
Bänz Friedli, 44, ist Hausmann, Autor, Vater von zwei Kindern und lebt in Zürich. Soeben ist sein zweiter Kolumnenband erschienen, Titel: «Findest Du mich dick?»
Lesen Sie auch die bereits erschienen Beiträge: «Das dreckige Dutzend» von Mona Vetsch, «Kränkung bei Kerzenschimmer» von Bänz Friedli und «Schenken und schenken lassen» von Christine Maier und «God bless the child, and the mother, too» von Chris von Rohr.
Mich nähme schon wunder, wer all die Büstenhalter kauft. Seit Oktober verging kaum ein Tag, ohne dass im Briefkasten ein Hochglanzfarbprospekt gelegen hätte, in dem Misses, Vizemisses und Ex-Misses Push-Ups, Bustiers und Negligés vorführten – dem braven Hausmann könnte schwindlig werden. Rentieren kann all die verkaufsfördernde Erotik nur, rechne ich mir beim Frühstückstee aus, wenn wirklich die Mehrheit der Schweizer Ehemänner und Lebensabschnittspartner so fantasielos ist, ihren Frauen und Lebensabschnittspartnerinnen BHs, Strings und Strapse zu Weihnachten zu schenken.
Dann stelle ich mir vor, wie sie verklemmt durch die Lingerie Rayons streichen und den jungen Verkäuferinnen, die sie nach der Brustgrösse ihrer Gattin fragen, antworten: «E-e-e-etwa so wie Sie!» Was natürlich total übertrieben ist, weshalb ich mir die Kränkung ausmale, die die 75-A-Trägerin erfährt, wenn sie im Kerzenschimmer den bordeauxroten, berüschten Hauch von Nichts der Grösse 85 C auspackt. Denn gewiss hat er nicht einen praktischen Sport-BH für ihr wöchentliches Jogging und keinen alltagstauglichen Slip gekauft, sondern sündhaft teure seidene Reizwäsche. Womit er der Ehegattin durch die Blume sagt «Du könntest dich auch mal ein wenig nuttig anziehen» und ihr gleichsam seinen Wunsch nach verwegenerem Sex unter den Tannenbaum legt. Es gibt Charmanteres.
Was nun nicht heisst, dass ich meiner Liebsten unterm Jahr nicht manchmal Unterwäsche schenken würde. Aber das bleibt unter uns. Wir sind ja nicht bei «Schreiber vs. Schneider». Item. Den Kindern kaufte ich zum Advent das Buch «Frohe Weihnachten, Kleiner König», weil die ersten drei Kleiner-König-Bücher so herzig waren. Kaum habe ich auf dem Sofa kuschelig mit Vorlesen begonnen, sind der Kleine König und sein Schatz, das kleine Mädchen, auch schon in der Küche. Ich lese: «…kochte das Mädchen einen Topf Spaghetti. Das Mädchen war eine Meisterköchin. Sie würzte die Speisen so köstlich, dass der Kleine König ganz ungeduldig wurde …» Ich bin leise enttäuscht. Sie kocht, er will naschen. Das Bilderbuch propagiert eine Rollenverteilung wie im Bilderbuch: Mädchen an den Herd! Die Geiss aus Deutschland, die mit dem Eva-Prinzip, hätte ihre helle Freude. Doch schon drei Seiten weiter steht er selber am Herd und guetzelt für sie. Ich bin gerührt, versöhnt – und bedaure insgeheim, dass meine Kleinen, wenn der nächste Kleiner-König-Band erscheint, dem Bilderbuchalter vermutlich entwachsen sein werden.
Als ich das Buch, in dem rechtzeitig zu Weihnachten alles gut wird, zuklappe, komme ich mir auf die Schliche: Eigentlich hab ichs mir gekauft. Bin genauso egoistisch wie die Ehemänner, die im Grunde sich selbst beschenken, wenn sie ihren Frauen reizende BHs kaufen. Aber wenigstens kann man sich bei Bilderbüchern nicht in der Grösse verhauen.


Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
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Wenn ich all die Kommentare zu “Kränkungen im Kerzenschimmer” lese, frage ich mich, warum kann man sich nicht ganz einfach an einer Geschichte erfreuen, ohne den Autor in irgend eine Ecke drängen zu wollen. Ich habe die Bücher von Bänz Friedli gelesen und habe mich dabei stets köstlich amüsiert.