, ich weiss.

    Ich möchte ja nicht kleinlich wirken, doch das Wort prätentiös wird so geschrieben…

  10. Lina sagt:

    “Prätenziös” ist ebenfalls korrekt, mein lieber Marcel. Beide Varianten sind zulässig.

  11. Tamara sagt:

    @Lina: Danke für Ihre Antwort. Mit dem Reflexionsgrad mögen Sie recht haben, allerdings erwarte ich allzu tiefschürfende Erkenntnisse nicht auf dem knappen Platz. Immerhin haben wir so beide etwas vom Text: Ich ein paar unterhaltsame Minuten und Sie eine neue Facette entdeckt von ZJ. A propos Facette: Könnte wohl interessant werden, wie sich ZJ Zukunft verändert.

  12. Lina sagt:

    @ Tamara

    Stimme Ihnen zu. – Guten Rutsch!

  13. Athina sagt:

    @Lina: Stimme Ihnen voll und ganz zu, der Text bietet nicht viel Substanz und ist auch nicht wirklich unterhaltsam… In meiner Schwangerschaft habe ich über ganz andere Dinge nachgedacht und hätte ganz andere Dinge geschrieben…

  14. Thomas sagt:

    …stutenbissig?

  15. Lina sagt:

    Thomas, ist das nicht eine etwas gar billige Unterstellung, eine Pauschal-Abstempelung, die jede inhaltiche Kritik – von einer Frau geäussert – auf ein vermeintliches Eifersuchts-Dramolett reduziert und damit neutralisiert? Fair?

  16. Ashiro sagt:

    @ Thomas: Na ja, als Mann stimme ich gerne in Linas Sopran ein.

  17. Marcel sagt:

    Was soll man denn gegen die Normalität des Lebens umgottsheiligenwillen tun? Mir gefällt der Text von Zoe Jenny.

    Gut, wohl nicht zuletzt und vor allem auch deshalb, weil sie verdammt gut aussieht.

  18. Katharina sagt:

    wollte ich auch sagen. she’s cute.

    sprachlich hat mir ihr Artikel gut gefallen. der nach Luft schnappende Fisch ist sehr symbolisch: Room to breathe.

    «The Sky is Changing» – interessanter Titel:

    All creation myths speak of gods who return one day.
    They arrive out of the blue.
    Time’s Up!

  19. mamue sagt:

    Das Schwangerschaftskissen diente mir vor allem als Stillkissen; der Mops kann’s ja zerfleddern, wenn das Baby da ist und das Kissen wirklich nicht gebraucht wird. Alles Gute für den Rest der Schwangerschaft, die Geburt und die Zeit danach.

  20. Lina sagt:

    Aber, ja doch, ja doch, stellt doch niemand in Abrede: “She’s cute”. Und die Inszenierung lässt auch nichts zu wünschen übrig…Habe nix dagegen; optische Reize erreichen jedes Auge. Die Ansprüche an den Text bleiben aber immer die Gleichen, mag der Text von einem Alten, einer Jungen, einer werdenden Mama, einer Grossmutter, einem Transvestiten, einer Hübschen, einer Halbhübschen oder eines Coca-Cola-Men stammen.

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